Was haben alte, asiatische Kampfkunst und Kommunikation gemeinsam? Ziemlich viel, ist Autor und Kommunikationsexperte Bernhard Moestl überzeugt. Ein Interview über vermeidbare Konflikte, mehr Achtsamkeit und die Fähigkeit, sich selbst zuzuhören.
Herr Moestl, wir reden ständig miteinander, aber irgendwie habe ich das Gefühl, wir verstehen uns alle immer weniger. Was läuft schief in unserer Kommunikation?
Ich denke, dass jeder hört, was er hören will, und wir oft gar nicht mehr hören wollen, was der andere tatsächlich sagt. Wir sind sehr stark in unseren eigenen Bubbles gefangen. Das führt dazu, dass wir uns mehr mit uns selbst beschäftigen als mit dem Gegenüber. Gleichzeitig hat sich auch die Art, wie wir kommunizieren, stark verändert. Alles muss schnell gehen: kurze Nachrichten, Mails, Kommentare. Diese extreme Verkürzung führt dazu, dass wir uns gar nicht mehr die Zeit nehmen, wirklich miteinander zu sprechen. Und genau daraus entstehen dann viele Missverständnisse.
Spielen soziale Netzwerke da auch eine Rolle?
Ja, definitiv. Gerade dort sieht man das sehr deutlich. Man liest eine Überschrift, klickt vielleicht schon auf „Like“ ohne überhaupt zu wissen, worum es eigentlich geht, und teilt den Beitrag weiter. Kommunikation wird dadurch immer weniger etwas Eigenes. Statt selbst Gedanken zu formulieren, greifen wir auf Inhalte zurück, die andere bereits erstellt haben. Wir drücken unsere Meinung nicht mehr direkt aus, sondern indirekt, indem wir etwas teilen. Das führt dazu, dass Kommunikation oberflächlicher wird und wir uns weniger mit Inhalten auseinandersetzen.
Würden Sie sagen, Zuhören ist eine unterschätzte Fähigkeit in der heutigen Zeit?
Ich glaube ehrlich gesagt nicht, dass das nur ein Problem unserer Zeit ist. Ich denke, das war schon immer so. Wirklich zuzuhören bedeutet, sich auf das einzulassen, was der andere sagen möchte. Aber oft passiert etwas anderes: Wir hören die ersten Worte und denken sofort, wir wissen schon, worauf es hinausläuft. Dann hören wir innerlich schon auf, zuzuhören. Viele kennen diese Situation: Jemand beginnt einen Satz und man reagiert sofort, weil man glaubt, den Inhalt schon zu kennen – und stellt dann fest, dass es eigentlich um etwas ganz anderes ging. Wir hören also oft das, was wir erwarten zu hören, und nicht das, was tatsächlich gesagt wird.
Ein Zitat von Ihnen: „Der eigentliche Konflikt entsteht im Kopf“. Was bedeutet das für unsere Gespräche?
Das bedeutet, dass Konflikte nicht im Außen entstehen, sondern in uns selbst. Jeder Mensch hat seine eigene Wirklichkeit. Wir treffen unsere Entscheidungen nicht auf Basis von objektiven Tatsachen, sondern darauf, wie wir diese Tatsachen interpretieren. Wenn wir wirklich nur auf Fakten reagieren würden, gäbe es viele Missverständnisse gar nicht. Aber in der Realität ist es so: Sie sagen etwas, ich verstehe etwas anderes. Sie haben vielleicht etwas ganz anderes gemeint, als bei mir ankommt. Und genau aus dieser Differenz entsteht Konflikt. Diese persönliche Wirklichkeit wird zusätzlich durch Medien, durch andere Menschen und durch unsere eigenen Erfahrungen geprägt. Auf dieser Grundlage treffen wir dann Entscheidungen – auch darüber, wie wir kommunizieren und wie wir andere bewerten.
Unser Denken beeinflusst also die Art, wie wir sprechen?
Ja, enorm. Nehmen Sie ein einfaches Beispiel: Wenn Sie jemanden sehen und aufgrund des Aussehens glauben, diese Person spricht vielleicht nicht gut Deutsch, dann passen Sie automatisch Ihre Sprache an. Sie sprechen einfacher, vielleicht langsamer oder sogar in einer Art, die man früher abwertend als „Ausländersprache“ bezeichnet hat. Wenn Sie dieselbe Person aber am Telefon hören und merken, dass sie perfekt Deutsch spricht, verhalten Sie sich ganz anders. Das zeigt, wie stark unsere Erwartungen unser Kommunikationsverhalten beeinflussen. Wir sprechen nicht neutral, sondern immer auf Basis dessen, was wir glauben, über unser Gegenüber zu wissen.
Sie leben und arbeiten nach den Shaolin-Prinzipien. Was hat Sie daran geprägt?
Das hat mein Leben grundlegend verändert. Ich beschäftige mich seit meiner Jugend mit Kampfkunst und habe auch längere Zeit im Shaolin-Tempel verbracht. Dort habe ich nicht nur körperliche Techniken gelernt, sondern vor allem eine bestimmte Denkweise. Für mich ist die Kunst des Kampfes letztlich eine Schule fürs Leben. Ich habe viele Jahre in Asien verbracht, und diese Erfahrungen haben mich stark geprägt. Es geht dabei weniger um Kampf im klassischen Sinne, sondern um Haltung, Wahrnehmung und Bewusstsein.
Was können wir in der Kommunikation von den Shaolin lernen?
Ein zentraler Punkt ist Achtsamkeit. Mein Meister hat einmal gesagt: Ein achtsamer Kämpfer erwartet von seinem Gegner weder das Beste noch das Schlechteste – er erwartet gar nichts. Und genau das lässt sich auch auf Kommunikation übertragen. Wir gehen oft mit Erwartungen in Gespräche: Wir glauben, zu wissen, wie jemand reagieren wird, was jemand kann oder nicht kann. Diese Erwartungen beeinflussen unser Verhalten und können uns sogar daran hindern, überhaupt offen zu fragen. Wenn ich zum Beispiel denke, jemand kann etwas ohnehin nicht, frage ich gar nicht erst. Dabei könnte es genau anders sein. Erwartungslosigkeit bedeutet, dem anderen neutral zu begegnen und sich wirklich auf die Antwort einzulassen – egal, wie sie ausfällt.
Was wäre ein erster Schritt, um besser zu kommunizieren?
Zuhören – und sich selbst zurücknehmen. Es gibt in der Kampfkunst ein Prinzip, das besagt: „Befreie dich von deiner eigenen Kraft.“ Übertragen auf Kommunikation heißt das, sich von eigenen Emotionen, Vorurteilen und Erwartungen zu lösen. Erst einmal zuhören, ohne sofort zu bewerten. Und erst danach eine eigene Meinung bilden. Das fällt vielen schwer, ist aber entscheidend.
Welche Gewohnheiten sollten wir darüber hinaus Ihrer Meinung nach ablegen?
Antworten, bevor wir überhaupt verstanden haben, worum es geht. Dieser Impuls, sofort zu reagieren, ist sehr verbreitet. Besonders dieser Satz: „Ich weiß, was du meinst.“ In vielen Fällen stimmt das eben nicht. Wir nehmen uns selbst die Chance, wirklich zu verstehen, was der andere sagen wollte.
Kann man sagen: Wer sich selbst nicht versteht, kann auch andere nicht verstehen?
Ja, absolut. Viele Menschen haben verlernt, sich selbst zuzuhören. Wir orientieren uns stark an der Meinung anderer und suchen ständig Bestätigung von außen. Das hat auch evolutionäre Gründe: Wir wollen Teil der Gruppe bleiben. Aber gleichzeitig führt es dazu, dass wir uns selbst weniger ernst nehmen. Wenn wir nicht einmal auf unsere eigenen Bedürfnisse hören – auf unseren Körper, unsere Gefühle – wie sollen wir dann in der Lage sein, anderen wirklich zuzuhören?
Was hilft, wieder mehr auf sich selbst zu hören?
Sich selbst wichtig zu nehmen. Für mich sind unsere Fähigkeiten Geschenke. Und ich bin der Meinung, dass wir diese nicht kleinreden oder verstecken sollten. Wenn ich anerkenne, was ich kann, und dafür dankbar bin, verändert sich auch mein Auftreten. Ich gehe anders durch die Welt und habe ein anderes Verhältnis zu mir selbst. Und das hat direkte Auswirkungen auf meine Kommunikation. Wenn ich gut für mich selbst sorge, kann ich auch besser für andere da sein. Das ist wie im Flugzeug: Setzen Sie zuerst Ihre eigene Maske auf, bevor Sie anderen helfen. Das klingt banal, wird aber oft vergessen.
Würde das am Ende auch helfen, Konflikte zu reduzieren?
Davon bin ich überzeugt. Wenn ich mit mir selbst im Reinen bin und zu meiner Meinung stehe, habe ich nicht ständig das Gefühl, sie verteidigen zu müssen. Dann kann ich auch andere Meinungen leichter zulassen. Ich diskutiere sehr gerne, aber mir geht es nicht darum, jemanden zu überzeugen. Mir geht es darum, herauszufinden, wo ich vielleicht falsch liege oder etwas übersehen habe. Diskussion sollte kein Kampf sein, sondern ein Mittel zur eigenen Weiterentwicklung. Wenn wir das wieder stärker so sehen, können Gespräche auch wieder konstruktiver und weniger konfliktgeladen werden.