Hertha BSC verarbeitet beim Sieg in Dresden Fan-Ausschreitungen sowie sportliche Widerstände erfolgreich. Doch die Gewaltszenen werden noch lange nachwirken.
Trotz der drei gegen alle Widrigkeiten erkämpften Punkte am vergangenen Samstagabend stand das sportliche Happy End für Hertha BSC nach Abpfiff der Partie in Dresden kaum im Mittelpunkt des Interesses. Letztlich nicht verwunderlich angesichts der Ausschreitungen von Fans beider Lager, die in der ersten Halbzeit zu einer rund 20-minütigen Unterbrechung führten und Schiedsrichter Sven Jablonski veranlassten, beide Teams zunächst in die Kabinen zu schicken. Zu eindrücklich waren die Bilder der chaotischen Szenen auf den Rängen, aber auch im Innenraum des Rudolf-Harbig-Stadions, die ersten Statements aus der Politik zufolge obendrein Nachwirkungen über den Abend hinaus, bis hin zur Innenministerkonferenz Mitte Juni in Hamburg haben könnten und somit vielleicht auch auf lange Sicht Konsequenzen für das Stadionerlebnis vieler Fußballfans.
Fahrige Partie nach der Unterbrechung
Das Gift der Gewaltexzesse hatte dazu einmal mehr auch deutlichen Einfluss auf das sportliche Geschehen, beide Mannschaften präsentierten sich angesichts der Vorkommnisse – die Partie war wegen Pyrotechnik im Gästebereich bereits zu Beginn einmal unterbrochen worden – vor der Pause fahrig und lieferten eine dürftige Darbietung. Wesentlich besser wurde es auch nach dem Wechsel zumindest in spielerischer Hinsicht kaum, dennoch entwickelte sich in der Schlussphase dann doch Dramatik. Dabei standen besonders die Berliner im Fokus, die angesichts der sich überschlagenden Ereignisse klar in Nachteil geraten zu sein schienen.
Denn zunächst war Josip Brekalo, der eigentlich nicht für rustikale Spielweise bekannt ist, für ein übermotiviertes Einsteigen im Zweikampf zu Recht des Platzes verwiesen worden. In Unterzahl handelten sich die Hauptstädter dann auch noch einen Elfmeter ein, den Paul Seguin verursachte, als er einen Schuss der Dresdner unabsichtlich mit seinem Arm abblockte. Doch der ohnehin gut aufgelegte Tjark Ernst im Hertha-Tor, der nach der Roten Karte für Brekalo schon zweimal erfolgreich gerettet hatte, verhinderte mit einer Glanzreaktion auch den Rückstand vom Punkt und die dadurch drohende entscheidende Wendung der Partie zu Herthas Ungunsten. Doch nicht nur das, hatte das Spiel dann sogar noch einen unerwarteten Höhepunkt für die Alte Dame in petto: Eine Flanke von Fabian Reese köpfte Marten Winkler auf den Rücken eines Gegenspielers und von dort sprang der Ball unhaltbar zum 0:1 ins Dynamo-Tor. Anschließend verteidigten zehn Berliner den knappen Vorsprung mit aller Leidenschaft erfolgreich. Trotz der durchaus vorhandenen Freude über den erkämpften Dreier an einem intensiven Abend aber machte auch Trainer Stefan Leitl zum Ende seiner Spielanalyse seinem Frust über die Ausschreitungen Luft: „Ich glaube, für Fußball-Deutschland ist es enttäuschend, was hier heute Abend in Dresden passiert ist.“
Während bekanntlich das Wort „Aufstieg“ seit Ende Februar bei Hertha BSC und im Umfeld zum Tabu erklärt worden war, sprach man zuletzt in den Medien wieder ungenierter davon – schließlich hatten die Berliner eine gute Serie hingelegt und die Topteams der Liga durchaus regelmäßig etwas liegen lassen. Noch am Tag des Hertha-Spiels etwa handelte sich Darmstadt 98 trotz 1:0-Führung bei der abstiegsbedrohten Arminia aus Bielefeld noch eine 1:2-Niederlage ein. So kam die Mannschaft von Stefan Leitl mit dem Dreier in Dresden schon mal bis auf drei Punkte an die viertplatzierten Hessen heran – aber auch das 1:1 zwischen Hannover und Elversberg tags darauf spielte den Blau-Weißen in die Karten, denn zum Relegationsplatz sind es nun nur noch fünf statt zuvor sieben Zähler. Unabdingbar dafür war natürlich der Sieg bei Dynamo, um die Hoffnungen am Leben zu erhalten – und wie wichtig ein Aufstieg immer noch wäre, verdeutlichten die zuletzt immer mehr aufkommenden Fakten und Gerüchte um mögliche Spielerabgänge im Sommer.
Ohne einen Sprung in die Bundesliga, so rechnete manches Presseportal vor, dürften einige Profis mehr den Abgang im Sommer suchen. Viele publik gewordene Klauseln geben solchen Meldungen zusätzlich Rückenwind – dabei hat Hertha BSC aber immerhin die Dienste des Winterzugangs Brekalo über den Sommer hinaus praktisch sicher. Der entsprechende Passus in der gemeinsamen Vereinbarung sieht jedenfalls eine automatische Verlängerung für den Fall vor, dass der kroatische Flügelspieler die Hälfte aller möglichen Startelfeinsätze absolviert. Mit der Nominierung in Dresden fehlte dem 27-Jährigen laut „Berliner Kurier“ nur noch eine Partie von Beginn an, damit die Klausel greift – auch trotz des Feldverweises in Dresden also lediglich eine Formsache. Nicht verhindern wird man dagegen wohl den Verkauf von Toptalent Kennet Eichhorn (Ausstiegsklausel für 10 bis 12 Millionen Euro) – jedoch hegt man offenbar die Hoffnung, den tatsächlichen Abgang des 16-Jährigen, der in Dresden erstmals nach seiner Verletzung wieder als Einwechselspieler zum Einsatz kam, zumindest durch eine unmittelbare Rückleihe aufschieben zu können.
Toptalent Eichhorn wird wohl gehen
Mit Boris Mamuzah Lum soll dazu ein weiteres Eigengewächs auf der Liste zahlreicher Clubs stehen – auch aufgrund starker Auftritte in der U19-Auswahl des DFB. In seiner Vertragsverlängerung vom Sommer 2025 wurde eigens eine Klausel geändert, die den 18-Jährigen nun im Fall des Verbleibs von Hertha BSC in der 2. Liga für drei Millionen Euro ziehen lassen würde. Das Interesse anderer, auch internationaler Vereine an Torwart Tjark Ernst oder Abwehrspieler Linus Gechter ist dazu schon länger ein offenes Geheimnis – und auch die Aufregung um den eigentlich bis 2030 gebundenen Fabian Reese wurde zuletzt wieder größer. Die nicht eindeutigen Äußerungen zu seiner Zukunft („Das Leben spielt manchmal anders, als man es sich wünscht“) gaben dem Thema jedenfalls Nahrung. Klar ist dabei: Die Zeit drängt langsam beim Wunsch des gebürtigen Kielers, in der Bundesliga zu spielen – schließlich wird er im Herbst 29 Jahre alt. Diese Überlegung könnte im Fall des Nichtaufstiegs von Hertha BSC alle bisherigen Treueschwüre Reeses noch obsolet machen. So gilt es zunächst einmal, das Eisen weiter zu schmieden, solange es noch heiß ist – sprich: mit einem Heimsieg gegen den 1. FC Kaiserslautern am Sonnabend die Topteams der 2. Liga weiter unter Druck zu setzen.