Mit dem neuen CLA will Mercedes endlich ein konkurrenzfähiges Elektroauto anbieten, sozusagen das „Ein-Liter-Auto“ des Elektrozeitalters. Vorschusslorbeeren bekam das vermeintliche E-Wunder reichlich, aber was kann er wirklich? Ein Test.
Selten ist ein E-Auto mit so viel Spannung erwartet worden wie der Mercedes CLA. Nicht weniger als eine „Elektro-Revolution“ soll er sein. Die Stuttgarter möchten ein neues Kapitel in ihrer 100-jährigen Unternehmensgeschichte aufschlagen. Manche sprechen gar von einem „Todesstoß“ für Tesla.
Fast lautlos surrt der CLA heran, die mattschwarze Lackierung passt zum eher düsteren Test-November. Tief duckt sich die windschnittige, 1,47 Meter flache Limousine auf den Asphalt. Die Schnauze erinnert an ein Haifischmaul. Endlich mal etwas anderes als ein SUV! Zumal unterm Blechkleid kein Verbrennungsmotor steckt, sondern eine moderne E-Maschine: Mit 800-Volt-Technologie, die extrem schnelles Laden mit bis zu 320 Kilowatt Leistung ermöglichen soll. Dazu kommt ein Akkupack, das mehr als reisetauglich ist: Bis zu 792 Kilometer Reichweite gibt Mercedes für den CLA 250+ mit 85 Kilowattstunden großer Batterie an. Stolz ist auch der Preis: 55.859 Euro, zuzüglich Extras. Doch hält der vermeintliche Super-Benz auch das, was er verspricht? Das haben wir eine knappe Woche in und um Berlin getestet.
Hervorragender cW-Wert von 0,21
Zunächst muss man sagen: So spektakulär anders sieht der neue CLA erst einmal nicht aus. Das viertürige Coupé ist mit 4,72 Metern etwa so groß wie eine C-Klasse. Optisch ähnelt es den CLA-Vorgängerbaureihen, die allerdings nur mit Benzin-, Diesel- oder Hybridantrieb erhältlich waren. Bei der dritten Generation des CLA wagt Mercedes nun erstmals einen vollelektrischen Antrieb. Und der hat es in sich. Satte 272 PS leistet der E-Motor im CLA 250+, ein maximales Drehmoment von 335 Newtonmetern wuchtet die Hinterräder auf die Straße. Für Premium-Elektroautos ist diese Power zwar inzwischen nicht unüblich. Doch wer zum ersten Mal in ein Elektroauto steigt, den wird die Beschleunigung umhauen. Bei Vollstrom rast der CLA in 6,7 Sekunden auf Tempo 100, die Spitze liegt bei 210.
Genau das will und muss Mercedes-Benz ja: endlich mehr Kunden vom Elektroantrieb überzeugen. Bislang läuft die angestrebte Antriebswende bei den deutschen Autoherstellern alles andere als gut. Nach VW und Audi musste auch Mercedes massive Gewinneinbußen vermelden. Das Konzernergebnis für das erste Halbjahr brach im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 55,8 Prozent ein. Vor allem die Verkaufszahlen bei den Elektroautos enttäuschen. In China, dem wichtigsten Automarkt der Welt, finden diese kaum Käufer. Modelle wie EQE oder EQB wird die Traditionsmarke nur in homöopathischen Dosen los.
Die Gründe sind vielfältig, teils hausgemacht. Früher warb man bei Mercedes selbstbewusst mit dem Slogan „Das Beste oder nichts“. Im Elektrozeitalter besteht inzwischen die Gefahr, vollends den Anschluss zu verlieren. Während Modelle von BYD, Xpeng oder auch Kia längst superschnelles Laden jenseits der 250 kW ermöglichen, müssen sich Fahrer der elektrischen E-Klasse mit maximal 170 kW begnügen. Bei der Software war lange Zeit Tesla das Maß der Dinge, nicht die Marke mit dem Stern.
Mit dem neuen CLA soll sich das Blatt nun wenden. 320 kW an der Schnellladestation sind jedenfalls eine Ansage. Binnen zehn Minuten soll der Benz genug Strom für eine Strecke von 325 Kilometern nachladen können. So fix ist man auf der Autobahnraststätte vom Kaffeeholen gar nicht zurück. Für hohe Reichweiten wurde der CLA auf Effizienz getrimmt. Die aerodynamisch gestaltete Karosserie kommt auf einen hervorragenden cW-Wert von 0,21. Dies erreichten die Ingenieure unter anderem mit luftwiderstandsoptimierten Rädern und verkleidetem Unterboden. Besonders verlustarme Elektromotoren sollen den Antriebsstrang ökonomisch machen. Ein Zweiganggetriebe senkt den Stromverbrauch bei schnellen Autobahnfahrten.
Diese meiden Elektroauto-Fahrer lieber. Zu hoch ist meist der Stromverbrauch bei hohem Tempo, zumal wenn es sich um tonnenschwere SUV handelt. Der flache Mercedes CLA scheint dagegen keinen Gegenwind zu scheuen. Bei über 130 km/h dringen kaum Außengeräusche ins Fahrzeuginnere, selbst 180 bis 200 km/h fühlen sich in dem Auto nicht übermäßig schnell an. Komfortable Sitze verstehen sich bei einem Mercedes von selbst, das gläserne Panoramadach ist beim CLA Serie.
Und doch fühlt er sich nicht nach einem „Benz alter Schule“ an, wie etwa die Tester des ADAC meinten. Zu straff wirkt die Federung, was auch an der niedrigen Flankenhöhe der Reifen liegt: Wer große Alu-Räder in 18 Zoll will, muss Abstriche beim Fahrkomfort machen. Die Türen schlagen mit merkwürdig blechernem Geräusch zu. Auch die Wohnzimmer-Atmosphäre im Innenraum ist verblasst. Wo früher Zebrano- oder Wurzelhölzer schmückten, zieren nun Elemente aus Chrom und Aluminium. Recycelte Materialien aus Plastikflaschen und Papier sollen ebenfalls zum Einsatz kommen.
Im Zentrum des modernen Mercedes steht die digitale Bedienwelt. Die Displays erstrecken sich beim CLA weit über das Armaturenbrett, auf Wunsch bekommt auch der Beifahrer einen Bildschirm. Das MBUX-Multimediasystem hat Mercedes weitgehend selbst entwickelt, dank generativer KI sollen sich die Assistenten kontinuierlich weiterentwickeln. Bereits jetzt wirkt die Software –
anders als bei manchem China-Modell – ausgereift. Das System ist schnell hochgefahren und bietet viele Funktionen. Besonders clever scheint der Sprachassistent („Hey, Mercedes“), über den sich freihändig Navigation oder Infotainment steuern lassen. Sogar Nachrichten, Wettervorhersage und Restaurant-Tipps kann er aufsagen.
Doch uns fielen auch Patzer auf. Zwar halten sich die Fahrassistenzsysteme beim CLA angenehm im Hintergrund, von nervigen Pieptönen wird man meist verschont. Doch Verkehrszeichen erkennt auch der elektrische Mercedes nicht immer richtig. Kommen Fußgänger oder andere Autos zu nahe, reagiert der Wagen mitunter überfordert. Dann mahnt das Display, doch bitte das gesamte Umfeld im Blick zu haben.
Übertrieben hat man es auch mit den digitalen Spielereien: Beim Navi schaltet sich vor jedem Abbiegen die Frontkamera ein und die Umgebung erscheint hochaufgelöst auf dem Bildschirm. Das sieht vielleicht nett aus, lenkt den Blick aber gefährlich von der Fahrbahn ab. „Augmented Reality“ heißt die Funktion, die sich im Untermenü immerhin ausschalten lässt. Dorthin muss man auch, um Gebläse oder Heckscheibenheizung zu steuern. Einfache Schalter gibt es dafür nicht.
Knapp 50.000 Euro für Einsteigermodell
cW-Wert des Mercedes CLA - Foto: © Mercedes-Benz AG
Kleinigkeiten, mögen manche sagen. Wesentlicher ist: Beim Aufladen blieb der CLA 250+ hinter den Erwartungen zurück. Statt 320 kW erreichte unser Testwagen trotz vorkonditionierter Batterie kaum 100 kW. Es könnte daran gelegen haben, dass der Akku mit rund 60 Prozent noch recht voll war. Auch der Stromverbrauch lag deutlich höher als die 12,2 Kilowattstunden nach WLTP, die Mercedes verspricht. Nach 100 Kilometern auf Autobahn, Landstraße und im Stadtverkehr zeigte der Bordcomputer 19,9 Kilowattstunden an.
Das ist zwar kein schlechter Wert, zumal wir überwiegend bei herbstlichen Temperaturen um die zehn Grad testeten. Doch vom „Ein-Liter-Auto“ des Elektrozeitalters scheint der neue Mercedes CLA im Alltagsbetrieb dann doch ein Stück entfernt. Das liegt sicherlich auch am Überfluss, den der Wagen bietet. Zwei Tonnen wiegt der CLA, er ist komfortabel und zeigt sich zugleich nervös wie ein hibbeliger Sportwagen. Ja es fällt schwer, mit diesem Auto nicht zu rasen.
Immerhin hat der Hersteller das Angebot inzwischen um eine Vernunft-Variante erweitert. Der CLA 200 bietet „nur“ 224 PS und 541 Kilometer Reichweite. Dafür ist er ab 49.421 Euro zu haben, dank einer Rabattaktion sollen es derzeit sogar nur 46.950 Euro sein. Für viele Menschen ist auch das ziemlich viel Geld, dabei soll der CLA das neue elektrische Einstiegsmodell von Mercedes sein. Die kompakte A- und B-Klasse wollte der Konzern zunächst aus dem Programm streichen, nun soll zumindest die A-Klasse vorerst weiterlaufen. Ob sich mit dem vergleichsweise teuren CLA mehr E-Autos verkaufen lassen? Alternativ ist er auch als Verbrenner (Benzin-Hybrid) erhältlich, sicherheitshalber.