Die Regel-Revolution der Formel 1 offenbarte: Der Aufbruch in ein neues Zeitalter war von extrem hohem Unterhaltungswert – eine unfassbare Show mit reichlich Spektakel. Doch Max Verstappen ist der Spaß am Fahren vergangen.
Die Wogen der „Revolution“ haben sich auch vor dem dritten Saisonrennen in Japan (Sonntag, 8 Uhr/Sky) noch nicht geglättet. Die Neureglementierung der 2026er-Fahrzeuggeneration steht massiv in der Kritik. Neue Regeln sollten neue Spannung erzeugen. Dieses Konzept ist auch aufgegangen. Nach dem Saisonauftakt in Australien durch anfangs ständige Führungswechsel zwischen Mercedes (George Russell) und Ferrari (Charles Leclerc) sowie eine Inflation von Überholmanövern (Statistiker zählten 125 gegenüber 45 im Vorjahr) gerieten Teambosse ins Schwärmen. „So eine Show habe ich in den letzten zehn Jahren nicht mehr gesehen“, begeisterte sich Ferrari-Teamchef Frédéric Vasseur. Sein Mercedes-Kollege Toto Wolff stimmte dem Franzosen am Sky-Mikro zu: „Es war eine gute Show mit reichlich Action. Der solide Doppelsieg lässt uns hoffen, dass wir in dieser Saison um die WM kämpfen können.“ Was sollte der „gute Wolf(f)“ auch anderes sagen? Schließlich fuhren seine Angestellten den ersten Zweifacherfolg (George Russell vor Kimi Antonelli) seit 16 Monaten ein.
„Der Start ist zu kompliziert“
Im jüngsten Rennen in China war es ebenfalls ein Mercedes-Doppelsieg, nur in umgekehrter Reihenfolge: Antonelli vor China-Sprintsieger Russell. Mit Rang drei in China gelang Lewis Hamilton nach 26 Rennen in Rot sein erster Podestplatz vor Ferrari-Teamkollege Charles Leclerc. „Oldie“ Hamilton (41) sprach zuvor vom größten Kulturwandel in seiner 20-jährigen F1-Karriere.
Den Lobeshymnen auf die „neue Formel 1“ kann Max Verstappen nichts abgewinnen. Die Abneigung des Chefkritikers gegenüber dem 2026er-Reglement ist deutlich. Auf die Frage, ob ihm seine Aufholjagd von Startplatz 20 bis auf Rang sechs in Australien Spaß gemacht habe, antwortete der Red-Bull-Pilot vor der TV-Kamera: „Nein, so macht es keinen Spaß. Du fährst nicht das Auto, das Auto fährt dich. Ich bin jetzt mental schon so ausgelaugt wie nach einer ganzen Saison“, seufzte der „Bulle“. Und der „stramme Max“ legte nach: „Der Start ist zu kompliziert, zu langsam, zu technisch. Im Mittelpunkt steht die Batterie und nicht der Fahrer.“ Heißt: Die Motoren beziehen inzwischen nahezu zu gleichen Teilen Leistung aus dem Verbrennungsmotor und aus der Batterie, die während des Rennens aufgeladen werden muss. Die neuen Regeln rücken das Energiemanagement in den Mittelpunkt. Der Fahrer wird dann zum Bediener der nun hochkomplexen Rennwagen degradiert. „Wenn euch das gefällt, okay. Aber wenn ich so etwas will, spiele ich lieber Mario Kart. Ich persönlich kann die neue Fahrweise nicht genießen. Ich bin Racer und will auf den Geraden Vollgas geben, was jetzt durch die neue Technik nicht mehr möglich ist.“
Richtig zur Sache ging der „stramme Max“ nach seinem Ausfall mit Motorproblemen zehn Runden vor Schluss in China. Beim Saisonauftakt wurde er noch Sechster, aber „hier fehlen mir die Worte. Alles, was schiefgehen konnte, ist schiefgegangen. Wir haben mehr Probleme als erwartet. Es würde schon mal helfen, wenn wir endlich einen normalen Start hinlegen könnten“, ließ der „Bulle“ nach dem desaströsen China-Wochenende bei Sky ordentlich Dampf ab. Beim „Fremdgehen“ will Ehemann Verstappen seinen aktuellen Frust bekämpfen – und zwar in zweierlei Hinsicht. Erstens wechselt er von einem Red-Bull-Boliden in einen Mercedes-Sportwagen, und zweitens bestreitet er den Langstreckenklassiker 24-Stunden-Rennen auf dem Nürburgring (16. Mai). „Danach läuft es in der Formel 1 vielleicht besser“, hofft der Vierfach-Weltmeister.
„Es ist ziemlich herausfordernd“
Nach dem niederschmetternden China-Wochenende rechnete Verstappen gnadenlos mit der Königsklasse ab. In einer wahren Wutrede fehlten ihm dabei aber nicht die Worte. Vor den TV-Kameras und Mikrofonen gab sich der 71-fache Grand-Prix-Sieger stinksauer. Das neue Konzept geht ihm gegen den Strich. „Das ist schrecklich. Es ist furchtbar. Wer das mag, der hat wirklich keine Ahnung, was Racing ist. Es macht überhaupt keinen Spaß“, wiederholte er seine schon seit den Wintertests gemachte Erfahrung. Was ihn denn genau störe, so eine Reporterfrage. „So ziemlich alles“, kam es wie aus der Pistole geschossen. „Man boostet sich an einem Fahrer vorbei, dann ist die Batterie leer (Boosten bezeichnet den gezielten, kurzzeitigen Abruf von Mehrleistung, um Überholmanöver zu erleichtern, Anm. d. Red.). Auf der nächsten Geraden geht dir die Batterie aus, und sie boosten dann wieder an dir vorbei. Für mich ist das einfach nur ein Witz“, polterte ein „aufgeladener“ Verstappen. „Das hat mit Racing nichts zu tun. Das würde ich auch sagen, wenn ich gewinnen würde.“
Ferrari-Star Charles Leclerc bemerkte bei Sky Sport: „Man weiß nicht genau, wann die Batterie auf der Geraden leer ist und wann sie wieder einsetzt. Dadurch gibt es große Geschwindigkeitsunterschiede. Es ist also ziemlich herausfordernd.“ Sky-Experte Timo Glock (44) bringt das aktuelle Dilemma auf den Punkt: „Für mich sind das keine echten Überholmanöver mehr, weil der vordere Fahrer ausgeliefert ist. Das ist für die Spannung und Zuschauer gut, aber für den Fahrer ist es kein klassisches Duell. Die DNA der Formel 1 ist verloren gegangen.“ Was der Odenwälder meint: Der Showfaktor wurde erhöht, der Sport rund um den Helden im Cockpit kastriert. Glocks Sky-Kollege Ralf Schumacher (50) findet die Überholmanöver unterhaltsam, aber es sei lediglich „eine künstlich herbeigeführte Spannung“. Für den sechsfachen GP-Sieger ist die Formel 1 „noch ein klassischer Gladiatorensport. Doch genau diesen Status sehe ich mit dem neuen Reglement in Gefahr.“ Der 35. Weltmeister Lando Norris (28) stellt fest: „Es ist einfach nur sehr künstlich. Alles hängt davon ab, was die Power Unit (Antriebseinheit, die Energie erzeugt oder umwandelt, Anm. d. Red.) gerade so macht, und manchmal wirkt das fast willkürlich. Du wirst dann einfach von fünf, sechs Autos überholt und kannst gar nichts dagegen tun.“ In China erlebten der elffache GP-Sieger und sein McLaren-Teamkollege Oscar Piastri (24, neun Siege) den doppelten Super-GAU. Beide Papaya-Renner mussten schon vor dem Rennstart aufgrund technischer Probleme aufgeben. Der Australier Piastri ist nach seinem Abflug auf dem Weg in die Startaufstellung bei seinem Heimrennen sogar der erste Pilot seit dem Neuseeländer Bruce McLaren, der bei zwei aufeinanderfolgenden Rennen nicht starten konnte.
Schleppender Audi-Start
F1-Neueinsteiger Audi kam, sah und gewann zwei Punkte. Eigentlich ein ordentlicher Einstand eines Debütanten-Teams. Aber nur ein Fahrer holte die Punkte. Der deutsche Cheffahrer im deutschen Werksrennstall, Nico Hülkenberg (38), schaffte es beim Saisonauftakt nicht einmal bis zur Startaufstellung. Nach 100 Metern auf dem Weg dorthin traten technische Probleme auf, Hülkenberg wurde in die Box geschoben. Feierabend für den Rheinländer. Gabriel Bortoleto holte die Kastanien aus dem Feuer. Der junge Brasilianer (21) fuhr bei der Rennpremiere gleich in die Top Ten auf Platz neun und sicherte sich und dem Team direkt die ersten zwei WM-Punkte. „Punkte gleich im ersten Rennen zu holen, ist ermutigend und etwas ganz Besonderes. Das ist ein historischer Tag für uns“, fasste Gabriel „Gabi“ Bortoleto zusammen. Teamchef Jonathan Wheatley platzte trotz des Hülkenberg-Dramas fast vor Stolz: „Eine fantastische Leistung für alle Beteiligten. Ich bin unheimlich stolz auf das, was wir erreicht haben.“ Der ranghöchste „Audianer“, Audi-Vorstandschef Gernot Döllner (57), eigens für nur einen Tag auf die Südhalbkugel angereist, wollte sich überzeugen, wie es um das ehrgeizige Projekt seines Arbeitgebers steht.
Das „wechselhaft“ begonnene F1-Abenteuer setzte sich auch beim zweiten Rennen in China fort. Zum zweiten Mal konnte das Team mit den vier Ringen nur mit einem Auto starten. Diesmal hatte die „Hexe“ ihre Finger bei Bortoleto im Spiel. Wieder ein technisches Problem, das den Audi R26 lahmlegte. Hülkenberg, wie in Australien von Platz elf gestartet, erlebte einen schwarzen Sonntag. Ohne den verkorksten Boxenstopp mit einem nicht funktionierenden Schlagschrauber beim Wechseln der Hinterreifen kam Hülkenberg erst nach einer Standzeit von 16 Sekunden wieder los. Auf Platz elf gelandet, schrammte er knapp an einem WM-Punkt vorbei. Trotz dieses Missgeschicks zeigte sich „der Lange“ mit der Zielankunft zufrieden. Sein Fazit bei Sky: „Insgesamt ist es erst einmal gut, dieses Rennen beendet zu haben. Diese Kilometer und Infos sind viel wert.“ Nach zwei Rennen bleibt festzuhalten: Der Audi-Start in die F1-Saison 2026 verlief etwas holprig. Nach dem anschließenden Japan-Grand Prix hat die Formel 1 eine Verschnaufpause von fünf Wochen. Wegen großer Sicherheitsbedenken durch den Iran-Krieg wurden die Wüstenrennen in Bahrain (12. April) und in Saudi-Arabien (19. April) ersatzlos abgesagt. Das nächste Rennen findet erst am 3. Mai in Miami/USA statt.