Im Interview spricht Chorleiter Matthias Rajczyk über den Encore Kammerchor und das Jubiläumskonzert, bei dem Mozarts Requiem auf dem Programm steht. Er erklärt, warum auch Kinder und Jugendliche vom Chorgesang begeistert sind.
Herr Rajczyk, herzlichen Glückwunsch zu zehn Jahren Encore! Der Name – das französische Wort für „Zugabe“ – weckt Erwartungen an Konzerte, die das Publikum begeistern. Was macht diesen Chor für Sie so besonders?
Ich habe zu diesem Chor eine ganz persönliche Verbindung, weil ich ihn selbst während meines Studiums gegründet habe. Damals hatte ich schon sechs Proben pro Woche, und trotzdem wollte ich noch etwas anderes: einen Chor, in dem Leute zusammenkommen, die Lust haben, Herausforderungen anzunehmen, die kontinuierlich an sich arbeiten wollen und die einfach richtig Freude daran haben, musikalisch zu wachsen. Der Encore Kammerchor ist genau das geworden. Wir arbeiten aus einer gemeinsamen Haltung heraus, jeder bringt sich ein, jede Stimme zählt. Wir achten auf einen klaren Klang, auf Transparenz, Präzision, Ausdruck, aber eben nicht auf Kosten der Lebendigkeit. Gleichzeitig lebt der Chor davon, dass jede und jeder Verantwortung übernimmt. Wir hören wirklich aufeinander und gestalten den Klang zusammen. Am Ende entsteht etwas, das über bloßes „Zusammensingen“ hinausgeht. Ein Klang, der getragen ist von Aufmerksamkeit, Vertrauen und dem Willen, gemeinsam etwas zu formen. Und das Schöne daran ist: Es macht einfach riesigen Spaß, diesen Prozess mitzuerleben und mitzusingen.
Woran liegt es, dass hier in der Großregion so viele Menschen eine starke Beziehung zum Chorgesang haben?
Die Wurzeln reichen hier tatsächlich sehr weit zurück. Bereits im 19. Jahrhundert entstanden im Saarraum zahlreiche Sängerbünde, oft eng verbunden mit gesellschaftlichen und kulturellen Bewegungen ihrer Zeit. Daraus hat sich über Generationen eine stabile Vereins- und Chorkultur entwickelt, die bis heute trägt, getragen von einem starken lokalen Engagement, das man in vielen Orten nach wie vor spürt. Gleichzeitig hat sich diese Tradition immer wieder gewandelt. Heute verbindet die Region eine historisch gewachsene Verankerung mit einer großen stilistischen Offenheit. Neben der breiten Basis gab es immer wieder auch künstlerische „Leuchttürme“, Ensembles und Projekte, die überregional oder international Aufmerksamkeit erregt und neue Impulse gesetzt haben.
Wie erleben Sie das Interesse bei Kindern und Jugendlichen? Welche Erfahrungen machen Sie in Ihrer Arbeit mit jungen Sängerinnen und Sängern?
Meine Erfahrung zeigt: Die Begeisterung ist da, sie ist sogar riesig. Die Herausforderung liegt weniger im Interesse, sondern im Zugang. Wenn man Singen als etwas Lebendiges, Körperliches und Ausdrucksstarkes vermittelt, dann wird es für junge Menschen sofort relevant. Im Chor entdecken Kinder und Jugendliche etwas, das sie anderswo oft vermissen: Gemeinschaft und die Erfahrung, Teil eines größeren Ganzen zu sein. Sobald sie spüren, dass ihr eigener Beitrag wirklich gehört wird und Teil eines gemeinsamen Klanges ist, entsteht eine starke Bindung. Sie lernen, aufeinander zu hören, sich aufeinander einzulassen, und erleben zugleich, dass das Ergebnis ihres Engagements etwas ist, das größer ist als sie selbst. In unserer Chorschule und den angeschlossenen Ensembles arbeiten wir mit fast 200 Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen. Dabei wird sehr deutlich, dass Kinder nicht einfach nur singen wollen, sie wollen gut singen und stolz auf das sein, was sie gemeinsam leisten. Das Zusammenspiel aus künstlerischem Anspruch, sichtbarem Fortschritt und dem Gemeinschaftserlebnis ist ein enormer Motor.
Das zehnjährige Bestehen von Encore wird mit einem Jubiläumskonzert gefeiert, für das Sie im Rahmen eines grenzüberschreitenden Projekts mit weiteren Ensembles und Künstlern Mozarts Requiem einstudieren. Welche Herausforderungen bringt dieses unvollendet gebliebene Werk mit sich?
Es ist eines der Werke, die für viele Chorsängerinnen und Chorsänger eine ganz besondere Bedeutung haben: Man möchte es im Laufe seines musikalischen Lebens unbedingt einmal gesungen haben. Und das hat auch damit zu tun, dass dieses Werk weit über die Chorszene hinaus bekannt ist. Die eigentliche musikalische Herausforderung liegt für mich aber vor allem im musikalischen Spannungsfeld dieses Werks. Die Musik changiert ständig zwischen unterschiedlichen Ausdruckswelten: zwischen einem eher traditionellen, zurückgenommenen „alten“ Stil und dem ausdrucksstarken Mozart, wie wir ihn aus den Opern kennen. Sie ist zugleich transparent und doch von großer Wucht, mal intim und zurückgenommen, dann wieder extrovertiert und fast theatralisch. Genau diese Gegensätze müssen nicht geglättet, sondern bewusst gestaltet werden. Es geht darum, die Brüche und Kontraste hörbar zu machen und trotzdem eine innere Einheit zu finden. Das verlangt vom Chor eine enorme Flexibilität im Klang und im Ausdruck und macht die Arbeit an diesem Stück gleichzeitig so faszinierend. Hinzu kommt die besondere Situation der Unvollendetheit. Man bewegt sich ständig zwischen Mozarts originaler Tonsprache und den späteren Ergänzungen. Diese Übergänge sind nicht nur musikhistorisch spannend, sondern stellen auch interpretatorisch eine Herausforderung dar: Wie schafft man eine innere Geschlossenheit, ohne diese Brüche zu glätten? Und schließlich verlangt das Werk eine enorme emotionale Bandbreite. Es geht um existenzielle Themen, um Tod, Angst, Hoffnung, Trost. Diese Gegensätze müssen musikalisch erfahrbar werden, ohne ins Pathetische zu kippen. Genau darin liegt aber auch die große Kraft dieses Stücks.
Konzerte, Gastdirigate, Professur sowie Coaching- und Jurorentätigkeit: Chormusik prägt ganz offensichtlich Ihr Leben. Was fasziniert Sie an dieser Kunstform?
Chormusik ist für mich die unmittelbarste Form des Musizierens. Es gibt kein Instrument zwischen einem selbst und dem Klang, man ist selbst das Instrument. Nicht nur der Körper, sondern alles, was einen ausmacht, ist beteiligt: Wahrnehmung, Vorstellung, Emotion, Energie. Jeder Atemzug, jede Regung, jeder Gedanke kann Teil des Klangs werden. Das macht es so unglaublich lebendig. Und dann diese Bandbreite: Chöre können alles. Man kann flüstern und hauchen, hauen und wallen lassen, feinste Nuancen entwickeln oder einen ganzen Raum füllen. Von den zartesten, fast zerbrechlichen Momenten bis zu voller Wucht, dazu noch Geräusche, die man nicht für möglich gehalten hätte. Ich kenne kaum ein anderes Ensemble, das so viele Farben, Ausdrucksmöglichkeiten und Stimmungen gleichzeitig hat. Für mich ist das der größte musikalische Spielplatz überhaupt. Eigentlich gibt es keine Grenzen, nur die eigene Fantasie und die Bereitschaft, etwas gemeinsam zu wagen. Und jedes Mal, wenn wir es schaffen, aus einfachen Stimmen einen solchen Klang zu formen, ist das ein magischer Moment. Ich habe in der Regel 14 Proben pro Woche, dazu ein oder zwei Konzerte am Wochenende, und trotzdem freue ich mich montags schon wieder auf die erste Probe.