Er hat in Elversberg ein System aufgebaut, das weit über Ergebnisse hinaus Wirkung entfaltet hat. Nun steht Ole Book bei Borussia Dortmund vor der größten Aufgabe seiner Laufbahn – und bringt genau die Eigenschaften mit, die dem Club zuletzt gefehlt haben.
Es beginnt mit einer scheinbar nebensächlichen Anekdote, die jedoch viel über diesen Mann erzählt. „Ich hatte den Nils viele Jahre in der E-Mail-Adresse, weil wir es irgendwann nicht mehr zurückdrehen konnten“, sagte Ole Book bei seiner Vorstellung in Dortmund. „Sehr, sehr sperrig“ sei das gewesen, „auch wenn man versucht, sie zu diktieren“. Dass dieser „Nils“ nun auch offiziell verschwunden ist, steht sinnbildlich für einen Übergang: vom langjährigen Gestalter in Elversberg hin zum Sportdirektor eines der größten Klubs Europas. Doch wer Ole Book verstehen will, muss zurück an die Kaiserlinde. Dort hat er in achteinhalb Jahren nicht nur eine Mannschaft zusammengestellt, sondern ein funktionierendes System erschaffen. 2017 kam er als Nachwuchs-Scout, ein studierter Psychologe, der seine aktive Karriere früh beendete und bereit war, zwischen Beckum und dem Saarland zu pendeln. Es war ein bewusster Schritt raus aus dem Spielbetrieb und hinein in die Verantwortung. Ein Risiko, das sich schnell auszahlte. Bereits 2018 wurde er zum Sportdirektor befördert, später zum Vorstand Sport. Von da an liefen alle sportlichen Entscheidungen über ihn. Gemeinsam mit Horst Steffen entwickelte er eine klare Idee: mutiger, offensiver Fußball, getragen von Spielern, die exakt zum System passen. „Am Ende geht‘s genau um diese Passung der Spieler zum Verein und zum Trainer“, sagte Book selbst – ein Satz, der sein gesamtes Wirken beschreibt. Was daraus entstand, war kein Zufallsprodukt, sondern ein struktureller Aufstieg. Von der Regionalliga bis an die Spitze der 2. Bundesliga. Präsident Dominik Holzer brachte es rückblickend auf den Punkt: „Ole Book hat unseren Verein in den vergangenen Jahren in herausragender Weise geprägt. Die sportliche Entwicklung, die vielen Erfolge und die klare strategische Ausrichtung tragen in hohem Maße seine Handschrift.“ Dabei war es nicht nur die sportliche Entwicklung, sondern die Art, wie sie zustande kam. Book baute keine kurzfristigen Lösungen, sondern nachhaltige Strukturen. Vertrauen spielte dabei eine zentrale Rolle – in Trainer, in Spieler, in Prozesse. Und vor allem: in Entwicklung. „Ole hat ein sehr gutes Händchen dafür, Spieler zu erkennen, in denen ein riesiges Potenzial schlummert, das andere nicht sehen“, sagte Luca Schnellbacher. Der Begriff des „Perlentauchers“ wurde zum festen Bestandteil der Beschreibung seines Profils. Spieler wie Nick Woltemade, Fisnik Asllani oder Paul Wanner stehen exemplarisch für diesen Ansatz.
Funktioniert der Perlentaucher?
Doch entscheidend war nicht nur das Finden dieser Talente, sondern deren Einbindung. Book schuf ein Umfeld, in dem Entwicklung möglich war – auch durch Fehler. Junge Spieler bekamen das Vertrauen, sich auszuprobieren, während gleichzeitig ein stabiles Gerüst aus erfahrenen Kräften entstand. „Diese Säulen sind unheimlich wichtig“, erklärte er mit Blick auf die Kontinuität im Kader. Diese Mischung aus Klarheit, Mut und Geduld wurde besonders in einer Phase sichtbar, die seine Persönlichkeit wohl am besten beschreibt. Nach der knapp verpassten Bundesliga und dem anschließenden Umbruch – Trainer weg, mehrere Stammspieler weg – hätte Book selbst den nächsten Schritt gehen können. Angebote aus der Bundesliga lagen vor. Doch er blieb. „Im Sommer stand ganz klar die Verantwortung an erster Stelle“, sagte er rückblickend. „Mit dem Scheitern in der Relegation und dem Abgang unseres Cheftrainers am nächsten Tag hatte ich ganz klar das Gefühl, dass ich in dieser Situation auf keinen Fall den Verein verlassen darf, sondern dass ich die Mannschaft wieder neu aufstellen möchte.“ Es ist dieser Moment, der ihn von vielen anderen unterscheidet. Verantwortung nicht als Schlagwort, sondern als Handlungsprinzip. Dass es ihm anschließend gelang, die Mannschaft trotz des Umbruchs erneut in eine Top-Position zu führen, ist vermutlich sein größtes Argument für den Schritt nach Dortmund. Denn genau danach sucht der BVB. Nach Jahren, in denen Transfers oft reaktiv wirkten und klare Linien fehlten, soll Book nun Struktur, Mut und ein klares Profil zurückbringen. „Um näher an die Bayern heranzurücken, brauchen wir einen hochkarätigen Kader“, formulierte Lars Ricken die Erwartungshaltung. Und Carsten Cramer ergänzte, Book sei ein „cooles Puzzlestück“ für einen neu ausgerichteten Klub. Die Hoffnung: dass der „Perlentaucher“ auch auf größerer Bühne funktioniert.
Gerade dieser Aspekt macht die Personalie für Borussia Dortmund so interessant. Book steht nicht für den klassischen Transfermanager, der ausschließlich auf fertige Lösungen setzt, sondern für eine klare Idee von Kaderentwicklung. In Elversberg hat er gezeigt, dass wirtschaftliche Vernunft und sportlicher Anspruch kein Widerspruch sein müssen. Spieler wurden nicht nur verpflichtet, sondern gezielt in Wert gesetzt, weiterentwickelt und in ein funktionierendes Gefüge eingebettet. Diese Fähigkeit, Potenziale nicht nur zu erkennen, sondern sie auch in Leistung und Marktwert zu übersetzen, ist für einen Klub wie den BVB von zentraler Bedeutung. Denn die Dortmunder stehen seit Jahren im Spannungsfeld zwischen sportlichem Erfolg und wirtschaftlicher Nachhaltigkeit. Genau hier könnte Book eine entscheidende Rolle einnehmen. Seine Transfers waren selten spektakulär im Moment der Verpflichtung, entwickelten aber oft eine Dynamik, die sich erst im Verlauf voll entfaltete. Dieses Denken in Prozessen statt in schnellen Lösungen könnte dem BVB helfen, wieder eine klarere sportliche Handschrift zu entwickeln – eine, die nicht nur auf große Namen setzt, sondern auf Passung, Entwicklung und langfristige Stabilität.
Natürlich ist der Unterschied gewaltig. Elversberg mit wenigen tausend Einwohnern, Dortmund mit einem Stadion, das mehr als elfmal so viele Menschen fasst. Ein geschütztes Umfeld hier, maximale Öffentlichkeit dort. Doch Book selbst sieht darin keinen Widerspruch. „Gute Fußballer sind ligaübergreifend gute Fußballer“, sagte er selbstbewusst. Diese Überzeugung könnte den BVB tatsächlich verändern. Weg vom reinen Fokus auf etablierte Namen, hin zu kreativeren Lösungen. Spieler aus der 2. Liga oder aus weniger beachteten Märkten könnten wieder stärker in den Fokus rücken. Ein Ansatz, der in Dortmund bereits einmal erfolgreich war – und an dem sich Book nun messen lassen muss. Dass ihm dabei Vertrauen entgegengebracht wird, zeigt auch die Wortwahl von Matthias Sammer, der die Verpflichtung als „fantastische Idee“ bezeichnete. Vorschusslorbeeren, die im Dortmunder Umfeld selten verteilt werden. Und dann ist da noch die emotionale Komponente. „Es war immer ein offenes Geheimnis, dass mein Herzensverein der BVB ist“, sagte Book. Die Verbindung reicht zurück in die Kindheit, in eine Zeit mit BVB-Bettwäsche und Stadionbesuchen auf der Südtribüne. Selbst in seinem Vertrag in Elversberg hatte er sich eine Ausstiegsklausel exklusiv für Dortmund gesichert. „Der BVB ist der einzige Verein, bei dem er schwach wird“, sagte Schnellbacher. Es ist diese Mischung aus Professionalität und Emotionalität, die seinen Wechsel besonders macht. Book kommt nicht als externer Manager, sondern als jemand, der den Klub versteht – zumindest in seiner Idee. Die Herausforderung bleibt dennoch enorm. Er folgt auf Sebastian Kehl, übernimmt einen Verein mit hohen Erwartungen und soll ihn näher an den FC Bayern heranführen. Gleichzeitig soll er einen Kader entwickeln, der sportlich wie wirtschaftlich funktioniert, junge Spieler integriert und dennoch um Titel spielt. Ein Spagat, an dem viele zuvor gescheitert sind. Doch vielleicht ist genau das seine Stärke. In Elversberg hat Book bewiesen, dass er unterschiedliche Anforderungen verbinden kann: Entwicklung und Ergebnis, Mut und Stabilität, Talentförderung und klare Struktur. Nun muss er zeigen, dass dieses Modell auch auf höchstem Niveau trägt. Sein erster Eindruck in Dortmund war zumindest eindeutig: ruhig, klar, überzeugt. „Ich fühle mich absolut bereit, direkt durchzustarten“, sagte er bei seiner Vorstellung. Es ist ein Satz ohne große Inszenierung, aber mit klarer Botschaft. So wie vieles bei Ole Book.