Beim Saisonfinale geht es für die Skispringer in Planica weit hinaus. Philipp Raimund will vorne mitspringen – und sich selbst beweisen, dass er seine Höhenangst wirklich im Griff hat.
Ein Skispringer mit Höhenangst – Philipp Raimund weiß, dass das zunächst äußerst skurril klingt. „Das ist ein riesiges Paradox“, sagt der 25-Jährige: „Ich habe mir da selbst ein Bein gestellt.“ Doch so ganz selten kommt das in der Szene gar nicht vor. Auch Österreichs früherer Topspringer Andreas Widhölzl und der viermalige Weltmeister Daniel-André Tande aus Norwegen leiden oder litten zum Beispiel ebenfalls unter Akrophobie. Normalerweise habe er die Angst, die er in der Höhe spürt, „unter Kontrolle“, betonte Raimund. Aber ab und zu, vor allem beim Skifliegen, könne es passieren, „dass mein Körper reagiert, ohne dass ich ihn kontrollieren kann“. Die Folge: Kontrollverlust. Für einen Skispringer der blanke Horror. „Ich verliere die Kontrolle und für etwa eineinhalb Sekunden beobachte ich nur mich selbst, während ich mich in der Klaue befinde, die mich festhält.“ So beschrieb der Olympiasieger einmal die Situation, wenn ihn die Höhenangst bei einem Sprung auf über 200 Meter mit voller Wucht packt.
Deswegen ist Raimund auch immer besonders feinfühlig, wenn es ums Skifliegen geht. Denn dann sind die Schanzen noch einmal deutlich größer, die Sprünge deutlich weiter. „Ich werde nicht fliegen, wenn ich mich nicht bereit und glücklich dafür fühle“, betont er. Im Vorjahr war das beim Weltcupfinale im slowenischen Planica der Fall, und auch in diesem Olympia-Winter sorgte Raimund mit einem kurzfristigen Startverzicht für Aufsehen: Beim Weltcup am Holmenkollen in Oslo entschied sich Deutschlands bester Skispringer aus freien Stücken, dort nicht anzutreten, weil der starke Wind ihm zu gefährlich erschien. „Ich habe gemerkt, es wird immer noch wilder, immer noch unabsehbarer“, erklärte Raimund. Seinem slowenischen Konkurrenten Domen Prevc sagte der Deutsche im Vorbeigehen: „Domen, du bist einen Sprung eher dran, ich springe nicht. Ich mache diesen Scheiß hier nicht mit.“ Der Wettkampf wurde schließlich nach dem ersten Durchgang beendet. Raimund bereute seine Entscheidung nicht.
Viele Rekorde in Planica
„Ich hatte das Gefühl, dass es jetzt nicht nötig sei, irgendetwas zu riskieren“, sagte er hinterher. „Es gibt viele Menschen, die mich gerne wieder zu Hause haben.“ Gemeint war vor allem seine Freundin, an die er bei seiner Entscheidung als Allererstes gedacht hatte, wie er dem norwegischen Sender NRK verriet: „Mein erster Gedanke war: Was würde sie dazu sagen? Mir kam sofort in den Sinn, dass sie immer sagt, das Wichtigste sei meine Sicherheit und eine sichere Landung, egal bei welchem Wetter.“ Bundestrainer Stefan Horngacher hatte mit Raimunds Entscheidung überhaupt keine Probleme: „Es ist viel schwerer, runterzugehen, als runterzuspringen. Das ist für den Sportler viel schlimmer. Aber er hat sich dafür entschieden. Respekt dafür.“ Auch der norwegische Skispringer Kristoffer Eriksen Sundal zollte seinem deutschen Konkurrenten großen Respekt. „Das zeigt, dass er ständig Risikobewertungen vornimmt. Niemand verzichtet gerne auf ein Weltcupspringen, das zeugt von Reife“, sagte er. „Wenn du dich nicht ganz wohlfühlst, solltest du auch nicht springen.“
So wird es Raimund auch beim diesjährigen Weltcupfinale in Planica vom 26. bis 29. März halten, wenn auf der zweitgrößten Skisprung-Anlage der Welt wieder der Weiten-Weltrekord gejagt wird. Den hält aktuell Lokalmatador Domen Prevc, der im Vorjahr im Ponce-Tal einen Wahnsinnssprung von 254,5 Metern stand und damit den Österreicher Stefan Kraft als Rekordspringer ablöste. Auch der deutsche Rekord wurde auf der berühmten Skiflug-Anlage in Planica aufgestellt: Der inzwischen zurückgetretene Markus Eisenbichler flog hier gleich zweimal auf 248 Meter. Planica war bislang Raimunds Achillesferse, hier fühlte er sich bis jetzt nicht wirklich sicher. Doch diesmal hat er einen Start im Skiflug-Mekka fest eingeplant. „Dieses Jahr will ich mich aber da runterschmeißen“, hatte Raimund angekündigt. Aktuell bereitet ihm die Höhenangst zumindest keine Sorgen, was auch an der Zusammenarbeit mit einem Psychologen zusammenhängt. „Ich kann mich nur bei ihm bedanken und bin sehr froh, dass ich den Schritt gemacht habe im Sommer“, sagte Raimund während Olympia. „Ich habe die Wurzel des Ganzen gefunden und probiert, so gut es geht, dagegenzusteuern.“ Aktuell sei die Höhenangst für ihn „kein Problem“.
Abschied für den Bundestrainer
Das zeigte sich zunächst auch beim Skifliegen im ersten Wettbewerb nach seinem Goldsprung bei Olympia. „Ich war sehr entspannt das Wochenende über“, sagte Raimund. Im ersten Springen im österreichischen Bad Mitterndorf hatte er mit Platz sechs auch sportlich Grund, stolz auf sich zu sein. Es war sein erstes Top-Ten-Ergebnis im Skifliegen überhaupt. „Ich bin damit voll zufrieden“, sagte er hinterher. „Ich habe einige Schritte nach vorne gemacht.“ Im zweiten Springen am Kulm belegte der deutsche Vorspringer dort aber nur den 16. Platz und offenbarte dabei einige Schwächen. Vom Sieg war er diesmal meilenweit entfernt. „Ihm fehlt noch die Erfahrung beim Skifliegen“, erklärte Bundestrainer Horngacher. Die notwendige Qualität auch fürs Fliegen bringe sein Schützling aber allemal mit: „Er ist athletisch extrem gut. Er hat eine wahnsinnige Technik, die nur ganz wenige so springen können.“
Im Skispringen klappt es für den gebürtigen Göppinger aber noch deutlich besser. Der beste Beweis war der Olympia-Triumph von der kleinen Schanze in Italien. Den Riesenerfolg feierte er auch deshalb so ausgiebig, weil er so überraschend gekommen war. Angesichts der vorherigen Ergebnisse hatte zwar jeder Raimund als potenziellen Top-Five-Springer auf dem Zettel gehabt, aber nicht wirklich als Sieganwärter. Doch er selbst hatte immer an sich und seine Chance auf Platz eins geglaubt. Wichtig war, dass der eher extrovertierte Raimund im Val di Fiemme seine Emotionen besser im Griff hatte und sie in die richtigen Bahnen leitete. Das ist ihm hervorragend gelungen. „Er neigt ja dazu, ein bisschen zu übertreiben beim Jubeln. Das haben wir ein bisschen besprochen. Er hat das wirklich super gemacht. Er hat sich super vorbereitet, ist extrem fokussiert geblieben und hat sich voll auf die Technik und das körperliche Training konzentriert“, sagte Horngacher. Auch Raimund nannte die innere Balance als wichtigstes Erfolgsrezept: „Ich war tödlich ruhig, ich war so im Fokus, ich habe nichts an mich rangelassen.“ Erst als die Nummer eins hinter seinem Namen auf der Anzeigetafel eingeblendet wurde, ließ er alle Anspannung fallen. „Der Kopf hat wieder angefangen, den Affen zu machen und sich ein bisschen im Kreis zu drehen“, sagte er über die ersten Stunden nach dem großen Triumph. Ein Sieg, der auch das deutsche Skispringen „deutlich nach vorne“ bringen werde, wie Horngacher prophezeite.
Mit dem Österreicher hatte Raimund in dieser Saison so seine Probleme gehabt. Kurz vor der WM im norwegischen Trondheim habe es „wirklich gekracht“, berichtete der Athlet. „Wir haben auch schon ein richtiges Streitgespräch gehabt. Da hat’s richtig gescheppert. Aber das war auch gut. Das war wichtig“, sagte Horngacher. Worum es dabei ging, wollte keiner der beiden verraten. Doch die mitunter unbedarfte und sehr lockere Art des Athleten bringt den früheren Topspringer Horngacher oft zum Verzweifeln. Ein Beispiel: Nach seinem Goldsprung von der Normalschanze wollte Raimund unbedingt mit den gleichen Skiern von der großen Schanze springen – doch die Bedingungen hatten sich deutlich geändert. „Philipp hat im Probedurchgang den falschen Ski genommen. Das war ein Fehler von ihm, und ich habe es nicht rechtzeitig erfahren“, schimpfte Horngacher. Der Olympiasieger sprang letztlich von der großen Schanze nur auf Platz neun. Beim Teamwettbewerb verpasste Raimund eine zweite Medaille nur ganz knapp: Im nach dem ersten Durchgang beendeten Wettbewerb mit Andreas Wellinger fehlten 0,3 Punkte zum Bronzerang – oder in Weite umgerechnet: 17 Zentimeter. Der Bundestrainer nahm Raimunds Fauxpas aber eher gelassen. „Ich habe lernen müssen, mit ihm umzugehen, aber ich kann jetzt richtig gut mit ihm.“ Raimund sei „ein sehr feiner Mensch und ein wahnsinniger Sportler“.
Für Horngacher werden die Springen in Planica die letzten als verantwortlicher Bundestrainer sein. Der Österreicher, der 2019 das schwere Erbe von Werner Schuster angetreten hatte, teilte schon vor Olympia seinen Entschluss zum Rückzug mit. Unter seiner Regie holten die deutschen Skiadler insgesamt acht WM-Medaillen sowie Olympia-Gold 2026 durch Raimund sowie jeweils Bronze 2022 für das Team und Karl Geiger.
Allerdings konnte auch Horngacher die Flaute bei der prestigeträchtigen Vierschanzentournee nicht beenden. Skisprung-Deutschland wartet hier seit 2002 durch Sven Hannawald auf einen Gesamtsieger. Sein aktuell bester Springer sieht die Neubesetzung auf dem Bundestrainer-Posten zwiegespalten. „Der Stefan hat jetzt viele Jahre als Trainer in Deutschland gearbeitet und hat viele Erfolge gehabt“, findet Raimund einerseits. Auf der anderen Seite könne eine Neubesetzung aber auch „frischen Wind“ reinbringen. Der Wettbewerb in Planica zum Saisonabschluss ist auch für die Skispringerinnen etwas Besonderes. Erstmals wird im Skiflug-Mekka auch ein Frauen-Wettbewerb veranstaltet. Noch offen ist, wie viele Athletinnen sich auf einer der weltgrößten Schanzen überhaupt hinunterwagen.
Die Skispringerinnen um die Deutschen Selina Freitag und Agnes Reisch hatten aber allein schon den Entschluss des Weltverbands FIS als eine Art Meilenstein im Frauen-Skisprungsport gefeiert. Auf jeden Fall ist für reichlich Brisanz und Vorfreude beim letzten Wettbewerb des Olympia-Winters gesorgt.