In der „Kalle Halle“ in Neukölln gibt es zwölf Küchen und zwei Bars sowie jede Menge Retro-Chic zum Wohlfühlen.
Donnerstagnachmittag in Neukölln. Hier an der Karl-Marx-Straße, unweit des Rathauses, ist im vergangenen Jahr ein ganz besonderer Ort entstanden: die „Kalle Halle“. Was einst das Erdgeschoss des ehemaligen Quelle-Kaufhauses war, ist heute eine lebendige Genuss-Area. Die Rolltreppe ist noch da, sie führt hinunter zum Supermarkt. Oben: jede Menge Möbel im angesagten Retro-Chic, Holz, Metall, ein bisschen Plüsch – nicht bunt zusammengewürfelt, sondern sorgfältig ausgewählt und platziert. Große Gemeinschafts-tische laden zum Zusammensitzen ein, an kleineren speist man alleine oder zu zweit. Stühle, Sessel, Sofas – einladende Sitzgelegenheiten. Verschiedene Lampen tauchen die Halle in ein warmes Licht. Hier wurde kein durchgestyltes Designkonzept durchgezogen, sondern mit Feingefühl gearbeitet. Ein Ort, der sich nicht festlegt – und gerade dadurch funktioniert. Ist das die neue Berliner Lässigkeit?
Man kann hier sitzen und arbeiten, diskutieren und flirten, lesen und träumen – und natürlich essen und trinken. Zwölf Küchen und zwei Bars verteilen sich auf rund 2.300 Quadratmeter. „Wir kümmern uns darum, dass alle glücklich und satt nach Hause gehen“, lautet das Versprechen an die Gäste. Die Bandbreite reicht von hochwertigem Streetfood bis hin zu zugänglichem Fine Dining, erklärt der Betreiber das kulinarische Konzept. Martin Barry, preisgekrönter Landschaftsarchitekt und Stadtplaner aus New York, ist für seine innovativen gastronomischen Konzepte bekannt, zum Beispiel auch für den Manifesto Market mit mehr als 20 Restaurants und Bars am Potsdamer Platz. Er weiß, wie Räume funktionieren, und versteht, wie sich darin Menschen bewegen.
Nach dem Soft Opening im Frühjahr 2025 eröffnete Martin Barry die „Kalle Halle“, im vergangenen Herbst offiziell – mit Ambitionen, die weit über das gastronomische Angebot hinausreichen. Auch Musikevents, familienfreundliche Programme, Kunst, Kultur und Filmveranstaltungen sollen hier stattfinden. „Wir sehen hier unglaublich viel Potenzial“, erklärte er damals in einem Interview. Sein Ziel: die „Kalle Halle“ als Ort zu gestalten, der sich nicht nach Konsum anfühlt, sondern nach Gemeinschaft. Im Fokus stehen das Zusammenkommen, das Zeitverbringen, das Wohlfühlen. Hier geht es nicht nur um Essen und Trinken, sondern vor allem um das Dazwischen.
Als Eventlocation längst etabliert
Die Idee trägt: Die „Kalle Halle“ hat sich längst im Kiez etabliert, auch als Eventlocation, die individuell für Gruppen von 15 bis 700 Personen genutzt werden kann. Erste Veranstaltungen – darunter das „Berlin Chili Fest“ und eine Rollschuhdisco – kamen gut an. Donnerstags läuft die „Board Game Night“ mit Brettspielen und Billard. Dazu „Open Mic Nights“ mit Poetry, Musik und Comedy. Weitere Formate sind in Planung. Die Botschaft bleibt klar: Hier ist jeder willkommen. Entsprechend vielfältig zeigt sich das kulinarische Angebot.
Fans asiatischer Küche sind auf den ersten Blick im Vorteil. Bei „Chen’s Beef Noodle House“ gibt es die derzeit so angesagten handgezogenen Lanzhou-Nudeln, serviert mit langsam geschmortem Rindfleisch in aromatischen Brühen, halal-zertifiziert. Mit Klassikern aus Südindien grüßt „Chettinad Berlin“: geröstete Gewürze, pfeffrige Schärfe, Kokos, Tamarinde – die tamilische Küche zeigt hier ihre legendäre aromatische Tiefe. Neugierig nähere ich mich dem „Koji“, gleich einer Insel, zentral in der „Kalle Halle“ gelegen. Der Name steht für einen japanischen Schimmelpilz, der bei fermentierten Lebensmitteln wie Miso, Sojasauce und Sake zum Einsatz kommt – und für die erste Handrollbar Berlins. Für mich ist Koji ein Ort, der Küchenkunst zelebriert. Am Tresen zu sitzen und Ruslan Kim bei der Zubereitung von Sashimi, Nigiri und Co zuzusehen, hat etwas Kontemplatives. Er arbeitet ruhig, konzentriert, fast versunken, jeder Schnitt ist präzise gesetzt, jedes Kräuterblättchen exakt platziert.
Ich probiere das „Grab Handroll Set“, das Signature Dish, serviert mit knusprigen Nori-Blättern. Mit ihnen werden die Rollen aus warmem Reis und delikaten Toppings gegriffen, um sie anschließend wie kleine Tacos zu verspeisen. Auf dem Teller fünf Sorten: Blauer Thunfisch mit Avruga-Kaviar, geflämmter Lachs mit süßem Soja, Seebrasse mit gehacktem Wasabi und knusprige Shrimps mit Chili-Mayonnaise. Kompositionen, die ihre eigenen Geschichten erzählen. Hübsch anzusehen, sensorisch ausbalanciert – viel Umami, dazu Frische und Harmonie. Wenn Essen nicht nur sättigt, sondern auch den Geist berührt, hat der Koch alles richtig gemacht. Mein Begleiter hat für sich ebenso die perfekte Wahl getroffen: saftiges Rindfleisch, flaumige Brioche und Rote Bete in einer Komposition, die die Fastfood-Welt weit hinter sich lässt und deren offizielle Beschreibung „klassischer amerikanischer Burger mit frischem Twist“ nur erahnen lässt, was hier Großartiges serviert wird. Ein echtes Genussvergnügen, das längst viele Fans hat – manche kommen allein deswegen in die „Kalle Halle“.
Eigene Konzepte ohne Kompromisse
Hinter „Great Barrier Burger“ steht der Australier Daniel Forbes. Auch hier: Frische und Handwerk. Das Fleisch kommt vom Metzger des Vertrauens, eigens produziert. Die Pommes werden direkt vor Ort zubereitet und mit „Chicken Salt“, dem populären australischen Gewürzsalz – herzhaft, salzig, leicht süßlich, vegan – verfeinert. Es verleiht auch den „Potato Scallops“, also in Bierteig frittierten Kartoffelscheiben – ebenfalls ein Klassiker aus Down Under –, das gewisse Etwas.
Auf dem Tresen steht eine Auswahl an Saucen, die Daniel Forbes unter der Marke „Little Red“ vertreibt. Hochwertige Chilis, angeröstet und drei Monate im Fass fermentiert. Das Feuerwehrauto im Logo wirkt wie eine leise Warnung, denn die Saucen im würzigen „Louisiana Style“ bringen eine feurige Schärfe mit. Wer es lieber süß mag, greift zum Cookie – Lemon Macadamia, Schokolade oder Erdnussbutter. Groß, soft, hausgemacht, ein Stück Glück für zwischendurch. Oder doch lieber ein New York Cheesecake von Mogg? Das „New Yorker Deli“ hat jede Menge Klassiker auf der Karte, darunter Shakshuka, Caesar Salad und Trüffelburger. „The French Dip“ – Sirloinsteakstreifen, zwölf Stunden karamellisierte Zwiebeln, Mayonnaise mit brauner Butter und Knoblauch-Confit, geschmolzener Käse und Baguette – erzählt viel über Paul Mogg, der sein etabliertes Konzept von Mitte nach Neukölln gebracht hat.
Sein Signature Dish ist eine Spezialität, deren Geheimnis sich nicht so leicht entschlüsseln lässt: das Reuben Sandwich. Knuspriges, goldbraun geröstetes Brot hält Schicht für Schicht ein kleines Meisterwerk zusammen. Zartes rosa Pastrami, warm und aromatisch, trifft auf Emmentaler, der sich cremig in jede Faser zieht. Dazu die feine Säure von Sauerkraut, ein Hauch Dressing – würzig, leicht süßlich, perfekt ausbalanciert. Ein Gericht, bei dem man kurz innehält, bevor man den nächsten Bissen nimmt. Und auch hier ist alles selbst gemacht: vom hellen Roggenmischbrot über die 28 Tage gepökelte und 24 Stunden geräucherte Rinderbrust bis hin zu den sauren Gurken, die dazu serviert werden.
Räume für ein entspanntes Miteinander
An diesem Tag zeigt sich die „Kalle Halle“ als lebendiger Ort, an dem Gäste sich wohlfühlen und aus einem großen, internationalen Angebot wählen, das ihnen schmeckt. Denn da gibt es noch so viel mehr: Hähnchen-Sandwiches von „Birds in a Kitchen“, Hummerrollen und Austern von „Prawnporn“, traditionelle koreanische Küche von „Moim“ oder Ramen-Suppe von „Earth Tokyo“. Dazu Naturweine, Cocktails und Craft Beer von der „Soot Bar“ sowie Kaffeevariationen und süße Snacks von „Lap Coffee“.
Nicht nur die kulinarische Vielfalt beeindruckt, sondern auch die Menschen dahinter. Sie stehen selbst in ihren Küchen und verfolgen ihre eigenen Konzepte kompromisslos. Ruslan Kim, Daniel Forbes und Paul Mogg: starke Persönlichkeiten mit hohem Anspruch, Individualisten und Profis in ihrem Metier, mit klarer Haltung. Vielleicht ist das tatsächlich die neue Berliner Lässigkeit. Weniger Pose, weniger Lautstärke, kein ständiges „höher, schneller, weiter“. Stattdessen Orte, die Raum lassen – für Geschmack, für Begegnungen, für Vielfalt, für ein entspanntes Miteinander. Dass sie funktionieren, zeigt die „Kalle Halle“ eindrucksvoll.