Dem FC Hertha 03 gelingt endlich ein Paukenschlag in der Liga. Bei aller Freude aber noch kein Grund zum Aufatmen: Der Klassenerhalt bleibt weiterhin eine Herkulesaufgabe.
Es gibt sie, diese Spiele, bei denen einfach alles passt – selbst für einen Tabellenletzten wie den FC Hertha 03, der bis dahin in 22 Begegnungen der Regionalliga Nordost nur einen einzigen Saisonsieg im November 2025 vorzuweisen hatte. Was auch bedeutete, dass die von Trainer Tilman Käpnick geforderten, für den Klassenerhalt unerlässlichen Siege in diesem Jahr bislang ausgeblieben waren. Selbst in den Partien, bei denen man sich eine gute Chance ausgerechnet hatte: zuhause gegen den ZFC Meuselwitz und den FSV Luckenwalde etwa, wo es dann aber jeweils nur zu einem 1:1 reichte – und auch im „Endspiel“ gegen den Tabellenvorletzten FC Eilenburg war man über ein torloses Unentschieden nicht hinausgekommen.
„Qualität, die uns im letzten Drittel fehlt“
„Es muss eigentlich für zwei oder drei Spiele reichen, was wir heute an Möglichkeiten hatten“, rechnete der Coach der Zehlendorfer anschließend vor und sprach von einem „maximal enttäuschenden“ Ergebnis. Auch seine eigene Ernüchterung konnte Käpnick dabei kaum verhehlen: „Am Ende ist es vielleicht auch Qualität, die uns im letzten Drittel fehlt.“ Was also sollte der 32-Jährige schon zu der Aufgabe sagen, die nur drei Tage später auf seine Schützlinge und ihn wartete: das Auswärtsspiel bei Spitzenreiter Lok Leipzig, der zu diesem Zeitpunkt 48 Punkte mehr auf dem Konto hatte als das Schlusslicht? Ein Gegner, so Käpnick, von „enormer Qualität“ – doch fand der Trainer in diesem Zusammenhang auch wieder einen psychologischen Dreh: „Aber daran kann man auch wachsen, und andere Mannschaften haben es auch geschafft.“ Erst einmal jedoch musste der Außenseiter an diesem Abend in der Messestadt schwierige Situationen zum Teil mit Glück überstehen. So wurde den Hausherren zunächst ein Tor wegen vorangegangener Abseitsposition aberkannt – eine Fehlentscheidung, wie die TV-Bilder später verrieten. Auf der anderen Seite verpasste Hertha 03 jedoch auch die eigene Führung, als Nicolas Hebisch vor dem leeren Tor über den Ball trat. Doch nach der Pause hatte die Partie eine positive Wendung für den wacker kämpfenden Abstiegskandidaten parat: Ben Schulz tankte sich über die linke Seite in den Strafraum der Leipziger und kam dort im Zweikampf zu Fall. Sicherlich eine 50:50-Entscheidung – aber der Schiedsrichter urteilte zugunsten des Underdogs. Noah Jones behielt dann obendrein vom Punkt einen kühlen Kopf und traf platziert in die linke Ecke zum 0:1. Zur Verwunderung der meisten Betrachter zeigte der Treffer bei Lok Wirkung – und Hertha 03 erspielte sich nun weitere Chancen. Trotzdem fiel dann auch das zweite Zehlendorfer Tor dieses Abends etwas glücklich: Die ohnehin schon immer wieder indisponiert auftretende Defensive der Gastgeber bekam einen Ball nicht geklärt, und Schulz’ Abschluss aus dem Hinterhalt fälschte ein Leipziger Verteidiger unhaltbar ins eigene Tor ab. Da waren allerdings noch zwanzig Minuten zu spielen: Zeit genug also, dass ein Spiel der Kategorie „David gegen Goliath“ im Ergebnis noch auf den Kopf gestellt werden könnte. Doch Lok blieb weiter blass und konnte kaum Torgefahr erzeugen, während Niklas Doll auf Seiten der Berliner mit seinem Schuss an den Außenpfosten sogar noch im Pech war.
Nach Abpfiff mussten sich die Beteiligten im Zehlendorfer Tross dann beinahe kneifen, ehe dann doch ausgelassen gejubelt wurde. „Natürlich sind wir glücklich – es sind Punkte, die wir gerne mitnehmen, womit man nicht unbedingt rechnet“, versuchte Käpnick das unerwartete Erfolgserlebnis in Worte zu fassen. Dennoch fand er auch gleich wieder die aufbauende Ansprache: „Aber man spielt Fußball in jedem Spiel, um es zu gewinnen – es geht auch in unserer Situation nicht darum, auf Unentschieden zu spielen, davon haben wir genug.“ Der nach dem 7. Spieltag zunächst als Interimslösung von der eigenen U19 beförderte Coach versuchte damit, aus der schwachen Glut der Hoffnung zumindest wieder eine kleine Flamme für die Restsaison zu entfachen. Dazu formulierte er auch selbstbewusst: „Unter dem Strich darf sich Lok aber nicht beschweren, dass wir gewinnen – aus meiner Sicht war es verdient.“ Nur drei Tage nach dem Paukenschlag in Leipzig jedoch konnte von Aufbruchstimmung keine Rede mehr im Lager der „kleinen Hertha“ sein: Beim 0:4 gegen die VSG Altglienicke blieb man praktisch chancenlos. Immerhin handelte es sich bei dem Duell mit dem Ligakonkurrenten aber „nur“ um ein Spiel im Berliner Landespokal – da es sich um die Vorschlussrunde handelte, war die Enttäuschung dennoch doppelt groß. „Ein Halbfinale spielst du nicht jeden Tag“, erklärte Käpnick jedenfalls angesichts der Tatsache, dass Hertha 03 das letzte Mal 1990 im Endspiel dieses Wettbewerbs gestanden hatte – dessen Gewinn auch die Teilnahme im nationalen DFB-Pokal garantiert. „Aber wir waren heute auch gar nicht mental bereit für dieses Spiel“, analysierte der Coach ziemlich treffend, denn bereits zur Pause hatte man mit 0:3 im Rückstand gelegen. Das nur unter Halbprofibedingungen arbeitende Team war so einmal mehr an seine Grenzen gestoßen – körperlich wie geistig. Diese Tatsache bereitet Tilman Käpnick große Sorge, denn die Partie fand zum Ende der ersten von insgesamt fünf Englischen Wochen in Folge statt.
„Gar nicht mental bereit für dieses Spiel“
Durch die vielen im Winter ausgefallenen Spiele steht dem Verein ein „Mammutprogramm“ (O-Ton Käpnick) bevor, das der Trainer als „ein Stück weit Wettbewerbsverzerrung“ bezeichnet und damit vor allem den Nordostdeutschen Fußball-Verband (NOFV) kritisiert. „Wir sind auch irgendwo ein Amateurverein – und es ist einfach nicht möglich, jedes Mal drei Spiele die Woche zu absolvieren. Das macht der Kader nicht mit, das macht der Körper nicht mit – da sind Verletzungen an der Tagesordnung, und am Ende leiden die Vereine darunter“, klagte der 03-Übungsleiter. „Das ist für uns fast unlösbar, aber wir versuchen das Unmögliche möglich zu machen“, gab sich Käpnick aber weiterhin kämpferisch. Doch nur vier Tage später, am ersten Mittwoch im April, gab es beim 0:3 gegen den FC Carl Zeiss Jena auch in der Liga wieder einen Rückschlag für den FC Hertha 03. „Solange der Klassenerhalt möglich ist, werden wir weiterkämpfen“, verspricht der Trainer aber schon seit langem – und kann nun zumindest auf das Spiel in Leipzig verweisen: „Man hat ja gesehen, wozu wir fähig sind.“