Sprache bestimmt, wie wir Berufe – und die Menschen dahinter – wahrnehmen
Vor einigen Monaten sah ich auf Youtube ein Interview von Tilo Jung mit der thüringischen Finanzministerin Katja Wolf. Jung gilt mit seinem Format „Jung & Naiv“ als jemand, der Machtverhältnisse reflektiert. Umso mehr traf mich ein beiläufiger Begriff: „Putze“. Ganz selbstverständlich verwendete er ihn für den Beruf der Reinigungskraft.
Dieses Störgefühl kam nicht aus dem Nichts. Es speiste sich aus jahrelanger Erfahrung mit abwertenden Bemerkungen über meine eigene Familie. Wer so etwas häufig hört, weiß, dass es nie nur um ein Wort geht und dass immer die Botschaft mitschwingt: Ihr seid weniger wert. Also schrieb ich unter das Video, dass ich diese Wortwahl für klassistisch halte. Meine Anmerkung gehörte zu den Top-Kommentaren. Auch andere Nutzer hinterfragten Jungs Sprachgebrauch. Er antwortete knapp, der Ausdruck sei „nicht in Ordnung“ gewesen. Für manche war das keine überzeugende Entschuldigung.
Bei Berufen fällt es uns – quer durch alle politischen Lager und trotz des Trends zu mehr sprachlicher Achtsamkeit – erstaunlich schwer, sensibel zu formulieren. „Putze“ ist nur ein Beispiel. Auch bei Begriffen wie „Saftschubse“, „Tippse“ oder „Arschabputzer“ wird eine vielschichtige Tätigkeit auf eine vermeintlich banale Handbewegung reduziert.
Wer schon einmal mit mulmigem Gefühl im Flugzeug saß, weiß, wie zutiefst beruhigend sachliche Erklärungen über Turbulenzen sein können. Flugbegleiter tragen Verantwortung für Abläufe an Bord, sprechen mehrere Sprachen und bewahren selbst in Notfällen Ruhe. Das erfordert Sorgfalt, Empathie und Fachwissen. „Saftschubse“ macht daraus eine Witzfigur. Wie bei „Tippse“ wirkt die Endung „-e“ verniedlichend. Sie lässt den Beruf wie etwas erscheinen, das man nicht ganz ernst nehmen muss.
Stichwort „Arschabputzer“: Die Betreuung hilfsbedürftiger Menschen gehört zu den unverzichtbaren Aufgaben einer zivilisierten Gesellschaft. Gleichzeitig zeigt eine Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) gemeinsam mit dem Deutschen Roten Kreuz: Beschäftigte in sozialen und pflegerischen Berufen verdienen im Schnitt 17 Prozent weniger als vergleichbar Qualifizierte in anderen Branchen. Pflegekräfte und Co. hätten also unseren Respekt mehr als verdient – und dennoch tritt zur materiellen Geringschätzung die sprachliche. Diese doppelte Abwertung macht sichtbar, wie eklatant manche Tätigkeiten gesellschaftlich geringgeschätzt werden.
Natürlich existieren auch in „Anzug-Berufen“ Begriffe wie „Versicherungsfuzzi“ oder „Paragraphenreiter“. Doch hier wirken Einkommen und Status als Puffer. Wer ohnehin oben verortet ist, kann Spott eher als Randnotiz verbuchen. Ich werde gelegentlich „Schreiberling“ genannt. In meinen Ohren klingt das nicht schmeichelhaft, aber ich arbeite in einem Feld, das mir Anerkennung verschafft. Viele andere haben dieses Polster nicht. Bei ihnen addiert sich Spott zu geringem Lohn, körperlicher Belastung und fehlender Sichtbarkeit.
Wir wissen aus Debatten über diskriminierende Sprache, wie stark Worte das Selbstbild prägen. Zu glauben, das sei „nur ein Wort“, verkennt, wie tief solche Begriffe sich eingraben. Für viele Menschen ist ihr Beruf ein zentraler Teil ihrer Identität und Lebenszeit. Niemand möchte vor diesem Hintergrund derart herabgesetzt werden.
Seltsam ist, dass wir darüber so selten sprechen. Wann haben Sie zuletzt eine Talkshow gesehen, in der diskutiert wurde, wie wir über Berufe reden? Mehr Respekt in der Sprache wäre kein Luxus, sondern das Mindeste. Wer von „Putzen“, „Saftschubsen“ oder „Tippsen“ spricht, macht aus Menschen mit Kenntnissen und Verantwortungsbewusstsein bloße Karikaturen. Sprache formt nicht nur, wie wir denken, sondern auch, wie wir handeln. Die Würde der Arbeit beginnt im Wort. Wie wir über Arbeit sprechen, entscheidet darüber, wie viel uns die Menschen wert sind, die sie verrichten.