Er bereiste die Extremzonen der Erde. Michael Martin ist der weltweit renommierteste Wüstenfotograf. Sein Bildband „Planet Wüste“ ist ein umfassendes und einzigartiges Werk.
Herr Martin, Sie sind Fotograf, Autor, Filmproduzent, Diplom-Geograf und haben den Bildband „Planet Wüste“ vorgelegt. Sie waren sechs Jahre weltweit unterwegs, um Wüsten- und Polarregionen zu fotografieren. Was hat Sie angetrieben?
Die Neugier auf die Welt. Ich bin im Herzen Geograf, ich weiß viel über unsere Erde, habe das studiert und habe mir bis 2010 alle Wüsten der Erde ansehen dürfen. Es war für mich reizvoll, nach den Trockenwüsten eben auch die Polarregionen – Polarwüsten, Kältewüsten, Eiswüsten – kennenzulernen. Ich habe ein profundes Interesse an unserer Erde.
„Die Neugierde, die Welt zu erkunden“ – sind Sie ein Abenteurer?
Abenteuer ist eine Begleiterscheinung, aber für mich kein Selbstzweck. Ich sehe mich schon eher als Fotografen und Geografen, als Geschichtenerzähler, als Autor. Abenteuerliche Begleiterscheinungen des Reisens helfen sicher auch bei meinen Vorträgen, bei meinen Fernsehfilmen, um die Themen zu transportieren, aber in dem Buch „Planet Wüste“ spielt Abenteuer überhaupt keine Rolle.
War es schwierig, Wissenschaftler zu überzeugen, sich an dem Bildband zu beteiligen?
Eigentlich gar nicht, weil ich diese Wissenschaftler kannte. Ich kannte zum Beispiel Herrn Professor Blümel (em. Prof. Dr. Wolf Dieter Blümel; Anm. d. Red.), der die beiden UTB-Lehrbücher über Polarregionen und Wüsten geschrieben hat. Ich konnte keinen besseren Mann gewinnen, der über Spezialthemen wie Pflanzen und Tiere der Wüste schreiben kann.
Man unterscheidet Trocken- sowie Kälte- und Eiswüsten …
Es gibt noch eine weitere Kategorie, die edaphischen Wüsten. Das sind die Wüsten, wo die Bodenqualität zur Wüste führt, beispielsweise bei der Schwäbischen Alb, bei Karstlandschaften oder auch Island, diese vulkanischen Böden, die kein Wasser halten können: Wo kein Substrat entsteht, kein Boden, das führt zu sogenannten edaphischen Wüsten, die sind aber sehr selten. Grundsätzlich definiert sich Wüste durch Abwesenheit von Vegetation. Die Ursachen dafür sind unterschiedlich. In Trockenwüsten ist es die Trockenheit. In Kältewüsten ist es der Wärmemangel, der zu kurze und zu kalte Sommer, der keine Vegetation hervorbringt. In Eiswüsten ist es schlichtweg die Bedeckung durch die Eiskappe, durch Gletscher oder Eiskappen. In edaphischen Wüsten ist es die Bodenqualität. Insofern muss man die unterschiedlichen Ursachen der Wüsten nennen, die im Ergebnis immer das Gleiche bewirken: die Abwesenheit von Vegetation.
Was haben diese Extremlandschaften mit Ihnen emotional gemacht?
Von meinem ästhetischen Empfinden her – wie ich mein Wohnzimmer einrichte, welche Kunst ich schön finde – finde ich immer dieses Reduzierte schön. Das grafisch Reduzierte finde ich ganz stark in den Wüsten mit den grafischen Linien von Dünen, von Horizonten – weil sich alles auf einige Dinge reduziert. Ich habe in den Wüsten meine Landschaft gefunden. Ein Bergsteiger wird sagen, seine Heimat sind die Berge. Ein Kapitän wird das Meer lieben. Ich liebe einfach die Wüste.
Die Wüste ist keine Ödnis, die Wüste lebt. Welche pflanzliche oder tierische Lebensform hat Sie überrascht?
Was mich am meisten überrascht, sind die Bäume. Die Tamarisken, die irgendwo mitten in der Wüste gedeihen, ohne dass es scheinbar einen Hinweis gibt, wieso der Baum gerade dort steht. Er ist durch seine Pfahlwurzel in der Lage, unterirdische Grundwasserströme zu erreichen. Wir haben zum Beispiel unter der Sahara gewaltige Grundwasservorkommen aus fossiler Zeit – vor 10.000 Jahren war die Sahara noch zeitweise sehr feucht. Diese fossilen Grundwasserspeicher werden von diesen Bäumen angezapft. Ich finde es überraschend, dass ich in den 80er-Jahren noch im Air-Gebirge auf Vogelstrauße gestoßen bin oder in der Namibwüste auf Wüstenelefanten. Die Anpassungsfähigkeit von Fauna und Flora ist enorm. Das ist eine große Herausforderung für Tiere und Pflanzen, aber umso intensiver ist auch die Begegnung mit Tieren, wenn Sie auf solche stoßen.
In den extremen Landschaften sind Ihnen Menschen begegnet, die dort wohnen. Für komfortverwöhnte Wohlstandsbürger ist ein Leben auf diese Weise kaum vorstellbar. Konnten Sie als Besucher aus der westlichen Welt etwas lernen?
Ja, Demut. Demut oder auch Bewunderung für die Menschen, wie sie es schaffen, in diesen extremen Regionen zu leben. Der Mensch ist physiologisch weder an die Kälte noch an die Hitze angepasst, wie das Tiere oder Pflanzen sind. Der Mensch hat sich einfach durch seine Intelligenz im Lauf der Menschheitsgeschichte Kulturtechniken aneignen können, um in diesen Extremregionen zu leben. In der Trockenwüste sind es vor allem zwei Lebensformen. Die Oasenbauer in der Sahara oder der Gobi nutzen das örtliche Grundwasser – eine Oase ist ja im Grunde die Ausnahme von der Wüste. Die Nomaden am Rande der Wüste ziehen den seltenen Regenfällen hinterher und können aus Wüstenregionen temporäre Weiden machen. Der Nomade ist ein Leben lang unterwegs, von Weideplatz zu Weideplatz, um seinen Ziegen und Schafen Weidegründe zu bieten. Den Nomaden bin ich in den Wüsten in Asien und Afrika oft begegnet. Ich nenne mal ein Zahlenbeispiel: Ein durchschnittlicher Student besitzt in seinem Studentenhaushalt 3.000 Gegenstände. Eine nomadische Familie besitzt 300 Gegenstände, weil sie ein Leben lang mobil ist. Das finde ich, als Kind unserer Überflussgesellschaft, doch sehr vorbildhaft und bewundernswert.
Um sich in Wüstenregionen aufhalten zu können, muss man Vorbereitungen treffen. Wasser mitzunehmen und zu wissen, wo man den Brunnen findet, wird überlebensnotwendig sein. Was ist zudem elementar?
Ja, man muss natürlich unterscheiden zwischen Trocken-, Kälte- und Eiswüsten. In Trockenwüsten sind ausreichende Wasservorräte essenziell und Orientierung, die heute über GPS läuft. Bin ich in Kälte oder Eiswüsten unterwegs, muss ich mich natürlich gegen die Kälte schützen, weil, wie ich schon sagte, wir Menschen ja gar nicht gegen die Kälte angepasst sind. Nötig sind eine Polarausrüstung, Daunenbekleidung, mehrschichtige Unterwäsche, auch ein sturmsicheres Zelt. Generell muss ich mich bei einer Reise in eine Kälte- und Eiswüste wesentlich besser vorbereiten als auf eine Trockenwüste, wo ich auch im T-Shirt unterwegs sein kann.
Mein Traum ist, in der Wüste unterm Sternenhimmel zu schlafen, leider fürchte ich mich vorm Skorpion. Sie sind auf Dünen geklettert und in Gletscherhöhlen gekrochen. Welche Gefahren haben Sie gemeistert?
Generell neigt der Mensch dazu, offensichtliche Gefahren zu überschätzen und versteckte Gefahren zu unterschätzen. Skorpione und Giftschlangen sind bekannte und offensichtliche Gefahren, werden aber total überschätzt. Ich bin in meinem ganzen Leben zwei Skorpionen und drei Schlangen begegnet. Diese Begegnungen sind selten, die Tiere sind scheu – ich hatte noch nie einen Stich oder einen Biss. Aber letztendlich, wenn ich auf 50 Jahre Reisen zurückblicke, sind die natürlichen Gefahren besser einschätzbar und beherrschbar gewesen als politische Gefahren und Sicherheitsprobleme. Viele Wüsten-Regionen befinden sich in gefährlichen Ländern, Stichwort Sahara, wo derzeit Al-Qaida und andere islamistische Gruppen operieren, da sind die Gefahren, dass sie entführt werden oder auf Minen fahren. Leider muss ich sagen, machen diese Gefahren das Reisen in manche Regionen nicht mehr möglich.