Wir machen es ständig, manche ununterbrochen, gesamtgesellschaftlich mit steigender Tendenz: kommunizieren! Ein kurzer Überblick soll zeigen, wie sich unsere Sprache dabei entwickelt hat.
Seit der digitalen Revolution Ende des letzten Jahrhunderts und erst recht mit dem Einzug des Smartphones in den Nullerjahren ist der Ausstoß von Botschaften um das Tausendfache gestiegen. Zwar können sich auch andere Lebewesen über Mimik, Gestik und Laute mitteilen, doch im Gegensatz zu ihnen beherrschen wir Menschen eine Sprache, ein hochkomplexes System, das es uns möglich macht, auch Dinge mitzuteilen, ohne sie auszusprechen. Neben dem reinen Sachverhalt, der vom Sender zum Empfänger kommuniziert wird, bewerkstelligt die unterschiedliche Anwendung von Syntax (die Lehre vom Satzbau) und Semantik (Bedeutungslehre) verschiedene soziale Funktionen: So bedienen sich zum Beispiel die Juristen einer möglichst genauen, eindeutigen Ausdrucksweise, um eine Interpretation auszuschließen. Dabei reihen sie viele Nebensätze aneinander. Andererseits benutzen Marketingmanager und Werbefachleute bevorzugt wenige Schlagworte und meistens eine sehr bildhafte Sprache, die sich bei den Kunden schnell einprägen soll. Dichter und Liedermacher wiederum benutzen eine mehr oder weniger rhythmische Sprache, oftmals auch Reimschemata, die eine Melodie erzeugen. Mit dem Aufkommen von Emojis hat sich der Gebrauch von Sprache dahingehend verändert, dass wir Gefühle mit kleinen Bildchen ausdrücken, die wir mit dem System von Buchstaben, Satz- und Nummernzeichen kombinieren. Das Internet hat sogar eine eigene Sprache hervorgebracht, mit Akronymen (Wortkürzeln aus Anfangsbuchstaben, zum Beispiel LOL = Laughing Out Loud), die vor dem Gebrauch von Social Media keinen Sinn ergeben hätten.
Was hat unsere Spezies letztendlich dazu gebracht, so exzessiv und diversifiziert Konversation zu betreiben? Die einfache Antwort lautet: Erst durch die Fähigkeit, sich Geschichten zu erzählen, wurde es dem Homo sapiens möglich, sich an die Spitze der hochentwickelten Säugetiere zu setzen.
Vor rund 70.000 Jahren verließ eine neue Gruppe von Homo sapiens den afrikanischen Kontinent und vertrieb dabei die Neandertaler und alle anderen Arten von Menschen, und zwar weltweit. Eine „kognitive Revolution“ nennt der Historiker Yuval Noah Harari den Riesensprung, den unsere Vorfahren in den nur 30.000 Jahren gemacht hatten, ihm zufolge waren die Homo sapiens von vor 100.000 Jahren im Denken und Lenken noch eine ganz andere Art. Der Auslöser für die Revolution waren zufällige Genmutationen, die die Kabel im Gehirn neu verschalteten und die Harari als „Baum der Erkenntnis“-Mutationen bezeichnet. Betrachtet man mittels MRT die Areale im menschlichen Gehirn, in denen Sprache entsteht und verstanden wird, fällt eine ausgeprägte Faserstruktur zwischen dem sogenannten Wernicke-Areal und dem Broca-Areal ins Auge. Diese ist bei Schimpansen, der dem Menschen am nächsten stehenden Art, kürzer und weniger dicht. Bei Neugeborenen ist diese Faserverbindung noch nicht entwickelt, sie wächst mit jedem Wort, das ein Kleinkind erlernt, so weit, bis es auch komplexe Sätze verstehen und konstruieren kann.
Die Buchstaben-Ursuppe
Da der Mensch ein Herdentier ist, geht eine Theorie davon aus, dass die Kommunikation über die Beschreibung der Umwelt hinaus dem Klatsch und Tratsch zwischen den Artgenossen dient. Die Kooperation in der Herde ist für den Menschen wichtig, um das Überleben und die Fortpflanzung zu gewährleisten. Kurzum, es war für uns weniger bedeutend, zu wissen, wo sich der Löwe versteckt hält oder in welchem Tal der Büffel grast, als das Wissen darüber, wer wen nicht leiden kann, wer mit wem schläft oder wer andere beklaut. Diese Theorie, so witzig sie uns erscheinen mag, wird heute noch durch das, was man in Chatgruppen, Feeds und Klatschspalten aller Art liest, mehr als bestätigt. Doch das Einzigartige an unserer Sprache ist die Möglichkeit, Dinge zu kommunizieren, die es gar nicht gibt. Soweit wir wissen, gibt es keine weitere Spezies, die Handlungsalternativen erörtert oder Märchen und Mythen erfindet. Mittels einer fiktiven Sprache können wir uns Wesen wie Elfen, Trolle, Riesen und Drachen vorstellen, eine Glaubensschrift zur Grundlage einer Religion machen und damit Kräfte mobilisieren, die wir ohne erfundene Inhalte nicht abrufen könnten. Nationalstaaten hätten ohne Gründungsmythos keine Chance gehabt, Menschen in Schützengräben aushalten zu lassen und an einen Sieg zu glauben. Das fußt auf der enormen Flexibilität unserer Sprache. Während Affen geringfügig flexibler als Ameisen sind und nicht nur starre Programme ablaufen lassen, sondern beschränkt kreative Lösungen für einfache Probleme entwickeln, können Menschen mit Wildfremden über Grenzen hinweg kooperieren und an hochkomplexen Aufgaben arbeiten. Vorausgesetzt, man bezieht sich auf ein Sprachsystem.
Die Muttersprache, mit der wir nach der Geburt in Kontakt kommen, gibt uns einen Wortschatz von rund 75.000 Wörtern an die Hand. Jede Schallwelle, die unser Ohr erreicht, wird mit diesem Vokabular abgeglichen. Jeder Gedanke, den wir als Antwort formulieren, muss in Worte gefasst werden. Erst durch die Übergabe an die Artikulationsorgane, Lippen, Zunge, Gaumen, Rachen, Kehlkopf, wird Sprache hörbar. Mit der Ausbreitung des Homo sapiens haben sich vermutlich Zehntausende Sprachen entwickelt, eine riesige Menge Systeme, bezieht man jeden regionalen Dialekt in die Zählung ein. Als der Mensch in der Jungsteinzeit (5.500 bis 2.200 Jahre vor Christus) sein Nomadendasein beendete und sesshaft wurde, ging auch die Sprachenvielfalt verloren. Heute zählen wir insgesamt rund 7.000 Sprachen. Die Top Five der heute am weitesten verbreiteten Sprachen sind: allen voran Englisch, darauf folgend Mandarin, Hindi, Spanisch und Französisch. Deutsch liegt auf Platz zwölf und wird von rund 130 Millionen Menschen benutzt. Die Tendenz der Verdichtung auf immer weniger Dialekte geht einher mit dem Wegfallen der ausschließlich gesprochenen Sprachen, denn nur wer schreibt, der bleibt im kollektiven Gedächtnis. So war die Konservierung des Wortes der nächste große Meilenstein in der Sprachentwicklung.
Wer schreibt, bleibt
Die Entwicklung der Schrift datieren Forschende auf circa 3.500 vor Christus zurück. Ihre Wiege liegt im heutigen Irak, in Uruk. Da es eine Handelsstadt war, bedeutete das den Umgang mit Warenein- und -ausgängen. Die Handelseigner mussten ihre Buchhaltung verschriften. Die immer komplexer werdenden Anforderungen führten letztendlich zur Erfindung der Keilschrift, die im Orient über viele Jahrhunderte hinweg benutzt wurde. Etwa 3.200 vor Christus entwickeln die Ägypter eine Schrift in Form kleiner Bilder, die sogenannten Hieroglyphen. Ihre Schwäche war, dass man eine Unmenge an Zeichen brauchte, um die Fülle an Bedeutungsinhalten abzubilden. Etwa 1.500 Jahre später lösen Wanderarbeiter in Ägypten eine bedeutende Schriftreform aus. Sie pickten sich aus 700 Hieroglyphen etwa zwei Dutzend heraus, die lautliche Ähnlichkeit mit ihrer eigenen Sprache hatten. Damit gelang es Ihnen, Worte und Sätze zu schreiben. Die Geburtsstunde aller Alphabete, die wir heute kennen, geht auf diese Leistung zurück. Die älteste Schriftart, die aktuell noch verwendet wird, stammt aus China. Sie wurde mit der Zeit immer komplexer. Heute existieren im Chinesischen etwa 60.000 bis 80.000 Schriftzeichen, im Alltagsgebrauch befinden sich davon „lediglich“ 3.000. Dass die chinesische Schrift sich auch der Bildsprache bediente, kann man erkennen, wenn man zum Beispiel das Zeichen für Baum betrachtet, das tatsächlich wie ein stilisierter Stamm mit Ästen aussieht. 97 Prozent sind heute allerdings keine Bildzeichen, sondern sogenannte Phonogramme, eine Kombination aus Zeichen- und Bildelementen. Das erste Element gibt Hinweise auf die Aussprache, das zweite auf die Bedeutung.
Druckt Du noch, oder drückst Du schon?
In Europa hat man bis in die Mitte des 15. Jahrhunderts Texte durch Abschrift vervielfältigt. Als der Buchdruck mit beweglichen Lettern erfunden wurde, öffnete dies Tor und Tür zur Massenverbreitung von Nachrichten. Zuvor waren lediglich Geistliche und Adelige privilegiert, das Wort in geschriebener Form zu lesen und zu schreiben. Die Technik des Buchdrucks breitete sich in nur wenigen Jahrzehnten über den Kontinent hinweg aus. Aus Flugblättern wurden Zeitungen, wurden Daten, deren Flut heutzutage ein Herausfiltern von Informationen erfordert. Nur um ein Bild zu kreieren: Eine Million gedruckte Seiten entspricht ungefähr einem Gigabyte an Datenvolumen. Das Geschriebene an sich hat sich dahingehend verändert, dass man immer weniger nuancierte Sprache einer verkürzten Form opfert. Im Bereich der Feeds sollte man keine allzu elaborierte Sprachanwendung erwarten, schießen die Anwender von Social-Media-Plattformen doch ihre Meinung mit einem Klick über die Datenautobahn – dies nicht selten im Gehen, mit beiden Fingern auf einer kleinen Glasscheibe. Dass dabei Groß- und Kleinschreibung, Zeichensetzung und Logik beim Herstellen von kausalen Zusammenhängen leiden, versteht sich von selbst. Es geht heute viel mehr darum, mit dem Verschlagworten (Buzzwording) von komplexen Sachverhalten Aufmerksamkeit zu erzielen. Das geschieht unter anderem durch die Hashtags, mit denen vielfach Kampagnen einhergehen. Die Kehrseite der Schlagwort-Tendenz: Die Vereinfachung von Sprache geht mit der Vereinfachung des Gesagten einher. Damit ist die Sprachanwendung einer bestimmten Zeitepoche auch ein Spiegel unserer Kultur. Im Kontext des Emoji-Gebrauchs der Jetztzeit sehen wir die Entwicklung der Sprache fast im Rückspiegel. Zuerst gab es nur Emoticons und auch nur wenige wie das Zwinker-Smiley und das lachende Smiley. Mittlerweile ist die Auswahl an Emojis unübersichtlich groß, nicht etwa, um sich differenzierter mit seinen Gefühlen auszudrücken, sondern weil man mit lustigen Bildchen gerne das Schreiben ersetzen oder das Geschriebene verstärken möchte. So erleben die alten Ägypter, ohne dass man es geplant hätte, eine kleine Renaissance.