Wie unterscheiden sich synthetischer und mineralischer Sonnenschutz? Was sollte man bei der Anwendung von Sonnencreme berücksichtigen? Und muss man im Sommer auf Retinol verzichten? Dr. med. Christof Kirkamm spricht über Hitzeschutz, Sommerpflege und Anti-Aging-Methoden.
Herr Dr. Kirkamm, sollte man die Haut im Sommer anders pflegen als im Winter?
Ja, ein Stück weit schon. Im Sommer produziert die Haut meist mehr Talg, man schwitzt mehr, und UV-Strahlung, Hitze, Salz- oder Chlorwasser setzen die Haut zusätzlich unter Stress. Deshalb reichen oft leichtere Texturen, etwa Fluids oder Gel-Cremes. Die Prinzipien bleiben aber gleich: mild reinigen, die Hautbarriere mit Feuchtigkeit stabil halten und jeden Tag konsequent an UV-Schutz denken. Im Winter darf die Pflege ruhig reichhaltiger sein, weil Kälte und trockene Luft die Haut stärker austrocknen.
Manche Ärzte sagen, dass jeder Sonnenbrand ein Hautkrebsrisiko mit sich bringt. Stimmt das?
Ja, und zwar mehr, als viele denken. Ein Sonnenbrand ist immer ein Zeichen dafür, dass die Haut bereits UV-Schaden erlitten hat. Natürlich entsteht nicht aus jedem einzelnen Sonnenbrand automatisch Hautkrebs, aber jeder Sonnenbrand ist einer zu viel und erhöht das langfristige Risiko. Besonders kritisch ist es, wenn Sonnenbrände wiederholt auftreten oder schon in jungen Jahren passieren. Dermatologisch gilt deshalb: Nicht erst den Sonnenbrand behandeln, sondern ihn konsequent verhindern.
Viele Sonnencremes beinhalten bedenkliche Inhaltsstoffe und auch in Kindersonnencremes wurden schon verbotene Weichmacher nachgewiesen, die in Verdacht stehen, krebserregend zu sein. Welche Produkte kann man noch unbedenklich benutzen?
Die größere Gefahr für die Haut ist in aller Regel nicht die Creme, sondern dass aus Verunsicherung gar kein Sonnenschutz benutzt wird. Die Diskussion über einzelne Inhaltsstoffe lenkt nämlich oft vom eigentlichen Risiko ab. Für unsere Haut ist vor allem UV-Strahlung gefährlich, das ist seit Jahren gut belegt. Sie beschleunigt die Hautalterung und erhöht das Hautkrebsrisiko. Die zuletzt diskutierten problematischen Stoffe in einzelnen Produkten betreffen dagegen meist nur sehr geringe Spuren oder werden streng reguliert und regelmäßig überprüft. Nach aktuellem wissenschaftlichem Stand sind die in Europa zugelassenen Sonnenschutzmittel sicher. Mein Rat ist deshalb ganz pragmatisch: nicht nach der vermeintlich „perfekten“ Sonnencreme suchen, sondern eine finden, die man im Alltag wirklich konsequent und ausreichend benutzt.
Neben synthetischem Sonnenschutz gibt es auch mineralischen Sonnenschutz. Wie funktionieren diese jeweils und wie unterscheiden sie sich?
Vereinfacht gesagt arbeiten synthetische, also organische Filter vor allem dadurch, dass sie UV-Strahlung aufnehmen und in eine andere Energieform (zum Beispiel Wärme) umwandeln. Mineralische Filter wie Zinkoxid oder Titandioxid reflektieren und streuen Strahlung, moderne Daten zeigen aber, dass sie einen Teil davon ebenfalls absorbieren. Für Verbraucher ist vor allem wichtig, dass beide Systeme sehr wirksam sein können. Am Ende zählt nicht die Filter-Art, sondern ob man die Sonnencreme jeden Tag wirklich nutzt.
Welche davon sollte man denn bevorzugen beziehungsweise wovon ist das abhängig?
Ein pauschales Besser gibt es nicht. Mineralische Filter sind oft eine gute Wahl bei sehr empfindlicher Haut, Rosazea oder wenn die Augen auf manche Filter schnell gereizt reagieren. Moderne organische oder Hybrid-Filter sind häufig kosmetisch eleganter, lassen sich schöner verteilen und werden deshalb im Alltag oft konsequenter verwendet. Gerade im Gesicht ist das ein wichtiger Punkt. Denn die theoretisch beste Sonnencreme nützt wenig, wenn sie weißelt, brennt oder im Regal stehen bleibt.
Wie wendet man Sonnencreme richtig an – sollte man zum Beispiel eine Einwirkzeit beachten, bevor man raus in die Sonne oder ins Wasser geht? Und wie ist es bei Make-up – muss man sie erst einwirken lassen, bevor man sich schminkt?
Das Problem ist selten die Sonnencreme, sondern fast immer die Menge. Als einfache Orientierung gilt für das Gesicht und den Hals ungefähr die Menge, die zwei Streifen entlang von Zeige- und Mittelfinger entspricht. Die meisten Menschen tragen deutlich zu wenig auf. Hals und Dekolleté werden häufig vergessen, sollten aber unbedingt mit eingecremt werden. Ideal ist es, den Sonnenschutz etwa 15 Minuten vor dem Hinausgehen aufzutragen. Danach gilt: mindestens alle zwei Stunden nachlegen. Bei Schwitzen, nach dem Baden oder direkt nach dem Abtrocknen auch früher. Im Gesicht gehört Sonnenschutz als letzter Pflegeschritt vor das Make-up. Make-up mit Lichtschutzfaktor kann eine sinnvolle Ergänzung sein, ersetzt aber keine echte Sonnencreme, weil dafür im Alltag meist zu wenig aufgetragen wird.
„Leave-in-Pflege für die Haare“
Gibt es auch Alternativen zu Sonnencremes?
Ja, und die sind sogar sehr wichtig. Schatten, Kleidung, Hut und Sonnenbrille sind oft die wirksamste Basis, um UV-Strahlung zu reduzieren. Entscheidend ist aber: Sobald Haut unbedeckt ist, ersetzt das keine Sonnencreme. Von einem echten „Sonnenschutz von innen“, wie er gelegentlich auf Social Media vermarktet wird, würde ich nur sehr zurückhaltend sprechen. Für einzelne Stoffe wie Polypodium leucotomos gibt es interessante Daten als ergänzenden Baustein, aber ganz sicher nicht als Ersatz für klassischen UV-Schutz.
Wie kann man im Sommer Haut und Haare vor Austrocknung und die Haarfarbe vor dem Verblassen schützen?
Die Haut trocknet im Sommer vor allem durch Sonne, Wind, Salz, Chlor und häufiges Duschen aus. Deshalb sollte man mild reinigen und danach wieder Feuchtigkeit und etwas Barriereschutz nachlegen. Für die Haare helfen Hut, UV-Schutzsprays oder Leave-in-Pflege und nach dem Schwimmen ein rasches Ausspülen mit klarem Wasser. Blondiertes oder aufgehelltes Haar ist besonders empfindlich und verliert schneller Glanz und Farbe.
Welche Tipps haben Sie für Urlauber, die gern viele Stunden am Strand und im Meer verbringen?
Die wichtigste Regel lautet: Sonnencreme ist keine Eintrittskarte für stundenlanges Braten. Gerade am Strand ist die Belastung hoch, weil Sand und Wasser UV-Strahlen zusätzlich reflektieren. Deshalb empfehle ich: Hut, Sonnenbrille, Shirt oder UV-Kleidung, Lippenpflege mit SPF, ausreichend trinken, regelmäßig nachcremen und die pralle Mittagszeit möglichst meiden. Wer schon merkt, dass die Haut spannt, rötet oder brennt, ist medizinisch gesehen bereits zu weit gegangen. Wichtiger, oft unterschätzter Punkt: Eine Bräune ist keine Form von Gesundheit, sondern eine Schutzreaktion der Haut auf bereits stattgefundene UV-Schäden.
Können Seren und Cremes die Hautalterung wirklich minimieren oder geht es da eher um ein kurzfristiges Aufpimpen der Haut, das schnell wieder nachlässt?
Hier muss man klar unterscheiden: Es gibt Produkte mit kurzfristigem Effekt und solche mit echter Wirkung. Manche Produkte polstern die Haut vor allem kurzfristig über Feuchtigkeit auf und lassen sie dadurch glatter aussehen. Es gibt aber auch Wirkstoffe mit echter Evidenz. Das Fundament ist täglicher UV-Schutz, weil er den wichtigsten äußeren Treiber vorzeitiger Hautalterung bremst. Danach kommen Wirkstoffe wie Retinoide, und je nach Hautziel können auch Niacinamid oder Vitamin C sinnvoll ergänzen. Anti-Aging ist also nicht automatisch Marketing, aber man muss sehr klar zwischen echter Wirkung und schönem Werbeversprechen unterscheiden.
Retinoide erfreuen sich in Seren oder Cremes in den letzten Jahren großer Beliebtheit, da sie gute Anti-Aging-Eigenschaften besitzen sollen, indem sie zum Beispiel die Kollagenbildung anregen, können aber andererseits die Hautbarriere schwächen und die Haut lichtempfindlicher machen. Sollte man im Sommer besser darauf verzichten?
Nicht automatisch. Retinol oder andere topische Retinoide muss man im Sommer nicht grundsätzlich absetzen. Wichtig ist: abends anwenden, langsam einschleichen, die Haut nicht überreizen und tagsüber konsequent vor UV schützen. Bei gereizter, schälender oder frisch sonnenverbrannter Haut würde ich pausieren, bis die Barriere sich erholt hat. Das Problem ist oft nicht der Sommer an sich, sondern ein falscher Umgang mit dem Wirkstoff. Wer Retinol wie einen Sprint behandelt, erlebt oft unnötige Irritationen, sinnvoll ist eher ein kontrollierter Langstreckenlauf.
Retinoide fördern die Zellenerneuerung
Manche beklagen nach langer Retinol-Anwendung, dass bei ihrer Haut eher der gegenteilige Effekt erreicht wurde und diese dünner geworden zu sein scheint oder gar kleine eigentlich verheilte Narben wieder sichtbar geworden sind. Ist der Wirkstoff nicht für jeden geeignet?
Das sehe ich in der Praxis häufig, wird aber oft missverstanden. Was viele als dünner gewordene Haut wahrnehmen, ist oft keine echte Ausdünnung, sondern eine gereizte, trockene und vorübergehend gestörte Hautbarriere. Dann spannt die Haut, schuppt sich und wirkt plötzlich unruhiger oder empfindlicher. Richtig dosiert können Retinoide bei lichtbedingter Hautalterung sehr sinnvoll sein. Falsch kombiniert oder zu aggressiv eingesetzt können sie die Haut aber erst einmal schlechter aussehen lassen. In der Dermatologie gilt deshalb: lieber langsam und dauerhaft als maximal stark und maximal schnell.
Welche Wirkstoffe haben für Sie persönlich die besten Eigenschaften, auf welche setzen Sie täglich und warum?
Wenn ich meine eigene Routine auf das Wesentliche reduzieren müsste, wären es vier Dinge: erstens täglicher Breitband-Sonnenschutz, zweitens ein Retinoid, drittens eine gute Basispflege mit Feuchthaltemitteln und Barrierestoffen wie Glycerin, Urea oder Ceramiden und viertens je nach Hautziel Niacinamid oder Vitamin C. Neue Wirkstoffe können spannend sein, aber entscheidend ist ihre gezielte und sinnvolle Kombination. Gute Hautpflege ist kein Wettlauf um möglichst viele Trendwirkstoffe, sondern entscheidend sind vor allem einige gut gewählte Basics und konsequente Anwendung.
Sind Parabene und Silikone in Pflegeprodukten wirklich so schlecht wie ihr Ruf in den letzten Jahren?
Aus dermatologischer Sicht: meistens nein. Parabene gehören zu den besser verträglichen Konservierungsstoffen und haben ein vergleichsweise niedriges Allergierisiko. Silikone sind ebenfalls nicht pauschal schlecht; sie sind in vielen Formulierungen gut verträglich und sorgen oft gerade dafür, dass sich ein Produkt angenehm anfühlt und sich gleichmäßig verteilt. Die Haut interessiert sich nicht für Marketingbegriffe, sondern für Verträglichkeit. Verbraucher sollten sich deshalb nicht zu sehr von Schlagworten wie „parabenfrei“ oder „silikonfrei“ lenken lassen.
Was halten Sie von Naturkosmetik – ist diese zu bevorzugen?
Nicht automatisch. „Natürlich“ ist in der Dermatologie kein Synonym für besser oder verträglicher. Im Gegenteil: Gerade pflanzliche Duftstoffe, ätherische Öle oder Propolis können Kontaktallergien auslösen oder sensible Haut reizen. Ich würde deshalb weniger auf das Etikett „Naturkosmetik“ schauen und mehr auf die konkrete Formulierung: reizarm, duftstoffarm, gut verträglich. Für empfindliche Haut ist weniger oft mehr.
Anti-Aging ist in den letzten Jahren ein großes Thema. Filler wie Hyaluronsäure oder Poly-L-Milchsäure erfreuen sich zur Faltenunterspritzung immer größerer Beliebtheit. Was halten Sie von Fillern und von Botox?
Richtig eingesetzt können beide Verfahren sehr gute Ergebnisse liefern, aber sie lösen natürlich nicht das Grundproblem der Hautalterung. Botulinumtoxin ist besonders stark bei mimischen, also dynamischen Falten. Hyaluronsäure eignet sich vor allem für Volumen und Kontur. Poly-L-Milchsäure wirkt eher als Biostimulator und entfaltet ihre Effekte langsamer. Entscheidend für natürliche Ergebnisse ist eine gute Indikation, ein realistisches Ziel und ein Arzt, der zurückhaltend arbeitet. Die besten Ergebnisse erkennt man oft daran, dass man sie nicht erkennt.
„Face Yoga ist kein Gamechanger“
Einige Ärzte warnen vor den aktuell beliebten Nasenkorrekturen mittels Hyaluron und anderer Anwendungen in Augennähe (Risiko der Erblindung). Was sagen Sie dazu?
Diese Warnung ist absolut berechtigt. Schwerwiegende Gefäßkomplikationen sind selten, aber real – im Extremfall bis hin zu Erblindung, Schlaganfall oder Gewebsuntergang. Besonders heikel sind Nase, Zornesfalte, Stirn und die Augenregion. Solche Eingriffe gehören deshalb nur in sehr erfahrene Hände. Und manchmal ist die beste ästhetische Entscheidung tatsächlich, etwas nicht zu machen. Wer in diesen Arealen mit schnellen Beauty-Versprechen wirbt, macht es sich aus meiner Sicht zu leicht.
Was halten Sie von Ultraschall-Therapie und CO2-Lasern zur Hautverjüngung?
Beides hat seinen Platz. Mikro-fokussierter Ultraschall eignet sich eher bei milder bis moderater Hauterschlaffung und wenn man wenig Ausfallzeit möchte. Fraktionierte CO2-Laser sind meist stärker, wenn es um Fältchen, Hauttextur und zum Teil auch Narben geht, dafür aber mit mehr Downtime und sorgfältigerer Nachsorge. Das sind also keine Konkurrenzverfahren im engeren Sinne, sondern Werkzeuge für unterschiedliche Probleme. Gute Ergebnisse hängen stark davon ab, ob Methode, Hauttyp und Erwartung wirklich zusammenpassen.
Als natürliche Anti-Aging-Methode wird in Sozialen Netzwerken Face Yoga empfohlen. Ist das sinnvoll?
Die Datenlage ist bisher dünn. Es gibt kleine Studien mit Hinweisen auf bescheidene Effekte, etwa im Bereich der Wangenfülle. Verglichen mit täglichem UV-Schutz, Retinoiden oder etablierten dermatologischen Verfahren ist Face Yoga aber sicher kein Gamechanger. Wer Freude daran hat, kann es als Wellness-Ritual sehen. Ich würde nur nicht erwarten, dass damit tiefere Alterungsprozesse der Haut entscheidend aufgehalten werden.
Welche natürlichen Anti-Aging-Methoden gibt es, wie bleibt man möglichst lange körperlich und geistig vital und glatt im Gesicht?
Die unspektakuläre Antwort ist zugleich die wirksamste: konsequenter UV-Schutz, Nichtrauchen, ausreichend Schlaf, regelmäßige Bewegung, ausgewogene Ernährung und möglichst wenig chronischer Stress. Das klingt weniger glamourös als der nächste Trend, ist biologisch aber deutlich plausibler. Für die Haut gilt: Wenige, gut belegte Gewohnheiten schlagen meist die Jagd nach dem nächsten Wunderwirkstoff. Wer langfristig vital wirken will, braucht meist nicht mehr Produkte, sondern mehr Konstanz.