Der Berliner Fotograf J. Konrad Schmidt zeigt in seiner „Hôtel Noir“-Serie auch, dass körperliche Beeinträchtigungen etwas Normales sind. Bis Ostern sind die Fotos noch zu sehen.
Der Berliner J. Konrad Schmidt ist ein Wahrnehmungs-Profi. Jemand, der Dinge bemerkt, die andere nicht sehen – oder nicht bewusst wahrnehmen. J. Konrad Schmidt ist Fotograf. Er fotografiert Menschen, davon viele prominent, Autos, Luxusimmobilien. Damit verdient er sein Geld. Seine Kunst geht aber schon seit einigen Jahren über das Geschäftliche hinaus. Vor zehn Jahren hat J. Konrad Schmidt angefangen – quasi nebenbei –, Frauen in Hotelzimmern in Szene zu setzen. Das Ganze war – natürlich – professionell, aber eben nicht kommerziell.
Deutscher Fotobuchpreis
Neun Jahre lang hat er mit diesem privaten Projekt „für die Schublade fotografiert“, sagt J. Konrad Schmidt. Naja, fast, denn einzelne Fotos aus der Serie haben es in Ausstellungen geschafft. Dass er schließlich für sein Buch „Hôtel Noir“, in dem er Fotos aus dieser Serie präsentiert, 2020 Gold beim Deutschen Fotobuchpreis gewann, habe ihn dann aber schon überrascht, versichert er. Nun liegt „Hôtel Noir II“ vor. Und Schmidt nimmt das zum Anlass, eine Auswahl von großformatigen Abzügen, darunter auch einige bisher unveröffentlichte Bilder, in einer Ausstellung zu zeigen. Bis zum 4. April, also dem Samstag des Osterwochenendes, sind seine Fotos in der Berliner Fotoinstitution Chaussee 36 zu sehen.
Die Galerie in einem ehemaligen Offiziershaus in der Chausseestraße hat sich seit elf Jahren auf Fotografie spezialisiert – und da wiederum auf historische Berlin-Aufnahmen, Akte und erotische Fotografie sowie experimentelle Fotografie, erklärt Mathilde Leroy, die Kuratorin der Galerie. Drei bis vier Ausstellungen im Jahr stellt sie zusammen. Oft kommen die Fotografien dafür aus dem eigenen Archiv. Wobei man „halb kommerziell“ arbeite, also nicht nur Kunst zeige, sondern auch verkaufe. Mit der aktuellen Ausstellung habe sie keine Arbeit gehabt, sagt Mathilde Leroy. Sie lacht und erklärt: „Konrad hat sich um alles gekümmert.“ Und dabei hat er die Galerie komplett verändert. So empfindet es zumindest Mathilde Leroy. Die großen Fenster an der Stirnseite hat er zugeklebt. Normalerweise sei es hier richtig hell, sagt die Kuratorin, jetzt sei es ungewöhnlich dunkel im großen Raum. „Das Augenmerk soll auf den Fotos liegen, deshalb ist der Raum dunkler als sonst. Fast wie in einer Kathedrale“, erklärt J. Konrad Schmidt.
„Hôtel Noir“ sei „mehr als ein Buchprojekt; vielmehr ist es ein künstlerisches Statement gegen die bloße Online-Rezeption von Bildern und gleichzeitig eine Hommage an die physische Erfahrung fotografischer Werke“, sagt die Berliner Fotografin und PR-Frau Nadine Dinter. „So sind die Arbeiten bewusst nicht online zugänglich – sie sollen in gedruckter Form erlebt werden, als haptisches und visuelles Ereignis, das in der Erinnerung nachwirkt“, erklärt sie – und betont, dass J. Konrad Schmidt analoge Schwarz-Weiß-Filme gewählt hat, um „die Atmosphäre der internationalen Grand Hotels mit der Intimität weiblicher Begegnungen zu verbinden“. Als „Hommage an den weiblichen Erotismus“ eröffne dieses Projekt „Frauen einen geschützten Raum der Intimität und Freiheit, in dem sie ihre eigenen erotischen Fantasien erforschen und verwirklichen können“. Manchmal sind auf den Fotos auch nur ein paar Schuhe oder die Beine einer Frau zu sehen.
Dass er bei diesem Projekt auf die digitale Fotografie und ihre technischen Möglichkeiten verzichtet, empfinde er „nicht als Einschränkung“. Im Gegenteil. Er habe es so – also analog – studiert. „Man muss wissen, was man tut, dann hat man Sicherheit. Es gibt nur die Negative, sonst nichts“, sagt er. Und J. Konrad Schmidt, geboren 1984 in Berlin, weiß, was er tut. Er studierte Fotografie an der LAZI Akademie in Stuttgart/Esslingen. Seine Arbeiten gewannen zahlreiche internationale Awards. Er ist berufenes Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Photographie, des Berufsverbands Freie Fotografen und Filmgestalter, des Art Directors Club für Deutschland und der Association of Photographers London.
In London sind auch viele seiner Hotel-Fotografien entstanden. Aber auch in Tokio, Los Angeles, Paris, Berlin und New York hat J. Konrad Schmidt seit 2010 anonyme Frauen sowie professionelle Modelle in Hotels fotografiert. Auch wenn er viel in London arbeite, lebe er doch ganz bewusst in West-Berlin. Er betont das mit dem Westteil der Stadt. Er komme selbst aus dem Osten, aber als er von Hamburg zurück nach Berlin zog, habe er sich bewusst für den Westen entschieden. Auch so viele Jahre nach dem Mauerfall und der Wiedervereinigung spüre er noch „einen Unterschied in der Mentalität“.
Ikonografische Bildsprache
„Es werden ausgewählte Bildsequenzen und Motive enthüllt, die den besonderen visuellen Stil Schmidts sichtbar machen. Die ikonografische Bildsprache entfaltet narrative Dichte und lässt zugleich viel Raum für individuelle Assoziationen. Prägnante Licht-Schatten-Kontraste erinnern an die Tradition des Film Noir. Dafür arbeitete Schmidt mit Persönlichkeiten wie Kristina Vogel und Viktoria Modesta zusammen, die den Inklusionsbegriff der Gegenwart und das Privatleben von Menschen mit Einschränkungen beleuchten“, erläutert Nadine Dinter.
Und so sieht man auf Fotografien von J. Konrad Schmidt auch eine Frau im Rollstuhl, eine mit einer Prothese. Zurzeit suche er eine blinde Frau für das Projekt – wobei er selbst noch nicht wisse, wie er diese körperliche Einschränkung aufs Foto bringen kann, sagt er. „Man sieht Behinderte nur auf Wahlplakaten und im Sport. Dabei sind das zehn Millionen Menschen in diesem Land, die einen Schwerbehindertenausweis haben. Das ist jeder Achte. Wo sind die alle?“, fragt er. Dass Frauen mit Beeinträchtigungen auf seinen Fotos sind, ist für ihn Normalität. Er sieht diese Frauen auch im Alltag. Dass sie in seiner Fotoserie vorkommen, sei also nichts Besonderes. Im Gegensatz zu den meisten Menschen ist J. Konrad Schmidt ein Wahrnehmungs-Profi. Jemand, der Dinge bemerkt, die andere nicht sehen – oder nicht bewusst wahrnehmen, ja vielleicht sogar bewusst ausblenden.