Am Ostersamstag kommt das neue Stück des Volkstheaters in der Kettenfabrik auf die Bühne. „Die Geierwally“ ist ein Klassiker, der bis heute aktuell ist. Die Inszenierung übernimmt zum ersten Mal die Schauspielerin und Regisseurin Nina Schopka.
So intensiv spielt Nadine Fleckinger die große Verzweiflung ihrer Figur, dass man als Zuschauer mit einem Kloß im Hals zurückbleibt. Die Geierwally zu spielen, ist eine emotionale Herausforderung. „Stell dir vor: Du bist von Steinen umzingelt“, hatte Regisseurin Nina Schopka bei der Probe der Hauptdarstellerin als Bild noch an die Hand gegeben. Die Steine, die jeden Weg versperren, sind nicht nur symbolisch gemeint. Die Geschichte, die hier in einem saarländischen Proberaum gerade einstudiert wird, spielt eigentlich im Schatten der kargen Felswände der Alpen. Die Tochter eines reichen Tiroler Bauern, die 16-jährige Wally, gespielt von Nadine Fleckinger, soll heiraten. Das will ihr Vater so. Dahinter stecken vor allem finanzielle Interessen. Aber Wally will nicht heiraten, zumindest nicht den Mann, den ihr Vater für sie ausgesucht hat. Es ist ein unangenehmer Typ, in dessen Nähe sie sich unwohl fühlt. Wally erteilt ihm eine deutliche Abfuhr. Eigentlich liebt sie einen anderen. Für den Vater, der sie wie einen Sohn mit Härte und ohne viel Empathie erzieht, ist ihr Verhalten unentschuldbar. Als die Tochter sich traut, ihm die Stirn zu bieten, erntet sie Unverständnis, Wut und Verachtung und muss die entsprechenden Konsequenzen tragen.
Eine junge Frau kämpft um Selbstbestimmung
Der Titel des Bühnenstücks „Die Geierwally“ ist zwar vielen ein Begriff, der Inhalt allerdings ist weniger bekannt. Dabei ist das Stück durchaus ein Klassiker. Zum ersten Mal erschien die Geschichte 1873 im gleichnamigen Roman der Autorin Wilhelmine von Hillern. Der Roman ist insofern bemerkenswert, als er – in einer Zeit, in der die gesellschaftlichen Konventionen der Individualität der Frau wenig Raum gaben – nicht nur von einer Frau geschrieben wurde, sondern auch das Schicksal einer Frau in den Mittelpunkt stellt, die um ihre Selbstbestimmung kämpft. Der Text ist ein Zeitzeugnis und hat gleichzeitig immer noch Aktualität, wenn es um das Spannungsfeld zwischen Pflichtbewusstsein, Selbstaufgabe und freier Entfaltung geht. Nina Schopka hat eine eigene Bühnenfassung für die Kettenfabrik geschrieben, die sich stark am originalen Romantext orientiert und in der die weibliche Perspektive besonders deutlich wird. „Es gibt auch Fassungen, in denen dieser Aspekt – das Aufbäumen einer jungen Frau, die sich nicht brechen lässt – fast in den Hintergrund rückt“, sagt sie. Den Fokus auf die Frauenfiguren des ursprünglichen Textes zu legen, war ihr wichtig. Dabei sei die Lesart nicht unbedingt auf einen feministischen Blickwinkel begrenzt: „Es geht generell um das Kämpfen gegen verhärtete, steinerne Gesellschaftsstrukturen.“
Der Stoff rund um die Geierwally, deren Name im Stück daher rührt, dass sie ein wildes Geierjunges aus einem Nest an einer Felswand holt und anschließend aufzieht, wurde in den vergangenen hundert Jahren mehrfach filmisch bearbeitet. Eine erste Verfilmung stammt bereits aus dem Jahr 1920. Als Bühnenstück gehört „Die Geierwally“ außerdem fest zum Repertoire von Volkstheatern, die überwiegend im bairisch-österreichischen Sprachraum verbreitet sind. Die Tradition des Volkstheaters ist in der Alpenregion stark mit Dialekt und regionaler Identität verbunden.
„Eine andere Gefühlspalette“
Das „Volkstheater in der Kettenfabrik“ ist als saarländisches Volkstheater tatsächlich eher etwas, das hierzulande weniger üblich ist. Markenzeichen der Gruppe, die vor zwölf Jahren vom österreichischen Schauspieler Martin Leutgeb gegründet wurde, ist es, typische Volkstheater-Stücke in die saarländische Mundart zu übersetzen und mit einer eigenen Inszenierung in die hiesige Sprache und Lebensrealität zu übertragen. Und das Ganze sehr professionell. Schon das erste Stück „Frau Suitner“ war ein voller Erfolg. Es folgten zwei weitere, „Die Geierwally“ ist die nun vierte Produktion. Dass in saarländischem Dialekt gesprochen wird, hat mit Klamauk oder Fastnachts-Sketch nichts zu tun. Vielmehr werden hier die unterschiedlichen saarländischen Dialekte der Darstellenden zu einer authentischen und sehr persönlichen emotionalen Ausdrucksform. Wenn man mit saarländischem Dialekt aufgewachsen sei, sagt Darstellerin Nadine Fleckinger, sei die Rolle viel näher an einem selbst, wenn diese eben auch im Dialekt spreche. Während Dialekt in der Öffentlichkeit oft eher als unpassend empfunden wird, bekommt die eigene Sprache hier eine seriöse Bühne. Sie habe einen tiefen Zugang zum saarländischen Dialekt, sagt Nina Schopka, auch wenn sie selbst als Zugezogene eine süddeutsche Mundart spricht. „Es ist immer lustig, wenn ich etwas vormache, das klingt wie eine Mischung aus Kroatisch und Saarländisch – oder so ähnlich“, sagt sie. „Aber ich mag Stücke, die in Mundart gespielt werden. Sie haben einfach eine andere Gefühlspalette, die transportiert wird.“
Die Stücke, die die Gruppe in den vergangenen Jahren auf die Bühne gebracht hat, reichen von der Tragikomödie bis hin zu ernsten Stoffen. „Die Geierwally“ fällt in die letztere Kategorie, auch wenn die Regisseurin ein feines Gespür dafür hat, wo sich die eine oder andere absurd-tragikomische Situation unterbringen lässt. Der Bruch bei ernsteren Stellen sei dann umso größer, sagt sie. Überhaupt lebe das Stück von der Spannung seiner Gegensätze. Es sei „romantisch, aber auch unglaublich brutal“, „historisch, aber auch aktuell“.
Diesen Facettenreichtum findet Nadine Fleckinger auch bei ihrer Rolle der Geierwally: „Sie zeigt Stärke und Willenskraft. Sie hat aber auch eine sanfte Seite, kümmert sich liebevoll um ihren Geier und verschenkt ihr Herz an den Bärenjäger Joseph. Die Vielseitigkeit an Emotionen macht die Rolle für mich besonders spannend.“ Die Premiere findet am Ostersamstag in der Kettenfabrik in St. Arnual statt. Im Proberaum in Sulzbach sind die Maße der späteren Bühne mit Klebeband auf dem Boden markiert. Das ist wichtig, denn das Besondere an der Bühne in der alten Kettenfabrik sind ihre Form und ihre Position. Sie ist schmal und länglich und befindet sich – anders als die klassische Schaukastenbühne – in der Mitte des Raums. Das Publikum wird, wie auch bei vergangenen Veranstaltungen, rundherum auf den vorgesehenen Plätzen sitzen. Das muss in der Inszenierung mitgedacht werden. Von der Betonung über richtig gesetzte Pausen bis hin zu Körperhaltung und Bewegung im Raum: Regisseurin Nina Schopka macht mit sichtlicher Freude auch gerne mal selbst was vor. Selbst die Laute des Geiers, der immer wieder über der Hauptfigur kreist, hört man dabei aus ihrer Richtung. Im Stück geht es auch um persönliche Erfahrungen, die in die Inszenierung einfließen, zum Beispiel dann, wenn es im Rahmen von Wallys Firmung um die eigene Erinnerung an die Beichte und die katholische Erziehung geht. Aber auch praktische Überlegungen spielen im Probenverlauf immer wieder eine Rolle. Vieles muss gut durchdacht werden, etwa welche Frisur für die Hauptdarstellerin im Stück sinnvoll ist. Hat Wally einzelne Zöpfe oder doch eher eine kompakte Flechtfrisur? Das ist für die Inszenierung später noch wichtig.
„Es ist eine super Truppe“
Die Menschen, die hier im Volkstheater auf der Bühne stehen, sind allesamt Amateure. Das soll in diesem Fall heißen: Sie betreiben die Schauspielerei zwar nicht hauptberuflich, haben aber alle bereits jahrelange Erfahrung auf der Bühne, viele sind parallel in verschiedenen anderen Ensembles aktiv. In „Die Geierwally“ sind die meisten in verschiedenen Parts zu sehen: als Einzelfiguren, als Dorfbewohner, als Instrumentalisten, als Chor. Sich für ein solches Projekt zu entscheiden, bedeutet auf jeden Fall Hingabe. Neben kompletten Probewochenenden von Freitag bis Sonntag und Einzelproben zwischendurch kommen zehn Aufführungen hinzu, ebenfalls an Wochenenden im gesamten April. Das muss man wollen. „Die Wochenend-Proben sind energetisch oft herausfordernd“, sagt Nadine Fleckinger. „Sie machen aber gleichzeitig unheimlich viel Spaß und stellen für mich einen Ausgleich zum Alltag als Lehrerin dar.“
Nina Schopka ist in die Fußstapfen von Martin Leutgeb getreten, der die bisherigen Inszenierungen übernommen hatte. „Es ist eine super Truppe“, sagt sie. „Mir haben die vorherigen Stücke immer sehr gefallen, deshalb habe ich nicht lange überlegt, als mir die Regie angeboten wurde.“ Anfangs war es erst einmal ein Annähern von beiden Seiten und ein Abstecken der Vorstellungen, aber die Chemie stimmt. Die Inszenierung bewahrt trotz der neuen Handschrift viel vom bekannten Stil und bringt fast nur bekannte Gesichter auf die Bühne.