Die Idee zum Radio entstand im Schützengraben. Was zunächst als improvisierte Musikübertragung unter Soldaten begann, entwickelte sich wenige Jahre später zu einer technischen Revolution.
Der Startschuss zum Betrieb des deutschen Unterhaltungsrundfunks über drahtlose Funkwellen fiel erst am Mittag des 29. Oktober 1923. Dem damaligen Staatssekretär im Berliner Postministerium, Hans Bredow, wurde in seinem Büro auf einem Grammophon eine schwarze Schellackplatte vorgespielt. Erst hörte man einen Ansager, der sagte, was nun gleich passieren würde, dann die entsprechende Musik, und danach bedankte sich der Ansager beim Orchester und seinem Kapellmeister. Das Revolutionäre: Zukünftig sollte diese Unterhaltung eben nicht mehr auf einer Schellackplatte transportiert werden, sondern über Funkwellen. Man musste nicht mehr in den Plattenladen gehen und dann abends das gute Stück auflegen, sondern sollte zukünftig einfach ein Empfangsgerät einschalten und der Musik per Funkwellen lauschen können. Anfangs entweder über einen riesigen Trichter oder allein über Kopfhörer, der Magnetspulen-Lautsprecher war noch nicht erfunden.
Nachdem Poststaatssekretär Bredow die „Pilotsendung“, wie man heute sagen würde, gehört hatte, kam seine überraschende Entscheidung. So etwas machen wir heute Abend um 20 Uhr über Welle 400, allerdings live im Studio. Die Vorbereitungen zu einem „Sendebetrieb“ liefen bereits seit zwei Jahren. Technisch war alles Anfang 1923 vorbereitet, doch die galoppierende Inflation verzögerte den Sendestart.
Unterhaltung für zu Hause
Das Geburtshaus des ersten Radioprogramms in Deutschland: das Vox-Haus in der Berliner Potsdamer Straße 4. Oben direkt unter dem Dach, in einem fünfstöckigen Bürohaus. Der Vox-Schallplattenkonzern, eingetragen als „Schallplatten- und Sprechmaschinen-AG“, hatte den richtigen Riecher: Unterhaltung wird es zukünftig nicht mehr nur im Konzertsaal, beim Kaffeetrinken, als Hausmusik oder auf Schellack geben, sondern mittels Funkwellen. Die Idee dazu soll ein Vox-Mitarbeiter bereits direkt nach dem Ende des Ersten Weltkrieges gehabt haben. Er war Funker an der Westfront, und zwar nicht im Morsen, also drahtlos über Wellen, sondern im Sprechverkehr, das heißt nach dem Telefon-Prinzip von Alexander Graham Bell über Kupferdraht.
Die Existenz elektrischer Funkwellen hatte Heinrich Hertz bereits 1886 nachgewiesen. Erste Funkanlagen konnten zwar Morsesignale, also ein Kilohertz Piep-Töne senden, waren aber technisch für Sprach- oder Lautübertragungen noch nicht zu gebrauchen. Besagter Vox-Mitarbeiter soll während seines Dienstes den Kameraden an der Front per Drahtfunk von seinem Grammophon über Trichtermikrofon Musik in die Schützengräben geschickt haben. Grundlage für das spätere Unterhaltungsradio.
Die Technik schritt voran, Sprache konnte zum Ende des Ersten Weltkriegs auch über Funkwellen übertragen werden. Am Montag, dem 29. Oktober 1923, die Premiere: Die „Funkstunde Berlin“ geht auf Sendung. Direktor Friedrich Georg Knöpfke, selbst Radio-Pionier, ist damit um 20 Uhr auch der erste Radio-Sprecher Deutschlands: „Achtung, Achtung, hier ist die Sendestelle Berlin, Vox-Haus, auf Welle 400 Meter. Meine Damen und Herren, wir machen Ihnen davon Mitteilung, dass am heutigen Tage der Unterhaltungs-Rundfunkdienst mit Verbreitung von Musikvorführungen auf drahtlos-telefonischem Wege beginnt. Die Benutzung ist genehmigungspflichtig“, knarzte es aus dem Kopfhörer. Doch mit der Ansage ins Trichtermikrofon hielt sich Knöpfke nicht lang auf, genau 45 Sekunden, dann verkündete er: „Als erste Nummer bringen wir ein Cello-Solo mit Klavierbegleitung, Andantino von Kreisler, gespielt von Herrn Kapellmeister Otto Urak. Am Flügel Herr Fritz Goldschmied.“
Problem beim Sendstart: Das erste Radioprogramm hatte kaum Hörer. Die Hyperinflation hatte genau in jenen Oktobertagen ihren Höhepunkt erreicht, und die Menschen hatten keine Zeit für die neue Radio-Unterhaltung. In den folgenden zehn Jahren stieg dann aber die Zahl der Radio-Teilnehmer kontinuierlich an. Der Siegeszug „des Unterhaltungs-Rundfunkdienst mit Verbreitung von Musikvorführungen auf drahtlos-telefonischem Wege“ war nicht mehr aufzuhalten.