Der Mensch lebt seit Jahrtausenden komfortabel in einer Klima-Nische. Im Zuge der globalen Erwärmung wird Hitze zur Gefahr. Im Interview spricht Umweltmedizinerin Prof. Dr. Claudia Traidl-Hoffmann über Risikogruppen, Klimaanpassung in den Städten und ihren Appell für einen nachhaltigen Lebensstil.
Frau Traidl-Hoffmann, ab wann kann Hitze für uns Menschen gefährlich werden?
Hitze ist die größte Gefahr, die mit dem Klimawandel auf uns zukommt. Und zwar deshalb, weil wir an umweltbedingten Erkrankungen wie Diabetes, chronischen Herzerkrankungen, Lungenerkrankungen, Krebs und Demenz leiden. Das sind sozusagen die apokalyptischen Reiter, die uns betreffen. Diese Erkrankungen verschlechtern sich durch die Hitze. Menschen, die an diesen Erkrankungen leiden, sind meist älter, chronisch erkrankt und multimorbid. Vor dem Hintergrund des demografischen Wandels trifft die Hitze vor allem diese Menschen. Aber darüber hinaus betrifft es auch unsere Kleinsten, die sich in schlecht gebauten Schulen nicht mehr konzentrieren können.
Am 17. April erscheint Ihr Buch „Die Medizin der Zukunft – Heilen in einer veränderten Welt“. Worum geht es da?
In meinem neuesten Buch ist die Hitze natürlich ein Riesenthema. Aber vor allen Dingen geht es um die Medizin der Zukunft. Ich versuche, Medizin in einem neuen Licht zu betrachten. Mir geht es darum, zu zeigen, dass Umweltschutz gleich Gesundheitsschutz ist. Erstaunlicherweise ist das ein Gedanke, der in der modernen Medizin erst jetzt wieder ins Bewusstsein rückt. Wenn wir über Prävention und Heilung sprechen, sollten wir dahin kommen, nicht nur daran zu denken, was sich im Gesundheitssystem des Menschen ändern könnte, sondern auch, was wir in der Umwelt verändern können. Der Mensch sollte nicht nur als Krone der Schöpfung, sondern als Teil eines gesunden, funktionierenden Ökosystems angesehen werden. Im Prinzip ist mein Buch ein Weckruf, dass ein Weiter-so nicht möglich ist.
Warum ist extreme Hitze eigentlich gefährlicher, als viele annehmen?
Die Menschen sterben dauernd an Herzinfarkt oder Schlaganfall. Auf dem Totenschein steht jedoch weder „Zuckerwatte“ noch „Sahnetorte“ und auch nicht „Hitze“. Das ist der springende Punkt: Der Faktor Umwelt – in einem weiten Sinn verstanden – ist nicht in der Gleichung drin. In Gesprächen mit Kolleginnen und Kollegen erlebe ich immer wieder, dass dieser Zusammenhang überrascht. Das ist keineswegs ein Vorwurf, sondern eher Ausdruck dessen, wie wenig dieses Wissen bislang systematisch in Ausbildung und Praxis verankert ist. Gemeinsam mit vielen engagierten Akteuren wie KLUG (Deutsche Allianz Klimawandel und Gesundheit, Anm. d. Red.) sowie der Bundesärztekammer und den Landesärztekammern arbeiten wir aktuell daran, Umwelt und Gesundheit stärker in die Gesundheitsberufe zu integrieren. Denn die Wissenslücke betrifft nicht nur die Allgemeinbevölkerung, sondern – verständlicherweise – auch Teile der Gesundheitsberufe. Gerade deshalb ist mir dieses Buch ein Anliegen: als Einladung zum gemeinsamen Weiterdenken, wie die Medizin der Zukunft aussehen kann. Ich würde mich sehr freuen, wenn es auch unter Kolleginnen und Kollegen Resonanz findet.
Was passiert, wenn wir über mehrere Tage extremer Hitze ausgesetzt sind?
Um dies zu beantworten, müssen wir einen Blick werfen auf die Funktionsweise des Menschen. Der Mensch hat eine Körperkerntemperatur von 37 Grad. Dass der Mensch diese Körperkerntemperatur hat, hat einen Sinn. Bei dieser Kerntemperatur funktioniert unser Körper perfekt. Wir können bei einer Raumtemperatur von 23 Grad vernünftig denken und arbeiten. Wenn es draußen und damit auch in den Innenräumen wärmer wird, dann setzt sich ein Kompensationsmechanismus in Gang. Man kann diesen Mechanismus mit einem allmählichen Treppenaufstieg vergleichen. Auf der ersten Stufe werden die Blutgefäße weitgestellt, der Körper versucht, dadurch schon Hitze abzugeben, bevor er zu heiß wird. Dann beginnen wir zu schwitzen. Wenn die Gefäße sich weit stellen, ist logischerweise im Körper mehr Blutvolumen zu verteilen. Das heißt, das Herz muss in höherer Frequenz schlagen, um das Blut durch den Körper zu transportieren. Zugleich können Kreislaufprobleme auftreten. Zum Beispiel ist der Körper einer Dame mit Alzheimer hauptsächlich damit beschäftigt, sich anzupassen an den Alltag und an Situationen. Wenn dann noch die Hitze als extremer Stressfaktor dazukommt, gerät die chronische Erkrankung Alzheimer in den Hintergrund – und die Anpassung funktioniert dann nicht mehr.
Der Körper versucht, die Körperkerntemperatur zu halten, aber letz-tere steigt bei extremer Hitze an?
Richtig, weil diese Kompensationsmechanismen irgendwann erschöpft sind. Wenn sie 15 Minuten in der Sauna sitzen, dann schwitzen sie viel. Hielte sich jemand doppelt so lange in der Sauna auf, würde er irgendwann einen Kreislaufkollaps erleiden. Der Körper schwitzt, pumpt mehr Blut an die Hautoberfläche, um dort Wärme abzugeben – dadurch sinkt der Blutdruck – das führt zum Kollaps. Wenn er es nicht schafft, steigt die Körperkerntemperatur. Wenn sie auf 38 Grad steigt, kann der Körper das zunächst noch kompensieren. Zum Teil ist das gewollt vom Körper. Aber: Ab einer Körperkerntemperatur von 42 Grad wird es kritisch, denn da setzt der Zelltod ein, unter anderem weil Eiweiße sich verformen und dann quasi kein Schlüssel mehr in ein Schloss passt. Multiorganversagen ist das, was wir im Krankenhaus bei den Hitzeerkrankten dann sehen.
Warum gehören kleine Kinder zur Risikogruppe?
Kleine Kinder haben schlicht weniger Kompensationsmechanismen zur Regulation der Körpertemperatur. Sie können Hitze deutlich schlechter ausgleichen als Erwachsene. So ist beispielsweise die Schweißproduktion noch eingeschränkt, und auch das Durstempfinden ist weniger zuverlässig ausgeprägt. Kinder können sich in einer Sauna oder in überhitzten Räumen aufhalten, ohne ausreichend zu schwitzen oder selbst rechtzeitig zu reagieren. Deshalb sollten Kleinkinder solchen Situationen nur sehr begrenzt und stets unter Aufsicht ausgesetzt sein. Immer wieder kommt es vor, dass kleine Kinder im Auto vergessen werden. Im schlimmsten Fall erleiden kleine Kinder in wenigen Minuten einen Hitzeschlag. Aus diesem Grund sind Kinder im Alter zwischen 0 und 5 Jahren auf unterschiedliche Weise vulnerabel.
Kann sich unser Körper an die zunehmende Hitze anpassen?
Nein, denn der Mensch lebt in einer nun seit Jahrtausenden relativ stabilen Klimanische. Aber diese Klima-Nische verändert sich – das ist die Problematik. Wir können uns nicht anpassen. Unser Körper ist nun mal auf 37 Grad Kerntemperatur eingestellt. Das wird sich nicht ändern. Deshalb ist Umweltschutz Gesundheitsschutz. Selbst die Einwohner Spaniens können sich physiologisch nicht signifikant an die Hitze anpassen. Jedes Jahr hat das Land wahnsinnig viele Hitzetote zu beklagen. Was sie jedoch haben, sind gute Strategien, der Hitze zu entgehen. Spanien hat ein ausgeklügeltes Hitzeschutzprogramm entwickelt. Eine Maßnahme sieht zum Beispiel vor, dass ab einer bestimmten Temperatur nicht mehr im Freien gearbeitet werden darf.
Welche Rolle spielt die Hitze, wenn ich zum Beispiel an Schlafstörungen, psychische Belastungen und Konzentrationsprobleme denke?
Schlaf ist ein viel zu wenig beachteter Gesundheitsfaktor. Zum Beispiel wissen wir, dass gesunder, erholsamer Schlaf Alzheimer präventiv angehen kann. Nächtliche Hitze, insbesondere Tropennächte, beeinträchtigt den Schlaf. Alles, was nachts passiert, ist ganz zentral. Zudem wird die mentale Gesundheit in Mitleidenschaft gezogen. Wenn es so heiß ist, fällt es den meisten schwer, gut zu schlafen. Von vielen Patienten höre ich, dass sie ganz schlecht oder gar nicht geschlafen haben. Das wiederum führt dazu, dass sich Erkrankungen weiter verschlechtern. Es gibt auch Daten, die Hitze mit gesteigerter Aggressivität assoziieren. Des Weiteren liegen uns Hinweise vor, dass die Autoaggressivität infolge von Hitze vermehrt ist.
Inwiefern ist Hitze im urbanen Raum gesundheitlich problematischer als im ländlichen Raum?
Die Städte sind im Grunde die Zukunftsorte. Wenn wir verstehen wollen, wie Hitze auf uns wirkt, müssen wir die Städte anschauen. Wir wissen, dass es in den Städten zum Teil sieben Grad heißer ist als in der ländlichen Umgebung. Die Problematik dabei ist, dass der Mensch der Zukunft und der Gegenwart in der Stadt lebt. Das impliziert natürlich, dass wir Städte entsprechend planen müssen. In dem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Graduiertenkolleg der Technischen Universität München, der „Urban Green Infrastructure“, machen wir uns Gedanken über die Stadt der Zukunft. Es gibt Städte wie Singapur, die fantastische Lösungen gefunden haben. Ich selbst konnte einmal in Singapur sein. Es ist eine unfassbar grüne Stadt, aber auch eine, die mit Hitze zu kämpfen hat. Das Stadtplanungsprinzip von Singapur gründet nicht darauf, dass wir Parks in Städten brauchen, sondern, dass die Stadt ein Park sein muss. Genau da müssen wir hinkommen.
An wen appellieren Sie, dass sich etwas ändern muss?
Ich glaube, Veränderung beginnt immer bei uns selbst – durch Wissen, Dinge besser zu machen. Auch ich habe in den letzten Jahren mein Verhalten und meinen Lebensstil hinterfragt und versuche, Schritt für Schritt nachhaltiger zu leben. Nicht perfekt – aber jeden Tag besser. Gleichzeitig dürfen wir die Verantwortung nicht allein dem Einzelnen überlassen. Hier kommt das Thema Verhältnisprävention zum Tragen. Es geht darum, von politischer Ebene her Menschen dazu zu befähigen, dass sie nachhaltig leben. Wir wissen, dass Fleisch ein Nahrungsmittel ist, das wir von Zeit zu Zeit zu uns nehmen können. Aber wenn wir weniger davon essen, ist es gut für unsere Gesundheit – insbesondere Herz und Darm – und auch gut für unsere Umwelt. Warum haben wir eigentlich auf Fleisch und Wurst eine reduzierte Mehrwertsteuer? Daher plädiere ich für: Steuer normalisieren und Konsum runter. Und für lokal erzeugte Nahrungsmittel wie Salat und Äpfel sollte die Mehrwertsteuer gesenkt werden, damit die Menschen befähigt werden, das Richtige zu tun. Dafür braucht es eine Politik, die sich an wissenschaftlichen Erkenntnissen orientiert und langfristig im Sinne von Gesundheit, Umwelt und gesellschaftlichem Wohl handelt. Pestizide als Pflanzenschutzmittel zu bezeichnen, hilft da wenig.