Drei Viertel der Deutschen leben in immer heißeren Städten. Die mächtigen Straßen und Gebäude der Menschen konkurrieren mit kühlendem Grün und Wasserflächen um Platz. Citys weltweit wandeln sich in langen Sommern zu strapaziösen „urbanen Wärmeinseln“.
New York, Paris, Frankfurt, Mailand und Berlin: Die Bewohner grauer, dicht besiedelter globaler Metropolen leiden besonders unter den vom Klimawandel verschärften heißen Tagen. Temperaturen ab 30 Grad Celsius verlangen an Hitzetagen dem Organismus und dem Schwitzvermögen Höchstleistungen ab, die nicht jeder aufbringen kann.
Immer mehr Wärmeopfer
Moritz Ochsmann vom Deutschen Institut für Urbanistik (Difu) schrieb 2025 über „Hitzeaktionspläne in der kommunalen Praxis“: „Die durch den fortschreitenden Klimawandel zunehmende Hitzebelastung wirkt sich spürbar auf das Wohlergehen der Bevölkerung in den Kommunen aus. In urban geprägten Kommunen mit hohem Versiegelungs- und Bebauungsgrad führt ein ungünstiges Zusammenspiel von Gebäudeeigenschaften, Sonneneinstrahlung und anthropogener Wärmeerzeugung zu einem Hitzeinseleffekt.“ Dabei könnten, schrieb Ochsmann, vor allem nachts in der Innenstadt bis zu zehn Grad höhere Temperaturen als im Umland entstehen, siehe Berlin.
Das Umweltbundesamt (UBA) beobachtete schon 2015 bis 2018, dass Berlins Innenstadt an heißen Sommertagen um elf Grad wärmer war als das freiere Umland. Mangels Luftschneisen konnten sich die Berliner in immer häufiger tropisch warm bleibenden Nächten mit über 20 Grad Celsius auch beim Schlafen nicht erholen. Frankfurt am Main wies damals schon im Mittel drei bis vier Grad Temperaturdifferenz zum Umland auf, an Spitzentagen bis zu elf Grad.
Ohne Gegenmaßnahmen, reichlich Trinken und kühle Regenerationsoasen enden Herz-Kreislauf-Probleme und Hitzschlag vor allem in den städtischen Hotspots unvermutet schnell tödlich. Während der Hitzewelle Ende Juni und Anfang Juli 2025 starben nach vorsichtigen Schätzungen an zehn Tagen rund 2.300 Menschen in zwölf ausgewählten europäischen Großstädten an extremer Hitze. Fast 90 Prozent der Toten waren 65 Jahre und älter. Den Berechnungen britischer Forscher zufolge überlebten 1.500 der insgesamt 2.300 Hitzewellen-Toten die strapaziöse Wärme nicht, weil der Klimawandel die Hitze in den untersuchten Städten um durchschnittlich 2,2 bis zu 3,6 Grad Celsius gesteigert hatte. In Paris zählten die Briten 235 solcher zusätzlicher Klimawandel-Wärme-Opfer, für Frankfurt kamen die Wissenschaftlerinnen auf 21 Klima-Hitzetote. Für Berlin meldete die Tagesschau 140 Hitzewellen-Opfer. Mehr Menschen kamen so infolge der Hitzeextreme ums Leben als bei anderen Katastrophen der jüngeren Vergangenheit, etwa Überschwemmungen. Die Forscher warnen, dass die Temperaturen und die Zahl der Toten während solcher Hitzewellen weiter steigen werden: bis Netto-Null-Emissionen erreicht sind.
Die Klimawandel-Komponente
Nach solchen Inseln sehnt sich im Sommer keiner: Hitze in der Stadt endet durch den menschengemachten Anteil an der Erderwärmung immer häufiger tödlich. Die Zahl der Hitzetoten hat sich, den britischen Berechnungen zufolge, durch den Klimawandel in Europas Städten verdreifacht. Besonders betroffen sind ältere Menschen, chronisch Kranke, Wohnungslose und Menschen in schlecht isolierten Gebäuden. Den Wissenschaftlern des Imperial College London und der London School of Hygiene & Tropical Medicine zufolge haben allein schon fossile Brennstoffe die Temperaturen während der von ihnen untersuchten Hitzewelle 2025 in den Städten um bis zu vier Grad Celsius erhöht.
In dieser ersten Schnellstudie, die die Zahl der Todesfälle im Zusammenhang mit dem Klimawandel bei einer Hitzewelle schätzt, kombinierten die Forscher die klimabedingten Temperaturveränderungen mit epidemiologischen Daten, um zu ermitteln, bei welchen Temperaturen das Sterberisiko in welchem Maße stark zunimmt. Die Olympiastadt Mailand schätzen die Wissenschaftler in absoluten Zahlen als am stärksten betroffen ein: mit etwa 317 der 499 hitzebedingten Todesfälle, die auf den Klimawandel zurückzuführen sind. Die spanische Hauptstadt Madrid soll mit mehr als 90 Prozent der geschätzten zusätzlichen hitzebedingten Todesfälle in relativen Zahlen am stärksten durch einen vom Klimawandel verstärkten Hitze-in-der-Stadt-Effekt betroffen sein.
Ein spezieller „Rebound“ erschwert das Ende der Erwärmung: wenn Klimaanlagen und Ventilatoren Öl, Gas und Kohle als Energiespender in Städten nutzen. Wodurch die Hitzekiller, die das Leben bei Extremtemperaturen erträglicher gestalten sollen, absurderweise weitere Treibhausgase produzieren. Hinzu kommt die Abwärme, die Klimaanlagen direkt in die Straßenschluchten abgeben. Paris baut deshalb sein Fernkältenetz aus und kühlt große Gebäude mit Wasser aus der Seine.
Hitzestress, Hitzewellen und Gesundheitsrisiken in aufgeheizten Städten sind seit Langem ein Thema in Deutschland. Hitzeschutzstrategien werden jedoch gemächlicher umgesetzt als etwa in Frankreich. Nach dem extremen Hitzesommer 2003, der in Frankreich zu etwa 15.000 Todesfällen führte, wurden in Paris und landesweit schnell umfassende Maßnahmen eingeführt. Sie gehören zum „Plan National Canicule“ (PNC), der das Leben auch an „Hundstagen“ erträglich und möglich machen soll. Dabei handelt es sich um ein strukturiertes System, das staatliche Maßnahmen, Warnstufen von Gelb bis Rot und spezifische Pflichten für Arbeitgeber und Institutionen umfasst. Sie wurden jüngst wieder verschärft, da es immer noch zu viele Hitzetote gibt.
Hundstage und Bärenhitze
In der deutschen Hauptstadt formen hohe Häuser, Beton und Asphalt eine Wärmeinsel, die deutlich heißer ist als das Umland: weil sie die Wärme von massenweise Autos, Industrie, technischen Geräten und vielen Menschen speichert und nicht entweichen lässt, während es zu wenig Bäume und Grün gibt, die kühlen und Schatten spenden. Der so entstehende „Urban-Heat-Island-Effekt“ lässt vor allem ältere Menschen, Schwangere, Kleinkinder und Freiluftarbeiter in den immer größer werdenden Städten dehydrieren, kollabieren und Vorerkrankungen heftiger empfinden.
Die Zahl der Hitzetage mit mehr als 30 Grad Celsius hat sich seit den 1950er-Jahren in der Bundeshauptstadt fast verdreifacht. Der Berliner Senat hat 2025 erstmals einen umfassenden Hitzeaktionsplan mit 72 teils schon begonnenen Maßnahmen beschlossen. Darin finden sich Trinkbrunnen sowie mehr Straßenbäume und Grünflächen. Letztere soll auch ein Entsiegelungsprogramm ermöglichen. Noch verschärfen der Verlust von Grünflächen durch Bauvorhaben und fehlende Nachpflanzungen jedoch den Hitzeinseleffekt.
Der Berliner Senat will Gebäude oder vielmehr die Menschen darin vor Hitze schützen. Neue Schulen sollen eine Sonnenschutzverglasung bekommen. Der Plan setzt auch auf „Cool Roofs“, also auf begrünte beziehungsweise reflektierende Dächer auf Wohngebäuden und auf Wartehallen, die das Aufheizen reduzieren. Ein Hitzeschutzportal im Internet und ehrenamtliche Hitzehelfer sollen die Berliner gut durch (Bären-)Hitze bringen sowie die Zahl der Hitzetoten reduzieren.
„Wohnungen sollten frühmorgens ausreichend gelüftet werden und dann tagsüber gegen Sonneneinstrahlung und die Zuführung heißer Außenluft geschützt werden“, empfiehlt der ehemalige Leiter der Arbeitsgruppe Urbane und Öko-Klimatologie am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Prof. Dr. Stefan Emeis. „Insbesondere die Schlafräume sollten so kühl wie möglich gehalten werden, damit nächtliche Erholung möglich bleibt.“ Sonnenschutz sei beim Aufenthalt im Freien zu empfehlen, dazu leichte, helle Bekleidung und Kopfbedeckungen.
Südstaaten-Gefühle im „Big Apple“
Auch New York ist im Sommer kein Sehnsuchtsort mehr: Die Temperaturen im Big Apple könnten nach Projektionen zwischen Mai und September um sechs Grad gegenüber den bislang gewohnten Lebensumständen zulegen und sich so den erschwerten Alltagsbedingungen südlicher Regionen annähern.
Ein „Extreme Heat Action Plan“ soll seit 2024 und bis 2030 in der Metropole des Landes, das den Klimawandel offiziell abgeschafft hat, der tödlichen Hitze gegensteuern. New York nutzt Cooling Centers, kostenlose Klimaanlagen, Monitoring sowie grüne Infrastruktur. Aber die soziale Ungleichheit bleibt ein Problem. Besonders Menschen in schlecht isolierten Wohnungen und ohne Zugang zu Klimaanlagen sind gefährdet. Die Stadt investiert zwar in Resilienz-Projekte, aber die Bundespolitik bremst die landesweite Klimaanpassung. Die Urbanisierung und die Versiegelung verschärfen den Urban-Heat-Island-Effekt im „Big Apple“, und die Maßnahmen reichen oft nicht aus, um alle Bevölkerungsgruppen zu schützen.
Stau beim Umbau in Lebenswerte Städte
Das föderative Deutschland hat ein Behäbigkeits-, Zuständigkeits- und Themen-Verdrängungs-Problem. Hierzulande dominierten lange Zeit Unbestimmtheit und Freiwilligkeit auf den verschiedenen politischen Ebenen. Etwa 8.000 bis 9.000 Todesfälle, die mit extremer Hitze in Verbindung gebracht werden, gab es bereits 2003 im Bundesgebiet. Über 20.000 Todesfälle zwischen 2018 und 2023 bilanziert das Deutsche Institut für Urbanistik aus den außergewöhnlich heißen Sommern der vergangenen Jahre.
Politik und Wissenschaft hatten seit den erschütternden Zahlen von 2003 bald schon ein Vierteljahrhundert Zeit, sich um städtebauliche Maßnahmen und Hitzeaktionspläne zu kümmern. Auch wenn langfristige Städteumbauten dauern, müssen sie angegangen werden, um den Urban-Heat-Island-Effekt nicht noch weiter ausufern zu lassen. Ohne große Umstände können einzelne Grünflecken und Kühlzonen, Warnungen sowie Aufklärung Leben retten und gesundheitliche Hitzeschäden begrenzen. Immerhin rief 2024 die damalige Bundesregierung eine „nationale Hitzeschutzstrategie“ aus, an der sich die Stadtentwicklungspolitik orientieren kann: Denn wer will schon auf Dauer auf einer Hitzeinsel leben oder letztlich dort sterben?