Trump hat den geeigneten Moment zum Ausstieg aus dem Iran-Krieg verpasst
Dass US-Präsident Donald Trump Freunde, Verbündete und Feinde einschüchtert, ist bekannt. Dass er seine Wut nicht zügeln kann, ebenfalls. Neu ist jedoch Trumps völlig entgleiste Wortwahl. Weil das iranische Regime seine Bedingungen für eine schnelle Kapitulation nicht akzeptieren wollte, fuhr er eine nie dagewesene Drohkulisse auf. „Öffnet die verdammte Straße (von Hormus), ihr verrückten Mistkerle, oder ihr werdet in der Hölle landen“, polterte er auf seiner Plattform Truth Social. Die Iraner seien „Tiere“. Sollte die Führung in Teheran nicht einlenken, würden die Kraftwerke und Brücken des Landes in die Luft gesprengt. Es ist die Rhetorik eines Stammtisch-Proleten. In der Geschichte der Vereinigten Staaten hat ein Präsident noch nie so geredet.
Trump – so scheint es – fühlt sich durch die spektakuläre Befreiungsaktion von zwei US-Militärs nach dem Abschuss eines Kampfjets über den Iran ermutigt. Für ihn ist der Rettungseinsatz am Osterwochenende ein Mini-Venezuela-Szenario. Es wirkt wie Polit-Doping.
Der US-Präsident sucht nach einem Ausstieg aus dem Iran-Krieg – aber zu seinen Bedingungen. Er verfolgt eine Vogel-friss-oder-stirb-Linie. „Stärke“, „Durchsetzungskraft“, „Sieg“ sind die einzigen Parameter, die für ihn zählen. Knapp sieben Monate vor den wichtigen Zwischenwahlen zum US-Kongress will er einen Triumph erzwingen, der die mehrheitlich kriegsskeptischen Amerikaner auf seine Seite ziehen soll.
Doch den geeigneten Moment zum Rückzug hat Trump verpasst. Er hätte nach den amerikanisch-israelischen Luftschlägen der ersten Wochen, in denen ein beträchtlicher Teil des iranischen Arsenals zerstört wurde, „Mission erfüllt“ verkünden können. Damit wäre der Weg zu Verhandlungen mit dem Iran ermöglicht worden, unter Einschaltung vermittelnder Staaten wie Pakistan, Ägypten oder der Türkei.
Egal, was Trump nun tut: Es drohen düstere Szenarien. Wenn er seine Ankündigung wahrmacht und iranische Fabriken, Brücken oder Ölfelder in die Luft jagen lässt, wird Teheran Vergeltung üben. Das Regime wird dann die Energieinfrastruktur am Persischen Golf in Brand setzen. „Das würde den Ölpreis auf über 200 bis 250 Dollar pro Barrel hochschießen lassen. Das würde die Märkte in einer Weise erschrecken, wie es bisher noch nicht der Fall war“, warnt Ali Vaez von der Denkfabrik International Crisis Group.
Setzt Trump amerikanische Bodentruppen ein, nähme er ein extrem hohes Risiko in Kauf. Jede Insel im Golf kann vom iranischen Festland aus angegriffen werden. Und selbst dann gibt es keine Garantie dafür, dass sie die Straße von Hormus wieder befahrbar machen könnten. Der Iran wäre in der Lage, von weit im Landesinneren aus Drohnen und Raketen auf Containerschiffe abzufeuern. Das Regime scheint imstande, seine Raketenbunker innerhalb weniger Stunden nach amerikanischen und israelischen Attacken wieder einsatzbereit zu machen. Das legen US-Geheimdienstpapiere nahe, wie die „New York Times“ und der britische „Telegraph“ berichten. Die Islamische Republik verfügt demnach weiterhin über eine erhebliche Zahl an Raketen und mobilen Abschussvorrichtungen, die in unterirdischen Systemen – sogenannten Raketenstädten – versteckt werden.
Dennoch ist es denkbar, dass das Regime deutlich geschwächt wird. Es könnte sein, dass die Führung am Ende des Krieges schwer angeschlagen ist, aber trotzdem die Kontrolle über die Straße von Hormus behält. Oder die Luftschläge würden derart ausgeweitet, dass der Iran in einen „gescheiterten Staat“ abgleitet. Käme es zum Bürgerkrieg, würden sich Flüchtlinge in großer Zahl Richtung Europa aufmachen.
Überlebt das Regime hingegen, wird es sich weiter radikalisieren. Im Zuge des rund sechswöchigen Krieges haben die Hardliner das Sagen. Es steht zu befürchten, dass diese alles daransetzen werden, die Atomwaffe als ultimative Abschreckung zu erlangen. Es wäre das Nordkorea-Modell. Nach Ansicht des Iran-Experten Ali Vaez droht eine weitere Gefahr: „Angesichts der emotionalen Belastung durch diesen Konflikt und des staatlichen Interesses an Rache würde ich nicht ausschließen, dass eine neue Form des internationalen Terrorismus entsteht – sowohl durch Einzeltäter als auch durch staatlich geförderte Terrorakte. Es könnte ein Phänomen sein, das uns noch eine weitere Generation begleiten wird.“