Fast alle Experten tippen auf ein Pokal-Endspiel SC Magdeburg gegen Füchse Berlin. Doch davor müssen erst noch die Halbfinals gespielt werden. So steht es um die Form der Final-Four-Starter.
Ein Topfavorit in Topform, ein angestachelter Meister mit Revanchegelüsten, ein hungriger Herausforderer und ein krasser Außenseiter ohne Druck. Beim Final Four im Pokal-Wettbewerb im deutschen Handball sind die Rollen klar verteilt. Alles andere als die Finalpaarung SC Magdeburg gegen Füchse Berlin wäre eine Überraschung – aber die ist im Pokalwettbewerb ja bekanntlich öfter möglich als im Ligabetrieb.
Im ersten Halbfinale stehen sich am Samstag (18. April) ab 15.45 Uhr der TBV Lemgo Lippe und Meister Füchse Berlin gegenüber. Drei Stunden später folgt der Anwurf beim zweiten Halbfinale des Topfavoriten SC Magdeburg gegen den Außenseiter Bergischer HC. HBL-Medienpartner Dyn zeigt alle vier Partien live, das Duell der Berliner mit Lemgo und das Endspiel am Sonntag (15.45 Uhr) sind zudem auch in voller Länge und live in der ARD zu sehen. FORUM beleuchtet die Situation bei den vier Final-Four-Startern und deren Titelchancen.
SC Magdeburg
Für die Wettanbieter ist die Sache klar: Der SC Magdeburg ist großer Favorit auf den Sieg, es wäre der vierte Pokaltriumph für den Club aus Sachsen-Anhalt. Zuletzt konnten die Magdeburger die Trophäe vor zwei Jahren hochhalten. In der Liga ist dem Team von Trainer Bennet Wiegert spätestens nach dem Sieg im Spitzenspiel gegen Berlin die Meisterschale kaum noch zu nehmen, und auch in der Champions League ist für den Titelverteidiger und Viertelfinalisten noch der Titel möglich. Aber ist dieser Tanz auf drei Hochzeiten womöglich die Achillesferse? Darauf spekulieren zumindest die drei anderen Final-Four-Starter. Doch die erfolgsverwöhnten Magdeburger scheinen weiter hungrig nach Titeln zu sein. Sie wollen auch in diesem Frühjahr wieder reichlich Silbernes in den Händen halten, betonte Trainer Wiegert: „Das ist unser Mindset, das ist der SCM.“
Dass das Starensemble um Torjäger Omar Ingi Magnusson aber durchaus auch Schwächen hat, bewies die Ligapartie gegen Frisch Auf! Göppingen. Der Außenseiter hatte den Tabellenführer an den Rand einer Niederlage gebracht, ehe dieser mit einer starken Schlussphase doch noch den Kopf aus der Schlinge ziehen konnte. Es ist genau diese mentale Stärke, die die Gegner am meisten fürchten. Im entscheidenden Moment nochmal einen Gang höher schalten zu können, den Gegner zu Fehlern zwingen, das Momentum auf die eigene Seite zu ziehen. Das Maximum an Einstellung fordert Wiegert in jedem Spiel, in jedem Training. Und er lebt die Leidenschaft an der Seitenlinie vor. „Irgendwann glaubt man daran, dass man das immer wieder abrufen kann“, erklärte der Trainer das Erfolgsrezept. „Bennet Wiegert hat ein Mentalitätsmonster erschaffen“, stand einmal in einem Online-Bericht des MDR über die erfolgreiche Arbeit des Trainers: „Die Art und Weise, wie das Team mit Widerständen umgeht, sucht national und international ihresgleichen.“
Auf dem Weg ins Final Four schlug der SCM unter anderem die SG Flensburg-Handewitt. „Wir freuen uns sehr, nach Köln fahren zu dürfen“, sagte Wiegert: „Das ist etwas ganz Besonderes.“ Alles andere als ein Halbfinalsieg gegen den Bergischen HC wäre eine kleine Sensation. Im Finale könnte es zum Topspiel gegen Berlin kommen. Der Meister wäre ein deutlich größerer Prüfstein, auch beim jüngsten Sieg im Ligaspiel gaben nur Kleinigkeiten den Ausschlag für das Wiegert-Team. „Aber das ist immer noch weit weg“, sagte der Magdeburger Kreisläufer Magnus Saugstrup über das mögliche Traum-Finale: „Da können wir drüber sprechen, wenn die Zeit dafür kommt.“
Titelchance: 60 Prozent
Füchse Berlin
Ähnlich zurückhaltend spricht man beim amtierenden deutschen Meister über ein mögliches Endspiel gegen Magdeburg. Denn dafür müssen die Füchse zunächst in Lemgo einen deutlich dickeren Brocken aus dem Weg räumen als der SCM. Das Halbfinale werde „wahnsinnig schwierig“, warnte daher Berlins Trainer Nicolaj Krickau. Doch der Däne sieht auch gute Chancen, seinen Premierentitel mit dem Club in Köln zu gewinnen: „Dort kann alles passieren.“ Krickau hatte im September die Nachfolge von Meistercoach Jaron Siewert angetreten und das Team weitestgehend stabilisiert. Zur erfolgreichen Titelverteidigung in der Bundesliga wird es dennoch nicht reichen, umso interessanter ist das Final Four im Pokal für das Team um Ausnahmekönner Mathias Gidsel.
Der dänische Rückraumspieler gilt als aktuell bester Spieler der Welt, er wurde Olympiasieger sowie Welt- und Europameister – aber nie „Spieler des Monats“ in der Bundesliga. Bis jetzt. Im März wurde der 27-Jährige endlich von Fans, Trainern und Kapitänen der Clubs mit der Ehrung ausgezeichnet. „Ich habe so viele Nachrichten von Freunden aus der Handballwelt bekommen, dass ich das jetzt bekommen habe. Das ist natürlich Wahnsinn nach diesen dreieinhalb Jahren hier in Deutschland“, sagte der Welthandballer und ergänzte, sicher nicht ganz ernst gemeint: „Und diesen Titel zu holen, das war vielleicht das Schwierigste in meiner Karriere.“ Das Voting gewann Gidsel ganz knapp vor Teamkollege Dejan Milosavljev (30), auch der Torwart ist in bestechender Form. Beide Topstars werden auch in Köln liefern müssen, um den zweiten Pokaltriumph der Berliner Clubgeschichte nach 2014 möglich zu machen.
„Ich habe persönlich ein Ziel, zusammen mit der Mannschaft ein paar Titel zu holen. Wir haben auch die Möglichkeit, in Köln einen Titel zu holen“, sagte Gidsel. Dort findet Mitte Juni auch das Final Four der Champions League statt, und Gidsel will mit Vorjahresfinalist Berlin dann wieder in der Domstadt antreten und es diesmal etwas besser machen als im Vorjahr, als man im Endspiel der Königsklasse gegen Magdeburg nahezu chancenlos war. Dass die Füchse in dieser Saison Topgegner schlagen können, haben sie im Pokal-Viertelfinale beim 32:30 gegen Titelverteidiger THW Kiel gezeigt.
Titelchance: 30 Prozent
TBV Lemgo Lippe
Der Traditionsclub mischt in dieser Saison kräftig mit im Rennen um die europäischen Plätze. Umso bitterer war die jüngste 26:27-Niederlage gegen die MT Melsungen. „Die Enttäuschung ist extrem groß“, sagte Starspieler Hendrik Wagner, der auch mit sich selbst hart ins Gericht ging: „Da muss ich mir an die eigene Nase fassen – ganz, ganz schlecht im Abschluss heute von mir!“ Dass es bereits das vierte sieglose Spiel in Folge für Lemgo war, bereitete Wagner aber keine großen Sorgen. „Wir machen uns nicht zu viel Kopf“, behauptete der 28-Jährige: „Wir spielen eine sehr gute Saison und arbeiten hart.“ Dafür wollen sie sich nun beim Final Four selbst belohnen. Kurios: Vor dem Halbfinale gegen Berlin trafen beide Teams am 12. April schon in der Liga aufeinander. „Jetzt kommt der Doppelspieltag gegen Berlin, und da freuen wir uns schon drauf“, hatte Trainer Florian Kehrmann vor dem ersten Duell gesagt.
Unter Ex-Nationalspieler Kehrmann hat Lemgo vor allem in der ersten Saisonhälfte gezeigt, dass das Team an guten Tagen mit den Topteams aus Magdeburg, Berlin, Kiel und Flensburg mithalten kann. „Ich glaube, wir leben so ein bisschen von ein paar Automatismen, die wir uns in den letzten Jahren erarbeitet haben. Hinzu kommt die mannschaftliche Geschlossenheit“, erklärte der Trainer. Wenn wir die auf die Platte kriegen und ein paar Erfolgserlebnisse haben, dann kann man auch über sich hinauswachsen.“ Dazu passt die jüngste Vertragsverlängerung mit dem wichtigen Kreisläufer Joel Willecke. „Man sieht, dass die Mannschaft länger zusammenbleibt, dass ein Plan dahintersteckt und auf Kontinuität gesetzt wird“, sagte der 2,04-Meter-Mann: „Das ist mir wichtig: nicht zu viel Trubel, sondern Ruhe zur Entwicklung.“
Auch Trainer Kehrmann nannte das „ruhige Umfeld“ als einen Erfolgsfaktor. Auch mit dem Erfolg sei die Erwartungshaltung nur minimal gestiegen. „Wir haben eine sehr gute Struktur und Hierarchie im Verein“, meinte der Coach: „Das übertragen wir auch ganz gut auf die Mannschaft, wo jeder Spieler seine Rolle hat und sehr glücklich damit ist.“ Im Viertelfinale siegte Lemgo mit 35:27 gegen den SC DHfK Leipzig.
Titelchance: 9 Prozent
Bergischer HC
Der Bergische HC feierte im Viertelfinale des Pokalwettbewerbs den größten Erfolg der vergangenen zehn Jahre und besiegte die MT Melsungen mit 30:23. „Das Final Four zu erreichen, klingt erstmal ein bisschen surreal“, sagte Trainer Markus Pütz. Das Endturnier werde „ein großes Highlight für den Verein, für uns als Trainerteam und die ganze Mannschaft. Es ist sicherlich ein Höhepunkt in den jeweiligen Karrieren, was uns unfassbar stolz macht.“ Das Team hat also beim Final Four überhaupt nichts zu verlieren – aber alles zu gewinnen. Schon allein der Finaleinzug wäre eine Riesenüberraschung, schließlich wartet im Halbfinale die Übermannschaft aus Magdeburg. Aber der BHC tritt nicht mit großem Selbstvertrauen an, vor allem die 30:39-Pleite gegen den VfL Gummersbach war ein heftiger Rückschlag. Man habe „die Intensität in den Zweikämpfen vermissen lassen“, haderte Trainer Pütz.
So etwas würden die Mentalitäts-„Monster“ aus Magdeburg gnadenlos betrafen. Wenn der Außenseiter also eine minimale Chance haben will, muss er in Sachen Einsatzfreude und Nervenstärke besser sein als der Titelfavorit. Dafür aber bedarf es des absoluten Fokus. Angesichts des Abstiegskampfs in der Bundesliga ist die Frage erlaubt, ob der Bergische HC wirklich absolut alle Kräfte in das Final Four legt. „Wir wollen die Punkte in der Liga sammeln“, sagte Rückraumspieler Fabian Gutbrod ehrlich: „Die Teilnahme am Final-Four ist ein Bonus.“
Titelchance: 1 Prozent