Mit Beginn des Lenzes fühlen sich viele Bundesbürger von der Frühjahrsmüdigkeit betroffen. Forscher konnten nun nachweisen, dass es sich dabei wohl um ein kulturelles Phänomen handelt, das außerhalb der deutschsprachigen Länder völlig unbekannt ist.
Die Briten haben es gut. Denn auf der Insel bricht alljährlich mit Beginn des Frühlings, wenn die Tage nach dem dunklen Winter wieder länger werden und die Temperaturen allmählich nach oben zu klettern pflegen, das sogenannte Spring Fever aus. Das macht sich bei den Bürgern des Königreichs in einer veritablen Explosion von Energie, Tatendrang und guter Laune bemerkbar. Gänzlich anders präsentiert sich das persönliche Stimmungsbild in den deutschsprachigen Ländern Bundesrepublik, Österreich und der Schweiz, über die sich mit dem Erwachen der Natur aus dem Winterschlaf eine jegliche individuelle Dynamik lähmende Glasglocke aus Müdigkeit und Antriebslosigkeit zu legen scheint. Dafür hat sich in diesen drei Ländern der populäre Begriff der sogenannten Frühjahrsmüdigkeit herausgebildet – mit dem der komplette Rest der Erdbevölkerung absolut nichts anfangen kann, weil ihm das damit verbundene Sentiment völlig fremd ist. Dennoch sorgt die Frühjahrsmüdigkeit Jahr für Jahr für Schlagzeilen in nahezu sämtlichen Medien der drei genannten Staaten. Verbunden meist mit diversen Erklärungsversuchen für ihre möglichen Ursachen – bar jeglicher wissenschaftlicher Fundierung. Zu den beliebtesten referierten Entstehungshintergründen zählen eine den Körper kurzzeitig belastende (vermeintliche) Weitung der Blutgefäße und ein Absinken des Blutdrucks infolge der steigenden Temperaturen oder auch ein noch anhaltender Überschuss des sogenannten Nachthormons Melatonin aus den düsteren Wintermonaten. Wobei sich offenkundig niemand ernsthafte Gedanken darüber gemacht hat, warum sich dieses Phänomen ausschließlich in drei Ländern bemerkbar machen soll.
Die deutsche Psychologin und Schlafforscherin Dr. Christine Blume, die an der Universität Basel als Projektleiterin des Zentrums für Chronobiologie tätig ist, wollte der ominösen Frühjahrsmüdigkeit endlich mal mit wissenschaftlichen Methoden auf den Grund gehen. Als konkreten Anstoß für ihre neueste Forschung nannte sie die immer wiederkehrenden Anfragen von Journalisten zum alljährlichen Evergreen-Thema Frühjahrsmüdigkeit. Sie fühlte sich zunehmend unzufrieden mit ihren Antworten, weil sie sich bei diesem speziellen Sujet noch auf keinerlei Forschungsarbeiten stützen konnte. „Das fand ich aber stets unbefriedigend. Es existieren zahlreiche Hypothesen, um das Phänomen zu erklären. Aber es hat nie jemand überprüft, ob es überhaupt existiert“, so Dr. Blume.
Zahlreiche Hypothesen, aber keine Überprüfung
Das wollte sie ändern und suchte sich dafür Unterstützung bei dem Schlafspezialisten Dr. Albrecht Vorster, der am Universitätsklinikum Inselspital Bern das Swiss Sleep House Bern leitet. In der Einleitung zu ihrer im Fachmagazin „Journal of Sleep Research“ veröffentlichten Studie weisen die beiden Wissenschaftler auf eine von der „Bild am Sonntag“ in Auftrag gegebene und seitdem häufig zitierte repräsentative Umfrage des Emnid-Instituts aus dem Jahr 2011 hin. Dabei hatten 22 Prozent der männlichen und 39 Prozent der weiblichen Befragten über Frühjahrsmüdigkeit geklagt. Wobei Frauen und jüngere Menschen laut eigenen Angaben häufiger davon betroffen waren als Männer und Senioren. „Es ist jedoch weiterhin unklar, ob die Müdigkeit im Frühjahr tatsächlich stärker ausgeprägt ist als in anderen Jahreszeiten und allgemeiner, inwieweit die Müdigkeit mit der Tageslänge – einem möglichen Einflussfaktor – variiert. Obwohl saisonale Schwankungen der biologischen Rhythmen und des Schlafs beim Menschen weniger ausgeprägt sind als bei Tieren, sind sie dennoch vorhanden“, so die Forscher zum Anfangsbefund ihrer Studie.
Deren Zielsetzung hatte darin bestanden, saisonale Schwankungen von Müdigkeit, Schlaflosigkeitssymptomen, Tagesschläfrigkeit und Schlafqualität systematisch zu untersuchen – und zwar mittels einer Online-Umfrage mit bis zu neun Erhebungen über ein ganzes Jahr hinweg. „Wir nahmen an“, so die Forscher, „dass Müdigkeit und Tagesschläfrigkeit bei kürzeren Tageslichtperioden stärker ausgeprägt sein würden. Weiterhin erwarteten wir eine geringere Schlafqualität und stärkere Insomniesymptome bei kürzeren Tageslichtperioden. Zusätzlich untersuchten wir die Veränderungen in Abhängigkeit von der Tageslichtdauer, den Monaten und den Jahreszeiten.“
Die Wissenschaftler konnten 418 Teilnehmer zur Mitarbeit an der zwischen April 2024 und September 2025 laufenden Studie gewinnen, wobei Frauen mit 80 Prozent überproportional stark vertreten waren. Das Durchschnittsalter der Teilnehmer, die aus Deutschland (58 Prozent), der Schweiz (32 Prozent) und Österreich (zehn Prozent) stammten, lag bei 32 Jahren. Untersuchungsbasis war ein Online-Fragebogen, der erstmals bei der Registrierung ausgefüllt und danach im Turnus von sechs Wochen (insgesamt im Schnitt neunmal pro Teilnehmer) immer wieder aktualisiert werden musste, um eine umfassende Abdeckung der wichtigsten Studienkriterien wie subjektiv empfundene Müdigkeit, Tagesschläfrigkeit und individuell wahrgenommene Schlafqualität über alle Jahreszeiten hinweg gewährleisten zu können. Zum Start hatten stolze 47 Prozent der Teilnehmer per Selbstauskunft angegeben, dass sie von Frühjahrsmüdigkeit betroffen seien.
Dem dafür vermeintlich ursächlichen Melatonin-Überschuss hatte Dr. Blume schon mal gleich eine klare Absage erteilt. „Aus chronobiologischer Sicht ist das völlig unplausibel“, da Melatonin im 24-Stunden-Rhythmus gebildet und wieder abgebaut werde: „Eine Art Überschuss von Melatonin zum Ende des Winters, der uns müde macht und zunächst abgebaut werden muss, gibt es nicht.“
Überraschenderweise konnten aus den Fragebögen keinerlei Hinweise auf die subjektiv empfundenen Merkmale der Frühjahrsmüdigkeit wie ein Energiedefizit oder verstärkte Müdigkeit bei alltäglichen Aktivitäten abgeleitet werden. Es konnten diesbezüglich über den gesamten Untersuchungszeitraum nicht einmal Variationen in Abhängigkeit von der Tageslänge, dem Kalendermonat oder der Jahreszeit nachgewiesen werden. Mit einer einzigen Ausnahme: „Die bei alltäglichen Aktivitäten empfundene Müdigkeit nahm mit längeren Tageslängen ab.“ Da gerade im Frühling die Tage besonders schnell länger werden, müsste das allein schon gegen die Ausbildung einer Frühjahrsmüdigkeit sprechen. „Das bedeutet aber auch, dass wir uns eigentlich fitter fühlen sollten, wenn die Tage wieder länger werden“, sagt Dr. Blume. Weil auch die biologische Nacht, die von der inneren Uhr gesteuert wird, im Frühling wieder kürzer werde. Das biologische System, das den Tagesrhythmus des Körpers regelt, könne sich Schritt für Schritt an die längeren Tage anpassen, von einer Art Mini-Jetlag könne daher keine Rede sein.
Auch für die Sommermonate habe man in der Studie trotz weniger Schlaf der Teilnehmer keinen Anstieg der Erschöpfung feststellen können, während sich in der dunklen Jahreszeit viele Menschen müder fühlen und daher mehr schlafen. Wenn der menschliche Körper mit der Umstellung auf mehr Licht Schwierigkeiten hätte, müsste sich das laut den Wissenschaftlern ganz besonders deutlich in der Übergangsphase während des Frühlings anhand der in den Online-Fragebogen gewonnenen Erkenntnisse belegen lassen. Doch die Forscher konnten „weder Hinweise auf vermehrte Erschöpfung noch auf erhöhte Tagesschläfrigkeit oder geringere Schlafqualität“ während des Frühlings ermitteln. Auch die Tatsache, dass die Tage immer länger werden, hatte keinen Einfluss auf die Müdigkeitswerte. „Wir fanden keinen empirischen Beleg für das Phänomen“, sagt Dr. Blume. „Im Frühling werden die Tage schnell länger. Wenn Frühjahrsmüdigkeit ein echtes biologisches Phänomen wäre, sollte sich das gerade in dieser Übergangsphase zeigen, etwa weil sich der Körper anpassen muss.“
Der sogenannte Nocebo-Effekt
Da also keinerlei wissenschaftliche Belege für die Existenz der Frühjahrsmüdigkeit gefunden werden konnten, begaben sich die Forscher auf die Suche nach möglichen Erklärungen für das von vielen Menschen hierzulande als allzu real empfundene Phänomen. Aus ihrer Sicht handelt es sich im deutschsprachigen Raum um so etwas wie einen Mythos und damit um ein kulturelles Phänomen statt eines tatsächlichen saisonalen Syndroms, weil eben der Begriff „Frühjahrsmüdigkeit“ so fest etabliert sei. Psychologen sprechen von einem sogenannten Labeling-Effekt, ähnlich wie beim Wein, der den meisten Menschen genau dann besonders gut schmeckt, wenn ihnen vorab ein hoher Preis genannt wurde. „Das hat etwas mit unserer Erwartungshaltung zu tun. Wenn ich erwarte, dass ich im Frühjahr müde bin, ändert das auch meine Interpretation solcher ‚Symptome‘“, sagt Dr. Blume. Im wissenschaftlichen Kontext, sprich in der Psychologie, könne man hier auch von einem sogenannten Nocebo-Effekt sprechen, also der Bestätigung einer negativen Erwartung (ähnlich wie beim Placebo-Effekt, bei dem allerdings eine positive Erwartung die Wahrnehmung prägt). Die bloße Erwartung von Müdigkeit könne dafür sorgen, dass man sich tatsächlich müder fühle. „Aus chronobiologischer Sicht ist das völlig unplausibel“, sagt Dr. Blume. Was aber nichts daran ändern kann, dass es sich bei der Frühjahrsmüdigkeit um eine Art selbsterfüllende Prophezeiung handelt und sich dabei das Phänomen immer wieder selbst bestätigen kann. „Es würde ja ausreichen, dass jemand den Eindruck hat, er oder sie sei gerade total müde, erschöpft, und diese Person schreibt das dann dem Frühling zu. Dann erzählt sie allen Freunden, Familienmitgliedern und Bekannten von dieser ‚Frühjahrsmüdigkeit‘ und viele von ihnen entdecken plötzlich auch Symptome bei sich und verbreiten das Phänomen weiter“, sagt Dr. Blume.
Eine weitere psychologische Erklärung ist laut den Forschern die sogenannte kognitive Dissonanzreduktion: Demnach steigt am Ende der dunklen und kalten Jahreszeit der individuelle Anspruch an sich selbst, bei steigenden Temperaturen wieder deutlich aktiver zu werden. „Im Frühling haben wir möglicherweise das Gefühl, wir müssen aktiver sein und sollten das gute Wetter nutzen. Wenn wir uns dann noch nicht dazu aufraffen können, klaffen Anspruch und subjektives Energielevel auseinander“, sagt Dr. Blume. In dieser Situation werde gerne auf die gesellschaftlich allgemein akzeptierte Erklärung mit der Frühjahrsmüdigkeit zurückgegriffen. „Die Diskrepanz zwischen häufigen Selbstberichten über das Phänomen und stabilen Langzeitmustern legt nahe, dass Frühjahrsmüdigkeit eher auf kulturelle Kategorisierungen und kognitive Verzerrungen zurückzuführen ist, als ein tatsächliches saisonales Syndrom widerzuspiegeln“, sagt Dr. Blume.