Über Pfeile, die in neue Richtungen zeigen
Wer ist der aktuell vielleicht größte saarländische Sportler? Riesige Überraschung: Es ist ein gewisser Gabriel Clemens, liebevoll „Gaga“ oder respekteinflößend „The German Giant“ genannt. Ohne ihm zu nahe treten zu wollen: Würde man das sympathische saarländische „Eigengewächs“ aus Saarwellingen in der Altstadt von Saarlouis treffen, man würde ihm seine herausragende Karriere als Hochleistungssportler nicht sofort ansehen. In seiner Passion, dem Dartspiel, hat er es unter die besten Zwanzig der Welt und schon einmal ins Halbfinale einer Weltmeisterschaft geschafft.
Schon höre ich die Protestrufe. Ist Darts überhaupt Sport? Bis vor kurzem hätte ich da vielleicht auch meine Stimme erkennen können. Allerdings habe ich mich bis zu einem Telefonat mit meinem Sohn vor einigen Wochen nur sehr peripher mit diesem „Spiel“ befasst.
Was ist passiert? Wieder geht es ums Treffen, genauer um das zufällige Zusammentreffen von „äußeren Umständen“ mit merkwürdigen Folgeerscheinungen. Mein Sohn und seine Freundin sind zusammengezogen. Neubauerstbezug, spiegelglatte weiße Wände, makelloses Holzparkett, offene Raumgestaltung. Als er dort das Dartboard aus seiner alten Wohnung aufhängen wollte und die Pfeile nachschärfte, gab es ein unumstößliches Veto.
In solchen Fällen ruft er gerne bei mir an. Er erklärte mir, dass meine Frau und ich das große Glück haben, in einer älteren, schon leicht angekratzten Wohnung zu leben und zudem noch über einen prädestinierten Raum zur passageren Anbringung seiner Dartscheibe verfügen. In dieser Behausung fehlgeleitete Pfeile würden sich naht- und schadlos in das „Wohnbild“ integrieren.
Es war kurz vor Weihnachten, ich habe nicht widersprochen und er hat mir sein gesamtes „Dartzeugs“ feierlich überreicht. Dummerweise finden alljährlich just über Weihnachten in London im legendären Alexandra Palace (Spitzname: Ally Pally) die Dartsweltmeisterschaften statt. Ich habe mir das also mal näher zu Gemüte geführt, um mich über die fachgerechte Aufstellung und Ausgestaltung unseres Dartequipments zu instruieren.
Manchmal geht dann mein sportlicher Elan mit mir durch. Meine Frau spricht in solchen Fällen gerne beiläufig, aber mit einbremsender Stimmlage von meinem neuesten „Projekt“. Nach einigen intensiven „Handwerkstagen“ mit Wandverkleidung, Dämmung, Bodengestaltung der Abwurfzone etc. ist dieser Teil unserer Wohnung jetzt eine kleine Kopie des „Ally Pally“, nur nicht in London-Nord, sondern in Dudweiler-Süd und (bisher noch) ohne Zuschauerränge. Ich bin mir nicht sicher, ob ich jemals so viele Stunden in das Dartspiel investiere wie in den Nachbau des „Ally Pally“.
Jetzt fehlte noch der Praxistest. Details und Schadensbilder will ich lieber verschweigen, aber seitdem habe ich riesigen Respekt vor der Leistung und Präzision der Dartsprofis, wenn sie höchstfokussiert in das mikroskopisch kleine Feld der Triple 20 passgenau drei Dartpfeile hineinzimmern. Nachts träume ich von einer Trainerstunde bei Gabriel Clemens.
Also adieu Kneipensport-Image. Über viele Jahre täglich mehrstündiges, systematisches Training, motorisch-koordinativ hoch anspruchsvoll, Konzentration und Mentalstärke vom Allerfeinsten, klare Regeln und Fairplay, internationale Wettkampfstrukturen. Kurzum: Ja, es ist eine Sportart. Sind – großzügig betrachtet – bei den sogar olympischen Sportarten Bogenschießen und Speerwurf nicht auch „Pfeile“ (lediglich etwas länger) im Spiel? Und sind nicht auch ausgelassene Stimmung sowie reichlich fließender Gerstensaft im Umfeld so mancher Sportarten, etwa in Fußballstadien, alltäglich?
Aber bei aller Liebe und neu gewonnenen Einsichten: Ich bleibe in erster Linie Fußballfan. Nur bedauere ich jetzt, dass ich das ehemalige Westfalenstadion oder wenigstens das Millerntor in unserer Wohnung nicht nachbauen kann. Ehrgeiz hätte ich noch, aber bei dem „Projekt“ könnte meine Frau mit den kaum benutzten und noch sehr spitzen Dartpfeilen auf ganz neue Ideen kommen.