Bei den letzten Weltcuprennen des Olympia-Winters fehlt Franziska Preuß. Die deutschen Biathleten müssen es ohne die einstige Sieganwärterin richten. Die neue Generation steht bereit, macht aber noch Fehler.
Franziska Preuß hat die Seiten gewechselt. Nein, die viele Jahre beste deutsche Biathletin geht jetzt nicht für eine andere Nation auf Medaillenjagd. Die 32-Jährige tauschte Skier und Gewehr gegen ein Mikrofon: Als Expertin für die ARD kommentierte Preuß nach dem Ende ihrer Karriere im Anschluss an die Olympischen Winterspiele bei der Junioren-Weltmeisterschaft im Bayerischen Wald.
Sie trat damit in die Fußstapfen früherer Biathlon-Asse wie Arnd Peiffer, Kati Wilhelm, Erik Lesser oder ihrer im Vorjahr beim Bergsteigen tödlich verunglückten Freundin Laura Dahlmeier, die nach ihren Rücktritten ebenfalls für das Fernsehen kommentierten. Ansonsten genoss Preuß die ersten Wochen ohne den ganzen Dauerdruck und Stress des Leistungssports. Sie habe zum Beispiel Skilanglauf betrieben, verriet die zweimalige Weltmeisterin. Aber nur der Spaß habe dabei im Vordergrund gestanden. „Bei Sonnenschein, ohne Uhr“, erzählte sie: „Man konnte stehen bleiben, man konnte einkehren. Das ist schon etwas Neues und das genieße ich gerade sehr.“
Anfeindungen im Internet
Vom Biathlon vermisst sie eigentlich nur die Freundschaften, die sich über die vielen Jahre entwickelt haben. Wie zum Beispiel zur deutschen Teamkollegin Vanessa Voigt oder der Italienerin Dorothea Wierer, mit der sie bei Olympia in Antholz im letzten Rennen ihrer Karriere gemeinsam über die Ziellinie gefahren war. Doch die Freude über ihre „neue Freiheit“ überwiegt bei Preuß deutlich. Für sie sei es „die schönste E-Mail“ ihres Lebens gewesen, sich vom Anti-Doping-Meldesystem abzumelden, „dass man nicht mehr jede Nacht angeben muss, wo man schläft“. Und auch eine andere Sache hofft Preuß nicht mehr erleben zu müssen: Anfeindungen im Internet.
Unmittelbar nach Platz 28 in ihrem letzten Rennen bei Olympia hatte die Ruhpoldingerin mit emotionalen Worten Einblick in ihr Seelenleben gegeben. „Gerade die letzten Tage, der ganze Psycho-Terror, den man so durchmacht, und die Tatsache, dass jeder sagt: ‚Hey, schau ja nicht in Social Media, was über dich geschrieben wird‘“, sagte sie, „da denkt man sich: Ich bin doch eigentlich kein schlechter Mensch, und ich habe nichts Kriminelles gemacht. Da habe ich wirklich gemerkt, es ist mir keine Medaille mehr wert.“ Mit diesen negativen Begleiterscheinungen müssen nun ihre Nachfolgerinnen klarkommen. Allen voran Marlene Fichtner dürfte in dieser Hinsicht zuletzt einiges abbekommen haben. Die 22-Jährige gilt aufgrund ihres großen Talents als mögliche kommende Sieganwärterin des deutschen Biathlon-Teams. Beim Weltcup im finnischen Kontiolahti, dem ersten ohne Preuß, glänzte Fichtner mit den Plätzen vier und fünf im Massenstart und Einzel. Es waren ihre besten Weltcup-Platzierungen überhaupt. Doch dann passierte ihr beim Staffelrennen ein großes Missgeschick, das ihr auch Hohn und Spott einbrachte. Die Bayerin gab beim Liegendschießen versehentlich nicht alle Schüsse ab, was ein klarer Regelverstoß ist. Die Folge: eine Zwei-Minuten-Zeitstrafe und am Ende Rang 16 für das deutsche Team. Eine historisch schlechte Platzierung, die dem Youngster schwer zu schaffen machte.
Schon auf der Abfahrt sei ihr der Fauxpas aufgefallen, erklärte sie hinterher: „Es tut mir total leid für das ganze Team.“ Schlussläuferin Vanessa Voigt meinte: „Wenn Kacke, dann mit Schwung. So war es heute.“ Doch wirkliche Vorwürfe gab es aus der Mannschaft heraus keine. „Ein Team gewinnt und verliert zusammen“, betonte Voigt: „Das passiert einfach.“ Auch DSV-Sportdirektor Felix Bitterling nahm Fichtner in Schutz, doch er betonte auch: „Natürlich hat uns das Vorkommnis in der Damenstaffel mit der Zeitstrafe sehr wehgetan. Das hat uns in diesem Rennen deutlich zurückgeworfen.“ Angesichts der engen Abstände bei der Nationencup-Gesamtwertung der Frauen müssten alle den Fehler schnell abhaken und wieder positiv nach vorne schauen, forderte Bitterling.
Verlust eines Startplatzes droht
Denn vor dem Saisonfinale im norwegischen Oslo an diesem Wochenende (19. bis 22. März) droht dem deutschen Team der Verlust eines Startplatzes für die kommende Saison. Nur die besten fünf Nationen im Weltcup erhalten jeweils sechs Startplätze für die Wettkämpfe in 2026/27. In Oslo gilt es vor allem, Finnland und Tschechien auf Distanz zu halten. „Die Saison ist noch nicht vorbei“, mahnte daher Voigt. Die 28-Jährige, die mit der Mixedstaffel bei Olympia Bronze gewinnen konnte, ist nach dem Preuß-Rücktritt so etwas wie die neue Leaderin bei den Biathletinnen. Sie weiß, dass Fehler in ihrer Sportart passieren. Wichtig ist es aber, wie man mit diesen umgeht. „Genau das gehört auch zur Faszination Biathlon. Solche Tage tun weh und sind schwer zu akzeptieren, doch sie sind Teil unseres Weges“, sagte Voigt: „Wir stehen zusammen, lernen daraus und kommen zurück.“
Fichtner wird trotz ihres Fehlers zum Abschluss in Oslo wohl dabei sein. Sie hat mit ihren hervorragenden Einzelergebnissen in Finnland bewiesen, dass sie international schon jetzt vorne mitmischen kann. Fichtner gilt neben Selina Grotian (21), die schon ein Weltcuprennen gewinnen konnte, und Julia Tannheimer (20) als die Zukunft des deutschen Frauen-Biathlons. „Man merkt einfach, dass der Nachwuchs wahnsinnig motiviert ist und Bock hat, jetzt durchzustarten“, sagte Fichtner. Sie selbst bewies das schon 2025 mit Silber bei der Europameisterschaft – ihrem ersten großen internationalen Einzelerfolg. „Ich habe das erst realisiert, was ich da geschafft habe, als ich wieder zurück im Hotelzimmer war“, sagte die Ruhpoldingerin: „Das war die erste Einzelmedaille, die ich mir selbst erkämpft habe, deswegen war das wirklich ein sehr schöner Moment für mich.“ Im Juniorenbereich war sie zuvor vor allem mit der Staffel erfolgreich gewesen.
Zum Biathlon kam die frühere Skilangläuferin über ein Schnuppertraining im Chiemgau. „Das hat mir sofort super viel Spaß gemacht“, verriet sie: „Da habe ich gleich ein Luftgewehr mit nach Hause nehmen dürfen – und der Biathlonsport hatte mich gecatcht.“ An der Sportart sei die Kombination aus dem „Auspowern auf der Strecke“ und der möglichst „hohen Konzentration am Schießstand“ so faszinierend, findet Fichtner. Doch mitunter fehlt es ihr an der notwendigen Konzentration. Schon vor rund zwei Monaten war ihr in der Mixedstaffel in Nove Mesto ein Fauxpas passiert, als sie nach dem letzten Liegendschießen ihr Gewehr nicht den Regeln entsprechend geschultert hatte. Daraufhin waren sie und ihr Partner Leonhard Pfund nachträglich disqualifiziert worden. Trösten kann sich Fichtner damit, dass selbst den Größten ihrer Sportart ähnliche Missgeschicke unterlaufen sind. Magdalena Neuner zum Beispiel, zweimalige Olympiasiegerin und zwölfmalige Weltmeisterin, hatte 2012 bei einem Verfolgungsrennen in Nove Mesto vier Scheiben ihrer Nachbarin getroffen, ehe sie ihren Fehler bemerkte und den letzten Schuss erfolgreich auf ihrer Bahn abgab. Vier Strafrunden, ein verpasster Sieg und reichlich Schlagzeilen waren für Neuner damals die Folge. Der sonst stets so perfekt vorbereitete Franzose Martin Fourcade vergaß einmal bei einem Massenstart seine Munition, was er erst beim Schießen feststellte. Und der norwegische Ausnahmekönner Ole Einar Björndalen verlief sich einmal bei einem WM-Verfolgungsrennen und kassierte dafür eine Zeitstrafe von einer Minute – Weltmeister wurde er aber dann trotzdem.
Preuß fehlt als Ratgeberin
Ins Olympia-Aufgebot für Italien hatte es Fichtner – im Gegensatz zu ihrem Freund Lucas Fratzscher – zwar nicht geschafft. Doch der neue Olympia-Zyklus soll nun ihrer werden. Die Winterspiele 2030 in den französischen Alpen sind ihr großes Ziel, und selbst vier Jahre später wäre sie noch im besten Biathlon-Alter für ein weiteres Olympia-Event. Gleiches gilt für Grotian, Tannheimer, Johanna Puff und Julia Kink. Klar ist aber auch: Aktuell gibt es keine deutsche Sieganwärterin bei den erfolgsverwöhnten deutschen Biathletinnen. Preuß, Dahlmeier, Neuner, Wilhelm und Uschi Disl hatten jahrelang für Titel und Medaillen gesorgt, jetzt dürfte es eine kleine Durststrecke geben. Zumal die internationale Konkurrenz vor allem aus Frankreich und Norwegen extrem stark ist. „Die absolute Weltspitze ist derzeit ein Stück entfernt, keine Frage“, gibt Tannheimer zu. Doch die 20-Jährige betont auch: „Ich sehe aber, welches Potenzial im Team steckt.“ Es stehe eine neue Generation bereit, „die mithalten kann und noch stabiler werden wird“, prophezeite Tannheimer.
Als Ratgeberin fehlt Preuß in diesem Prozess. „Sie hat ihre Erfahrungen mit uns geteilt, ist mit uns joggen gegangen, hat uns mitgenommen und gezeigt, wie vieles funktioniert – auf und neben der Strecke“, berichtete Tannheimer: „Von einer so erfolgreichen Athletin lernen zu dürfen, ist etwas Besonderes.“ Zudem richteten sich die Erwartungen zuletzt immer an Preuß, sodass sich in ihrem Schatten andere Athletinnen ohne den großen Druck entwickeln konnten. Auch das fällt nun weg. Zum Glück, findet Preuß selbst. Denn am Druck wäre sie zum Ende ihrer Karriere fast zerbrochen. Die wackligen Schießleistungen bei Olympia waren eine Folge davon. Nach den bis auf das bronzene Mixed-Staffelrennen enttäuschenden Wettbewerben von Antholz habe sie sich gedacht: „Oh, jetzt muss ich mich wieder aufbauen. Und dann habe ich realisiert: ‚Ah nee, muss ich mich jetzt gar nicht mehr.‘“ Franziska Preuß ist raus aus der Mühle Leistungssport, die für sie zuletzt nur noch wenig Spaß bereitgehalten hatte. „Ich bin jetzt wirklich glücklich, dass das Kapitel rum ist, und es geschafft ist und freue mich auf alles, was jetzt kommt“, sagte die einstige Weltcup-Gesamtsiegerin. Wehmut verspürt sie so gut wie gar nicht. „Das Gefühl war einfach da, dass es jetzt einfach auch gut ist.“