Die argentinische Serie „Eternauta“ schildert die Endzeit einer kosmischen Katastrophe und den Neubeginn –
und wie die Metropole Buenos Aires damit fertig wird.
Glaubt man dem Internet, schneite es in Buenos Aires lediglich zweimal registriert: 1918 und zuletzt 2007 – kein Wunder also, wenn die Protagonisten von „Eternauta“ nicht schlecht staunen. Mitten in der gemütlichen Kartenspielrunde im Haus von Tano (César Troncoso) mehren sich erst seltsame Geräusche, dann kommt besagter Niederschlag. Die Runde aus seinen Freunden Juan, Ruso und Lucas sowie dem nicht ganz so willkommenen Neuling Omar beobachtet, wie Menschen sich das Spektakel außerhalb ihrer Häuser anschauen möchten – und offenbar sterben, sobald sie mit dem Schnee in Berührung kommen. Die Ausgangslage der bislang sechs Episoden umfassenden argentinischen Serie ist also die Apokalypse.
Solidarität und Konflikte im Wechsel
Dabei stehen in dieser dystopischen Ausgangslage eigentlich utopische und Mut machende Erlebnisse im Vordergrund. Die Freundschaften und Familien sind angenehm normal gezeichnet, was ein wohltuender Unterschied zu vielen Filmen und Serien ist, in denen schier alle Personen schwere Traumata mit sich herumschleppen und die Bestürzung darüber an anderen auslassen. Damit wurden zentrale Themen der literarischen Vorlage übernommen und zeitgemäß aktualisiert: Solidarität, menschlicher Überlebenswille und kollektive Stärke – denn nur gemeinsam kann man der Bedrohung entgegensteuern, die sich alsbald als außerirdische Invasion entpuppt.
Die sechs Folgen der ersten Staffel folgen vor allem Juan Salvo (Ricardo Darín), der seine Frau und seine Tochter, die die Nacht bei Freunden verbracht hat, retten möchte. Dem verseuchten Schnee versucht sich die Gruppe zu entziehen, indem sie mittels einer alten Tauchermaske einen Schutzanzug bastelt und durch die Stadt zieht. Dabei gelingt es „Eternauta“ sehr geschickt und äußerst bildgewaltig, sich nach und nach immer weiter von der begrenzten Gruppe zu lösen und das Ausmaß von Tod und Zerstörung einzufangen. Beeindruckend etwa die Panorama-Aufnahmen von verschiedenen Dächern oder höhergelegenen Gebäuden auf das stille Buenos Aires, das einer Geisterstadt gleicht.
Doch neben Solidarität und Zusammenhalt gesellen sich auch Konflikte und handfeste Streitereien. Wer soll beispielsweise Wasser bekommen? Oder sonstige Nahrung und weitere Schutzmasken? Und wer hat überhaupt das Sagen in der Gruppe? Gerade der impulsive Gastgeber Tano hat Schwierigkeiten, sich unterzuordnen und seine eigenen Bedürfnisse zurückzustellen. Und auch in den weiteren Vierteln herrschen Verteilungskämpfe und Misstrauen. Dann tauchen auch noch Monsterkäfer auf, die Menschen gnadenlos töten und meterhoch Barrikaden aufbauen. Doch das scheinen nur die Vorboten einer weit größeren Gefahr zu sein. „El Eternauta“ bedeutet übersetzt „Der ewige Reisende“ oder „Der Reisende aus der Zukunft“. Dies bezieht sich auf die weiteren Abenteuer von Juan. Da eine zweite Staffel angekündigt ist – leider noch ohne Starttermin – soll an dieser Stelle nicht zu viel verraten werden. Die Netflix-Eigenproduktion „Eternauta“ orientiert sich stark an der Graphic Novel „El Eternauta“, die in den Jahren 1957 bis 1959 erschien und in Argentinien noch heute gefeiert wird. Autor Héctor Germán Oesterheld und Zeichner Francisco Solano López schildern in 106 Folgen in ebenso realistischem wie sozialkritischem Stil die Alien-Invasion. Die Graphic Novel gilt als das wichtigste und einflussreichste Werk der argentinischen Comicgeschichte und wird oft als politisches und soziales Plädoyer für Menschlichkeit und Widerstand gegen Unterdrückung interpretiert. Die Graphic Novel wurde auch als Klassenkampf gegen die Militärdiktatur interpretiert, die zwischen 1976 und 1983 herrschte.
Graphic Novel gilt als literarische Vorlage
Auch wenn es die Lehre von „Eternauta“ zu sein scheint, dass Zusammenhalt die einzige Möglichkeit zur Sicherung des Fortbestandes der Menschheit ist, sind einige Momente recht finster. Und auch die Geschichte des Autors selbst ist tragisch: Oesterheld wurde festgenommen, in ein Militärgefängnis verschleppt und wurde letztmals im Januar 1978 von einem Insassen gesehen. Seine vier Töchter, die wie er selbst im linksradikalen Widerstand aktiv waren, wurden vom Militärregime ermordet. Seine Frau starb 2015 und gab dem „Guardian“ zu Protokoll: „‚El Eternauta‘ war eine Parallele zu dem, was Argentinien passiert ist, was mir passiert ist. Meine Familie wurde zerstört, so wie unser Land zerstört wurde.“