Die BR Volleys gehen nur als Zweiter in die Play-offs um die Deutsche Meisterschaft. Das ist auch für den Geschäftsführer enttäuschend, aber längst keine Katastrophe. Die spielen sich für ihn abseits des Platzes ab.
Kaweh Niroomand war in Teheran geboren und aufgewachsen, ehe er als Zwölfjähriger nach Deutschland zog. Die kriegerischen Auseinandersetzungen des Irans mit den USA und Israel verfolgt er deswegen intensiv, vor allem was die Auswirkungen auf die Menschen in seiner früheren Heimat betrifft. Ob der vom amerikanischen und israelischen Militär initiierte Angriff der schon länger zu beobachtenden Protestbewegung gegen das Unterdrückungs-Regime im Iran hilft oder eher behindert, weiß Niroomand noch nicht. „Es ist eine ambivalente Situation“, sagte der 73-Jährige im „Tagesspiegel“-Interview: „Ja, meine Sorge ist groß, aber meine Hoffnung begleitet mich schon seit mehr als vier Jahrzehnten. Der Iran ist ein reiches Land, vor allem reich an Menschen, die hochgebildet, leistungsbereit und kreativ sind.“ Seit langer Zeit wünsche er sich „endlich demokratische Verhältnisse“ im Iran. „Gleichzeitig bin ich überzeugt: Die Interessen der iranischen Bevölkerung sind nicht identisch mit denen von Donald Trump“, sagte Niroomand: „Genau darin liegt meine Sorge.“
Play-offs ohne Favoritenrolle
Die Sorgen um seine BR Volleys dürften dem Geschäftsführer des deutschen Volleyball-Rekordmeisters in diesen Tagen im Vergleich zum politischen Weltgeschehen deswegen eher klein vorkommen. Doch der Top-Funktionär will sich nicht ablenken lassen, beruflich gilt sein kompletter Fokus dem Hauptstadtclub – und das ist auch bitter nötig. Denn der Serienmeister, der seit 2016 immer den deutschen Meistertitel gewonnen hat, befindet sich in der Bundesliga nach der Hauptrunde in der ungewohnten Rolle des Jägers. Die SVG Lüneburg hat die Hauptrunde gewonnen und geht dank konstanterer Leistungen als Titelkandidat Nummer eins in die Play-off-Runde. Auch Erzrivale VfB Friedrichshafen und die SWD Powervolleys Düren haben den Berlinern in dieser Saison schon Niederlagen zugefügt. Das ganz große Selbstverständnis ist beim Titelverteidiger dahin, zumal auch die Champions-League-Saison verpatzt wurde. Man gehe „jetzt nicht als Favorit in diese Playoff-Runde“, meinte Niroomand. Seine Aussagen klingen eher nach Durchhalteparolen als nach Kampfansagen: „Aber es nützt ja nichts, wir werden nicht aufstecken.“
Im Viertelfinale kommt es nun zum Derby gegen die Energiequelle Netzhoppers KW, das erste Duell startet an diesem Samstag (28. März) in der heimischen Max-Schmeling-Halle. Die Favoritenrolle liegt klar bei den Volleys. „Jetzt wartet quasi ein neuer Wettbewerb. Alles geht bei null los, und wir müssen uns Siege neu erarbeiten“, warnte jedoch Trainer Alexandre Leal. Der Brasilianer wurde im Januar vom Assistenten zum Chefcoach befördert, nachdem die Club-Bosse sich von Meistertrainer Joel Banks getrennt hatten. Eine Entscheidung, die auch finanziell wehgetan haben dürfte. Denn der Niederländer hatte erst im Vorjahr seinen Vertrag bis 2028 verlängert. Die Ergebnisse hätten weitestgehend gestimmt, „aber unseren Leistungen fehlt es an Konstanz und Stabilität“, hatte Niroomand damals die Trennung begründet. Das „ständige Auf und Ab“ bei den Auftritten des Teams müsse ein Ende haben, forderte der Geschäftsführer. Doch wirklich viel hat sich unter Leal nicht geändert, von der Souveränität der Vorjahre sind die Volleys aktuell etwas entfernt. „Die Saison ist nicht so, wie wir uns vorgestellt haben“, gibt Niroomand unumwunden zu: „Es bleibt jetzt nur noch die Meisterschaft.“
Der Titel in der Bundesliga ist tatsächlich das einzige Ziel, das die Berliner in der aktuell ernüchternden Saison noch erreichen können. Im Pokal flog das Team um Kapitän Ruben Schott Mitte Dezember im Halbfinale gegen Friedrichshafen raus, in der Champions League kam das Aus bereits nach der Gruppenphase. Zum zweiten Mal in Serie wurde in der Königsklasse das Viertelfinale verpasst – das finanziell und sportlich ein herber Rückschlag. Denn in den Verhandlungen mit potenziellen Verstärkungen für die kommende Saison dürfte es die Verhandlungsposition des Clubs schwächen.
„Es waren harte Niederlagen“, gab Trainer Leal unumwunden zu. Der Brasilianer verwies aber auch auf die starken Gegner in der Gruppenphase und das Verletzungspech. Zuletzt meldet sich auch Nationalspieler Moritz Reichert ab, der Außenangreifer fällt mit einem Außenbandriss im rechten Sprunggelenk wochenlang aus. „Das ist die nächste ganz bittere Nachricht für uns“, äußerte Niroomand. Er hofft, dass Reichert dem Team „in dieser Saison noch in den Play-offs helfen kann“. Trainer Leal will die Personalsituation nicht als Ausrede nutzen. „Obwohl wir oft mit einem dezimierten Kader antreten mussten, geben alle immer alles“, sagte er: „Ich sehe keine negativen Entwicklungen, sondern bin sehr stolz auf die Truppe.“
„Das ist hier heute Abend mit nichts zu rechtfertigen“
Die Hoffnungen im CEV Cup, dem zweithöchsten europäischen Wettbewerb, in dem die Berliner nach dem Königsklassen-Aus gerutscht sind, waren entsprechend groß. Zumal die Volleys hier bei ihrer bislang letzten Teilnahme 2016 den Titel gewinnen konnten. „Es ist nicht so, dass das ein zweitklassiger Wettbewerb ist. Es ist ein hochklassiger Wettbewerb, top besetzt“, sagte Niroomand. Bestes Beispiel war gleich der Viertelfinalgegner: das italienische Topteam Gas Sales Bluenergy Piacenza. „Das Spiel wird zeigen, ob wir in den letzten Wochen einen kleinen Schritt nach vorn gemacht haben oder eben nicht“, hatte Kapitän Schott vor dem Hinspielduell gesagt. Und Niroomand meinte: „Da kommen wir unter normalen Umständen nicht dran. Es sei denn, wir haben wirklich einen großen Sahnetag.“
Doch der Deutsche Meister zeigte genau das Gegenteil. Niroomand sprach nach der deutlichen 0:3-Klatsche, bei der sein Team in keinem Satz auch nur ansatzweise konkurrenzfähig war, von einem „peinlichen Auftritt“. Für das Rückspiel in Italien am vergangenen Mittwoch wollte der Manager erst gar „keine hohlen Durchhalteparolen rausgeben“, wie er sichtlich frustriert äußerte: „Das ist hier heute Abend mit nichts zu rechtfertigen.“ Was Niroomand aktuell besonders ärgert: das fehlende Selbstvertrauen in Drucksituationen. „Wir brechen unter Druck wie ein Kartenhaus zusammen“, meinte er. Dass seine Personalauswahl im vergangenen Sommer auch dazu beigetragen haben könnte, dürfte Niroomand wissen. Genauso aber auch, dass das Team mit den verletzen Mittelblockern Nehemiah Mote und Jelle Bosma höchstwahrscheinlich druckresistenter aufgetreten wäre. Dennoch wünscht sich Niroomand deutlich mehr Gegenwehr vom gesunden Personal. „Es ist dann natürlich schwer, wenn es bei vielen nicht so läuft“, sagte Schott, der als Führungsspieler eigentlich vorangehen müsste. Doch auch bei ihm läuft es in dieser Saison nicht rund, seine Angriffs-Leistung gegen Piacenza nannte der Außenverteidiger selbst eine „Katastrophe“.
Niroomand aber weiß, dass die wahren Katastrophen eher abseits des Sports stattfinden. Aktuell ist er bei Medien auch als Iran-Experte gefragt, wenn es zum Beispiel über einen möglichen Ausschluss oder Boykott des iranischen Nationalteams von der Fußball-WM im kommenden Sommer in den USA geht. Große Sportevents sollten abgehalten werden, „damit die Völker einander näher kommen, anstatt dass sie sich trennen“, sagte er.