Boxerin Nina Meinke hat ein turbulentes Jahr hinter sich. Nach einem wichtigen Sieg wird bei ihr ein Bandscheibenvorfall diagnostiziert, selbst ein Karriereende steht im Raum. Doch die Berlinerin trotzt allen Hindernissen.
Ihr Körper sendete ihr bereits erste Signale, doch Nina Meinke war voller Adrenalin. Ihre Titelverteidigung gegen die Argentinierin Daniela Romina Bermudez stand unmittelbar bevor, die Schmerzen im Rücken ignorierte die Berliner Profiboxerin so gut es eben ging. Sie wollte den Kampf auf keinen Fall absagen, nicht umsonst trägt sie den Kampfnamen „The Brave“ (die Mutige). Mitte Mai siegte sie dann in Rostock nach Punkten, verteidigte erfolgreich ihren Titel – und mit der Ruhe danach kam das böse Erwachen. „Als dann die Spannung abgefallen ist, hat es mich zwei Wochen später erwischt“, erzählte die 33-Jährige: „Ich hatte sehr dolle Schmerzen und konnte im rechten Bein vom Knie abwärts nichts mehr spüren. Ich konnte meinen Fuß nicht mehr heben und nicht mehr richtig laufen.“ Der Arzt diagnostizierte einen Bandscheibenvorfall, doch immer noch war sie sich nicht voll und ganz der Ernsthaftigkeit der Situation bewusst. „Ich habe mir eine Spritze abgeholt und dachte mir, das wird schon.“ Doch das wurde es zunächst nicht. Nach zwei weiteren quälend langen Wochen voller Schmerz suchte sie einen Spezialisten auf, der ihr zu einer sofortigen Operation riet. Und Meinke eine wenig optimistische Prognose mit auf den Weg gab. „Die Wahrscheinlichkeit, dass alles wieder so wird wie vorher, liegt bei normalen Menschen bei 20 Prozent“, berichtete die Boxerin vom Gespräch mit dem Arzt: „Der Nerv war so lange abgeklemmt.“ Meinke führt aber kein „normales“ Leben. Als Leistungssportlerin ist sie erhebliche körperliche und auch mentale Strapazen gewohnt. Doch auch die Federgewichtlerin musste zunächst schlucken, ehe ihr Kampfgeist geweckt wurde. „Es war auf jeden Fall eine ernste Nummer und ein Schock“, erzählte Meinke. Die Operation, bei der ein Teil des Bandscheibengewebes und auch vom Knochen entfernt wurde, weil der Nerv so stark angeschwollen war, verlief gut. Was der Athletin aber zu schaffen machte, war die dreimonatige absolute Schonung, die ihr von den Ärzten auferlegt worden war. „Normal habe ich Hummeln im Hintern und hasse es, nach Hilfe zu fragen.“ Doch das musste sie, denn das 1,69 Meter kleine Kraftpaket durfte keine Gegenstände heben, die schwerer als fünf Kilogramm waren. „Das war voll die Herausforderung“, gestand sie.
Situation unterschätzt
An ihrer Seite war Lebensgefährte Philipp Micevski eine riesige Hilfe. Er ist Sportmediziner und Fitnesstrainer und zog mit Meinke die anstrengende Reha-Phase durch. „Er hat mir die Übungen gegeben, die ich machen sollte. Stück für Stück haben wir aufgebaut und uns auf die Rumpfgegend konzentriert“, berichtete die Boxerin. Im September stieg der IFB-Champion dann wieder ins leichte Training ein – mit dem klaren Ziel: sich im Kampf gegen ihre ehemalige Sparringspartnerin Dyana Vargas aus der Dominikanischen Republik zur Doppelweltmeisterin zu küren. Schon im Dezember konnte sie dafür die Belastungen deutlich steigern, auch wenn sie gemeinsam mit ihrem Trainer Kay Huste immer wieder genau auf ihren Gesundheitszustand achtete und mitunter kurzfristige Umstellungen vornahm.
Dann war der Kampfabend am 20. März in der Fischauktionshalle Hamburg endlich da – und Meinke konnte zehn Monate nach ihren Lähmungserscheinungen wieder in den Ring steigen. Körperlich komplett ausgeheilt, mental ohne Blockade. „Das ist aus meinem Kopf raus“, sagte sie. Das bewies sie dann auch. Die Patentochter von Ex-Weltmeister Sven Ottke dominierte den Kampf und besiegte Vargas einstimmig nach zwölf Runden. Zur Belohnung durfte sie nicht nur ihren IBF-Gürtel behalten, sondern sicherte sich auch noch den vakanten Federgewichts-Titel des Verbands IBO. „Es war ein hartes Jahr“, sagte Meinke emotional sichtlich aufgewühlt: „Aber ich habe so ein geiles Team an meiner Seite, das mir geholfen hat, noch stärker zurückzukommen.“ Die Verletzung und die lange Pause hätten in dem Kampf keine Rolle mehr gespielt, versicherte sie: „Ich habe mich topfit gefühlt nach der Rückenoperation.“ Es habe ihr „super viel Spaß gemacht“, wieder in den Ring zu steigen und das zu tun, was sie sportlich am besten kann. Dass ihr das auf Anhieb wieder so gut gelingen würde, damit hatte nicht mal sie selbst gerechnet: „Ich bin einfach überwältigt.“
Erfolgstrainer Wegner begeistert
Großes Lob gab es auch von ihrem Promoter. „Nina hat unfassbar geboxt“, meinte Florian Winter. Der Titelkampf war der erste in der Zusammenarbeit von Meinke und der „Ringside Zone Promotion“. Der Boxstall hatte sich bislang vor allem auf das Männer-Schwergewicht konzentriert und in Peter Kadiru, Viktor Jurk und Emanuel Odiase durchaus namhafte Athleten verpflichtet. „Unsere Vision ist es, Boxen neu zu denken – emotionaler, hochwertiger und näher an den Menschen“, sagte Winter zu den Zielen seines Unternehmens. „Die Ringside Series 2026 wird zeigen, dass Deutschland bereit ist für eine neue Ära des Box-Entertainments.“ Das Event in Hamburg hat zumindest den langjährigen Erfolgstrainer Ulli Wegner (83), der live vor Ort unter anderem Meinke boxen sah, schwer beeindruckt. „Diese Veranstaltung zeigt, dass es in Deutschland mit dem Boxen wieder nach oben geht.“ Die nächste große Boxgala von „Ringside Zone“ findet am 5. Mai in der SAP-Arena in Mannheim statt – allerdings diesmal ohne Meinke.
Die Berlinerin will ihrem Körper zunächst etwas Ruhe gönnen. Und sich selbst auch die Möglichkeit geben, sich über den Status als Doppel-Weltmeisterin zu freuen. Und diesen auch anständig zu vermarkten. Nach einem kurzen Urlaub in Dänemark stand für April die Eröffnung ihres eigenen Box-Clubs an –
und eine bessere Werbung als zwei aktive WM-Titel kann es in der Szene gar nicht geben. Allein von den Gagen ihrer bisherigen Profikämpfe kann Meinke nicht bis ins hohe Alter leben. „Wir Frauen müssen noch dran arbeiten, dass wir die gleichen Börsen wie die Männer bekommen“, sagte Meinke: „Wir erhalten viel, viel zu wenig Geld dafür, dass wir das Gleiche leisten.“ Sie weiß, dass sie ihre Popularität erhöhen muss, um öffentlich stärker wahrgenommen zu werden und ihren Marktwert entsprechend zu steigern. „Vielleicht sollte ich mal gegen Joko und Klaas kämpfen, um noch populärer zu werden“, scherzte Meinke. Dass sich die beiden TV-Stars einer solchen Herausforderung stellen, gilt als ausgeschlossen. Auch wenn Stefan Raab einst mit Kämpfen gegen die frühere Weltmeisterin Regina Halmich für Aufsehen gesorgt und damit sowohl seine Bekanntheit als auch die der Boxerin gesteigert hat.
„Regina hat sehr viel für das Frauenboxen getan“, sagte Meinke. Das trifft aber auch auf sie selbst zu. Nicht nur wegen ihrer sportlichen Erfolge. Die 33-Jährige kämpft seit geraumer Zeit auch wie die Männer über maximal zwölf Runden mit je drei Minuten statt zehn Runden mit je zwei Minuten. Sie tut dies für mehr Gleichberechtigung im Boxsport – und damit auch für eine bessere Entlohnung. Klar ist, dass sie noch öfter in den Ring steigen will –
sofern der Körper es zulässt. „Boxen macht mir gerade wieder extrem viel Spaß“, sagte sie. In ihrer Zwangspause sei sie „so hibbelig“ gewesen und sei ihrem Freund mit Schattenboxen „auf die Nerven gegangen“, verriet Meinke.