Die Pianistin Annika Treutler und das Aris Quartett haben das Klavierquintett g-Moll, das der Finne Jean Sibelius 1890 während des Studiums in Berlin schrieb, eingespielt und als Album auf den Markt gebracht.
Ausgelaugt und durch seinen Lebensstil in Berlin verarmt, heißt es, sei Jean Sibelius 1890 nach Finnland zurückgekehrt – nach Hause, dorthin, wo er Anfang Dezember 1865 als Johan Julius Christian Sibelius geboren wurde. Seine drei Vornamen verkürzten diejenigen, die in der Kindheit nach ihm riefen, auf Janne. Zu Jean war es nicht weit. Nach Berlin war Jean allerdings nicht gekommen, um sich von der Großstadt umarmen zu lassen, sondern um weiterzuentwickeln, woran er in Finnland bereits gearbeitet hatte: seine musikalische Meisterschaft. Er studierte in Berlin bei Albert Becker, einem heute in Vergessenheit geratenen Komponisten der Romantik. Nun, fast 130 Jahre später, holt eine deutsche Pianistin Jean Sibelius nach Berlin zurück. Annika Treutler präsentiert mit dem Aris Quartett eine neue Aufnahme von Jean Sibelius’ frühem Klavierquintett g-Moll, das er während seines Studiums in Berlin schrieb.
Stimmungen der nordischen Landschaft
Den von ihr geschätzten Romantikern Schumann, Mendelssohn und Brahms hat Annika Treutler, 1990 in Bielefeld geboren, bereits Solo-Alben gewidmet. Nun schaut die Pianistin also gen Norden und lässt sich von der einzigartigen, zuweilen herben musikalischen Schönheit des Finnen Jean Sibelius inspirieren. Der Komponist ist als bedeutender Sinfoniker an der Schwelle der Spätromantik zur beginnenden Moderne bekannt. Sein Klavierwerk werde dabei gerne übersehen, sagt Treutler. Sibelius selbst äußerte sich skeptisch über diesen Teil seines Schaffens. „Das Klavier interessiert mich nicht, weil es nicht singen kann“, soll er halb spöttisch gesagt haben.
Annika Treutler hält dagegen: „Für mich beweisen seine Klavierwerke genau das Gegenteil: Sibelius lässt das Klavier singen, klingen und schwingen – auf eine ganz eigene, unverwechselbare Weise.“ Für ihr neues Album, das gerade beim Berliner Label Decurio erschienen ist, hat sie eine sehr persönliche Auswahl aus einem „riesigen, teilweise immer noch verborgenen Schatz“ getroffen.
Seit seiner Jugend bis in die späten aktiven Jahre schuf Sibelius über 150 Miniaturen, in denen er gern Stimmungen der nordischen Landschaft einfing. Diese kurzen Charakterstücke wie „Björken“ (Die Birke) und „Granen“ (Die Fichte) aus den „Fünf Stücken op. 75“ sind oft weniger als drei Minuten lang, manche dauern nur knapp eine Minute. „Die Miniaturen wirken wie kleine Fenster in eine kreative, offene und weite Gedankenwelt“, erklärt die Pianistin, die in jenen Stücken „die Verdichtung und Konzentration aufs Wesentliche“ schätzt. Die 15 von ihr ausgewählten und interpretierten Miniaturen bilden, wie sie sagt, „eine inhaltlich-motivische Brücke und finden das Große im Kleinen“.
Von 1889 bis 1890 studierte Sibelius an der Akademie der Künste in Berlin Kontrapunkt bei Albert Becker. Den Lehrmeister empfand Sibelius als eher rückwärtsgewandt.
Bei einem Ausflug nach Leipzig besuchte der Finne ein Konzert des befreundeten Komponisten und Pianisten Ferruccio Busoni, der das Klavierquintett des Norwegers Christian Sinding aufführte. Das damals sehr umstrittene Stück inspirierte Sibelius wohl zu seinem eigenen Gattungsbeitrag, dem Klavierquintett g-Moll (JS 159), das Annika Treutler zusammen mit dem Aris Quartett für das neue Album eingespielt hat.
Viel zu selten sei das Stück in den Konzertsälen zu hören, sagt die Pianistin. Dabei sei das Klavierquintett „von beeindruckender Größe“. Auf den ersten Blick könne es vielleicht sperrig wirken, da es derart weite Bögen spannt. Busoni spielte zusammen mit Musikerkollegen Auszüge des Werkes im Mai 1890 in Helsinki. Die vollständige Uraufführung fand jedoch erst im Mai 1965 in der Turku Concert Hall statt, acht Jahre nach dem Tod des finnischen Komponisten. Für Annika Treutler reicht die Zeitreise aber viel weiter zurück: „Am Ende hat man das Gefühl, dem jungen Sibelius ein Stück näher gekommen zu sein“, sagt sie.
Die Aufnahme ihres Sibelius-Albums entstand im Teldex Studio Berlin, „dessen außergewöhnliche Akustik maßgeblich zur klanglichen Präsenz und Detailtreue dieser Produktion beiträgt“, wie sie erklärt. Ihre erste Begegnung mit dessen Musik sei eher zufällig gewesen, sagt Treutler. Es war im Jubiläumsjahr 2015, also zum 150. Geburtstag von Jean Sibelius, als sie kurzfristig bei einem Festival einsprang. „Seitdem begleitete mich seine Musik – mit ihren endlosen Melodien, dieser Mischung aus Klarheit, Einfachheit und zugleich erstaunlicher Tiefe. Insbesondere auch auf Spaziergängen durch Berlin“, erklärt Treutler die Sibelius-Faszination.
Seit 2018 lehrt sie hier an der Hochschule für Musik Hanns Eisler und aktuell auch an der Hochschule für Musik Carl Maria von Weber Dresden. Als Pianistin ist sie viel unterwegs, sie konzertiert in Recitals und zusammen mit renommierten Orchestern als Solistin unter anderem in der Wigmore Hall London, im Palau della Musica Barcelona, im Concertgebouw Amsterdam und im Wiener Konzerthaus. Regelmäßig zu Gast ist sie bei den Festspielen Mecklenburg-Vorpommern, beim Heidelberger Frühling, beim Verbier Festival und beim Kammermusikfestival Krzyżowa Music.
„Pianisten oft eher einsame Gestalten“
Die Kammermusik schätzt Annika Treutler neben ihren solistischen Engagements sehr. Das hat einen einfachen Grund. „Pianisten sind ja doch oft eher einsame Gestalten“, sagt sie mit einem Augenzwinkern. „Sie arbeiten nur für sich, spielen nur für sich. Also bin ich dankbar für musikalischen Austausch in jeder Form – das ist auch meine Inspiration. Ich genieße dieses gegenseitige Erzählen auf der Bühne sehr.“ Zu ihren Partnern zählen Künstler wie Kit Armstrong, Daniel Müller-Schott, Jörg Widmann und Tabea Zimmermann. Mit der Cellistin Julia Hagen spielte sie 2019 Werke von Johannes Brahms ein (Hänssler Classic).
Annika Treutler ist zweifache „Opus Klassik“-Preisträgerin und erhielt die Auszeichnungen für die Konzerteinspielung des Jahres 2020 für das Klavierkonzert von Viktor Ullmann mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin und für die Kammermusikeinspielung des Jahres 2023 für die Klaviertrios von Robert Kahn mit dem Hohenstaufen-Ensemble.
Die Musiker des Aris Quartetts fanden 2009 an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt im Rahmen eines von Professor Hubert Buchberger initiierten Projekts zur Gründung eines Streichquartetts zusammen. Das Ensemble besteht bis heute aus Anna Katharina Wildermuth (Violine), Noémi Zipperling (Violine), Caspar Vinzens (Viola) und Lukas Sieber (Cello). Sie erinnern sich: „Schon während unseres Studiums beschlossen wir, alles zu versuchen, um das Streichquartett zu einem professionellen Ensemble zu machen, da wir alle der Meinung waren, dass dieses Genre die ultimative Form der Musik darstellt. Was das Streichquartett für uns so besonders macht, ist die Balance zwischen künstlerischer Freiheit, der Möglichkeit, den eigenen Weg zu gehen und gleichzeitig Verantwortung für die anderen zu übernehmen, flexibel zu bleiben, ohne jemals allein zu sein.“
Seitdem hat sich das Ensemble Preise über Preise erspielt. Das Quartett war „New Generation Artists“ der BBC, hat vielbeachtete CD-Einspielungen herausgebracht und 2020 den renommierten Borletti-Buitoni-Trust-Award gewonnen. Abseits der gängigen Konzertsäle schätzen die vier Musiker intime Orte der künstlerischen Begegnung –
und die Natur. Im August 2025 traten sie auf 2037 Metern Höhe auf, in der Gipfelstation der Fellhornbahn in Oberstdorf. Das Quartett musizierte vor der Glasfassade der Aussichtsplattform, die dem Publikum bei bestem Wetter einen freien Blick auf die imposante Bergwelt der Allgäuer Alpen gewährte. Dem Finnen Jean Sibelius hätte das ziemlich sicher gefallen.