Ein kleiner Strauß Erinnerungen an einen Poeten, der uns mit seinen besinnlichen, humorvollen und mild grantelnden Versen noch immer vergnügt. Mit einem kleinen Schwenk zu Karl Valentin. Vor 50 Jahren starb der Lyriker Eugen Roth.
Man schrieb das Jahr 1976. Seufzend zog der liebe Gott die Mundwinkel nach unten. „Aha … ein Münchner …“ Wäre das nicht schon genug, eilte jetzt auch noch Erzengel Gabriel – seit Urzeiten zuständig für Hellsichtigkeit und Geistesblitze – mit einer neuerlichen Hiobsbotschaft herbei: Der Rundfunk werde 50 Jahre später, also 2026, melden, München sei zur „unfreundlichsten Stadt der Welt“ gewählt worden. „Auch das noch“, entfuhr es dem Herrgott. Und er ließ sich missbehaglich eine Handbreit tiefer in die Samtpolster seines Throns sinken. Richtete sich dann jedoch wieder auf und sprach: „Na, bleiben wir nachsichtig mit ihnen. Sie gebärden sich zwar mürrisch, gar trutzig. Doch gerechterweise nicht nur gegen die Preußen, an manchen Tagen gar gegen sich selbst. Das sollten wir, lieber Gabriel, als mildernden Umstand werten. Vor allem bei Föhn.“
Steinalten Zeitzeugen fiele dazu womöglich eine winzige, doch bezeichnende Episode ein. Eine aus der dunkelbraunsten deutschen Ära. Es trafen sich seinerzeit nämlich – zufällig – zwei Altmünchner auf dem Viktualienmarkt. Sie hießen Eugen Roth und Karl Valentin. Dort flanierten sie weniger wegen des knackig-scharfen „Radi“, sondern mehr wegen des Biergartens mit seinem kühl beperlten Gerstensaft. Diese zwei Bayern kamen lebenslang mit einem Mindestmaß an Liebenswürdigkeit gegenüber ihren Mitmenschen aus. Wäre das schon der Ungemütlichkeit genug, waren beide Münchner Grantler sich zudem in herzlicher Abneigung verbunden. Wenn sie auch um gegenseitige künstlerische Anerkennung nicht herumkamen. Ihrer beider Bewunderer, ihre Leserschaft, zählte ohnedies alsbald in die Millionen.
Entlassung wegen der Nationalsozialisten
In der Bayernmetropole kannte sie jedes „Münchner Kindl“. Allein schon der wenigen Haare wegen: Der eine von ihnen, Karl Valentin, verbarg seine Kahlköpfigkeit unter einem kleinen schwarzen Hut, der so alt schien wie er selber. Der andere, Eugen Roth, kämmte die ihm verbliebenen, spärlichen Strähnen wehmütig nach vorne; eine Coiffure, die es ratsam erscheinen ließ, Windstöße tunlichst zu vermeiden. Zeitlebens bewahrheitete sich denn auch seine hoffnungsvolle Erkenntnis: „Natur vollbringt oft wunderbar, was eigentlich nicht möglich war“ diesen Falls leider nicht.
Selbiger Eugen Roth zeigte sich – nach seinem ersten und zugleich letzten Besuch in Valentins „Gruselkeller“ – entgeistert über „die Ungeheuerlichkeiten dieses verbohrten Gehirns, dieses kranken Gemüts“. Sie überträfen bei Weitem, beklagte Roth, seine schlimmsten Befürchtungen. Valentin, sein Widerpart, konterte einige Zeit später: „Sie, weil Sie g’sagt hamm, dass ihnen mein Gruselkeller net g’fallt – am selben Nachmittag noch war der Gauleiter Wagner da, was meinen S’, wie der g’lacht hat! I hab ihm des erzählt, der Doktor Roth, hab i g’sagt, der hat sich aufg’regt, so was, hat g’sagt, braucht man jetzt net künstlich machen, wo’s doch in Dachau und so an der Tagesordnung ist!“
In der unseligen NS-Epoche war solcherlei Rede angsteinflößend, ja bedrohlich zu verstehen. Die Nazis waren Valentin wohlgesonnen und lachten fett über seine absurde Sprachakrobatik. Er über sie offenbar weniger. Hitler zu Valentin: „Ich habe oft genug über Ihre Aussprüche herzlich gelacht.“ Valentin: „Über Eahnane Reden hob i noch nia lacha kinna.“ Es ist anzunehmen, dass Karl Valentin, der sich gegenüber der Politik überhaupt verhalten interessiert zeigte, seinen Landsmann Eugen Roth beängstigen wollte. Sein mitunter rabenschwarzer Humor entgleiste Karl allerdings zuweilen. Eugen vergaß ihm den Vorfall nicht.
Valentin zählte – eher nolens volens – den Wahlmünchner Hitler zu seinen Fans, der andere, Eugen Roth, verlor hingegen seine Stellung wegen politischer „Unzuverlässigkeit“. Sobald die nationalsozialistische „Kamarilla“ die Macht in den Händen hielt und gar nicht daran dachte, sie wieder zurückzugeben, wurde der Journalist Eugen Roth 1933 von den „Neueste Münchner Nachrichten“ Knall auf Fall entlassen.
Selbige Zäsur in seiner Vita feierte Roth, der als jugendlicher Kriegsfreiwilliger schwerverletzt aus den apokalyptischen „Stahlgewittern“ des Ersten Weltkriegs heimkehrte, als „dritten Geburtstag“. Denn kurz darauf schneite ihm sein erster bedeutender schriftstellerischer Erfolg herein. Worauf seine Erkenntnis fußen mag: „Ein Mensch schaut in die Zeit zurück und sieht: Sein Unglück war sein Glück.“
„Ein Mensch“ brachte den Durchbruch
war der Lyriker auf den Vogel gekommen - Foto: picture-alliance / akg-images
Roth berichtete von einer Verwegenheit, zu der er sich gegenüber Goebbels, dem Virtuosen der menschenverachtenden Rhetorik, spontan hinreißen ließ – seine kecke „Goschn“ reute, ja ängstigte ihn darob. Goebbels schluckte auf einer Ausstellung nach einigem Nachdenken Roths Dreistigkeit hinunter. Als dieser nämlich bemerkte, die hochgereckten Arme auf einem Bildnis von Nazi-Anhängern seien doch wohl etwas zu lang geraten, kommentierte Roth ebenso mehrdeutig wie sarkastisch: „… die werden sogar noch länger.“
Dem Geschehnis mag Roths Wahrspruch entsprungen sein: „Wer Wahrheit liebt, der urteilt scharf, vorausgesetzt, dass er das darf.“ Nach dem deutschen Debakel dichtete Roth: „Kein Mensch will es gewesen sein. Die Wahrheit ist in diesem Falle: Mehr oder minder warn wir’s alle!“ Seine nachdenklichen, vor allem aber zeitlosen, zumeist amüsanten Sichtweisen beginnen stets mit „Ein Mensch“. Zum Beispiel diese: „Ein Mensch erblickt das Licht der Welt, doch oft hat sich herausgestellt, nach manchem trüb verbrachten Jahr, dass dies der einzige Lichtblick war.“
Dr. phil. Eugen Roth, noch zu Zeiten des Prinzregenten Luitpold aufgewachsen, war hochstudiert: Philosophie, Kunstgeschichte, Geschichte und Germanistik – darin Promotion 1922 – waren zweifellos ein wichtiger Baustein beim Fundamentieren seiner Lebensklugheit. Die immer wieder mit Genörgel ornamentiert oder mit mild-pfeffrigen Seitenhieben den Zeitläufen gegenüber daherkam. Auch als humoristischer Erzähler ließ Roth seine Begabung aufblitzen. Neben seiner anfänglichen Bestallung als Presseredakteur (1927 bis 1933) widmete er sich tiefgründelnder Lyrik. Doch erst mit dem humoresken Premiere-Band „Ein Mensch“ (1935) änderte sich sein Leben, das er sich indes einen Hauch intellektueller gewünscht hätte. Er hatte die Rechnung jedoch ohne seine breitgefächerte Leserschaft gemacht. Seinerzeit hatte er schon 93 herzerleichternde Lebensweisheiten veröffentlicht. Und es sollten noch weit mehr werden.
Wie bei dem Vater von Max und Moritz war Roths humorige Krittelei sanft und nachsichtig. Der Erfolg seiner Beobachtung menschlicher Schwächen war durchschlagend – und blieb ihm lebenslang treu. Bis heute. Auch wenn sein Schöpfer längst hinverschieden ist. Vor 50 Jahren. Er hinterließ seine Frau Klothilde, seine Söhne Thomas und Stefan.
Es würde nicht überraschen, wenn sein angeborenes humanes Hineinversetzen in ein zerbrechliches Menschenskind eine entmenschlichte, artifizielle Intelligenz überdauerte. Er würde sich ohnehin einen automatisierten, diktatorischen Assistenten knurrig verbeten haben, ein nobles Lexikon auf klassischem Papier hingegen nie. Im Mittelpunkt seiner fein-schalkhaften Aphorismen standen vor allen Dingen zwei Lebenskreise: die Erhaltung sensibler Gesundheit mitsamt den unvermeidlichen Arztbesuchen. Roth spottete: „Was bringt den Doktor um sein täglich’ Brot? A) die Gesundheit, B) der Tod“. Oder: „Ja, der Chirurg, der hat es fein: Er macht dich auf und schaut hinein. Er macht dich nachher wieder zu – Auf jeden Fall hast du jetzt Ruh. Wenn mit Erfolg für längere Zeit, wenn ohne – für die Ewigkeit.“
Letzte Ruhe auf Friedhof in München
Und dann das Reisen in ferne Gefilde. Das er mit Ratschlägen versah, welche manchem geholfen haben mögen, sich vor Abflug den Ankauf von Fremdwährungen und nach Rückkehr ungebetene, aber anhängliche Urlaubsmitbringsel zu ersparen. Seine treue Leserschaft wollte er scheint’s vor der Erkenntnis bewahren, dass das Kompositum „Fernweh“ allzu oft auf dem Grundwort betont werden muss. „Die besten Reisen, das steht fest, sind die oft, die man unterlässt!“
Ab und an widmete sich der Literat der Damenwelt. Er nahm davon aber alsbald wieder Abstand und kreierte einen Homunkulus namens „Mensch“. Das war unverdächtig und weitblickend. So entkam er manchen Gefahren in Form von Blaustrümpfen, Suffragetten und Emanzen, die ihm damals und heute aufgelauert haben würden. Vielleicht ist es ja ein Zukunftsmodell, sich – so interpretieren wir Sie, lieber Herr Doktor – der Harmonie zwischen Männern und Frauen zu widmen, statt kratzbürstig und verbissen mit deren Unterschieden hausieren zu gehen. Es könnte der Gesundheit zuträglicher sein.
Vor dem Untergang im Arbeitssumpf warnte Roth rastlose Manager:
„Inmitten all der Zappelnot
trifft ihn der Schlag, und er ist tot.
Was grad so wichtig noch erschienen,
fällt hin: Was bleibt von den Terminen?
Nur dieser einzige zuletzt:
Am Mittwoch wird er beigesetzt –
und schau, den hält er pünktlich ein,
denn er hat Zeit jetzt, es zu sein.“
Der emsige Poet ruht auf dem Nymphenburger Friedhof in München. Nur das Kürzel „E R“ finden wir auf seinem gülden umrahmten Grabschild. Nein, Eugen Roth war kein Mensch des hohen dichterischen Wellengangs. Elegien à la Hölderlin waren nun wirklich nicht sein Metier. Es gelang ihm indes meisterhaft, menschliche Fragilitäten zu erkennen und in Reimform aufzuspießen, versehen mit überraschenden Pointen. Da ist nichts Aufgesetztes, professoral Belehrendes, keine Gängelung. Nichts Boshaftes. Er holte das Volk friedlich von zu Hause ab. Milde den Zeigefinger erhebend, nicht selten gegen sich selbst. Seine Gedichte spendeten einfühlsam Trost in der Verlorenheit. Er selbst ließ ungewollt Tristesse durch seine nur sparsam aufhellende Miene blinzeln. Einmal schrieb er nieder: „Meiner Lebtage hat es mir an Kraft gefehlt, mich gründlich zu freuen.“
Eine Million Leser seiner „Ein-Mensch-Gedichte“ fühlten sich nichtsdestoweniger wohl bei ihm, bis in den Schlaf wohlig aufgehoben. Zumal: In gediegenen Hotels warten auf den müden Reisenden des Abends nicht nur duftige Laken. Sondern auch ein Praliné nebst einem Billet mit Roth’scher Traumvorlage: „Und schlummernd ist es ihm geglückt: Er hat sich warm zurechtgerückt.“