Mit einer Mauer hat Berlin 28 Jahre seine spaltende Erfahrung, nun sorgt der Zaun um den Görlitzer Park für richtig Ärger. Der bundesweit bestens bekannte Kriminalitätsschwerpunkt wird seit dem 1. März nachts abgesperrt – um ihn zu befrieden.
Pünktlich zum kalendarischen Frühlingsbeginn am 1. März scheint nach zehn Wochen Dauergrau, Regen und dem kältesten Januar und Februar in Berlin seit 15 Jahren, endlich mal wieder die Sonne. Ganz Berlin strömt in die vielen Parks, mittags bei bis zu 17 Grad überall gute Laune. Aber nicht überall.
Im berüchtigten Görlitzer Park in Kreuzberg sind viele Besucher auf Krawall gebürstet. Der „Görli“, wie dieser Kriminalitätsschwerpunkt verniedlichend von seinen Anwohnern und Benutzern genannt wird, soll um 22 Uhr abgeschlossen werden. Der schwarz-rote Senat hat dafür zwischen den übrig gebliebenen Mauerresten des ehemaligen Görlitzer Fernbahnhofs für zwei Millionen Euro extra die Lücken mit Metallzäunen ausfüllen lassen, dazu an den Eingängen Drehkreuze installiert, die nur in eine Richtung laufen: raus. Sind die Gitterzaun-Tore zu, verkettet und abgeschlossen, kommt keiner mehr rein. Was bei der abendlichen Räumung dann schon zu Problemen führt, ein Transportgrill oder Picknick-Bollerwagen passt nun mal nicht durch das Drehkreuz. Also bedarf es zusätzlicher Sicherheitskräfte, die die letzten Besucher per Tor ausschließen.
Sicherheitskräfte im „Görli“
Neben den zwei Millionen für den Zaun hat Berlin noch mal 900.000 Euro für eine bessere Beleuchtung, zumindest auf den Hauptwegen, investiert. Hier sind sich Anwohner, die grüne Bezirksbürgermeisterin und CDU-SPD-Landesregierung ausnahmsweise mal einig: sinnvoll angelegtes Geld. Mehr Sicherheit zumindest auf den großen Achswegen, in dem sich längs streckenden Park.
Doch Streitpunkte bleiben der Zaun und das nächtliche Abschließen. Am ersten Abend dauerte die Räumung dann auch gut zweieinhalb Stunden, da – in Kreuzberg keine Überraschung – eine Demonstration gegen die Schließung im Park stattfand. Doch im März sind die Nächte noch bitterkalt, um die 0 Grad, da ist ein kaltes Bierchen auf dem Rasen nach 22 Uhr doch eher was für Outdoor- und nicht Urban-Freaks. An den folgenden Abenden ging es mit der Räumung auch erheblich schneller, und die 14 Hektar „Görli“ waren dann kurz nach 22 Uhr leer – und vor allem die Nacht über friedlich. Friedlich stimmt; es gab keine Ereignisse von polizeilicher Relevanz, doch leer ist der Park dann offensichtlich doch nicht. Sozusagen seine Ureinwohner, meist Menschen mit ungeklärtem oder nicht vorhandenem Obdach, die teilweise einer freiberuflichen Tätigkeit im Betäubungsmittelsektor nachgehen, verschwinden eine halbe Stunde vor der Schließung im unüberschaubaren Gestrüpp und Dickicht des Areals. Die engagierten Mitarbeiter einer Sicherheitsfirma haben keine Chance, sie auch noch ausfindig zu machen, sie sind mit dem pünktlichen Verschließen der Tore und Türen vollauf beschäftigt. 800.000 Euro kostet ihr Dienst das Land Berlin im Jahr.
Stichprobe des FORUM-Reporterteams am Mittwochmorgen, vier Tage, nachdem die Schließzeit eingeführt wurde, um 3.30 Uhr: Die Tore sind verschlossen, aus dem Park sind leise Stimmen zu vernehmen, vielleicht ist es aber auch Einbildung. In den nicht minder dunklen Seitenstraßen vor den Toren haben auf der rechten und linken Seite des Görli sozusagen die „Cannabis-Nachtschalter“ geöffnet. Drei, vier Personen hocken um die Überreste eines Wegwerf-Grills, in der Alu-Schale ein kleines Feuerchen. Die Männer wärmen sich die Hände. Sofort wird unser Fotograf angesprochen: „Brauchst du Sache?“ Sache eher nicht, aber ein Foto wäre schön. Damit hat sich dann auch jegliche Diskussion erledigt, das angesprochene Honorar von 50 Euro scheint doch nicht ganz marktgerecht zu sein.
„Jetzt ist es hier sicherer“
Einige Zeit später vor dem Haupttor des Görlitzer Parks, an der Skalitzer Straße, kurz vor 5 Uhr taucht Taschenlampenlicht aus dem Park auf, das sich in Richtung Tor bewegt. Zwei junge Sicherheitsmänner, die eine Stunde vor der offiziellen Öffnungszeit das Haupttor aufschließen. Auf Nachfrage, warum schon so früh, kommt die nachvollziehbare Erklärung: Ab 6 Uhr müssen schließlich alle Türchen und Tore wieder geöffnet sein, das ist ihre Aufgabe, und die schaffen die beiden nur, wenn sie halt eine Stunde früher damit anfangen.
Tor offen. Wir dürfen in den Park. Die vorher wahrgenommenen Stimmen waren keine Einbildung, sondern überall im Park sind ein paar Menschen, obwohl die anderen Einlässe noch geschlossen sind. Mit uns sprechen oder gar Fotos wollen die Leute nicht, ist vielleicht auch noch etwas früh. Nur ein älterer Mann mit stark osteuropäischem Akzent verrät, dass er den verschlossenen Park gar nicht so schlecht findet. „Jetzt ist es hier sicherer, vorher kamen immer Leute, die irgendwas von uns haben wollten.“ Also zumindest er profitiert von dem abgeschlossenen Park und kann nun in Ruhe schlafen, bei dieser Kälte im Freien keine wirklich schöne Vorstellung.
Doch unbewusst bestätigt der ältere Mann auf der Parkbank das Argument von Bezirksbürgermeisterin Clara Herrmann (Bündnis 90/Die Grünen), die immer wieder angeführt hat, gerade die Drogenkranken bräuchten einen Rückzugsraum, und das sei nun mal der Görlitzer Park. Ihre Befürchtung: Durch das Verschließen würde diese nun in die umliegenden Seitenstraßen abgedrängt, müssten unter noch erbärmlicheren Umständen, zum Beispiel in Hinterhöfen zwischen den Mülltonnen, ihre Nachtbleibe einrichten. Oder sie ziehen in andere umliegende Parks. Die Erfahrung der Polizei belegt, dass dieser Effekt vorhersehbar ist. Mit den Drogenkranken, wandern dann auch automatisch die Dealer mit, die keineswegs nur mit Cannabis handeln, sondern weitaus Härteres, vor allem Tödliches im Gepäck haben.
Von Berlins Regierendem Bürgermeister, Kai Wegner (CDU), der die Einzäunung und Absperrung zu seiner politischen Pflichtaufgabe erklärt hat, ist seit der Einführung der „Schließzeit“ dazu gar nichts zu hören. Sein innenpolitisches Sprachrohr im Abgeordnetenhaus, Burkard Dregger (CDU), verteidigt öffentlich als einziger die Maßnahme, „damit wir dort einen Kriminalitätsschwerpunkt endlich in den Griff bekommen“. Gegen dieses Argument spricht nun ausgerechnet die Polizeistatistik: Drei Viertel der schweren Straftaten werden im Görlitzer Park tagsüber begangen und ein Viertel davon in der Nacht. Doch das lässt Dregger nicht gelten.