Der Nahe Osten gilt als entscheidendes Handels- und Rohstoffdrehkreuz: für Öl, Erdgas und Dünger, aber auch für Helium. Das Gas wird nicht nur in modernen Scannern, sondern auch in der Halbleiterproduktion verwendet.
Im Krieg gegen den Iran geht es um Machtprojektion, Israels Sicherheitsgefühl, Einfluss und Rohstoffe. Von echtem „Regime-Change“ hin zu einer Demokratie ist keine Rede mehr. Kein Wunder, dass der Iran die wirtschaftliche Kontrolle über die Straße von Hormus behalten will: Wie wichtig diese Meerenge ist, wird für die gesamte Welt gerade schmerzlich offenbar. Verschifft werden darüber nicht nur die fossilen Rohstoffe Öl und Gas, sondern auch erhebliche Mengen Dünger und seine Vorprodukte, Kunststoffe, Aluminium, Gold, Methanol, „schweres Wasser“ für Nukleareaktoren, Hydrokarbon-Derivate oder Diamanten. Das Kieler Institut für Weltwirtschaft hat 50 Produkte identifiziert, deren Ausbleiben deutliche Schockwellen durch die Weltwirtschaft senden wird, weil sie nicht einfach in der erforderlichen Menge woanders eingekauft werden können. Die hohe Konzentration strategischer Vorprodukte verstärkt die Wirkung selbst kleiner Störungen. Die Region ist damit nicht nur für Öl- und Gasströme entscheidend, sondern auch für globale Lieferketten in Landwirtschaft, Chemie und Hightech – das macht die Krise wirtschaftlich deutlich über den Energiesektor hinaus spürbar.
40 Prozent des Heliums stammen aus Katar
Zu den strategischen und deswegen kritischen Produkten aus der Region gehört Helium, ein Gas, das für die Hightechproduktion unverzichtbar ist. Entsprechend warnte die deutsche Chemieindustrie bereits vor Störungen in den Lieferketten wegen des Krieges im Iran. „Es besteht die Sorge ernster, zunehmender Versorgungsengpässe bei Rohstoffen – zum Beispiel bei Ammoniak und Phosphat, Helium und Schwefel“, meldet der Verband der Chemischen Industrie (VCI). Betroffen von der Blockade der Straße von Hormus seien nicht nur Düngemittel – 20 Prozent des Welthandels mit Ammoniak würden aus Nahost durch die Meerenge geliefert. Bei Schwefel verlaufe 50 Prozent des Seehandels durch die Straße von Hormus. Schwefelsäure ist essenziell etwa für Düngemittel und Chemikalien. „Bei Helium hat die Chipindustrie bereits erhebliche Sorgen, weil 40 Prozent des weltweiten Heliums aus Katar kommen“, sagte VCI-Chef Wolfgang Große Entrup. „Hier geht es um Elektronikindustrie, Halbleiterfertigung und Luft- und Raumfahrttechnik.“ Je länger der Krieg dauere, desto heftiger seien die Folgen. Die hohen Preise und die anhaltende Unsicherheit brächten viele Betriebe an ihre Grenzen, sagte Große Entrup.
Denn nicht nur für die chemische Industrie oder Kunststoffprodukte mehren sich die Warnzeichen. Auch die Hightechindustrie muss sich auf deutliche Probleme in ihren Lieferketten einstellen, wenn sich die Lage nicht bald ändert. Allen voran – mal wieder – die Halbleiterproduktion, die eine große Menge Helium benötigt. Mehr als ein Drittel der weltweiten Heliumproduktion wird im katarischen Ras Laffan verflüssigt und unter anderem nach Taiwan oder Südkorea, den Ländern mit der weltweit führenden Halbleiterproduktion, verschifft. Das Gas sammelt sich häufig in denselben geologischen Lagerstätten wie Erdgas an. So gewinnt Katar als Nebenprodukt seiner Erdgasverarbeitung bis zu 17 Tonnen Helium pro Tag. Das Gas ist in zahlreichen wissenschaftlichen und industriellen Anwendungen unverzichtbar. Als kryogene Flüssigkeit kühlt es supraleitende Magnete in Spek-trometern oder bildgebenden Geräten wie in einem MRT. Katar beherbergt zudem eine von nur zwei Anlagen, die Helium in Halbleiterqualität herstellen. Dieses wird ionisiert und zum Ätzen von Siliziumwafern verwendet.
Katar exportierte nach Angaben der Deutschen Rohstoffagentur 2025 rund 52 Millionen Kubikmeter Helium, hauptsächlich aus Ras Laffan, das eine Kapazität von 67,5 Millionen Kubikmetern pro Jahr liefern kann. Ein großer Teil des katarischen Heliums, mehr als 30 Prozent, wird nach Taiwan geliefert, dort produziert Halbleitergigant TSMC wiederum fast 70 Prozent der weltweiten Halbleiter. Laut der taiwanesischen „Taipei Times“ aber beruhigt der dortige Industrieverband bereits deutlich: In absehbarer Zeit werde es keinen Halbleitermangel geben – sofern der Krieg in vier bis sechs Wochen, also Ende April bis Mitte Mai, beendet sei. Aber klar ist auch in Taiwan: Die Preise für Rohmaterialien und damit die Halbleiter selbst werden trotzdem steigen. Und je länger der Krieg andauert, desto länger dauert die Erholung der Lieferkette, desto länger bleiben die Preise hoch.
Vorräte reichen noch etwa einen Monat
Der Iran-Krieg legt auch die strukturelle Verwundbarkeit von Südkoreas chipgetriebener Wirtschaft offen: Das Land bezieht nicht nur Helium, sondern auch rund 70 Prozent seines Rohöls aus dem Nahen Osten, fast alles durch die Straße von Hormus, während Energie aus fossilen Brennstoffen den Großteil des Strommixes stellt. Die jüngsten Lieferunterbrechungen ließen den Aktienmarkt binnen vier Tagen um 18 Prozent einbrechen und entzogen vor allem den Halbleiterriesen Samsung und SK Hynix massiv Börsenwert. Zugleich wächst der Stromhunger rasant: Der neue Chip-Komplex in Yongin soll bis zu 17 Prozent der nationalen Spitzenlast benötigen, so eine Analyse des US-Thinktanks Carnegie Endowement. Da Samsung und SK Hynix 80 Prozent des HBM und knapp 70 Prozent des DRAM-Markts kontrollieren, wird Koreas Energieabhängigkeit zum globalen Risiko für KI und Cloud-Infrastrukturen. Die Autoren fordern deshalb einen strategischen Umbau: mehr heimische, erneuerbare und nukleare Erzeugung, beschleunigten Netzausbau und regulatorische Reformen, um die Chipindustrie von geopolitisch verwundbaren Ölströmen zu entkoppeln.
Diversifizierung bleibt weiterhin das entscheidende Schlagwort, auch für die Heliumversorgung. Die EU stuft das nicht brennbare Gas als kritischen Rohstoff ein, Deutschland ist zu 100 Prozent importabhängig. Das soll sich ändern: In Mecklenburg-Vorpommern erkundet ein französisches Unternehmen ein mögliches Heliumvorkommen. Noch gibt es kein grünes Licht von den Behörden, aber die aktuelle Krise könnte die Testbohrungen beschleunigen. Air Liquide, ebenfalls ein französisches Unternehmen und eines der weltweit größten für Industriegase, betreibt einen Heliumspeicher unter Tage in Gronau-Epe (Nordrhein-Westfalen) mit einer Kapazität von 47 Millionen Kubikmetern. Wieviel Gas darin aktuell gelagert wird, ist jedoch nicht öffentlich bekannt.
Katar hat bereits angekündigt, dass eine Reparatur und ein Wiederanfahren der Produktion in Ras Laffan zwischen drei bis fünf Jahren benötigt. Eines ist sicher: Der Preis für den Krieg gegen den Iran wird unabschätzbar hoch.