Bei den Lofoten in Norwegen geht die Sonne von Mai bis August nicht unter. Der beste Ort, die Mitternachtssonne zu erleben, ist an Bord eines Schiffes.
Mitternacht ist längst vorbei und die Sonne könnte nicht heller strahlen. Schlafenszeit? Ach was, es ist viel aufregender, auf dem Panoramadeck zu sitzen und zuzuschauen, wie die „Havila Pollux“ an Tromsø und der nördlichsten Kathedrale der Welt vorbeizieht. Ein Gotteshaus, dessen Architektur an aufgeschichtete Eisschollen erinnert. Zwei Tage sind seit dem Boarding in Kirkenes vergangen. Nach Landgängen im Fischerstädtchen Vardø und in Honningsvåg mit Ausflug zum Nordkap beginnt der dritte nachtlose Tag. Die „Pollux“, die von der norwegischen Reederei Havila Voyages betrieben wird, ist seit August 2023 im Einsatz. Das Schiff fährt nachhaltig – vier Stunden lang kann es emissionsfrei fahren, bevor die Batterien wieder aufgeladen werden. Mit 124 Metern Länge, 22 Metern Breite und Platz für maximal 640 Passagiere gehört die „Havila Pollux“ zu den kleineren Schiffen auf der Postschiffroute. Die bodentiefen Fenster in der Havblikk Lounge sorgen während der Fahrt entlang der traumhaft schönen Küste auch an kühlen Tagen für Naturkino pur.
Nach einem Landgang in Stokmarknes auf den Vesterålen, dem Geburtsort der Hurtigruten, geht es am Nachmittag Richtung Lofoten. Jetzt bloß rauf auf Deck 6 zum Bugbereich und sich den besten Platz sichern, denn das Schiff macht einen Abstecher zum Trollfjord, und den möchte man um nichts in der Welt verpassen. Der schmale Fjord ist flankiert von steilen, fast senkrechten Felswänden. Man kann sich an der atemberaubenden Natur kaum sattsehen. Der Sage nach schlafen die Trolle hier 1.000 Jahre lang. Also heißt es, leise sein.
Nach Verlassen des Fjords kommt bald die paradiesische Inselwelt der Lofoten in Sicht. Die Inselgruppe ragt wie ein Gebirge aus dem Meer: 80 von Fjorden und Sunden zerfurchte Inseln, die sich über 150 Kilometer ins Nordmeer erstrecken. Zugegeben, dieser Blick offenbart sich nur aus der Luftansicht. Beim Einlaufen in den Hafen der Lofotenhauptstadt Svolvær fällt der Blick auf die Rorbuer, die traditionellen roten Fischerhütten, die auf Stelzen im Wasser stehen. Die Tradition der ikonischen Holzhäuschen reicht zurück bis ins 18. Jahrhundert. Ein Ende der Hütte steht auf Holzpfählen im Wasser, sodass Boote direkt andocken konnten. Heute werden viele Rorbuer als Ferienunterkunft vermietet.
Safari zu den Seeadlern
Beim Landgang stellt sich die Frage: Svolvær erkunden oder an einer Seeadler-Safari teilnehmen? Diese Safaris gibt es auch andernorts, ein Bilderbuchstädtchen wie dieses nicht. Mit seinen leuchtenden Holzhäusern vor schroffem Urgestein ist der weniger als 5.000 Einwohner zählende Ort ein Blickfang ohnegleichen. Das Stadtbild ist geprägt von Strandpromenaden und einer beeindruckenden Anzahl an hübschen Cafés und Restaurants mit Außenbestuhlung entlang des Wassers. Am Hafen fallen die Hjelles ins Auge, die berühmten Trockengestelle für Kabeljau und nicht zuletzt ein bekanntes Motiv der Lofoten. Die Kabeljaufischerei ist ein bedeutender Industriezweig des Städtchens, auch wenn der Tourismus einer der wichtigsten ist. Die primäre Fischfangsaison startet im Januar, wenn sich der arktische Kabeljau vor der Küste der Lofoten zum Laichen tummelt, und endet im April.
Die Trockenfischproduktion wird auf den Lofoten seit Jahrhunderten betrieben. Dabei wird der frisch gefangene Kabeljau geköpft, gereinigt und filetiert, bevor er zum Trocknen an den speziell dafür angefertigten Außengestellen aufgehängt wird. Der Trocknungsprozess hängt von mehreren Faktoren ab, darunter Trocknungszeit, Aufhängmethode, Temperatur, Luftfeuchtigkeit und Windbedingungen. Ist es zu kalt, platzen die Fasern des Fisches. Der Kabeljau hängt von Februar bis Juli in der salzigen Lofotenluft an den Gestellen. Erst wenn er so hart wie ein Stück Holz ist und einem Stock ähnelt, wird er abgenommen. Stockfisch ist in Norwegen seit über 1.000 Jahren ein wichtiges Handelsgut, wobei Italien bis heute der größte Exportempfänger ist.
Svolvær ist nicht nur die größte Stadt der Lofoten, sondern auch einer der wichtigsten Orte für Kunst und Künstler in Nordnorwegen. Im Künstlerzentrum „Nordnorsk Kunstnernesentrum“ (am Torget 20) gibt es das ganze Jahr spannende Ausstellungen zeitgenössischer Künstler.
Aufgrund der hervorragenden Lichtverhältnisse zieht es seit dem 19. Jahrhundert immer wieder Künstler auf die Lofoten. Einer der bekanntesten war Gunnar Berg, dessen berühmtestes Gemälde („Trollfjordslaget“ – die Troll-fjordschlacht) im Rathaus von Svolvær hängt. Seit 1991 findet alle zwei Jahre von September bis Oktober auf der gesamten Inselgruppe das „Lofoten International Art Festival“ (www.nnks.no/en) mit Workshops und Ausstellungen internationaler Künstler statt, wobei das Künstlerzentrum in Svolvær zu den Hauptausstellungsorten gehört.
Taghelle Nächte mit blauem Himmel
Den besten Blick über den Ort aus der Vogelperspektive hat man vom knapp 400 Meter hohen Tjeldbergtind. Der drei Kilometer lange Weg zum Gipfel ist etwas mühsam, wird jedoch mit einer atemberaubenden 360-Grad-Sicht auf Svolvær, das blaue Meer, die grüne Hügellandschaft und die steilen Gipfel der Lofoten belohnt. Zu schaffen ist der Gipfelausflug während des zweistündigen Landgangs allerdings nur knapp, es sei denn, man fährt mit dem Taxi hinauf.
Nächster Stopp der „Havila Pollux“ ist Bodø um 2.30 Uhr. Hier endet die Fahrt für diejenigen, die vier Tage gebucht haben, die anderen fahren weiter. Bodø, europäische Kulturhauptstadt 2024, gilt als arktischer Kultur-Hotspot. Jetzt, so spät in der Nacht beziehungsweise so früh am Morgen, ein Stadtspaziergang? Warum nicht? Taghelle Nächte mit strahlend blauem Himmel erlebt man schließlich nicht alle Tage und bis zum Rückflug nach Frankfurt via Oslo ist jede Menge Zeit.
Wer mehr von den Lofoten sehen möchte, bleibt in Svolvær, mietet ein Auto und erkundet die Inseln, die durch Brücken und Tunnel miteinander verbunden sind. Ein oder zwei Tage später geht es dann an Bord eines der Schiffe von Havila Voyages nach Bodø, sofern entsprechend gebucht wurde; oder gar bis nach Bergen.