Ein Nackenschlag jagt gerade den nächsten. Die FDP steht nach den beiden Landtagswahlpleiten vor dem Abgrund. Eine neue Parteispitze soll den angeschlagenen Liberalen wieder Aufschwung verpassen – aber in welche Richtung?
Nach zwei krachenden Wahlniederlagen, erst in Rheinland-Pfalz, dann in Baden-Württemberg, ist die Freie Demokratische Partei wieder dort angekommen, wo sie in ihrer Geschichte schon öfter stand: am Rand der politischen Bedeutungslosigkeit. In beiden Ländern scheiterten die Liberalen an der Fünf-Prozent-Hürde und verloren ihre parlamentarische Präsenz vollständig. Bundesweit dümpelt die Partei in Umfragen bei drei bis vier Prozent – eine Zahl, die mehr nach Restgröße als nach politischer Kraft klingt.
Wunsch nach Geschlossenheit
Der Rücktritt von Parteichef Christian Dürr wirkt vor diesem Hintergrund weniger wie eine Überraschung, sondern vielmehr wie die logische Konsequenz. Nach dem historisch schlechten Bundestagswahlergebnis 2025 und der jüngsten Serie von Landtagspleiten war der Druck auf die Parteispitze zuletzt massiv gewachsen. Dürr selbst begründete seinen Verzicht auf eine erneute Kandidatur mit dem Wunsch nach Geschlossenheit. Er wolle seinen Beitrag dazu leisten und unterstütze einen anderen Kandidaten. Eine Aussage, in der nicht nur Verantwortung mitschwingt, sondern auch ein Eingeständnis: Diese Partei braucht mehr als nur einen neuen Vorsitzenden, um nicht gänzlich im politischen Nirwana zu verschwinden.
Genau darum geht es in den kommenden Wochen. Beim Bundesparteitag am 30. Mai steht nicht nur eine Personalentscheidung an, sondern eine Richtungswahl. Und die personifiziert sich in zwei Männern, die unterschiedlicher kaum sein könnten: zum einen Wolfgang Kubicki, 74 Jahre alt, politisches Urgestein, zum anderen Henning Höne, 39, vergleichsweise unbekannt, aber mit dem Anspruch, die Partei neu zu erfinden.
Kubicki ist dabei so etwas wie die letzte große Figur aus einer anderen FDP-Zeit. Seit Jahrzehnten prägt er die Partei, war bis zuletzt stellvertretender Vorsitzender, Strippenzieher, Lautsprecher. Jetzt will er noch einmal ran – nicht als Dauerlösung, sondern, wie er selbst andeutet, als Übergang. Er setzt auf Klarheit statt Selbstbeschäftigung: Die FDP müsse wieder sichtbar werden und „kämpferisch in den politischen Diskurs eingreifen“, betont er.
Doch ob Kubicki wirklich die Zukunft ist oder eher ein Rückgriff auf vergangene Zeiten, darüber gehen die Meinungen auseinander. Eine Umfrage im Auftrag des „Merkur“ zeigt zumindest: Der erfahrene Liberale ist bekannter und beliebter als sein Konkurrent Höne, das Stimmungsbild bleibt aber gemischt. 42 Prozent der Befragten stehen der Kubicki-Kandidatur positiv gegenüber, innerhalb der eigenen Reihen sind es sogar 58. „Für einen kurzen Moment des Aufbruchs könnte es reichen“, äußerte Civey-Geschäftsführerin Janina Mütze gegenüber „Merkur“. „Für eine nachhaltige Mobilisierung der FDP muss die Partei Köpfe und Programm zu einem klaren Profil vereinen.“ Dass besonders die eigene Wählerschaft vermehrt auf Erfahrung setzt, „zeigt auch ein gewisses Bedürfnis nach Orientierung und Verlässlichkeit innerhalb der FDP“, betont sie. Er bringt Bekanntheit und politisches Gewicht mit – aber auch das Risiko, dass die FDP sich eher nach hinten als nach vorne orientiert.
und setzt auf einen Neuanfang - Foto: IMAGO/Sven Simon
Genau davor warnen auch Beobachter. Parteienforscher sehen in Kubicki nicht nur eine Chance, sondern auch ein Risiko für die strategische Ausrichtung der Partei. Die Sorge: Unter seiner Führung könnte sich die FDP stärker in Richtung eines härteren, möglicherweise auch rechtsoffenen Kurses bewegen – ein Versuch, Wähler zurückzugewinnen, die längst zur AfD abgewandert sind. Kubicki selbst formuliert das weniger drastisch, spricht davon, auch Wähler zurückholen zu wollen, die sich „enttäuscht abgewendet“ haben, und kündigt eine Politik „ohne ideologischen Firlefanz“ an. Die Freien Demokraten dürften sich „nicht zu fein sein, in Wählersegmente vorzudringen, die wir vorher liegengelassen haben“, sagt er.
Rückbesinnung auf klassische liberale Themen
Auf der anderen Seite steht Henning Höne, der genau diesen Bruch mit der Vergangenheit einfordert. Für ihn hat die FDP vor allem ein Glaubwürdigkeitsproblem: Sie habe es nach dem Ende der Ampelkoalition versäumt, sich klar neu aufzustellen. Es brauche einen „Neustart“, personell wie inhaltlich, und eine Rückbesinnung auf klassische liberale Themen wie Marktwirtschaft und Bürgerrechte. Höne steht damit für eine Generation, die nicht mehr Teil der alten FDP-Erzählung sein will – und genau daraus ihre Legitimation zieht. „Zu einem glaubwürdigen Neuanfang gehören eben auch neue Gesichter“, sagt Höne, „genau das ist Teil meines Angebots.“
Dass es überhaupt zu dieser offenen Kampfkandidatur kommt, ist selbst Ausdruck der Krise. Noch vor wenigen Jahren hätte die FDP ihre Führung intern sortiert, Kompromisse gefunden und jegliche Machtfragen hinter verschlossenen Türen geklärt. Jetzt wird öffentlich gerungen – um Personen, um Inhalte, am Ende um die Existenz. Selbst innerhalb der Partei ist unklar, wohin die Reise gehen soll. Manche setzen auf Erfahrung und Prominenz, andere auf Erneuerung und Bruch.
Chancenlos ist Höne nicht. Als Vorsitzender der FDP Nordrhein-Westfalen vertritt er immerhin rund 25 Prozent der liberalen Mitglieder. Eine davon ist EU-Parlamentarierin Marie-Agnes Strack-Zimmermann. „Die FDP muss von einer neuen Generation in die Zukunft geführt werden, nicht nur von alten Schlachtrössern“, sagte die 68-Jährige, die bis vor kurzem noch selbst eine Kandidatur in Betracht gezogen hatte.
Die FDP hat in den vergangenen Jahren nicht nur Wähler verloren, sondern auch ihr politisches Profil. Zwischen Regierungsverantwortung, Koalitionskompromissen und innerparteilichen Konflikten ist das liberale Markenzeichen unscharf geworden. Der Vorwurf aus den eigenen Reihen lautet, es habe nach der Bundestagswahl keinen wirklichen Neuanfang gegeben. Stattdessen wirkte die Partei oft wie mit sich selbst beschäftigt.
Vor fast genau zwölf Monaten hatte man einen ersten Versuch gestartet, dieses Problem anzugehen. Damals –
ebenfalls im Convention Center des Estrel-Hotels in Berlin-Neukölln – wurde Christian Dürr mit 82 Prozent der Delegiertenstimmen auf dem Bundesparteitag zum Nachfolger des langjährigen FDP-Vorsitzenden Christian Lindner gewählt. Genutzt hat es nichts. Dürr, damals der geeignete Kompromisskandidat, mit dem sowohl die Sozialliberalen als auch die Wirtschaftsliberalen leben konnten, konnte das Profil der FDP nicht schärfen.
Die Frage ist also weitaus größer als die Personalie an der Spitze. Es geht darum, ob die FDP noch einmal eine klare Rolle im deutschen Parteiensystem finden kann. Eine Partei, die lange als wirtschaftsliberale Stimme galt, als Korrektiv in Koalitionen, als Anwältin individueller Freiheit, steht plötzlich vor der grundlegenden Frage: Wofür eigentlich?