Seit 2023 wird der Großraum Neapel immer stärker von Erdbeben erschüttert. Droht ein großer Vulkanausbruch? Die Region wäre schlecht darauf vorbereitet, warnt der Vulkanologe Giuseppe Mastrolorenzo. Ein Spaziergang durch Neapel.
Neapel ist flankiert von Vulkanen. Der Vesuv ist die größere Attraktion. Die größere Gefahr aber droht von den Campi Flegrei, den „Flammenfeldern“. Dem Herd der Erdbeben, die die Regin seit zwei Jahren immer stärker erschüttern. Hier schlummert ein Supervulkan – vor rund 40.000 Jahren kam es zu einer Eruption, so gewaltig, dass sie das Weltklima veränderte. Die Caldera, die kesselförmige Vertiefung des Vulkanfeldes, hat einen Durchmesser von mehr als zwölf Kilometern. Sie liegt zu großen Teilen unter der Meeresoberfläche, in der Bucht vor dem Städtchen Pozzuoli. An der Küste ragt der jüngste Vulkankegel auf, der Monte Nuovo („Neuer Berg“). Am Fuß des Berges treffen wir Giuseppe Mastrolorenzo, 66, leitender Forscher am Nationalen Institut für Geophysik und Vulkanologie (INGV) Italiens.
Guten Morgen, Herr Mastrolorenzo. Sind Sie gut hergekommen?
Oh, ich hatte es nicht weit. Ich wohne nur 50 Meter von hier, in dem Haus dort drüben (er zeigt hinter sich).
Direkt am Monte Nuovo? Ist das denn ein sicherer Wohnort?
Oh nein, alles andere als sicher. Das machen einem die vielen Erdbeben bewusst. Die beginnen hier in Pozzuoli oft mit einem tiefen Brummen. Brrrrrrmmm...! Und dann wird man durchgeschüttelt, so (er wippt auf und ab).
Also so eine Art Schaukelbewegung?
Ja. Denn wir sind sehr nah am Hypozentrum – jenem Punkt im Erdinnern, wo Erdbeben ihren Ausgang nehmen.
Trotzdem leben Sie hier.
Es ist wunderschön. Das Meer! Der Blick auf Capri! Der Strand! Da unten liegt mein Kajak. Und für Zeus, meinen Hund, ist dieser Naturpark am Monte Nuovo einfach wunderbar (er streichelt Zeus). Aber ich bin bereit, jederzeit das Weite zu suchen. Meine Notfalltasche ist immer gepackt.
Glauben Sie, ein großer Ausbruch steht bevor?
Das kann niemand sagen. Es könnte in 100 Jahren passieren. Oder morgen. Explosive Eruptionen geschehen oft ohne große Vorwarnung.
Wie viel Zeit würde im Fall der Fälle bleiben?
Es wäre kein Knall aus dem Nichts wie bei einer Atombombe. Ein paar Stunden bleiben – doch auf die kommt es an! Ich würde mich nicht darauf verlassen, dass für die Flucht drei Tage bleiben, wie es der amtliche Notfallplan vorsieht. Man sollte den Menschen klarmachen, dass sie womöglich viel schneller fliehen müssen. Und man sollte die entsprechenden Fluchtrouten vorbereiten, auf dem Land- und auf dem Seeweg.
Wir folgen einem Pfad am Fuß des Monte Nuovo, die Sonne sengt, es duftet nach Rosmarin. Bald geht es steil bergauf. Vulkansteine klackern unter unseren Sohlen. Zeus hechelt. Mastrolorenzo tupft sich Schweiß von der Stirn. An der meerabgewandten Seite des Bergs, zwischen Weinreben, hält er inne. Vor uns liegt ein kreisrunder See.
Das ist der Lago Averno. Der einzige vulkanische See der Campi Flegrei. Laut der römischen Mythologie liegt hier das Tor zur Unterwelt. Laut geologischer Forschung ist er vor etwa 3.700 Jahren entstanden. Durch eine phreatomagmatische Explosion, die auftritt, wenn Wasser durch rund 1.000 Grad heißes Magma verdampft. Fast alle Vulkane hier sind so entstanden.
Der Monte Nuovo sieht nicht aus, als sei er explodiert.
Auch er ist das Ergebnis einer explosiven Eruption, allerdings einer kleinen, die nur wenige Tage andauerte. In anderer Hinsicht aber ist er eine große Ausnahme: Der Ausbruch des Monte Nuovo vor 500 Jahren kündigte sich lange vorher an. Durch Erdbeben. Und durch ein Anheben der Küste von Pozzuoli um etwa zehn Meter. Auch dazu werde ich Ihnen etwas zeigen. Aber jetzt schauen Sie erstmal dort rüber.
Zu diesem Dorf hinter dem See?
Genau. Das ist Toiano. Zwischen 1970 und 1972 hatten wir hier schon einmal eine Phase mit vielen Erdbeben. Damals wurde die Altstadt von Pozzuoli evakuiert, 3.000 Menschen wurden nach Toiano umgesiedelt. Anfang der 80er-Jahre gab es eine weitere Erdbebenphase. Diesmal siedelte man 40.000 Menschen um. Allerdings hat sich das Risiko einer Katastrophe dadurch nicht vermindert, sondern erhöht.
Warum das?
Die leerstehenden Häuser der 40.000 wurden später wieder vermietet oder verkauft. Es leben also mehr Menschen denn je im vulkanischen Gefahrengebiet.
Wie viele sind es insgesamt?
Allein in der roten Zone, die am stärksten gefährdet wäre, leben 500.000 Menschen. Im Großraum Neapel sind es mehr als drei Millionen. Wenn Sie mich fragen, sollte die rote Zone auch den umfassen.
Wir befinden uns hier im gefährlichsten Vulkangebiet der Welt. Nirgendwo sonst sind so viele Menschen einer so großen Gefahr – einer explosiven Eruption – ausgesetzt.
Mastrolorenzo führt uns den Monte Nuovo hinauf. Hier und da klaffen kleine Öffnungen im Boden, Fumarolen. Aus ihnen steigen unsichtbar Wasserdampf, CO2 und Schwefelwasserstoff. Am Kraterrand, gut 130 Meter über der Bucht: ein Fernblick bis zum Vesuv. Davor, nicht weit vom Monte Nuovo, ragt ein wüstenartiger Krater auf.
Das ist die Solfatara. Auch bei einer explosiven Eruption entstanden. Einer vergleichsweise kleinen. Aber selbst ein Ausbruch dieser Größe könnte Hunderttausende in den Tod reißen, wenn er mit einem pyroklastischen Strom einhergeht. Das ist eine Aschelawine, Hunderte Grad heiß, die mit rasender Geschwindigkeit kilometerweit alles Leben auslöscht. So wie damals in Pompeji.
Aus der Solfatara steigen Rauchsäulen auf.
Ja, auch dort treten Gase aus, aber viel, viel mehr. Sehen kann man nur den Wasserdampf. Was man nicht sehen kann, sind die 5.000 Tonnen CO2 pro Tag. Bis vor ungefähr zwei Jahren waren es noch 3.000 Tonnen.
Der Anstieg fällt in die Zeit, als die heftigen Erdbebenschwärme einsetzten. Hängt beides zusammen?
Gut möglich. Aber es lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Sicher ist nur, dass die Energie im System seit einigen Jahren zunimmt. Dafür gibt es ein weiteres Indiz. Lassen Sie uns runtergehen zum Hafen!
Unweit des Hafenbeckens ragen drei große Steinsäulen auf. Reste des Macellum, einer römischen Markthalle, umgeben von ein paar Wasserpfützen.
Es gibt Fotografien aus den 1960er-Jahren, auf denen das Macellum komplett unter Wasser stand. Heute liegen die Säulen ein paar Meter über Meereshöhe.
Sie haben sich angehoben?
Das ganze Land hier. Um drei bis vier Meter in den zurückliegenden 70 Jahren. Sehen Sie diese kleinen Löcher in den Säulen?
Ja.
Die stammen von Bohrmuscheln. Das zeigt, dass die Säulen früher einmal unter der Meeresoberfläche lagen. Dieses Heben und Senken der Erdoberfläche, Bradyseismus genannt, rührt von der Aktivität des Supervulkans unter uns. Durch die Wechselwirkung von extrem heißen Magmaströmen, heißem Gestein und kilometertiefen Grundwasserleitern entsteht ein immenser, veränderlicher Gasdruck in der Erdkruste. Die Geschichte von Pozzuoli ist deshalb ein ständiges Auf und Ab.
Immerhin geht es gerade aufwärts.
Das ist aber nicht unbedingt ein gutes Zeichen. In Pozzuoli gab es seit Menschengedenken nur zwei längere Phasen von positivem Bradyseismus – Phasen also, in denen die Erde sich angehoben hat. Die erste endete vor 500 Jahren mit dem Ausbruch des Monte Nuovo. Die zweite hat in den 1960er-Jahren begonnen und dauert bis heute an. Daher rühren auch die Erdbebenschwärme, die die Gegend erschüttern, Anfang der 70er-Jahre, Anfang der 80er-Jahre und wieder seit 20 Jahren, sehr verstärkt seit 2023.
In Phasen des Absinkens gibt es keine Erdbeben?
Bei negativem Bradyseismus bleibt die Erde vergleichsweise ruhig. Das war in den zurückliegenden Jahrhunderten die allermeiste Zeit der Fall und ist der Grund, warum die Gegend so dicht besiedelt ist – die Leute fühlten sich sicher. Und das ist auch ein Grund, warum ich skeptisch bin, was die Vorhersage einer Eruption angeht: Wir haben sehr wenig Erfahrung mit positivem Bradyseismus. Und selbst in ruhigen Phasen könnte es ohne lange Vorankündigung zu einem großen Ausbruch kommen.
Aber Ihr Institut überwacht doch die Vulkane um Neapel rund
um die Uhr?
Das stimmt. Unser Überwachungsnetz ist über das gesamte Gebiet der Campi Flegrei gespannt: Seismografen, GPS-Stationen zur Messung von Bodenverformungen, geochemische Stationen zur Messung von Gasfluss und -konzentration, dazu viele Sensoren, die Veränderungen im Untergrund spüren. Technisch gesehen verfügen wir heute über deutlich bessere Möglichkeiten als 1989, als ich beim Vesuv-Observatorium anfing.
Aber?
Daten muss man auf der Basis früherer Erfahrungen interpretieren. Und unser Erfahrungsschatz ist eben nicht besonders groß. Hinzu kommt, dass Vulkane immer chaotische Systeme sind, unberechenbar. Weltweit wird nur etwa jeder fünfte Vulkanausbruch korrekt vorhergesagt.
Was folgt daraus?
Lasst uns nicht davon ausgehen, dass der nächste Ausbruch in den Campi Flegrei nur ein mittelgroßer Ausbruch sein wird – denn genau das tut der derzeitige Notfallplan. Er basiert auf einem Szenario mit einem Vulkanausbruch, der deutlich kleiner ist als der von Pompeji. Viel weniger Magma, eine kleinere Eruptionssäule, ein kleineres Gebiet, das von pyroklastischen Strömen betroffen wäre. Wir sollten aber nicht annehmen, dass sich die Natur nach unseren Wünschen richtet.
Für solche Aussagen werfen Ihnen manche Alarmismus vor.
Mir ist bewusst, dass ich mir mit meinen Warnungen nicht nur Freunde mache. In der Politik bevorzugen viele eine optimistische Sicht der Dinge, denn sie bietet einige Vorteile. Für den Tourismus etwa, oder die Immobilienbranche. Kommen Sie, wir gehen rüber zum Hafen!
Ein Seitenbecken des Hafens, direkt vor der verlassenen Altstadt von Pozzuoli. Das Wasser reicht an vielen Stellen nicht mehr bis zur Hafenmauer. Einige Boote liegen halb auf dem Land, dazwischen streunt eine Katze umher.
Letztes Jahr konnten die Boote das Becken noch erreichen. Seit diesem Jahr ist die Einfahrt zu flach.
Wie stark hebt sich der Boden?
Im Moment sind es etwa 1,5 Zentimeter im Monat. Knapp 20 Zentimeter im Jahr. Auch im Hauptbecken des Hafens gibt es schon ein paar Sandbänke. Pozzuoli wird seinen Hafen verlieren. Dafür wird ein anderer Hafen wieder auftauchen. Direkt vor meinem Haus.
Wie bitte?
Wenn ich vom Strand mit dem Kajak ein Stückchen auf das Meer rauspaddle, sehe ich unter mir die Ruinen des alten römischen Hafens. Inzwischen kann ich sie berühren. Nächstes Jahr werden die römischen Hafenmauern wieder zu sehen sein – nach fast 2.000 Jahren.