Bundestrainer Julian Nagelsmann hat seine Spieler mit Blick auf die WM im Sommer schon mit festen Rollen versehen. Doch über drei Spieler wird öffentlich sehr kontrovers diskutiert.
Ganz offensichtlich wollte Julian Nagelsmann Personal-Diskussionen vor der WM in diesem Sommer unbedingt vermeiden. Extern wie intern. Auf den ersten Blick scheint dies misslungen. Wobei man bis zu einer abschließenden Bewertung noch warten muss, ob es nicht vielleicht durch das frühzeitige Aufbranden doch gelungen ist, die Diskussionen zumindest nach vorne zu verlagern. Zunächst hatte Nagelsmann im viel diskutierten „Kicker“-Interview ungewöhnlich offen über einzelne Spieler und deren Aussichten gesprochen. Dann verriet er im Vorfeld der Spiele in der Schweiz (4:3) und gegen Ghana (2:1) ebenso offenherzig nahezu die kompletten Aufstellungen vorab. Und im Hintergrund führte er mit den Spielern bereits Rollengespräche, in denen er ihnen aufzeigte, wo sie mit Blick auf die WM stehen und wie rund um das Turnier mit ihnen geplant wird.
Immer wieder Rüdiger
Dennoch gibt es über die drei DFB-Spieler Antonio Rüdiger, Deniz Undav und Leroy Sané aktuell hitzigste Diskussionen. Und Nagelsmann muss es irgendwie gelingen, diese ohne weiteres Länderspiel bis zum Start der Vorbereitung einzudämmen. Wir schauen uns die drei Fälle im Einzelnen an.
Antonio Rüdiger: Der erfahrene Innenverteidiger von Real Madrid galt lange als Abwehrchef. Ein kleines Formtief, Verletzungen und Diskussionen über unbeherrschtes Verhalten auf und neben dem Platz brachten den Status kräftig ins Wackeln. Nachdem er im März 2025 im Achtelfinal-Spiel der Champions League bei Stadtrivale Atlético angepöbelt und rassistisch beleidigt wurde, zeigte er eine sogenannte „Kopf-ab-Geste“ und wurde von der Uefa zu einer Geldstrafe in Höhe von 40.000 Euro und einem Spiel Sperre auf Bewährung verdonnert, weil er „gegen die grundlegenden Regeln für anständiges Verhalten verstoßen“ habe. Nach einem Ausraster nach einer Roten Karte im Pokalfinale im April 2025, warnte Nagelsmann ihn öffentlich. „Das Limit ist erreicht, das weiß er. Mehr darf er sich nicht erlauben, sonst hat das größere Konsequenzen.“ Nun sorgte ein heftiges Foul gegen Getafes Rico für Aufsehen. Dieser behauptete, Rüdiger habe ihm „das Gesicht zertrümmern wollen“. Der 33-Jährige versicherte, dass er seinen Gegenspieler nicht verletzen wollte.
Dennoch war für viele das Maß voll. Die „Bild“-Zeitung forderte: „In Grenzsituationen hat sich Rüdiger einfach nicht im Griff – und darum darf er so auch nicht mit zur WM!“ Ex-Nationalspieler Mario Basler schimpfte im BR-Radio, Nagelsmann habe sich „bei mir völlig unglaubwürdig gemacht, weil er einfach einen Rüdiger wieder einlädt, der auf Bewährung gespielt hat. Ich finde, die treten diese Werte, die sie irgendwann einmal vorgegeben haben, gerade mit Füßen, wenn man Spieler wie Rüdiger wieder einlädt. Ich finde es eine absolute Schweinerei.“ Er glaube den DFM „nichts mehr“ und habe deshalb auch „meine Mitgliedschaft für die Fußball-Lehrer-Lizenz gekündigt. Die bekommen von mir nicht einen Euro mehr. Für mich ist der DFB erledigt.“ Die langjährige Nationaltorhüterin Almuth Schult erklärte im „Doppelpass“: „Wenn Julian Nagelsmann sagt, dass er auf Bewährung ist: Was muss passieren, damit eine Bewährung in eine Strafe umgesetzt wird? Das trifft mich. Emotionalität ist in gewisser Weise gut, aber es darf nicht in Hass, Beleidigung oder Diskriminierung umschlagen. Ich bin an einem Punkt, an dem es mir reicht.“ Dass Rüdiger Vize-Kapitän sei „stört mich sehr“.
Viele Experten reden rein
Der Bundestrainer lud Rüdiger dennoch ein und wollte am RTL-Mikro darüber auch nicht mehr diskutieren. „Das haben wir 8.000-mal besprochen in 7.000 Pressekonferenzen.“ Rüdiger sei ein verdienter Spieler, der sich absolut ins Team eingliedere. Als Stammspieler ist er aber nicht vorgesehen. Denn für Nagelsmann ist Nico Schlotterbeck als Linksfuß gesetzt, auf der anderen Position sieht er Bayern-Verteidiger Jonathan Tah vor Rüdiger. Beide begannen in beiden Länderspielen im März und der Bundestrainer verkündete bereits: „Wenn beide stabil bleiben, ist es erst einmal so.“ Rüdiger zu Hause zu lassen, kann er sich aber nicht erlauben. Dieser hat viele Fürsprecher im Team und somit eine wichtige Position abseits des Platzes. Zudem ist das leistungsmäßige Gefälle hinter diesen drei Verteidigern zu groß.
Deniz Undav: Schon in den Wochen vor den März-Spielen hatte die Diskussion um den Offensivspieler des VfB Fahrt aufgenommen. Weil dieser im „Kicker“-Interview gar nicht genannt wurde, wurde er immer wieder gefragt, ob der Bundestrainer zuletzt mit ihm gesprochen hatte. Undav, mit 18 Treffern mit Abstand bester Torschütze in dieser Bundesligasaison, verneinte dies, sagte aber auch, dass Nagelsmann das nicht tun müsse. Nominiert wurde Undav natürlich. Aber Nagelsmann zeigte auch, wo er bei ihm steht. Auf der Zehn wohl an Nummer drei hinter Serge Gnabry und Jamal Musiala. Und als Sturmspitze auch an Position drei hinter Kai Havertz und Nick Woltemade. In der Schweiz wurde er gar nicht eingewechselt, gegen Ghana zur Pause. Obwohl er vor seinem Stuttgarter Publikum den 2:1-Siegtreffer machte, änderte dies an Nagelsmann Einstellung gar nichts. Dass er auf Nachfragen extrem schmallippig reagierte, zeigt, welche Brisanz in dieser Personalie liegt. „Ich fand seine Leistung bis zum Tor nicht gut. Er hat, glaube ich, nur einmal den Ball berührt“, sagte der Bundestrainer so offen, dass es sogar für den Nagelsmann 2026 ungewohnt war. Er sei ein „Topstürmer“, weil er „dasteht, wo der Ball hinfällt. Aber ich glaube, wenn er vorher 70 Minuten marschiert, weiß ich nicht, ob er den so reinmacht. Den macht er auch, weil er frisch war.“
Undav erklärte derweil vor den TV-Kameras, dass es „nicht besser hätte laufen können“. Und er äußerte die Hoffnung, „dass sich mit jedem Tor, das ich mache, meine Rolle verändern kann“. Diese Hoffnung machte Nagelsmann gleich wieder zunichte. Das sei „eher unwahrscheinlich, weil ich die Rollengespräche ja nicht für die März-Maßnahme gemacht habe, sondern für die WM“. Undav setze sich mit seinen Aussagen nur selbst unter Druck. „Wir werden auch im Sommer Joker brauchen, die in der Lage sind, ein Spiel zu entscheiden. Das ist sein Auftrag, seine Rolle.“ Nagelsmanns genervtes Fazit: „Wir hatten jetzt sieben Tage Dauerthema Deniz Undav.“
Leroy Sané: Die Floskel, mal Weltklasse und mal Kreisklasse zu sein, wurde über kaum einen Nationalspieler in der jüngeren Vergangenheit so bemüht wie bei Sané. An guten Tagen spielt der Offensiv-Akteur den Gegnern mit seinem Tempo-Dribbling Knoten in die Beine und lässt die Zuschauer von den Sitzen aufspringen. An schlechten ist er kaum zu sehen und ruft Kritik an seiner Körpersprache hervor. Nachdem er im Sommer ablösefrei vom FC Bayern zu Galatasaray Istanbul gegangen war, erklärte Nagelsmann schon öffentlich, dass es nun schwerer werden würde: „Er spielt in einer Liga, die vielleicht einen Tick schlechter ist als die Bundesliga und andere europäische Top-Ligen. Da muss er noch mehr auffallen.“ Im Frühjahr nun betonte er: „Wir haben von seinem Profil nicht viele Spieler. Wenn die Gesundheit mitspielt, kann er für uns ein ganz wichtiger Spieler sein.“ Aber: „So ehrlich sind wir: Wir wissen bei ihm nie zu 100 Prozent, was am Ende auf den Platz kommt.“
In der Schweiz durfte Sané beginnen, wurde aber ausgewechselt und der für ihn gekommene Debütant Lennart Karl spielte deutlich auffälliger. Gegen Ghana kam Sané rein und leitete das Siegtor ein. Wie sehr er die Fans spaltet, zeigten die vielen Pfiffe bei seiner Einwechslung. Torhüter Alexander Nübel bezeichnete diese als „Schwachsinn“. Undav erklärte: „Egal ob man Leroy mag oder nicht, wir werden ihn brauchen. Und wir sind eine Mannschaft, wir sind eine Nation, wir müssen zusammenhalten, da darf man keinen ausgrenzen.“ Nagelsmann wollte sich mit Kritik an den Fans zurückhalten. „Ich habe einmal was zu den Fans gesagt und da habe ich einen Shitstorm kassiert“, sagte er: „Generell finde ich es nicht schön, wenn unser Spieler ausgepfiffen wird, bevor er die erste Situation hat. Das finde ich nicht fair, aber du wirst nie allen gerecht werden.“
Schwierige Entscheidungen
Rund um die WM wird der Bundestrainer viele schwierige Entscheidungen treffen müssen. „Es wird Entscheidungen geben, das kann ich jetzt schon verraten, die vermutlich nicht auf supergroßes Verständnis stoßen. Nicht beim Spieler, aber auch nicht in der breiten Öffentlichkeit“, hatte er schon im „kicker“ angekündigt. Dass die Diskussionen um einzelne Spieler schon im März so überhitzt sind, hätte er aber wohl selbst nicht erwartet.