Der Klimawandel verändert nicht nur Natur, Wetter, Gesellschaft und Lebensbedingungen grundlegend: Er erschüttert auch die Sicherheitspolitik. Wie Hitze Deutschland angreifbar macht.
Der Politikwissenschaftler Konstantinos Tsetsos beschreibt im Fachmedium „Internationale Politik Special“ 1/26, wie Hitze und Dürre zu „sicherheitspolitischen Verwundbarkeiten“ werden, die externe Akteure gezielt ausnutzen können. Seine Analyse stützt sich auf reale Trends situativer Destabilisierung, welche Hitze verstärken kann: etwa überlastete Netze, föderale Reibungsverluste sowie soziale Polarisierung. Deutschland stehe im Spannungsfeld zweier Megatrends: Klimawandel und hybride Bedrohungen. „Beide wirken nicht isoliert, sondern verstärken sich gegenseitig“, schreibt der Politikwissenschaftler, der an der Universität der Bundeswehr München forscht.
Besonders beeindruckt ein von Tsetsos entworfenes Szenario extremer Dürre: Niedrige Pegelstände treffen die Binnenschifffahrt, Stromnetze laufen am Limit, der Wasserverbrauch wird rationiert. In diesem Moment legen hybride Akteure in mehreren Regionen gleichzeitig Brände. Trockenheit und Winde lassen die Feuer schnell außer Kontrolle geraten, Feuerwehren stoßen an Grenzen, Straßen werden gesperrt, Städte versinken im Rauch. Für Tsetsos wäre das nicht nur eine Naturkatastrophe, sondern „der erste Schritt eines koordinierten hybriden Angriffs“. Hitze schwächt Systeme, Sabotage überlastet sie. Ein Zusammenspiel, das „Verwundbarkeit“ strategisch nutzbar macht.
Die physische Katastrophe ist jedoch nur die eine Seite des Szenarios. Die andere heißt Desinformation. Beispielsweise sollen fingierte Evakuierungsprobleme und Behauptungen über Ungleichbehandlung Vertrauen unterminieren. Die Gesellschaft kann zwischen Wahrheit und Manipulation nicht mehr unterscheiden. Die Sichtweise des Angreifers wird übernommen. Das Ziel psychosozialer Destabilisierung lässt sich über die Erzählung staatlicher Handlungsunfähigkeit erreichen. Hybride Akteure stören „die Entscheidungsschleifen“ des Staates oder übernehmen sie gar. Naturereignisse wie Hitze sorgen dem Politikwissenschaftler zufolge dafür, dass auch psychisch-kognitive Angriffe „maximale Wirkung“ entfalten können.
Psychisch-kognitive Angriffe
Klima müsse deshalb bei Sicherheit mitgedacht werden. Sonst könnten etwa beim beschriebenen Hitze-Dürre-Szenario im Fortgang der hybriden Attacke ein großflächiger Cyberangriff plus klassische militärische Bedrohungen die logistische Nato-Drehscheibe Deutschland ins Wanken bringen.
Tsetsos fordert „Resilienz“, die darauf abzielt, dass Deutschland in einer „sich aufheizenden Welt“ handlungs- und im europäischen Kontext widerstandsfähig bleibt. Hybriden Angriffen müsse durch Lern- und Transformationsprozesse die Grundlage entzogen werden, indem Krisen nicht nur überstanden werden, sondern auch aus ihnen gelernt wird.
Tsetsos’ fachliche Analyse zu Hitze als „Resonanzboden“ für hybride Attacken erinnert auch an die Metapher der „CO₂-Bombe“. Diese bezeichnet keine Waffe, sondern fossile Megaprojekte – Gasfelder, Pipelines, LNG-Terminals –, deren Emissionen die Erderwärmung beschleunigen. Der sicherheitspolitische Effekt ist indirekt, aber gravierend: Höhere Temperaturen verstärken jene Schwachstellen, die Tsetsos als verwundbar markiert – von Dürre über Netzüberlastung bis hin zu Wasserknappheit –, und verstärken die Hebel für Cyberangriffe, Sabotage und Desinformation.
Auch die EU registriert die Verzahnung von Hitze und digitaler Fragilität. Das Projekt „PERUN“ entwickelt Cybersicherheitslösungen, die kritische Infrastrukturen in hitzebelasteten Zeiten schützen sollen. Die „agentenlose Zero Trust Segmentierung“ auf Spezialhardware (Akamai/NVIDIA BlueField DPUs) kann selbst veraltete oder nicht agentenfähige Industrieanlagen hardwareseitig isolieren. Erklärbare KI soll neue, auch KI-generierte Malware schneller erkennen. Stromnetze, Wasserwerke und Krankenhäuser stehen in Hitzeperioden ohnehin unter Maximalstress. Jede zusätzliche Störung kann „zum Kippen des Gesamtsystems führen“. Die Lehre daraus: Resilienz heißt, physische und digitale Schutzlinien zusammenzudenken.
Die Bundesregierung ließ vergangenes Jahr die sicherheitspolitischen Folgen der Klimakrise in einer gemeinsamen Lagebewertung analysieren. Erstellt vom Metis Institut für Strategie und Vorausschau, dem Potsdam Institut für Klimafolgenforschung, der adelphi research gGmbH (Think-and-Do-Tank für Klima, Umwelt und Entwicklung) und dem Bundesnachrichtendienst. Der Bericht, noch mit einem Vorwort der ehemaligen Außenministerin Annalena Baerbock, beginnt unmissverständlich: „Wir leben bereits in der Klimakrise.“ Extremwetter werde sich „bis 2040 und weit darüber hinaus entfalten“. Im Szenario „SSP2 4.5“ sei bei einer globalen Erwärmung von 2,7 Grad Celsius „davon auszugehen, dass bis zum Ende des Jahrhunderts 22 bis 39 Prozent der Weltbevölkerung nicht mehr in der ‚Klima-Nische‘ leben“. Das ist auch migrationspolitisch brisant.
Deutschland erwärmt sich schneller als der globale Durchschnitt. Hitzewellen, Starkregen und Dürreperioden nehmen an Häufigkeit und Intensität zu. Allein 2000 bis 2021 summierten sich die Schäden auf 145 Milliarden Euro. Hitze ist „bereits heute die tödlichste Extremwetterkomponente in Europa“ und gefährdet die Funktionsfähigkeit kritischer Infrastruktur. Vom Stromnetz über Krankenhäuser bis zu Transportwegen. Sie wirkt zudem als subtiler Leistungsdämpfer: „Starke Hitze reduziert die körperliche und kognitive Leistungsfähigkeit sowie die Lebensqualität.“ Auch neue Gesundheitsrisiken treten auf: „Es kann in Europa zu Infektionen mit Dengue, Zika oder West-Nil-Fieber kommen.“ Der Befund: Wenn Klima zum Dauerstressor wird, verschiebt sich die Sicherheitslogik von punktueller Gefahrenabwehr zu vorausschauender Robustheit.
Auch die Bundeswehr ist betroffen
Klimafolgen treffen besonders fragile Staaten. Dürren, Wasserknappheit und Ernteausfälle erhöhen das Risiko sozialer Spannungen, Gewalt und Migration. „Viele wenig entwickelte Staaten in der europäischen Nachbarschaft gehören zu den klimavulnerabelsten.“ Bis 2050 ist global mit 44 bis 216 Millionen Binnenmigranten aufgrund klimatischer Veränderungen zu rechnen; bis zum Jahrhundertende droht, dass große Bevölkerungsteile ihre Region verlassen müssen. Für Europa wächst der Stabilitätsdruck an den Außengrenzen. Neue Anforderungen an Diplomatie, Entwicklung und Sicherheit entstehen.
Die Energiewende schwächt klassische Petrostaaten und verschiebt Abhängigkeiten. Im Wettlauf um grüne Schlüsseltechnologien dominiert China zentrale Lieferketten – eine industrie- und sicherheitspolitische Herausforderung für Europa. Gleichzeitig gewinnt die Arktis an strategischem Gewicht: Schwindendes Eis eröffnet neue Routen und Rohstoffe, „militärische Spannungsfelder“ wachsen, Russland baut Präsenz aus, die Nato blickt auf ihre Nordflanke.
Auch die Bundeswehr wird betroffen sein. „Personal, Infrastrukturen und Gerät“ stehen „zunehmend extremeren klimatischen Anforderungen“ gegenüber. Extreme Temperaturen beeinträchtigen Sensorik, Mobilität und Logistik; Ausrüstung, die heute geplant wird, operiert im Klima der 2040er. Gleichzeitig steigt die Nachfrage nach Amtshilfe bei klimabedingten Katastrophen. Für die Einsatzbereitschaft wird klimatische Resilienz zum mitbestimmenden Faktor: von Materialstandards bis hin zu Ausbildung und Lagebild.
Die Transformation zur Klimaneutralität belastet Haushalte ungleich. Preissteigerungen, CO₂-Bepreisung und regionale Strukturbrüche schaffen Angriffsflächen. Klimaschutz werde „vielfach in das übergeordnete Narrativ einer zunehmenden und undemokratischen staatlichen Repression eingebettet“. Der Bericht warnt vor wachsender Radikalisierung. Sicherheitspolitik muss deshalb soziale Flankierung als Prävention begreifen.
Am Ende stehen vier Linien, keine simplen Rezepte: Schnellere, sozial gerechte Dekarbonisierung, ambitionierte Klimadiplomatie, der Aufbau nationaler Resilienz gegen Hitze, Dürre und Extremwetter sowie die Unterstützung fragiler Staaten, bevor Krisen Europa erreichen. Leitmotiv bleibt der Satz: „Wer Sicherheit denkt, muss Klima mitdenken.“ Die Konsequenz: Sicherheits-, Klima-, Sozial- und Digitalpolitik müssen zusammengeführt werden. Als integrierte Antwort auf eine Krise, die physische, soziale und technologische Druckpunkte miteinander verknüpft.
Sicherheit und Klima gehen Hand in Hand
Hitze erweist sich damit als politischer, gesellschaftlicher und technologischer Stressfaktor. Ein Katalysator für Risiken, die längst im System wirken. Die Klimakrise verändert Machtverhältnisse, verschärft soziale Spannungen und macht Gesellschaften manipulationsanfälliger. Deutschland steht vor einer Realität, in der Extremwetter, Cyberangriffe und Desinformation nicht mehr getrennt betrachtet werden können. Sicherheit im 21. Jahrhundert heißt, klimatische Veränderungen als strategische Herausforderung zu begreifen und Resilienz zu organisieren, bevor Krisen wirken.
Hitze entwickelt sich zum sicherheitspolitischen Faktor. Extremwetter, Desinformation und geopolitische Risiken verstärken sich gegenseitig. Deutschlands Verwundbarkeit wächst, von überlasteten Netzen bis hin zu globalen Konflikten. Sicherheitspolitik muss Klima als strategischen Kern begreifen, vorbeugende Maßnahmen stärken und Resilienz in Infrastruktur, Gesellschaft und Diplomatie aufbauen.
„Ein erneuerbares Energiesystem ist nicht nur für das Klima gut“, sagt die Politökonomin und Transformationsforscherin Maja Göpel mit Blick auf den Iran-Krieg. „Es erlaubt eine andere Unabhängigkeit, weniger Erpressbarkeit und Versorgungssicherheit.“
Die wissenschaftliche Politikberaterin plädiert dafür, Sicherheit ganzheitlich zu denken, und wirft die Frage auf: „Wie viel Klima ist gerade in der Außenpolitik und in der Verteidigungspolitik in Deutschland vorhanden?“ Ihr Resümee: „Ich habe nicht das Gefühl, dass Klima eine Perspektive ist, mit der geschaut wird.“
Immerhin tue der Umweltminister sein Möglichstes, gerade wenn es um europäische Gesetzesänderungen gehe. Die Podcast-Hosterin erwartet von den Handelnden, mit offenen Karten zu spielen. Insbesondere, nicht irgendwann anzukündigen: „Wir verschieben die Klimaziele“ – ohne dazu zu sagen, „was ihr damit an zusätzlichen Risiken und Schäden in Kauf nehmt“.