Auf den Durchbruch von Livan Burcu warten sie alle bei Union Berlin – am meisten der Spieler selbst. Von seiner Spielanlage her bringt er etwas mit, was kein anderer im Team hat.
Dass er mit Livan Burcu schon mal aneinandergerät, ist für Steffen Baumgart kein Wunder. „Ab und zu ist es so, wenn zwei emotionale Menschen aufeinandertreffen“, sagte der Trainer des 1. FC Union Berlin. Nach der 1:3-Niederlage Ende Januar bei der TSG Hoffenheim hatten sich der Coach und der Offensivspieler sogar öffentlich gezofft – doch auch das wollte Baumgart nicht zu hoch hängen. „Der eine ist 54, der andere hat aus meiner Sicht noch nicht alle Haare am Sack. Dann hoffe ich manchmal, dass sie die Klappe halten. Das fällt ihm schwer“, erklärte Baumgart seine Sicht der Dinge und in der ihm eigenen Art. Generell sehe er aber „nichts Dramatisches“, wenn seine Spieler „Emotionen haben und sie auch nicht hinter dem Berg halten“. Schließlich sei er ja genauso. „Für mich ist das eher positiv als negativ.“ Auch im Fall von Burcu. „Ich habe mich gefreut, als er dann reingekommen ist, dass er seine Leistung gebracht hat – und klopfen möchte, dass er von Anfang an spielt.“
Baumgart war nicht nachtragend
Nicht wenige Beobachter hatten angenommen, dass sich Burcu mit dem Zoff bei Baumgart noch mehr ins Abseits gebracht hat. Der Deutsch-Türke hatte nach seiner schweren Verletzung zu Saisonbeginn ohnehin einen schweren Stand und war nach seiner Rückkehr zumeist nur als Einwechselspieler zum Einsatz gekommen – wenn überhaupt. Doch Baumgart war nicht nachtragend, und Burcu bekam seine Chancen. Zuletzt spielte er beim SC Freiburg (1:0) und beim FC Bayern (0:4) zweimal von Anfang an und wusste auch zu überzeugen. Beim 1:1 im Heimspiel gegen den FC St. Pauli am vergangenen Sonntag kam er aber nicht zum Einsatz, in dem nervenaufreibenden Abstiegs-Duell waren andere Qualitäten als die des Edeltechnikers gefragt. Im Auswärtsspiel an diesem Samstag (11. April) beim abgeschlagenen Schlusslicht 1. FC Heidenheim könnte es schon wieder anders aussehen.
So oder so: Burcu wird seine Chancen in dieser Saison noch erhalten. Vom Coach gab es schon einen besonderen Vertrauensbeweis: Als Union in der Schlussphase der Heimpartie gegen Eintracht Frankfurt einen Freistoß in aussichtsreicher Position bekam, machte Baumgart an der Seitenlinie mit hektischen Bewegungen und lautstarken Rufen deutlich, dass er den eingewechselten Burcu als Freistoßschützen sehen wollte. „Da ging es darum, dass ich wollte, dass er den Freistoß schießt. Ich traue ihm das zu. Er hat das Selbstverständnis, da hinzugehen“, erklärte Baumgart hinterher. An Selbstvertrauen mangelt es Burcu tatsächlich nicht, was für sein teils riskantes Dribbling- und Tempo-Spiel hilfreich ist. „Wenn er in seine Abläufe kommt, wenn er ins Eins-gegen-eins geht, dann kommen wir in gute Situationen“, sagte Baumgart. Einen ähnlichen Spielertyp hat Union eigentlich nicht im Kader. „Er holt solche Situationen alleine raus“, sagte der Coach: „Das zeigt, dass er für uns etwas bewirken kann.“ Burcu ist für diese Art der Rückendeckung dankbar. „Der Trainer und ich haben ein sehr gutes Verhältnis, er ist sehr viel im Austausch mit mir“, sagte der 21-Jährige: „Er stärkt mir den Rücken, er pusht mich.“
Und so darf ganz Union hoffen, dass Burcu nach etwas Anlaufzeit doch der Durchbruch gelingt. Im Sommer 2024 war der talentierte Profi mit dem gewissen Etwas vom SV Sandhausen gekommen, aber noch nicht bereit für die Bundesliga. Das Leihjahr beim 1. FC Magdeburg tat ihm sehr gut, dort sammelte er Spielrhythmus (32 Partien) und Scorerpunkte (12). Intern wurde ihm im vergangenen Sommer zugetraut, nach der Rückkehr aus Magdeburg eine tragende Rolle bei den Eisernen einzunehmen. Doch eine schwere Sprunggelenksverletzung bremste ihn aus, erst am zehnten Spieltag kam er zu seinem Debüt. „Ich war sehr glücklich und stolz, weil es immer mein Traum war, in der Bundesliga zu spielen“, hatte Burcu danach gesagt. Und dass er sich für seinen ersten Startelf-Einsatz bereit fühle. Doch er blieb – für ihn unverständlich – meist Joker in Baumgarts Spielphilosophie. Der Trainer schätzt Burcus Energie, die er auch von der Bank bringen und damit einem Spiel eine Wendung geben kann.
„Ich finde, dass Livan uns ganz viel bringt“, sagte auch Sport-Geschäftsführer Horst Heldt. Der lange Ausfall zu Saisonbeginn habe den Offensivspieler ohne Zweifel zurückgeworfen, aber jetzt sei er „auf dem Niveau, auf dem er zu Beginn der Saison hätte sein sollen. Er hat Eigenschaften, die uns flexibler machen.“ Dazu zählen Kreativität, Dribbelstärke und Handlungsschnelligkeit. Burcu überrascht auf dem Platz mit Tricks und Haken den Gegner – mitunter aber auch seine Teamkollegen. In einem Team wie Union, das vordergründig über das Kollektiv und die mannschaftliche Geschlossenheit kommt, kann das ein Problem sein. Oder genau der X-Faktor, den es in der Bundesliga braucht. Je nachdem, welche Perspektive man einnimmt. Heldt gehört zur zweiten Kategorie, er ist ein Fan von Burcus Spielweise: „An und mit ihm werden wir noch ganz viel Spaß haben.“ Auch Kapitän Christopher Trimmel meint: „Livan ist mit dem Ball ein sehr dynamischer Spieler. Wir haben dann mehr Speed, mehr Geschwindigkeit.“
Noch keine Nominierung
Doch klar ist auch: Bei langen Bällen, viel Gegenpressing und schnellem Umschaltspiel kann Burcu seine Stärken nicht ausspielen. Er braucht den Ball am Fuß und er braucht seine Freiheiten. Im Winter war deshalb auch über einen Wechsel des Talents spekuliert worden. Der FC Turin galt Medienberichten zufolge als ein Interessent, doch ein Wechsel kam nicht zustande. Wohl auch, weil Burcu zu diesem Zeitpunkt für Union keine große Ablösesumme eingebracht hätte. Sollte er bis Saisonende aber regelmäßig zur Startelf gehören und seine Stärken einbringen, könnte sich das im kommenden Sommer ändern. Doch dafür muss er zwingend torgefährlicher werden: Burcu ist bei zwölf Einsätzen noch ohne Treffer und ohne Assist. Aufgrund seiner Offensivqualitäten muss er in dieser Statistik deutlich draufpacken – dann könnte auch sein Traum von der türkischen Nationalmannschaft wahr werden.
Bislang kommt der Union-Profi auf sieben Spiele (ein Tor) für die U21-Auswahl der Türkei. Medienberichten zufolge sollen sich jüngst Scouts des A-Teams die Auftritte des gebürtigen Frankfurters auf der Tribüne angeschaut haben. Für die erfolgreichen Play-off-Spiele zur WM wurde er aber nicht nominiert, und für die U21 musste er leicht angeschlagen absagen. Stattdessen arbeitete er in der Länderspielpause in Berlin an seiner Form – und am Verhältnis mit Baumgart. Ein Trainings-Foto, wie dieser dem Spieler aus Spaß einen Tritt in den Hintern verpasste, sorgte für Schmunzeln. Bei den Mitspielern ist Burcu auch deshalb beliebt, weil er den Kabinen-DJ gibt. Er habe „die Musikanlage im Griff“, sagte der Offensivspieler. Er lege vor allem Lieder auf, „wo es ein bisschen knallen soll in der Kabine vor dem Spiel, damit man hochfährt“, sagte der 21-Jährige. Seine Vorliebe für Rap hat ihm auch seinen Spitznamen eingebracht: „Aykut“ – so heißt auch der Offenbacher Rapper Haftbefehl mit Vornamen.
Auf Vereinsebene ist ein Club aus Hessen sein Traumverein. Als gebürtiger Frankfurter fiebert Burcu mit der Eintracht mit – wenn er nicht gerade gegen sie spielt. „Die Eintracht ist mein Kindheitsverein“, sagte er nach dem direkten Duell Mitte Februar: „Es ist für mich immer schön, gegen sie zu spielen. Ich liebe den Verein Eintracht Frankfurt, das ist meine Heimat und ich kenne noch ein paar Jungs.“