Wenn einer eine Reise tut, ist dies vorab mit einigen Überlegungen verbunden. Bei Personen mit einem Handicap ist dies noch einmal etwas komplizierter. FORUM hat mit Falk Olias darüber gesprochen, wie sich der Urlaub möglichst entspannt gestalten lässt.
Herr Olias, worauf sollten Menschen mit Handicap besonders achten, wenn sie eine Reise buchen möchten?
Das Wichtigste ist Transparenz, und zwar in beide Richtungen. Reisende sollten klar kommunizieren, was sie benötigen, und gleichzeitig prüfen, ob der Anbieter ebenso klar antwortet. Gut aufbereitete Informationen zur barrierefreien Ausstattung, zur Erreichbarkeit der Region und zu den individuellen Anforderungen, ob Rollstuhl, Sehbehinderung oder andere Einschränkungen, sind die Grundvoraussetzung. Mindestens genauso wichtig ist aber die verbindliche Bestätigung: Wer auf Formulierungen wie „wir hinterlegen das“ oder „vorbehaltlich Verfügbarkeit“ stößt, sollte vorsichtig sein. Barrierefreie Leistungen müssen fest gebucht und schriftlich bestätigt sein – nicht als Wunsch, sondern als Vertragsbestandteil. Und natürlich lohnt sich ein Blick auf die Erfahrung des Anbieters: Wie lange ist er in diesem Bereich tätig? Gibt es echte Referenzen?
Welche typischen Probleme erleben Menschen mit Behinderung auf Reisen immer noch am häufigsten?
Das häufigste Problem: Die Barrierefreiheit vor Ort entspricht nicht dem, was vorab kommuniziert wurde. Wenn die Buchung auf unverbindlichen Informationen basiert – was im Kleingedruckten vieler Anbieter steht –, hat man im Ernstfall kaum eine Handhabe, die zugesagten Leistungen auch einzufordern. Dazu kommt der organisatorische Aufwand im Vorfeld, der für viele Reisende erheblich ist: Hilfsmittel, Transfers, Pflegeleistungen, Bordassistenz – all das muss koordiniert werden, und jeder fehlende Baustein kann den gesamten Ablauf gefährden. Ein Punkt, der oft unterschätzt wird: Auf Flügen, besonders auf Mittel- und Langstrecken, ist die Nutzung der Bordtoilette für viele Rollstuhlfahrer eine reale Herausforderung. Hier braucht es im Vorfeld individuelle Lösungen, und ein erfahrener Reiseveranstalter kennt diese und bereitet Reisende darauf vor.
Hat sich das Thema Barrierefreiheit im Tourismus in den letzten Jahren spürbar verbessert oder gibt es noch große Lücken?
Es hat sich verbessert – aber langsamer, als es sollte und könnte. Ein gutes Beispiel ist das Kennzeichnungssystem „Reisen für alle“, das seit Jahren Transparenz schaffen soll und mittlerweile vom Freistaat Bayern weiterentwickelt wird. Die Idee ist richtig, die Umsetzung aber noch zu aufwendig und kostenintensiv für viele Betriebe. Das Ergebnis bleibt hinter dem Potenzial zurück. Wir sind in diesem Bereich aktiv und arbeiten gemeinsam mit Partnern daran, das System praxisnäher und breiter anwendbar zu machen. Gleichzeitig haben wir selbst eine technische Lücke geschlossen: Als einziger europäischer Spezialreiseveranstalter für Rollstuhlreisen haben wir eine Direktanbindung an Live-Preise der Fluggesellschaften aufgebaut. Das bedeutet: Reisende können über geprüfte, gesicherte Filter ihr Angebot selbst zusammenstellen und direkt online buchen, so unkompliziert wie jeder andere Urlauber auch. Das ist in Europa bisher einmalig.
Viele Hotels werben mit „barrierefrei“. Wie zuverlässig sind solche Angaben in der Praxis? Und was tue ich, wenn das Hotel nicht zu meinen Bedürfnissen passt?
Wie man sagt: Ein Bild sagt mehr als tausend Worte. Das gilt hier buchstäblich. Wer konkrete Fotos des Badezimmers, der Türbreiten, des Zugangs zum Pool sieht, kann deutlich besser einschätzen, ob ein Hotel wirklich passt, als wenn er nur ein Häkchen bei „barrierefrei“ sieht. Wer bei einem spezialisierten Anbieter bucht, der für seine Angaben haftet, der wird diese Angaben mit Sorgfalt treffen, denn er trägt die Konsequenzen, wenn sie nicht stimmen. Sollte ein Hotel dennoch einmal nicht den Anforderungen entsprechen, bleibt im Rahmen einer Pauschalreise immer die Möglichkeit, auf eine Alternative umzubuchen. Das ist ein wesentlicher Vorteil gegenüber der Eigenorganisation: Man ist nicht allein, wenn etwas nicht passt.
Welche Rolle spielen digitale Plattformen, Blogs oder Erfahrungsberichte anderer Betroffener bei der Reiseplanung?
Erfahrungsberichte und Reiseblogs von Menschen mit Behinderung sind wertvoll, sie liefern eine Perspektive, die kein Hotelier und kein Katalog ersetzen kann. Gleichzeitig erfordern sie erheblichen Rechercheaufwand, und Einzelerfahrungen lassen sich nicht immer auf die eigene Situation übertragen. Was digitale Plattformen leisten können, wenn sie gut gemacht sind: einen schnellen Überblick über tatsächlich geeignete Angebote liefern – gefiltert nach den eigenen Bedürfnissen, geprüft von Experten. Dann muss man nicht dutzende Berichte lesen, um herauszufinden, welche drei Hotels überhaupt infrage kommen. Beide Ansätze haben ihren Platz, aber die Kombination aus verlässlich kuratierten Angeboten und der Erfahrung anderer Reisender ist meist am stärksten.
Was müsste sich aus Ihrer Sicht im Tourismus dringend ändern, damit Reisen für Menschen mit Handicap selbstverständlicher wird?
Das Schlüsselwort ist „selbstverständlich“ – und genau da liegt noch viel Arbeit. Barrierefreiheit darf keine Sonderlösung mehr sein, die extra ausgewiesen, extra beantragt und extra bestätigt werden muss. Sie muss zum Standard werden: in der Infrastruktur, in der Buchungstechnik, im Denken der Branche. Konkret braucht es verbindliche, einheitliche und unabhängig geprüfte Standards für Barrierefreiheitsangaben – keine Selbstauskünfte, sondern nachprüfbare Fakten. Dazu kommt eine stärkere politische Verankerung: Barrierefreiheit im Tourismus ist auch eine Frage der Teilhabe und damit eine gesellschaftliche Verpflichtung, nicht nur ein Marktsegment. Wir erleben täglich, wie viele Menschen reisen wollen und wie unnötige Hürden sie daran hindern. Das ist nicht nur schade für die Betroffenen, sondern auch eine verschenkte Chance für den gesamten Tourismus. Genau hier sehen wir unsere Aufgabe: Wir arbeiten täglich daran, diese Lücke zu schließen – durch enge Partnerschaften mit großen Hotelketten und Schiffsanbietern, durch technische Lösungen, die barrierefreies Buchen so einfach machen wie für jeden anderen Reisenden, und durch den konsequenten Anspruch, diese Zielgruppe nicht als Nische, sondern als selbstverständlichen Teil des Tourismus zu behandeln.
Welchen Rat würden Sie Menschen mit Behinderung geben, die sich bisher vielleicht noch nicht getraut haben, zu reisen?
Fangen Sie klein an, aber fangen Sie an. Eine erste Reise muss keine große Expedition sein. Manchmal reicht ein Wochenende in der näheren Umgebung, um aus dem vertrauten Alltag herauszutreten und zu merken: Es geht. Und dann wächst die Lust auf mehr. Der zweite Rat: Wenden Sie sich an Experten, die genau diese Fragen jeden Tag hören und beantworten. Menschen, die Tausende Reisen für Menschen mit den unterschiedlichsten Einschränkungen begleitet haben, können Ängste nicht auflösen, aber sie können mit klaren, ehrlichen Antworten Sicherheit geben. Eine Reise zu buchen soll kein Hindernislauf sein, sondern Vorfreude machen. Denn Vorfreude ist die schönste Freude und die gehört zu einer guten Reise genauso dazu wie das Ziel selbst.