Klimaanpassungsmanager Jan-Hendrik Jochens unterstützt die Landeshauptstadt Saarbrücken dabei, sich auf die Folgen des Klimawandels vorzubereiten. Im Interview spricht er unter anderem darüber, was gegen Hitze getan werden kann.
Herr Jochens, wie sind Sie zum Thema Klima gekommen?
Seit zehn Jahren beschäftige ich mich intensiv mit dem Thema – angefangen im Bachelorstudium „Umweltwissenschaften“. Im Masterstudium „Boden, Gewässer, Altlasten“ konnte ich meine Kenntnisse vor allem im Gewässerbereich vertiefen. Da Umwelt und Klima eng zusammenhängen, habe ich beides immer gemeinsam betrachtet. In meinem Beruf kann ich jetzt beide Themen für die Stadt zusammenbringen.
Sie sind Klimaanpassungsmanager der Landeshauptstadt Saarbrücken. Was genau sind Ihre Aufgaben?
Meine Hauptaufgabe ist es, die Landeshauptstadt Saarbrücken dabei zu unterstützen, sich konkret auf die Folgen des Klimawandels vorzubereiten – und das über alle Bereiche der Stadtverwaltung hinweg. Während es beim Klimaschutz um die Reduktion von Treibhausgasemissionen geht, geht es bei der Klimaanpassung darum, unsere Stadt so zu gestalten, dass sie auch bei Hitze, Starkregen oder Trockenheit gut funktioniert.
In den vergangenen beiden Jahren habe ich gemeinsam mit verschiedenen städtischen Fachämtern und einem Planungsbüro ein Klimaanpassungskonzept für Saarbrücken erarbeitet. Im Kern steht ein Maßnahmenprogramm, das wir nun Schritt für Schritt umsetzen. Es reicht von mehr Begrünung im Stadtgebiet bis hin zur Umgestaltung versiegelter Flächen.
So schauen wir zum Beispiel aktuell, in welchen Bereichen weitere Bäume gepflanzt werden können und wo sich Flächen klimaresilient gestalten lassen. In ähnlicher Vorgehensweise wie beim Klimaanpassungskonzept wurde zudem ein Hitzeaktionsplan erstellt, den ich nun für den politischen Gremienlauf vorbereite. Ich kümmere mich außerdem um die Evaluation und das Monitoring des Klimaanpassungskonzeptes, das Einwerben von Fördermitteln und die Kommunikation nach außen.
Wichtig ist: Es sind viele kleine Maßnahmen, die am Ende ein großes Ganzes ergeben: ein klimaresilientes Saarbrücken für die Menschen, die hier leben.
In Städten ist es meist wärmer als auf dem Land. Welche Gründe gibt es hierfür?
Hohe Gebäude, viele versiegelte Flächen und wenig Grün. Das sind typische Merkmale für Städte, die besonders vom sogenannten „Hitzeinseleffekt“ betroffen sind. Demnach sind vor allem die bebauten Innenstadtbereiche hitzebelastet. Die hohen Gebäude schneiden Frischluftströme aus dem Umland ab und die versiegelten Flächen nehmen Hitze auf und speichern diese. Die gespeicherte Wärme wird nachts abgegeben, sodass der Unterschied zum Land dann bis zu 10 Grad betragen kann. Zusätzliche Hitze wird durch den von Verbrennern dominierten Verkehr abgegeben. Elemente, die zur Abkühlung beitragen, sind oft nur spärlich vorhanden. Bäume beispielsweise sorgen nicht nur für Schatten, der die darunter liegenden Oberflächen weniger stark aufheizen lässt, sondern tragen mit ihrer Verdunstungskühle aktiv dazu bei, die Umgebungstemperatur zu reduzieren.
Gibt es Städte, in denen Hitze ein größeres Problem ist als in anderen?
Je nach Lage der Stadt kann die Hitzeentwicklung unterschiedlich stark ausgeprägt sein. Besonders betroffen ist die Oberrheinregion. Die seitlich gelegenen Mittelgebirge erschweren den Zufluss kalter Luft, während warme Luftmassen aus dem Süden durch das Tal geleitet werden. Betroffen sind hiervon zum Beispiel Städte wie Karlsruhe, Mannheim, Worms und Ludwigshafen, aber auch kleinere Kommunen leiden in dieser Region unter zunehmender Hitze. Auch Kessellagen wie in Stuttgart oder Wien begünstigen Hitze, da die Luftzirkulation eingeschränkt ist und sich die Wärme staut. Hinzu kommt der vorher genannte Hitzeinseleffekt, der die Belastung in Städten verstärkt.
Was sind die größten Probleme in Städten bei Hitze?
Das Hauptproblem ist, dass sich Hitze in Städten besonders stark aufbaut und gleichzeitig unterschätzt wird. Wussten Sie, dass es europaweit mehr als doppelt so viele Hitzetote wie Verkehrstote gibt? Hitze kann schwere gesundheitliche Folgen haben, etwa Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Dehydrierung, Hitzschlag oder eine Verschlechterung chronischer Krankheiten. Menschen sind je nach Lebenslage unterschiedlich betroffen, weshalb besonders vulnerable Gruppen bei der Hitzeprävention im Fokus stehen. Das sind vor allem ältere Menschen und chronisch Kranke, aber auch Kinder, Schwangere, sozial Benachteiligte und Menschen, die im Freien arbeiten. Besonders problematisch kann es auch werden, wenn zwei Faktoren zusammenkommen: Zum Beispiel, wenn ältere Menschen sozial isoliert leben. Zusätzlich verschärfen schlecht gedämmte Gebäude und Dachgeschosswohnungen die Situation, was besonders sozial und finanziell Benachteiligte trifft.
Mit welchen Maßnahmen können Städte generell dagegen vorgehen?
Städtebauliche Maßnahmen sind die wohl kostenintensivsten, aber sehr effektive und langfristige Maßnahmen. Stark versiegelte Räume sollten klimaresilient gestaltet werden, etwa durch Entsiegelung und gezielte Baumpflanzungen. Sehr wichtig und oft unterschätzt ist der Schutz von bestehenden Bäumen, da diese oft erst nach Jahrzehnten ihr volles Potenzial entwickeln. Gebäude müssten nach Möglichkeit begrünt werden (Dach- und Fassadenbegrünung), um die thermische Innenraumbelastung zu reduzieren, und dürfen nicht in Kaltluftschneisen gebaut werden. Kühle Orte sollten geschaffen werden, indem bewegtes Wasser, Trinkbrunnen, (mobiles) Stadtgrün oder (technische) Verschattung eingebracht werden. Auch können Kommunen die Privathaushalte unterstützen, indem zum Beispiel Förderungen für Begrünung und Entsiegelung angeboten werden. In Saarbrücken gibt es bereits ein Förderprogramm – und die Förderquote haben wir in diesem Jahr erhöht. Zudem können Städte Maßnahmen zur Sensibilisierung ergreifen. Dazu gehört die zielgruppengerechte Bereitstellung von Informationen, die Verbreitung von amtlichen Hitzewarnungen und die generelle Bewusstseinsschaffung des Themas in allen Bevölkerungsgruppen. Auch hier sind wir in Saarbrücken bereits gut aufgestellt.
Sind Klimaanlagen in Städten hilfreich oder bewirken sie eher das Gegenteil?
Klimaanlagen sind ein gutes Beispiel, das zeigt, dass sich Klimaschutz und Klimaanpassung augenscheinlich widersprechen können. Sie sorgen zwar kurzfristig für eine Abkühlung in Innenräumen, heizen jedoch durch ihre Abwärme die Umgebung auf und verstärken durch ihren hohen Energieverbrauch den Klimawandel. Zum Schutz vulnerabler Gruppen, zum Beispiel in Krankenhäusern oder Pflegeeinrichtungen, können sie dennoch sehr wichtig sein. Aber: In Gebäuden sollte generell vorab geprüft werden, ob es andere Möglichkeiten gibt. Dazu zählen Gebäudebegrünung, (außenliegender) Sonnenschutz, die Wahl heller Materialien, Ventilatoren, Wärmepumpen und eine angepasste Bauweise. Aus Sicht des Klimaschutzes sowie der Klimaanpassung sollte erst dann die Installation von Klimaanlagen in Betracht gezogen werden.
Welche Maßnahmen ergreifen Sie in Saarbrücken gegen Hitze – was wurde in den letzten Jahren getan und was ist in Planung?
In Saarbrücken verfolgen wir einen ganzheitlichen Ansatz, bei dem es darum geht, Hitzevorsorge in möglichst viele Bereiche der Stadtverwaltung zu integrieren. Wir haben einen Hitzeaktionsplan erarbeitet, den wir in Kürze unseren politischen Gremien vorlegen werden. Zudem informieren wir stark über das Thema, zum Beispiel über die zentrale Anlaufstelle auf der städtischen Homepage unter www.saarbruecken.de/hitze. Bei Temperaturen über 30 Grad werden in der Innenstadt über digitale Anzeigen sowie über Social Media Tipps zur Hitzevorsorge verbreitet. Das Gesundheitsamt stellt ergänzend Broschüren und Flyer bereit und hält Vorträge in betroffenen Einrichtungen. Zudem wurde in einem Stadtteil ein sogenanntes Hitzetelefon etabliert, bei dem (vulnerable) Personen nach Anmeldung bei Hitzewarnungen kontaktiert werden. Bei erhöhten Temperaturen werden zudem Obdachlose aufgesucht und mit Wasser und Hitzeutensilien versorgt. Als saisonale Maßnahme habe ich bereits einige Klimaspaziergänge durch die Stadt angeboten, die Bürgerinnen und Bürger für die lokalen Auswirkungen von Hitze sensibilisieren und gleichzeitig konkrete Anpassungsmaßnahmen vor Ort anschaulich vermitteln. Wer selber aktiv werden möchte, wird durch städtische Förderprogramme für Begrünung und Entsiegelung unterstützt. Im vergangenen Jahr wurden zwei weitere Trinkwasserbrunnen im Stadtgebiet installiert und mobiles Grün aufgestellt.
Ein großes städteplanerisches Projekt ist die „Oase Burbach“, bei dem ein stark hitzebelasteter Marktplatz mit der Entsiegelung von Flächen und der Pflanzung von Bäumen und Verdunstungsbeeten klimaresilient gestaltet wird. Des Weiteren wird Hitzevorsorge, wie im aktuellen Großprojekt „Superbrücken“, immer in laufenden Planungen berücksichtigt. Dort werden unter anderem Plätze und Straßen, wie die Viktoriastraße im Innenstadtbereich, begrünt. Zudem entstehen kleine Quartiersparks.
Ergänzend werden im Rahmen des Klimaanpassungskonzepts weitere Baumpflanzungen und Entsiegelungsmaßnahmen geprüft sowie in Städtebauförderprojekten Straßenräume und eine Fußgängerzone durch mehr Grün, Schatten und Verdunstung aufgewertet.
Die Deutsche Umwelthilfe hat Saarbrücken im oberen Mittelfeld eingestuft und den hohen Anteil an Bäumen und Grünflächen gelobt. Im Bereich Flächenversiegelung sah man noch Verbesserungsbedarf - sind hier noch weitere Maßnahmen geplant?
Tatsächlich haben wir in Saarbrücken einen sehr hohen Anteil an Grünvolumen. Bei der Flächenversiegelung sehen wir noch Potenzial und prüfen aktuell einzelne Flächen. Auch bei laufenden Projekten und Umbauten berücksichtigt die Stadtverwaltung diesen Aspekt. Langfristig wollen wir diese Thematik strukturiert angehen.
Starkregen und Überschwemmungen sind ebenfalls große Probleme. Wie gehen Sie dagegen vor?
Auch bei Überschwemmungen durch Starkregen und Hochwasser sind Entsiegelung und Begrünung im Stadtgebiet wichtige Maßnahmen, ganz nach dem Schwammstadtprinzip. In Saarbrücken haben wir aufgrund der Lage vermehrt Außengebietszuflüsse, die Schäden verursachen. Im Stadtteil Brebach-Fechingen wird deshalb eine Fläche von über 7.000 Quadratmetern klimaresilient aufgewertet, mit dem Ziel, übermäßiges Regenwasser zurückzuhalten.
Auch mit dem Einbau von Starkregenrinnen und der Optimierung von Einlaufbauwerken wurden in den letzten Jahren wichtige Maßnahmen umgesetzt. Die Anlage von Versickerungsmulden, die Begrünung von Dachflächen oder die Anpassung von Abwasserwegen sind ebenfalls wichtige Bausteine.
Aktuell erarbeitet die Landeshauptstadt ein Hochwasser- und Starkregenvorsorgekonzept. Gemeinsam mit Bürgerinnen und Bürgern und einem Ingenieurbüro decken wir notwendige Handlungsfelder auf, entwickeln Maßnahmen und priorisieren sie.
Da wir in Saarbrücken vielerorts keine versickerungsfähigen Böden haben, müssen wir teilweise alternative Lösungen finden. Ein Frühwarnsystem, das Überschwemmungen an Fließgewässern ankündigt, wurde bereits als Pilotprojekt am Rohrbach installiert und soll nun im Stadtgebiet ausgeweitet werden.
Mit welchen Maßnahmen gegen Hitze können Einwohner helfen?
Einwohnerinnen und Einwohner können auf verschiedene Weise aktiv werden. Am effektivsten und kostengünstigsten ist meist die Dämmung der obersten Geschossdecke, was sogar gut in Eigenleistung funktioniert. Aber auch Dach- und Fassadenbegrünung sind sehr effektive Maßnahmen, um ein Gebäude vor Überhitzung zu schützen. Zudem geben sie Verdunstungskühle nach außen ab und filtern Schadstoffe. Auch vertikale Gärten können einen Beitrag leisten und sind zum Beispiel auf dem Balkon selbst bei wenig Platz eine willkommene Lösung. Das Regenwasser kann aufgefangen und gespeichert werden, um es später zum Beispiel zur Bewässerung von Pflanzen zu nutzen. Anstelle von Schottergärten, deren Neuanlage in Saarbrücken bereits verboten ist, da sie extrem zur Erhitzung der Umgebung beitragen und kaum einen ökologischen Wert haben, können vegetationsreiche Gärten angelegt werden. Um den Innenraum kühl zu halten, sollte außenliegender Sonnenschutz genutzt werden, draußen können (begrünte) Pergolen oder Sonnensegel Abhilfe schaffen.
Vor allem in den letzten Jahren erlebt man es oft, dass bei Regen das Wasser in Gärten und auf Feldern wochenlang steht und nicht mehr absickert. Woran liegt das?
Einen gesunden Boden kann man sich wie einen Schwamm vorstellen: ist er ausgetrocknet, verhärtet er und nimmt vorübergehend nur langsam Wasser auf, was bei Starkregen problematisch sein kann. Steht das Wasser hingegen wochenlang auf den Feldern, kann es mehrere Gründe haben. Zum einen werden die Böden durch die immer schwerer werdenden Landmaschinen stark verdichtet. Andererseits kann ein gestörtes Bodenleben, z. B. durch fehlende Strukturbildner wie Regenwürmer, dazu führen, dass Wasser nicht richtig versickert. Es kann aber auch natürliche Gründe haben. Bei feinkörnigem, tonigem Boden versickert das Wasser nicht so gut, wie bei sandigen Böden. Besonders nach langanhaltenden Regenfällen können diese Böden gesättigt sein.
Gibt es Maßnahmen, die Gartenbesitzer oder Gemeinden umsetzen können, damit das Wasser hier wieder schneller abfließt?
Der Boden kann durch das Einbringen von Humus lockerer und aufnahmefähiger gestaltet werden. Neben dem schonenden Auflockern helfen auch Pflanzen, dies zu erreichen. Nach Möglichkeit sollten auch Flächen entsiegelt werden, um die Versickerungsfläche zu vergrößern. Wenn spezielle Versickerungsflächen angelegt werden, sollten diese muldenförmig und mit durchlässigem Material ausgestattet sein. Speicherung von Regenwasser entlastet die gesättigten Böden und Drainagen können ebenfalls helfen.