Dem Land des Welt- und Europameisters gehen zunehmend die Nachwuchsspieler aus. Immer mehr talentierte Sportler wandern für horrende Summen früh in die USA, entweder zunächst an Colleges oder direkt in die NBA aus.
Im Sommer ist es wieder so weit: Jack Kayil siedelt in die USA über – der sportlichen, aber auch der finanziellen Perspektiven wegen. Wie der gerade einmal 20 Jahre alte Aufbauspieler aus dem Kader des ehemaligen Basketball-Serienmeisters Alba Berlin haben zuletzt die meisten der deutschen Toptalente bereits in jungen Jahren den Sprung über den großen Teich gewagt.
Genauer gesagt seit 2021. Ein US-Gericht entschied nämlich vor fünf Jahren, dass außerhalb der nordamerikanischen Profiliga NBA auch Collegeteams aus der NCAA weltweit Talente mit lukrativen Angeboten anwerben dürfen. Seitdem müssen vielversprechende Nachwuchskräfte wie eben auch Jungnationalspieler Jack Kayil nicht alleine auf den alljährlich mitunter schicksalhaften Draft der NBA-Franchises hoffen, sondern können auch schon durch ein NCAA-Engagement zu Jungmillionären avancieren und immer noch früher oder später an der „Endstation Sehnsucht NBA“ ankommen.
Kayil ergreift durch seinen Wechsel ans College von Spokane/US-Bundesstaat Washington zu den Gonzaga Bulldogs eben nur als nächster Deutscher die womöglich einmalige Chance. Wie zuvor andere deutsche U19-Vizeweltmeister aus dem Sommer 2025, wie Topscorer Hannes Steinbach (University of Washington) beispielsweise oder auch Jacob Patrick. Der 21-Jährige siedelte fünf Jahre nach seinem Bundesliga-Debüt bei den MHP Riesen Ludwigsburg zu Saisonbeginn nach Übersee zur University of Utah Athletics über.
Für Patrick sind die USA die angestrebte Herausforderung. Der Shooting-Guard leugnet aber auch gar nicht die finanzielle Attraktivität am College. Denn durch ihre von der Justiz nachhaltig gestärkte Position können die Spieler ihre Persönlichkeitsrechte selbst vermarkten und sogenannte „NIL-Deals“ („Name, Image, Likeness“) unterzeichnen. Besonders den großen Namen winken Gelder in Millionenhöhe. „Als junger deutscher Spieler kannst du in der NCAA deutlich mehr Geld verdienen als in der BBL“, gibt Patrick zu. Die Karriere als Basketballer sei nur begrenzt, da würden die Talente ihre Chance auf das große Geld auch nutzen wollen.
Jedoch sei das längst nicht das einzige Argument für einen Wechsel in die USA. An den Colleges sind die Spieler auch ihrem großen Traum von der NBA näher: Die Superstars der Profiliga trainieren oft in denselben Städten, und die Scouts der Teams sind bei den College-Partien regelmäßig vor Ort.
Sammelbecken für Mittelmaß?
„Für die Amerikaner sind die Statistiken am College leichter greifbar als in Europa“, erklärt Patrick. Das liegt auch an der medialen Aufmerksamkeit, die der Nachwuchssport bekommt. Patrick ist erstaunt darüber, „wie krass der Hype um uns ist. Egal, wo du bist – es läuft immer College-Basketball oder College-Football“.
Die Kehrseite der für die Spieler oft glänzenden Medaille wird in Deutschland sichtbar. Dass die besten Profis regelmäßig die Bundesliga (BBL) verlassen, ist faktisch überhaupt nicht zu verhindern. Dass jedoch mittlerweile auch die meistversprechenden Talente gehen, ist für die BBL geradezu eine Katastrophe.
Denn ohne die stärksten Talente aus eigenen Landen wandelt sich das Oberhaus zunehmend zum Sammelbecken für das einheimische Mittelmaß oder abgehalfterte „Legionäre“ mit nur niedrigem Identifikationsgrad mit ihren Clubs. Wäre nicht der inzwischen auch unter den Körben wie seit Jahrzehnten schon im Fußball zum nationalen Branchenführer avanciert, könnte die BBL ihrem Publikum bereits weder einen Welt- noch einen Europameister präsentieren. BBL-Geschäftsführer Stefan Holz sprach denn schon mehrfach von einem „echten Exodus“. Weder die Liga noch die Vereine könnten wirkungsvolle Maßnahmen gegen die vom Sog des Geldes gespeiste Abwanderungswelle ergreifen.
Die veränderten Rahmenbedingungen bedeuten für die BBL – ausgerechnet in den „goldenen Zeiten“ des deutschen Basketballs von WM- und EM-Titeln für Dennis Schröder oder die Wagner-Brüder Franz und Moritz – eine Zäsur. „Es verändert die gesamte Nachwuchsarbeit“, sagt Geschäftsführer Steffen Liebler von Bundesligist Würzburg Baskets, „wir werden uns in Zukunft schon bei der Gestaltung unserer Verträge mit jungen Spielern Gedanken machen müssen, denn wir investieren viel Geld in unsere Nachwuchsarbeit.“
Ein Szenario für die Eliteklasse drängt sich immer stärker auf: weiterhin sinkende Attraktivität bei gleichzeitig wachsender Abhängigkeit von durchschnittlichen Söldnern aus dem Ausland.
Marko Pesic, bis zum Ende vergangenen Jahres Geschäftsführer von Primus München, sieht den Weltverband Fiba in der Pflicht: „Die Fiba ist die einzige Instanz, die in Europa die Freigabe von Spielern regulieren kann. Dafür gibt es bis jetzt keine richtige Regelung. Die Fiba spricht über die sehr vagen Pläne der NBA Europe, aber alle jungen Spieler hauen ab aus Europa. Es ist sehr schwer, an dieser Stelle eine Strategie zu erkennen.“
BBL-Chef Stefan Holz stellte auch schon öffentlich die Frage, ob die 6+6-Regel weiter Sinn ergeben wird, die für einen Spieltagskader einer Mannschaft mindestens sechs deutsche Spieler vorschreibt. Das dürfte bei den meisten Clubs die Kaderqualität deutlich drücken, wenn es sowieso nicht schon geschieht. Eine Verpflichtung wie jene von Nationalspieler und Center Leon Kratzer durch die Bayern ist in diesen schwierigen Zeiten mithin noch wertvoller und bedeutsamer. Zugleich machen solche Deals auch deutlich, dass die Entwicklung innerhalb der Liga mittelfristig zu einem starken Gefälle führen könnte.
Bayern-Spieler Oscar da Silva hatte sich vor seiner Heimkehr nach München in Stanford auch für vier Jahre im Land der unbegrenzten Möglichkeiten ausprobiert. Der 26-Jährige sieht inzwischen das Problem der enormen Talent-Abwanderung ebenfalls: „Im Fußball ist es so, dass Vereine, die Spieler ausgebildet haben, dann Geld dafür bekommen. Ein solches finanzielles Umlagesystem wäre im Basketball auch nicht verkehrt“, findet da Silva, zumal der Basketball auch schon große Mengen Geld generiere. Deutschland müsse auch von seinem WM-Titel profitieren, „so ein Momentum muss genutzt werden“, da sei auch der deutsche Verband gefragt.
Der nationale Verband, der in seiner Nationalmannschaft zwischen den großen und öffentlichkeitswirksamen Championaten in ohnehin nur mittelprächtig interessanten Qualifikationsspielen praktisch komplett auf seine Garde der Stars verzichten muss, sucht zusammen mit der BBL auch schon nach Lösungen. Beide können aber nicht viel ausrichten, weil ihnen schlicht die Handhabe fehlt. Bestenfalls könnte die Fiba auf den US-Collegesport-Dachverband NCAA einwirken, Einreisen von Spielern zu begrenzen oder zumindest den abgebenden Verein zu kompensieren. Die NCAA hat aber keinerlei Anreiz für ein Entgegenkommen, sie kann locken, wen sie will: In Deutschland etwa kann ein einheimischer Spieler unter 18 Jahren einen weiterlaufenden Vertrag einfach kündigen.
Geordneter verläuft Kayils Wechsel zu den Gonzaga Bulldogs. Die in Basketball-Kreisen hochangesehene Privatuniversität in Spokane soll für den gebürtigen Berliner das Sprungbrett in die NBA werden. Der Plan, zu dem auch die Option auf einen direkten Wechsel in die NBA gehört, gleicht dem „Modell Franz Wagner“: Der 24-Jährige ging von Alba an die Universität von Michigan und wurde später von dem NBA-Franchise Orlando Magic in die beste Liga geholt. „Es ist gut zu sehen, dass es funktioniert“, erkennt Kayil eine Blaupause für die eigene Karriere: „Dadurch weiß ich: Es ist möglich, es gibt Wege – und mein Weg ist höchstwahrscheinlich ähnlich. Das stärkt auf jeden Fall den Glauben daran, dass es klappen kann.“