Ecuador ist der kleinste Anden-Staat, aber so reich an landschaftlichen und kulturellen Attraktionen wie kaum ein zweites Land in Südamerika: Inkas, Vulkane, Eis und Urwald. Es ist ein Reiseziel das ganze Jahr über.
Der Anflug auf die Anden-Stadt Quito raubt einem buchstäblich den Atem. Umwölkte Vulkangipfel, bebaute Hügel und mitten im Häusermeer die Landepiste in knapp 3.000 Metern Höhe. Man stelle sich München auf der Zugspitze vor! Wo in Europa Gipfelkreuze stehen, Gletscher-Skifahrer laufen und Alpinwanderer die Gämsen grüßen, breitet sich zu Füßen des „Hausvulkans“ Pichincha eine Metropole mit eineinhalb Millionen Einwohnern aus. Glücklich gelandet, spürt man die Luft ewigen Frühlings und staunt, dass in diesem Hochtal Palmen und Jakarandabäume die Plazas der City zieren.
Ein paar Schritte vom Hotel „Colon“ entfernt informiert das Museum „Banco Central“ über die Geschichte des Landes: Goldschmuck der Inkas und sakrale Kunst aus der Kolonialzeit. Ecuador zählte zu den Kernlanden des mächtigen Inka-Reiches, das sich vor 500 Jahren von Kolumbien bis Argentinien erstreckte. Und Quito war die erste Hauptstadt der spanischen Eroberer. Ihre Erkundung allein kann Tage füllen. Wie ein lebendiges Freilichtmuseum präsentiert sich die koloniale Altstadt: Straßen mit Buckelpflaster, weißgetünchte Palacios mit schmiedeeisernen Balkonen und über 80 Kirchen. „La Compania de Jesús“ ist die reichste – der goldene Altar, die goldenen Pfeiler und goldenen Decken sind von unschätzbarem Wert.
Schöne Dinge in der Inka-Volkskunst
Das Herz der Indios jedoch schlägt in der ältesten Kirche, die an der Stelle eines alten Inka-Palastes steht und dem heiligen Francisco geweiht ist. Steile, ausgetretene Treppen führen hinauf zum Vorplatz. Dunkel ist das Portal, düster und fensterlos auch das Innere. Nur im Mittelgang brennen ein paar Kerzen, werfen ihr flackerndes Licht auf die runden, ernsten Gesichter der in bunte Wickeltücher gehüllten Indio-Frauen. Ihre Kinder mit einem Tuch auf den Rücken gebunden, knien sie vor den Altarsteinen, opfern Blumen und Früchte für Pacha Mama – so nennen sie die Erde, die ihre Menschenkinder nährt und sie beschützt. San Francisco ist die Volkskirche der Indigenas, die etwa die Hälfte der rund 18 Millionen Einwohner des Landes ausmachen. Kleine, dunkelhäutige Menschen mit pechschwarzen Haaren, die in den Bergdörfern wohnen und noch immer die schönen Dinge der ererbten Inka-Volkskunst eigenhändig fertigen und auf den Märkten verkaufen.
Markttag in Otavalo, einem kleinen Ort in den Anden, etwa 90 Kilometer nördlich von Quito. Jedes Wochenende herrscht hier farbenfrohes Chaos auf dem Kunsthandwerkermarkt, der Hunderte Touristen aus aller Welt anzieht. Schon in der Nacht steigen Quechua-Familien die Hänge des Imbabura hinab, um ihre Produkte zur Feria zu schleppen: leuchtende Webteppiche und Decken aus Schafwolle, Tücher, Plissée-Röcke oder Vasen und Krüge, die mit alten Inka-Motiven bemalt sind. Und natürlich Pullis aus dicker Lammwolle, die man im kühlen Hochland wirklich gut gebrauchen kann.
Markttag ist auch Tratsch-Tag. Dafür haben sie sich schön gemacht. Die Frauen tragen bestickte Blusen, mit bunten Bändern dekorierte Hüte und Hualcas, goldfarbene Perlenketten – eine Erinnerung an die Zeit, als sie noch Gold besaßen. Die Männer sind in weite Hosen und grellfarbene Ponchos gekleidet. Jedes Dorf hat seine eigenen Farben und Muster. Zwischen der verwirrenden Buntheit kann man an ihren Fotokameras, Handys und weißen Panamahüten leicht die „blancos“ oder „gringos“ erkennen. So nennen die Ecuadorianer jeden, der irgendwie amerikanisch aussieht. Ihnen und ihrem eigenen Können verdanken die Otavalenos ihren Wohlstand, für den sie im ganzen Land bekannt sind.
Über die Anden in den Regenwald
Berühmt sind auch die stilvollen Haciendas. Weit draußen auf fruchtbaren Böden, außerhalb der Sierra-Städtchen, liegen sie inmitten riesiger Ländereien. Ihre Besitzer herrschten zu Kolonialzeiten bis in die 1970er-Jahre wie Feudalherren über die Indigenas. Damals war es noch üblich, dass die Fiestas vor der gutseigenen Kirche oder dem Herrenhaus stattfanden. Die Bergbauern stiegen von ihren Hütten herab, um die lokalen Heiligen und ihre Patrone zu ehren. Seit der Landreform vor über 60 Jahren ist es stiller geworden auf ihren Anwesen. Zwar sind die Hacendados noch immer die Hausherren, jedoch in neuer Funktion. Für eine Handvoll Dollars öffnen sie als Hoteliers den Gästen ihre eleganten Anwesen, reiten mit ihnen ins Hochland, veranstalten traditionelle Stierkämpfe und feiern mit ihnen zusammen mitreißende Fiestas, wo die Chicha-Flaschen mit Maisbier bis in die Nacht kreisen.
Was wäre also ein Leben ohne die Märkte und Feste, ob zu Ehren eines Schutzheiligen oder aus Tradition? Nein, das wäre für die Ureinwohner der Sierra nur schwer zu ertragen. Nach Wochen eines mühevollen und öden Alltags sehnen sie sich nach etwas Abwechslung und wollen vielleicht auch ein wenig vergessen. Außerdem verleiht ihnen die Kulisse einer der grandiosesten Hochgebirgslandschaften Südamerikas, der schnee- und eisbedeckten West- und Ostkordilleren, eine ganz besondere Atmosphäre.
Weil in Ecuador alle Wege in südliche Richtung wieder nach Quito führen, kommt man unweigerlich zur Weltmitte, der Äquatorlinie – von den Indianern „Inti Nan“, „Weg der Sonne“, getauft. Weiter geht die Fahrt bis Riobamba, Teil der Panamericana. Mehr als 100 Vulkane schrauben sich hier wie gewaltige Tempel in den Himmel. Die meisten sind erloschen, sie „schlafen“. 20 davon aber drohen mit ihrer sich ewig kringelnden Rauchfahne, dass sie auch anders könnten. Glück muss man haben. Zwei der eindrucksvollsten Giganten zeigen wolkenlos ihre Zuckerhüte aus Schnee und Eis: Der vollendet geformte Cotopaxi, mit 5.897 Metern der höchste aktive Feuerschlot der Erde, und der wuchtige, erloschene Kegel des Chimborazo – mit 6.310 Metern der höchste Berg des Landes. Beide sind beliebte Ziele deutscher Bergsteiger, seit 1814 der Naturforscher Alexander von Humboldt hier war und diesem Teil der Sierra den Namen „La Avenida de los Volcanes“, Straße der Vulkane, gab.
Einen Kontrast zu Eis und Schnee verspricht die sechsstündige Busfahrt hinab in den „Oriente“. Über die Ostkette der Anden geht es direkt ins tropische, feuchtheiße Regenwaldgebiet des Rio Napo, der später im Nachbarland Peru in den Amazonas mündet. Es wird mit jedem Meter wärmer, die Vegetation üppiger. Herrlich! Endlich Pulli aus und Schal ganz tief in den Rucksack vergraben. Amazonien klingt nach Indianerdörfern, rauschenden Flüssen, exotischen Tieren und Pflanzen – ideal für mehrtägige Expeditionen. Die Dschungel-Neulinge starten sofort von der „Kompawi-Lodge“ aus in den Urwald. Gemächlich gleitet der Einbaum durch die angeblich „grüne Hölle“, die einem eher wie ein „grünes Paradies“ vorkommt. Über den Köpfen hangeln Affen in den Ästen der Urwaldriesen, bunte Aras gucken neugierig zwischen großen Farnblättern hervor, leuchtende Schmetterlinge flattern aufgeregt ums Boot. Kleine, stille Dörfer ziehen vorbei. Wer mag, legt hier einen Zwischenstopp zum Relaxen ein und genießt auf einer Terrasse der kleinen Lodges frische Ananas und Mangos oder leckere Empanadas, mit Fleisch oder Käse gefüllte Teigtaschen. Ein angenehmer Ort für all diejenigen, die Natur als Luxus begreifen.
Im aufregenden Zickzack auf und ab über die steile „Teufelsnase“ führt die spektakulärste Hochgebirgsstrecke Lateinamerikas mit der Trans-Anden-Eisenbahn. Schon auf dem Bahnhof von Guamote herrscht ein wildes Durcheinander. Salasaca-Frauen wühlen sich durchs Gedränge und bieten alles Mögliche feil: gegrillte Meerschweinchen, Früchte, Drinks, Hüte, Körbe. „One Dollar, one Dollar“, pfiffige Indio-Jungen wedeln mit Sitzkissen. Keine schlechte Idee für die Fünf-Stunden-Fahrt auf dem harten Dach der ehemaligen Viehwaggons nach Alausi. Chicha-Flaschen machen die Runde. Man prostet sich zu und trinkt auf die Fahrt und vergisst nicht, nach alter Sitte für Pacha Mama ein paar Tropfen Maisbier auf die Erde zu schütten.
Silberschmuck und feine Keramik
Zwischenstopp in Cuenca, das wie Quito von der Unesco zum „Kulturerbe der Menschheit“ erklärt worden ist. Der koloniale Charme zeigt sich schon am Parque Calderón, dem Zentrum der Stadt. Während der Nationalheld Abdón Calderón würdevoll von seinem Steinsockel auf die Besucher und Schuhputzer herabblickt, verkaufen Frauen vor der barocken „Catedral Nueva“ Kerzen, Gladiolen und Blumenwasser für ewige Gesundheit. Um den Park herum bilden die schönsten Gebäude der Stadt eine Postkartenkulisse. Das koloniale Rathaus, die neue Kathedrale, deren blaue Kuppeln über die rotgedeckten Dächer der Innenstadt hinausragen. Die alten Häuser sind gut gepflegt und beherbergen teure Geschäfte, in denen Gold- und Silberschmuck, feine Keramik und edle Stoffe ausliegen – alle hergestellt in Werkstätten der Umgebung. „In Quito wird die Politik gemacht, in Guayaquil ist die Wirtschaft stark, aber in Cuenca liebt man die Künste“, erklären die Einheimischen im typischen Singsang ihre etwas abgehobene Lebensart.
Nach so viel Gebirge auf nach Westen hinunter zum Pazifik! Die Fahrt ist fantastisch, sie eröffnet grandiose Gipfelausblicke – von 2.850 Metern auf null durch alle Vegetationszonen: erst die kargen Anden, dann verwunschene Nebelwälder und am Schluss die tropische Küste mit Kokospalmen und Kakteen, wo schöne Strände, kleine Fischerorte und kilometerlange Bananenplantagen, das „grüne Gold“ Ecuadors, liegen. Die Luft ist sehr viel wärmer, karibischer. Man isst feinste Fische und Meeresfrüchte, trinkt kaltes Bier – und tanzt zu heißen Rhythmen Salsa und Merengue.
Dann erreichen wir Guayaquil, Industrie- und Bananenhafen, mit zwei Millionen die größte Stadt des Landes. Noch eine Nacht bis zum Finale, der Gala von Ecuador: Galapagos. Über 1.000 Kilometer von der Küste entfernt liegen am Äquator die 13 größeren und vielen kleinen „islas encantadas“, die verzauberten Inseln. Jeder hat von Darwins Theorie über die natürliche Auslese gehört, von der einzigartigen Tier- und Pflanzenwelt. Nur, in der Realität ist sie viel aufregender. Langweilig wird es hier nie! War dies, ist dies das Paradies? In den Augen der gelben Leguane, der Blaufußtölpel, der roten Lavaechsen, der rosa Flamingos und der Riesenschildkröten meint man, die Erdgeschichte zu lesen.