Glänzende Trophäen und liebevolle Figuren: Karin Faustmann betreibt in Berlin Tempelhof einen Pokalladen. Ein charmantes, selten gewordenes Traditionsgeschäft.
Schade eigentlich, dass vor den Schaufenstern und dem Ladeneingang ein mehrstöckiges Baugerüst errichtet wurde. Nun ja, die Ringbahnstraße in Berlin-Tempelhof gehört auch nicht unbedingt zu den Top 10 der Einkaufsmeilen in dem südlich gelegenen Bezirk der Hauptstadt. Doch mitunter blitzen und blinken goldene oder silberne Gegenstände hinter der Arbeitsbühne der Bauarbeiter hervor. Neugieriges Annähern an die Fenster in dem schlichten, mehrstöckigen Bau. Interessierte Blicke durch die Fenster in das Ladeninnere. Jetzt ist zu erkennen, was hier, kurz vor der Ecke zum viel befahrenen Tempelhofer Damm, angeboten wird: Glänzende Pokale in allen möglichen Größen und Formen, gravierte Trophäen und liebevoll gestaltete Figuren und Auszeichnungen. Hier spiegelt sich nicht nur eine Handwerkskunst wider, sondern auch die Geschichte einer Frau, die hartnäckig das Überleben eines fast ausgestorbenen Gewerbes sichert. „Inka Pokale“ gehört zu den kleinen, charmanten Traditionsgeschäften, die in der heutigen Zeit immer seltener geworden sind.
Die Betreiberin von „Inka Pokale“ heißt Karin Faustmann, Jahrgang 58, sie ist eine waschechte Berlinerin, und das hört man ihr an. Da ist nichts Aufgeblasenes oder Gekünsteltes in ihrer etwas rauen Stimme, sondern viel Herzlichkeit und Humor. Im besten Sinne eine einfache Frau von nebenan, die man gern als Nachbarin hätte.
Viel Herzlichkeit und Humor
Ihre sympathische Bodenständigkeit rührt wohl daher, dass sie einer typischen Familie „kleiner Leute“ entstammt. Die Mutter war gelernte Schneiderin, der Vater arbeitete auf dem Bau und machte sich später als Taxifahrer selbstständig. Etwas ungewöhnlich: Karin war eins von insgesamt neun Geschwistern. An ihre Kindheit denkt sie als glückliche Zeit zurück. „Einen Fernseher gab es bei uns nicht“, erinnert sie sich, „aber wir haben viel an der frischen Luft unternommen und gespielt. Gummitwist, Ballspiele, Fahrradtouren. Eine schöne, gesunde Zeit.“ Später baut der Vater allein ein eigenes Haus, daran schließt sich ein riesiger Garten an, mitten darin ein großer Kirschbaum.
Als Karin 14 Jahre alt ist, möchte sie Goldschmiedin werden: mit eigenen Händen schöne Sachen machen, vielleicht mal einen Ehering mit Herz entwerfen, Wünsche von Kunden mit Fantasie gestalten, sich kreativ ausleben. Aber vorerst siegt der Pragmatismus.
Sie beginnt eine Lehre als Bürofachkraft im Martin Luther Krankenhaus, doch gesundheitliche Probleme kommen dazwischen. Aber sie ist sich für keine Arbeit zu schade: Jobs bei einer Werbefirma, wo sie lernt, Magnetschilder und Gravuren herzustellen, danach Verkäuferin bei Tchibo, später bei der Berliner Bank, wo sie durch Mikroverfilmung, ein Langzeitarchivierungsverfahren, Belege abspeichert und sichert. Oft ist es mit ihren Jobs ein Hin und Her, das Arbeitsamt bietet nur Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen (ABM-Stellen) an, und schließlich bewirbt sie sich selbst bei einer Neuköllner Firma, wo sie ihre Fähigkeit, Gravuren herzustellen, verfeinert. Karin und eine ihrer Schwestern lassen sich von niemandem die Butter vom Brot nehmen. Als sie davon hören, dass ein Touristikunternehmen Arbeitskräfte in der Dominikanischen Republik sucht, belegen sie Spanischkurse und machen sich auf den Weg in die nördliche Karibik. Die schwere Erkrankung ihres Vaters zwingt sie dann ein Jahr später zur Rückkehr nach Berlin. Aber sich hier wieder vom Arbeitsamt mit ABM-Stellen abspeisen lassen?
Jetzt hat Karin die 40 bereits überschritten, als ihre Schwester sie mit einer kühnen Idee überrascht. Sie sollten sich selbstständig machen, einen Pokalladen eröffnen. Karin solle das Künstlerische vertreten, sie hatte bereits Erfahrung mit Gravuren, im Verkauf und kannte sich bei Warenbestellung und Service aus; ihre Schwester war fit im Kaufmännischen und in der Buchhaltung. Fehlte nur noch ein Firmensignet. Dafür dienten die beiden Sternzeichen der Schwestern (Löwe und Stier), über denen die Sonne der Azteken strahlt: „Inka Pokale“.
2001 übernehmen sie einen ehemaligen Motorradladen in der Ringbahnstraße, und es beginnt eine harte Zeit. Die Schwestern nehmen Kredite auf, richten den Laden aus eigener Kraft ein und schlagen sich anfangs durch, eher schlecht als Recht. Aber es kommt noch schlimmer: 2005 stirbt die Mutter, ein Jahr später stirbt ihre Schwester an Krebs. Karin – auf sich allein gestellt. Sie jammert nicht, sie ist eine Macherin!
Langsam entwickelt sich das Geschäft. Die Pokale, auf die unterschiedlichen Geschmäcker der Kunden ausgerichtet, bestellt Karin Faustmann beim Großhandel. Die spezielle Gravur oder den Versuch, besonderen Wünschen der Kunden nachzukommen, übernimmt Karin Faustmann persönlich. Bis heute findet sie das Gespräch mit den Kunden besonders faszinierend. Die Käufer kommen aus den unterschiedlichsten Schichten: Der Arzt will für seinen Sohn einen kleinen Pokal, weil der gerade sein „Seepferdchen“ gemacht hat. Ein unscheinbarer Mann möchte für seine Frau, mit der er seit Jahren verheiratet ist, einen Pokal „Für die beste Frau der Welt“.
Und was ist mit den traditionell großen Abnehmern? Bis heute haben sich bestimmte Sportarten vom Corona-Schock noch nicht erholt: Kegeln und Bowling haben nachgelassen, Dart geht aufgrund des Kneipensterbens deutlich zurück. Zum Saisonende melden sich immerhin noch manchmal Sportverbände. Wenn die Hallensaison zu Ende geht, wenn die Meisterschaft entschieden ist, wenn der Eissportverband Mitglieder und Vereine auszeichnen will. Dann hat Karin Faustmann alle Hände voll zu tun. In einem kleinen Hinterzimmer werden die Schilder und Plaketten graviert, zugeschnitten und verklebt, Kundenlogos gestanzt, Rechnungen und Angebote geschrieben.
Ein Ort der Begegnung
Hat sich der Geschmack verändert? Pokale haben doch meist etwas Kitschiges, oder? Karin hat Erfahrung. Ein Pokal ist ein Pokal ist ein Pokal. Im Prinzip bleibt er immer gleich, mal mehr, mal weniger Farbe, mit Figuren zum Aufschrauben (Fußballer, Tennisspieler, Angler), mal ein einfacher, mal ein ausgeschmückter Sockel, was gewünscht und machbar ist, es wird erledigt. Der Kunde ist König.
Aber einiges verändert sich doch. Gerade jüngere Leute kommen mit genauen 3D-Vorstellungen, sie sind mit Computeranimationen aufgewachsen, moderner soll der Pokal sein, weniger protzig. Statt den Fuß aus Marmor gern auch aus Naturstein. Und die Geschäftsbedingungen sind rauer geworden. So lange keine Lizenzen oder Rechte gekauft sind, geht auch keine klassische Oscar-Figur oder die bekannte Siegerfigur mit dem Kranz in der Hand über den Tisch. Es geht um Geld und Marktanteile. Allgemein beliebter sind jedoch handgegossene Buddy-Bären aus Zinn. Einer von ihnen wurde sogar an die Botschaft von Botswana verkauft. Kleine Bären bestellt auch das Bezirksamt-Tempelhof. Die werden verschenkt an verdiente Jubilare, mit persönlicher Beschriftung und Worten des Dankes und der Anerkennung. Trotz alledem – die Angebote im Internet werden immer dominanter, und Großhändler können andere Preise machen als Karin Faustmann.
Aber sie hat noch eine ganz andere Sorge. Wer wird ihr nachfolgen, ihren Laden übernehmen? Gibt es noch Auszubildende, die hart arbeiten wollen? Beraten, kleben, gravieren, einpacken, auspacken und das alles für alles andere als ein üppiges Gehalt? Eines ist für sie vollkommen klar, und sie sagt es mit Resignation in der Stimme: Würde ihr Laden verschwinden, so würde auch ein Ort der Begegnung fehlen. Die Leute sollten also nicht nur auf ihr Handy starren und sich ins Internet verabschieden, sondern ihren Mitmenschen wieder real begegnen.
„Früher halfen Nachbarn einander. Und heute?“ Solche kleinen Läden wie der ihre brauchen Unterstützung. Hier wird gelacht, geweint und gefeiert. Sportvereine, stolze Eltern und all die anderen erzählen durch jeden Auftrag, durch jeden Pokal oder jede Medaille eine eigene Geschichte. Kunden sind Menschen, und die erreicht man nicht im Netz oder isoliert an Scannerkassen. Sie wollen ihr Herz ausschütten und einen schönen Pokal erwerben – weil sie stolz auf eine besondere Leistung sind und dieser an dieses besondere Ereignis erinnern soll.