Die zunehmenden Hitzewellen machen auch dem Sport zu schaffen. Wie der Leistungs- und der Breitensport damit umgehen – und welcher tragische Todesfall zu Veränderungen geführt hat.
Für Gianni Infantino ist der Erfolg der Fußball-Weltmeisterschaft in diesem Sommer längst auch persönlich unumgänglich. Der Präsident des Fußball-Weltverbandes war die treibende Kraft hinter der umstrittenen Aufstockung der Endrunde auf 48 Teams – auch, und da sind sich Kritiker einig, um seine Machtposition innerhalb der Fifa zu sichern. Er hat auch auffällig häufig die Nähe von US-Präsident Donald Trump gesucht, ihm sogar mit einem eigens dafür geschaffenen Fifa-Friedenspreises zu schmeicheln versucht. Sollte sich das XXL-Turnier als sportlicher Reinfall erweisen und die USA angesichts der brisanten geopolitischen Weltlage als fragwürdiger oder gar inakzeptabler WM-Gastgeber herausstellen, würde das auf den Schweizer zurückfallen. Doch all diese Zweifel lächelt Infantino weg. Er weiß: Auch Trump braucht ein erfolgreiches Mega-Turnier für seinen schwindenden Rückhalt in den USA, und durch die Aufstockung sind höhere Einnahmen für die Fifa und die Einzelverbände garantiert. Geld regiert eben die (Fußball-)Welt, und deswegen blickt Infantino auch einem anderen großen Problem der WM gelassen entgegen.
Alle 22 Minuten drei Minuten Trinkpause
„Die Hitze ist ein Punkt“, hatte der Fifa-Präsident bei seinem Fazit der Club-WM im vergangenen Sommer gesagt. Bei der Premiere des Wettbewerbs in den USA hatten sich die Spieler und Trainer massiv wegen der hohen Temperaturen und der Anstoßzeiten rund um die Mittagszeit beschwert. Man werde „wie Grillhähnchen gebraten“, klagte etwa Niko Kovac. Der Trainer von Bundesligist Borussia Dortmund verriet, dass eine App auf seiner Uhr beim Nachmittagsspiel in Cincinnati eine gefühlte Temperatur von 43 Grad Celsius angezeigt habe. „Da kann man in eine Dampfsauna gehen, die ist ungefähr so bei 40, 45 Grad“, veranschaulichte Kovac. Nach diesem Testlauf war klar, dass die Fifa Lösungen für das Hitzeproblem finden muss – und sie tat das mit einem Kniff, mit dem sich sogar noch mehr Geld verdienen lässt.
Auf Anordnung des Weltverbands werden die insgesamt 104 WM-Spiele in jeder Hälfte nach 22 Minuten für eine dreiminütige Trinkpause unterbrochen, „um den Spielern die Möglichkeit zu geben, Flüssigkeit zu sich zu nehmen“, wie die Fifa begründete. Und zwar auch die Spiele, die in den kühleren Abendstunden, in klimatisch heruntergekühlten WM-Arenen mit Dächern und im kühleren Norden stattfinden. Damit wolle man die Einheitlichkeit und Konsistenz des Turniers in den USA, Kanada und Mexiko wahren, so die Fifa. Doch das Geld dürfte auch eine große Rolle spielen. Denn den TV-Partnern wird erlaubt, während der Unterbrechung rund 130 Sekunden Werbung zu senden.
Immerhin: Die Trinkpausen dürften den Spielern helfen, um den Wasserhaushalt einigermaßen in Balance zu halten. „Sie schwitzen unglaubliche Mengen aus. In einer Halbzeit könnten Fußballer bis zu einen Liter Flüssigkeit ausschwitzen“, sagte Sportmediziner Dr. Lutz Graumann über die Hitzespiele. Er erklärte, warum Menschen – und nicht nur Top-Athleten – beim Sport bei hohen Temperaturen so stark schwitzen: „Der Körper ist natürlich immer bestrebt, das Innenleben, das Milieu stabil zu halten und das Erste, was er dann macht, ist, zu schwitzen.“ Bei einem starken Verlust von Flüssigkeiten und Elektrolyten besteht immer auch die Gefahr der Dehydrierung. Diese äußert sich in Kopfschmerzen, Schwindel, Muskelkrämpfen und erhöht das Risiko für einen lebensgefährlichen Hitzekollaps oder Nierenschäden. Zudem sinkt die Konzentration, was das Risiko von Sportunfällen erhöht. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) listete deshalb Sporttreibende bei den besonders gefährdeten Risikogruppen, wenn es um klimabedingte Gesundheitsgefahren geht.
Spitzensportler sind auch deshalb besonders gefährdet, weil sie in ihrem Tun ohnehin bis an die Leistungsgrenze gehen. Kommt die Hitze mit ins Spiel, wird es mitunter gefährlich. So wie bei Vanessa Wilson während der Leichtathletik-WM 2025 in Tokio: Die Australierin lief nach der Zielüberquerung einfach weiter und ignorierte die Rufe des Stadionsprechers. Sie sei „so benommen von der Hitze“ gewesen, erklärte die Marathonläuferin hinterher. Die Veranstalter hatten den Start der Marathon-Wettkämpfe extra in die Morgenstunden auf 7.30 Uhr vorverlegt, dennoch herrschten am Ende über 30 Grad. „Völlig irre und absurd“ sei das gewesen, meinte die österreichische Teilnehmerin Julia Mayer: „Ich laufe gerne, wenn es warm ist. Aber bei einer solchen Hitze werde ich nie mehr im Leben einen Marathon bestreiten.“ Bei Olympia 2021 war der Marathon von Tokio nach Sapporo verlegt worden, wo es im Schnitt rund 5 Grad kälter ist als in Japans Hauptstadt.
„Die Risiken bleiben bestehen“
Für Sebastian Coe, den Präsidenten des Leichtathletik-Weltverbandes, ist klar, dass die Herausforderungen mit der Hitze im Sport angesichts der zunehmenden Erderwärmung noch größer werden. „Diese Risiken sind nicht vorübergehend, sie bleiben bestehen“, sagte Coe: „Die Regierungen haben sich nicht der Herausforderung gestellt, und der Sport wird hier einige einseitige Entscheidungen treffen müssen.“ Die Kanu-Weltmeisterschaft 2022 in Augsburg stand fast vor der Absage, weil für die Wildwasserstrecke das Wasser durch die anhaltende Hitze und Trockenheit zu knapp wurde. Bei den Australian Open im Tennis in Melbourne, wo es im Januar extrem heiß werden kann, gilt die sogenannte Extreme Heat Policy (EHP): In einer Skala von 1 bis 5 werden Parameter wie Temperatur, Luftfeuchtigkeit, Wind und Strahlung berücksichtigt, beim Erreichen der Endstufe werden die Spiele im Freien eingestellt und die Dächer der großen Arenen zum Schutz der Spieler geschlossen.
Solche technischen Möglichkeiten hat der Breitensport in der Regel nicht, doch auch Hobbysportler sind vom Klimawandel betroffen. „Mit zunehmender Hitze, häufigeren Extremwetterereignissen und steigenden Temperaturen stehen auch Sportvereine vor der Herausforderung, Trainings- und Wettkampfbetrieb entsprechend anzupassen“, schrieb der Deutsche Olympische Sportbund bei der Vorstellung seines „Musterhitzeschutzplans“. Dieser soll „praxistaugliche, niedrigschwellige Empfehlungen zum Schutz der Gesundheit aller Beteiligten“ bei auch in Deutschland zunehmenden Hitzewellen bieten. Dabei geht es unter anderem um die Bereitstellung von Trinkwasser und Sonnenschutz, mobile Verschattungen an Sportstätten oder die Verlegung von Trainings- und Wettkampfzeiten in kühlere Tageszeiten. Auch die Ernennung eines „Hitzeschutzbeauftragten“ wird dort vorgeschlagen. Die Handlungsempfehlungen wurden von einem medizinischen Fachpersonal begleitet.
Doch klare Anweisungen oder Verbote gibt es für den Vereinssport nicht, es handele sich um ein „dynamisches Instrument“, das je nach „Gegebenheiten, Sportarten oder Altersgruppen angepasst und weiterentwickelt“ werden sollte. „Was die Vereine damit machen, wird ganz unterschiedlich sein“, sagte ein DOSB-Sprecher: „Die Mehrheit ist wohl noch nicht so weit, wegen Hitze ein Training oder gar ein Spiel abzusagen.“ Der Dachverband empfiehlt eine Absage bei einer gefühlten Temperatur von 32 Grad Celsius. Wichtig ist aber eigentlich, dass nicht nur die Temperatur, sondern auch die Luftfeuchtigkeit und Strahlungswerte einberechnet werden. Hier stößt der Breitensport aber an seine Grenzen.
Doch nicht nur die Athleten selbst sind betroffen, auch für Besucher ist die Hitze gefährlich. Hanns-Christian Gunga, emeritierter Hochschullehrer für Weltraummedizin und extreme Umwelten, plädiert daher eindringlich für ein Hitzewarnsystem bei Sportveranstaltungen. So könnte über eine App, die mit dem Ticketverkauf verbunden ist, gewarnt werden. „Ein Hitzschlag, wenn er nicht sofort behandelt und gekühlt wird“, sagte Gunga, „kann zu 50 Prozent oder vielleicht sogar noch mehr tödlich enden.“
Umfangreiche Prävention
So wie bei Korey Stringer. Der Footballer erlitt im August 2001 im Training der Minnesota Vikings einen Hitzeschlag, der schließlich zu seinem Tod führte. Die Frau des Offensive Tackle leitete rechtliche Schritte unter anderem gegen die nordamerikanische Profiliga NFL ein, sie führte auch einen jahrzehntelangen Rechtsstreit gegen andere Unternehmen. Als Konsequenz legte die Liga ein umfangreiches Präventivprogramm auf, um die Spieler besser vor Hitze zu schützen. Teils veraltete Vorstellungen über die Flüssigkeitszufuhr, Wärmekonditionierung und Trainingsbelastung wurden überdacht und mit deutlich mehr wissenschaftlicher Expertise angereichert. „Jedes Mal, wenn es eine große Veränderung in der Art und Weise gibt, wie die Gesellschaft Dinge tut, liegt es in der Regel daran, dass jemand in irgendeiner Weise gestorben ist oder verletzt wurde“, sagte Koreys Bruder Kevin Stringer.
Einen Hitze-Todesfall bei der größten Fußballbühne der Welt will der Weltverband Fifa unbedingt vermeiden. Auch deswegen wurde die Weltmeisterschaft 2022 in Katar in hochklimatisierten Arenen und in den etwas kälteren Winterwochen abgehalten. Das sorgte für ein massives Terminproblem für die europäischen Topligen und konterkarierte die Tradition, dass die WM stets in den Sommermonaten Juni und Juli stattfindet. Viele Fans taten sich deswegen mit der WM in Katar schwer, doch womöglich müssen sie sich an eine Weltmeisterschaft zur Weihnachtszeit gewöhnen. Denn auch bezüglich der WM 2034 in Saudi-Arabien gibt es längst Überlegungen, das Turnier in die Winterzeit zu verlegen. Fifa-Boss Infantino betonte, man müsse sich den Kalender immer wieder anschauen und überlegen, wie man den Anforderungen „vielleicht etwas besser gerecht werden“ könne. Und daraus dann womöglich auch wieder Kapital zu schlagen.