Wo steht die Bundesliga im internationalen Vergleich? Hinter der Premier League, klar. Doch diese offenbart Schwächen. Die Bundesliga hat den FC Bayern München als Aushängeschild und eine beachtliche Breite. Und vor allem: Sie ist wirtschaftlich sehr gesund. Das macht Hoffnung.
Steffen Merkel hatte den Zeitpunkt wohl gewählt. Vor Vertretern nahezu aller Profi-Clubs, aber auch aus der Wirtschaft und den Medien, rief der Geschäftsführer beim Neujahrsempfang der Deutschen Fußball Liga in Frankfurt die Zeitenwende aus. Es sei „Zeit für einen Perspektivwechsel“, sagte Merkel. Schließlich habe man in den vergangenen Jahren oft über „große Herausforderungen“ gesprochen. Doch schon wenige Jahre nach der Pandemie könne der deutsche Fußball wieder sehr optimistisch in die Zukunft schauen.
Die Zahlen, die der Ligaverband in seinem Wirtschaftsbericht vorlegte, waren in der Tat beeindruckend. So bilanzierten die Profi-Clubs der ersten beiden Ligen einen Rekordumsatz von 6,33 Milliarden Euro. Vor allem aber machten 28 der 36 Vereine ein Plus, der operative Gesamtgewinn lag bei 271,5 Millionen Euro. Dabei waren diese Vereine in der Vorsaison direkter oder indirekter Arbeitgeber für 64.122 Menschen und hatten 1,69 Milliarden Euro an Steuern und Abgaben in die öffentlichen Kassen gezahlt.
Ist der deutsche Fußball sportlich erfolgreich?
Trotz des Wehklagens über die Folgen von Corona, die nicht mehr steigenden TV-Einnahmen, die hohen Spielergehälter und Abgaben an Berater ist der deutsche Fußball also im Großen und Ganzen kerngesund. Zumal man eben bedenken muss, dass Vereine – vor allem hierzulande, da in der Regel ohne Investor – auch in ausgegliederten Gesellschaftsformen keine vorrangig auf Gewinn ausgerichteten Wirtschaftsunternehmen sind. Sondern eben Sportvereine, die mindestens mit einer schwarzen Null sportliche Ziele erreichen wollen.
Doch stellt sich die Frage: Ist der deutsche Fußball auch sportlich erfolgreich? Das lässt sich von verschiedenen Seiten betrachten. Der FC Bayern München verhindert in diesem Jahr wieder einen spannenden Titelkampf, wird zum 13. Mal in den letzten 14 Jahren Meister. Doch immerhin: Hinter dem deutschen Aushängeschild hat sich eine breite Front an mindestens gutklassigen Clubs herausgebildet. Mit dem 2024er-Double-Sieger Bayer Leverkusen, Borussia Dortmund, RB Leipzig, dem VfB Stuttgart und Eintracht Frankfurt haben mindestens fünf Vereine ernsthafte Champions-League-Ambitionen. Dazu kann immer wieder ein weiterer Club stoßen, wie in diesem Jahr die TSG Hoffenheim.
Auch international sind die Bayern zwar die einzige Bank für die Bundesliga, doch sie schultern die Last nicht alleine. Frankfurt gewann 2022 die Europa League, mit Dortmund in der Champions League und Leverkusen in der Europa League standen 2024 gleich zwei deutsche Clubs in Endspielen. In dieser Saison sorgte auch die zweite Riege für Aufsehen. Freiburg steht erstmals im Viertelfinale der Europa League, Mainz zum ersten Mal unter den besten Acht der Conference League. In der offiziellen Uefa-Rangliste ist die Bundesliga Vierter hinter den weit vorne liegenden Engländern und den erreichbaren Italienern und Spaniern, in der aktuellen Saison sogar Dritter hinter England und Spanien. In der Vereins-Rangliste, die die letzten fünf Jahre umfasst, sind die Bayern Zweiter hinter ihrem Champions-League-Viertelfinal-Gegner Real Madrid, Leverkusen als Neunter und Dortmund als Zehnter liegen zum Beispiel noch vor Weltpokalsieger FC Chelsea, Frankfurt hat sich auf Platz 17 vorgearbeitet.
„Wir bilden einfach zu schlecht aus“
Doch wie sieht es in der Zukunft aus? Zum einen haben die englischen Clubs, aber auch Vereine wie der aktuelle Champions-League-Sieger Paris Saint-Germain Wettbewerbsvorteile durch die Möglichkeit, durch Investoren viel externes Geld zu erhalten. Auf der anderen Seite prophezeite Bayer-Ehrenpräsident Uli Hoeneß schon vor Jahren, dass die Blase der Premier League irgendwann platzen werde. Und dann werde es sich lohnen, dass die Bundesliga so gesund wirtschafte. Die Bayern selbst, das sagte Hoeneß noch vor wenigen Tagen, seien „ein Käuferverein und kein Verkäuferverein“. Und so ermahnte er auf einer Veranstaltung der Frankfurt School of Finance & Management auch Eintracht Frankfurt, nicht immer die besten Spieler zu verkaufen. „Ich glaube, dass auch der FC Bayern in Zukunft Spieler verlieren wird“, entgegnete Eintracht-Sportvorstand Markus Krösche im „Aktuellen Sportstudio“ und sagte: „Wenn ein Michael Olise zu Real Madrid gehen will, dann wird es dafür Möglichkeiten geben.“ Der Markt habe „sich verändert. Andere Länder und Clubs haben andere Möglichkeiten“, sagte Krösche: „Die Wettbewerbsfähigkeit der Bundesliga im internationalen Kontext zu erhalten – das ist unser Kernthema.“
Und warum dies seiner Meinung nach schwer wird, hatte Krösche kurz zuvor auf der Konferenz „SpoBis“ in Hamburg erklärt. „Wir bilden einfach zu schlecht aus, das ist der Kern unseres Problems“, hatte er dort gesagt. Der deutsche Nachwuchs sei einfach „nicht gut genug“. Deshalb sehe sich die Eintracht wie andere deutsche Vereine eben auf dem ausländischen Markt um. So hatten es die Frankfurter geschafft, Spieler wie Omar Marmoush, Hugo Ekitiké und Kolo Muani für insgesamt rund 30 Millionen zu holen und für rund 250 Millionen zu verkaufen. Doch das sei in Zukunft nicht mehr so leicht. „Ein vergleichbarer Spieler aus der Kategorie wie Hugo Larsson, dasselbe Alter wie bei seiner Verpflichtung, kostet nicht mehr acht, sondern 22 Millionen Euro. Das ist ein großes Problem für uns.“
Dennoch: Deutschland ist eben ein Markt der zweiten Kategorie, der sich aus Märkten wie den Niederlanden, Portugal oder auch Frankreich bedient, finanziell bedingt ins Risiko gehen kann und damit oft Rendite erzielt, bei Verkäufen vor allem nach England. Doch warum sollten sich die Vereine aus den Märkten darunter mit geringen Summen zufriedengeben, wenn das Modell funktioniert? Und die Bundesliga profitiert ja auch. „Das Kapital, das aus England hierher fließt, sollten wir nutzen, um den Nachwuchs zu stärken“, sagte zum Beispiel Tim Steidten, aktuell Direktor Recruiting und Kaderplanung beim 1. FC Köln und zuvor bei West Ham United der einzige deutsche Sportchef in der Premier League, dem „Kicker“: „Das sollte unsere Chance sein: eigene Talente auszubilden und Talenten aus dem Ausland die Chance zu geben. Das ist unser Weg, und den finde ich nicht verwerflich. Da müssen wir uns auch nicht als Opfer der Engländer sehen.“ Zudem seien in England „die Kader oft sehr groß und das Geld sitzt locker. Und es ist noch schwerer für Talente, dort den Durchbruch zu schaffen, sodass ihre jungen Spieler gerne hier Spielpraxis sammeln.“ Als Beweis dienten Jude Bellingham, der von Borussia Dortmund zu Real Madrid wechselte, oder Jarell Quansah, der sich in Liverpool nicht nachhaltig durchsetzen konnte, bei Bayer Leverkusen aber schnell zum Abwehrchef aufstieg.
Böses Erwachen für die englischen Teams
Andererseits muss man sagen: Die Premier League ist mit all ihrem Investorengeld nicht unschlagbar. Im Gegenteil: In der Champions League stand in den letzten beiden Jahren aus den vier anderen Top-Fünf-Ligen je ein Club im Endspiel, aus England aber keiner. In der Gruppenphase sah es in diesem Jahr nach einer klaren Dominanz aus. Die Premier League war mit sechs Vereinen vertreten, fünf davon gehörten zu den ersten Acht der Gruppenphase, die sich direkt für die K.o.-Runde qualifizierten, Newcastle United zog über die Play-offs nach. Doch im Achtelfinale folgte das böse Erwachen. Liverpool und Arsenal kamen weiter, aber ohne Glanz. Die anderen vier schieden mit teils hanebüchenen Ergebnissen aus. Chelsea verlor gegen PSG in Addition beider Spiele mit 2:8, Newcastle gegen Barcelona mit 3:8, Manchester City gegen Real Madrid mit 1:5. Tottenham gewann das Rückspiel gegen Atlético Madrid mit 3:2, hatte aber in Spanien zuvor ein ebenfalls heftiges 2:5 kassiert. 30 Gegentore kassierte dieses Quartett also in nur acht Spielen. Absurd.
Diese Schwäche in Europa liege, so der „Kicker“ bei genauerem Hinsehen absolut nachvollziehbar, an der Stärke der Premier League. Denn der Titel dort genieße auf der Insel einen höheren Stellenwert als der im Europacup, anders zum Beispiel als bei Real Madrid oder den Bayern. Und „dass englische Clubs öfter im Europacup früher ausscheiden, als es die Qualität vermuten lässt, ist kein Zufall“, sondern „auch die Folge von Terminhatz und der Intensität des Spiels“.
Die englische Liga ist und bleibt die beste der Welt, die am besten vermarktbare sowieso. Doch dahinter ist das Feld dicht gestaffelt, und die Bundesliga muss sich nicht verstecken. Vor allem, da sie ein gesundes Fundament hat, auf dem sie sich weiter viel entwickeln kann.