Macron will die Atomkraft weiter vorantreiben, von der Leyen will Investitionen unterstützen – Deutschland bleibt beim Ausstieg. Manche sehen in „Miniatomkraftwerken“ die Zukunft, Studien halten die Erwartungen für überzogen.
Der Zeitplan war bemerkenswert. Frankreichs Staatspräsident Emmanuel Macron hatte zu einem internationalen Atomenergiegipfel geladen. Zu dem Treffen am 10. März kamen Vertreterinnen und Vertreter von gut 40 Staaten und Organisationen, darunter einige Staatschef – und EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen. Und die sollte dann erklären, dass die Abkehr von der Atomkraft ein „strategischer Fehler“ gewesen sei.
Das Treffen fand am Vortag des Jahrestages des Atomreaktorunglücks von Fukushima statt. Dort hatte sich nach einem Tsunami vor 15 Jahren eine der größten Nuklearkatastrophen ereignet. In der Folge hatte unter anderem Deutschland seinen AKW-Ausstieg beschlossen. Die letzten Reaktoren wurden vor knapp drei Jahren vom Netz genommen. Zu der Konferenz bei Paris, die Werbung für einen weiteren Ausbau von Atomkraft sein sollte, waren keine offiziellen Vertreter aus Deutschland angereist.
Emmanuel Macron dürfte sich umso mehr über die Worte der EU-Kommissionspräsidentin gefreut haben und über deren Zusage, dass die Kommission 200 Millionen Euro zur Risikoabsicherung für private Investoren bereitstellen will, die in Atomtechnologie investieren wollen.
EU sichert Risiko für Investoren ab
Der „Atomgipfel“ sollte „ein starkes Signal für die friedliche Nutzung der Atomenergie“ aussenden, hatte es im Vorfeld geheißen. Dabei wurde unter anderem Bezug genommen auf die Internationale Klimakonferenz COP 28 in Dubai (2023). Dort hatten 20 Staaten einen Aufruf zum Ausbau der Kernenergie verbreitet mit der Begründung, dadurch unabhängig von fossilen Brennstoffen zu werden. Die Staaten bezogen sich auf Erklärungen von Wissenschaftlern, wonach das Ziel einer Klimaneutralität bis 2050 ohne Kernkraft nicht erreichbar sei.
Konkret wurde deshalb gefordert, die installierte Leistung von AKWs weltweit bis 2050 zu verdreifachen (im Vergleich zu 2020). Dazu sollte es auch möglich sein, dass internationale Finanzinstitute den Ausbau fördern, was laut Statuten teilweise nicht möglich ist. Der Aufruf war von den USA (damals unter Präsident Joe Biden), Frankreich, Großbritannien sowie dem Gastgeberland Vereinigte Arabische Emirate verbreitet worden. Unterzeichnet hatten unter anderem auch Belgien, Finnland, Japan, Polen, Schweden und die Ukraine. Die Atommächte Russland und China waren nicht unter den Unterzeichnern.
Auf diese Vereinbarung hatte sich Macron bei seiner Einladung bezogen und fand in Kommissionspräsidentin von der Leyen eine starke Unterstützung. Die verwies zunächst darauf, dass der Anteil von Atomstrom im Energiemix in Europa 1990 noch bei einem Drittel lag und heute auf 15 Prozent geschrumpft ist. „Ich glaube, dass es für Europa ein strategischer Fehler war, einer zuverlässigen, bezahlbaren Quelle für emissionsarmen Strom den Rücken zu kehren“, sagte sie.
Im Blickpunkt standen bei dem Treffen weniger herkömmliche Reaktoren, sondern sogenannte SMR, small modular reactors, umgangssprachlich gerne als „Miniatomkraftwerke“ bezeichnet. Eine trennscharfe Definition dafür gibt es nicht, die Internationale Atomenergiebehörde IAEA bezeichnet Reaktoren mit einer Leistung bis zu 300 Megawatt elektrisch (MWe) in der Regel als SMR. Zum Vergleich: Ein Reaktorblock im AKW Cattenom hat eine Leistung von 1.300 MW.
An solchen kleinen Anlagen wird schon lange gearbeitet. Befürworter weisen darauf hin, dass kleine Anlagen weniger komplex seien, folglich mit geringerem Risiko von Unfällen, die wiederum auch nicht die Ausmaße von großen Reaktorkatastrophen hätten. Sie würden zudem dezentral installiert. Und kleine Anlagen könnten, in großer Stückzahl serienmäßig produziert, deutlich billiger sein. In Kombination mit erneuerbaren Energien eingesetzt, könnte damit bei Schwankungen schnell reagiert werden.
Macron mahnt bei der Entwicklung zur Eile: „Unsere amerikanischen Freunde, die Kanadier und Chinesen sind bei diesen Innovationen an vorderster Front, die Europäer müssen im Rennen bleiben.“ Wobei es derzeit zwar eine ganze Reihe von (technischen) Konzepten und Planungen gibt, auch Pilotprojekte und Interessenten, darunter Tech-Giganten wie Amazon & Co., die ihren gigantischen Strombedarf dadurch decken wollen, aber bis zu einer industriellen Fertigung wäre es noch ein ziemlich langer Weg.
Zumal es eine große Skepsis gibt, ob die Hoffnungen und Versprechungen auch erfüllt werden können.
Da ist einmal die Wirtschaftlichkeit. Der Chef von Deutschlands größtem Stromerzeuger RWE, Markus Krebber, hält Investitionen in kleine Atomreaktoren (SMR) derzeit für wirtschaftlich nicht vertretbar. „Wir sind ein technologieoffenes Unternehmen und beobachten alle Technologien, auch SMRs. Ob und wann diese Technologie kommerziell ausgereift sein wird, kann heute noch niemand sagen“, sagte er dem Nachrichtenportal „Politico“. „Stand jetzt ist eine Investition für ein privatwirtschaftliches Unternehmen in SMRs nicht darstellbar.“
Kleine Reaktoren bislang „großer Mythos“
Auch Studien kommen zu einem kritischen Ergebnis, darunter auch eine Doktorarbeit von Fanny Böse, die beim Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung, kurz BASE, entstanden ist. Im Kern könnte man deren Erkenntnis mit den Worten von Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD), dem Chef dieser Atomaufsichtsbehörde, zusammenfassen: „Diese kleinen Reaktoren sind ein großer Mythos.“ Die Forscherin selbst spricht von einem Kernenergieparadox: Die „hypothetischen und sehr optimistischen Annahmen“ stünden bis heute „im starken Kontrast zur Realität“.
Carsten Schneider, der nicht beim „Atomgipfel“ dabei war, erklärt unmissverständlich: „Deutschland ist zu Recht ausgestiegen aus der Atomkraft. Wir sind beim Ausbau der erneuerbaren Energien extrem schnell.“ Eine Rückkehr zur Atomkraft wäre ein Holzweg. Damit steht er aber im Gegensatz zum Koalitionspartner, vor allem in Gestalt von Bayerns Ministerpräsident und CSU-Chef Markus Söder, der schon länger für SMRs wirbt. Aber auch der energiepolitische Sprecher der Unionsfraktion, Andreas Lenz, will, d ass Deutschland bei diesen Entwicklungen nicht außen vor bleibt.
Bundeskanzler Friederich Merz bekannte sich zwar dazu, dass er die Position der Kommissionspräsidentin teile, aber frühere Bundesregierungen hätten nun mal den Ausstieg beschlossen („Ich bedaure das“), und der Beschluss sei auch nicht zu ändern.
Im Übrigen ist immer noch nicht klar, wo eigentlich der strahlende Müll aus den Jahrzehnten vergangener Laufzeiten deutscher Kernkraftwerke hin soll. Die Suche nach einem Atomendlager zieht sich weiter hin. Zuletzt waren Daten für die Entscheidung genannt worden, die in der Mitte der zweiten Hälfte des Jahrhunderts (2074) liegen. Der Minister will diesen Prozess zwar beschleunigen und hofft bis Mitte des Jahrhunderts auf Klarheiten. Zwischenzeitlich wurde mal das Jahr 2064 genannt. Doch bis dann gebaut ist, wird es noch mal Jahrzehnte brauchen. Der Müll soll schließlich für eine Million Jahre sicher sein. Und das berührt „nur“ die Frage von Altlasten. Wohin mit möglichem neuen Atommüll aus neuen Kraftwerken, ist logischerweise erst recht nicht geklärt.