Tourismus-Soziologin Prof. Dr. Kerstin Heuwinkel gibt Tipps, wie die Urlaubsvorbereitung entspannt verlaufen kann, worauf Familien bei der Wahl der Unterkunft achten sollten und zu Freiräumen im Urlaub. Denn sind die Erwartungen zu hoch, ist die Enttäuschung vorprogrammiert.
Eine Frage – neben vielen anderen – treibt Familien jedes Jahr aufs Neue um: Wohin soll’s gehen im Urlaub? In die Berge, ans Meer oder auf einen naturnah gelegenen Bauernhof? Vielleicht überlegen auch einige, in den Sommerferien eine Fernreise zu planen. Im Raum könnte auch die Frage stehen, ob ein Urlaub auf einer Insel erholsamer wäre als ein Aufenthalt in einer touristisch beliebten Urlaubsdestination auf dem Festland. Je perfekter man den Familienurlaub im Voraus planen will, desto mehr Fragen tauchen auf. Und dann sind da natürlich auch die Wünsche der eigenen Kinder, die berücksichtigt werden wollen …
Für Prof. Dr. Kerstin Heuwinkel ist auffallend, dass sich Familien heutzutage überhaupt so viele Gedanken über den Urlaub machen. Die 54-Jährige arbeitet seit über 20 Jahren als Professorin für Internationales Tourismus-Management an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Saar (htw saar). Zusammen mit Kirsten Harms, Unternehmensberaterin im Tourismus, veröffentlichte sie 2025 das Buch „Familienreisen – Wünsche, Anforderungen, Barrieren“. Das Buch untersucht sozusagen die gesamte touristische Dienstleistungskette und listet auf, was alles zu einem familienfreundlichen Urlaub dazugehört.
Reisen ist zur Normalität geworden
Wie Familien vor gut 60 Jahren Urlaub machten, unterscheidet sich von dem, wie Familien heutzutage verreisen. Mit Beginn des aufkommenden Massentourismus in den 1950er-Jahren reisten Familien an einen bestimmten Urlaubsort – und wiederholten das meist jedes Jahr. „Unsere Beobachtungen zeigen, dass, wenn ich als Kind mit meinen Eltern und Großeltern in den Sommerferien an der Nordsee war, es wahrscheinlich ist, dass ich später mit meinen eigenen Kindern wieder dorthin fahre“, sagt die Tourismus-Soziologin. In den 1970er-Jahren entwickelten sich die Möglichkeiten der Mobilität weiter, sodass Familien mit dem eigenen Auto in den Süden reisten. Kerstin Heuwinkel zufolge lassen sich zwei Entwicklungen im Tourismus beobachten. Zum einen gibt es „immer mehr ausdifferenzierte und teurere Angebote“. „Es ist ein gewisser Druck da, dass der Familienurlaub auch schön werden soll“, sagt Kerstin Heuwinkel. Aber das Problem sei, dass Familien bereit seien, für den Sommerurlaub,viel Geld auszugeben und sich damit unter Umständen zu verschulden. Hinzu kommt, dass Eltern, die eine eigene Familie gegründet haben, viel reiseerfahrener sind. „Viele von uns sind sehr viel gereist – schon im Kindesalter. Wir haben bereits so viel gesehen und sind auch ein bisschen verwöhnt“, so die Expertin für Familienreisen. Mit anderen Worten: In unserer Gesellschaft ist das Reisen zu einer Normalität geworden. Jüngere Menschen machen Klassenfahrten, reisen in der Ferienzeit mit den Pfadfindern, der Kirchengemeinde oder einem Jugendreiseveranstalter. „Das führt dazu, dass gewisse Erwartungen entstehen. Auf einmal reicht für die Klassenfahrt nicht mehr die Jugendherberge, sondern es soll eine exklusivere Gemeinschaftsunterkunft sein“, sagt Kerstin Heuwinkel. Außerdem hat Social Media unsere Ansprüche an den Urlaub verändert. Denn wir werden mit beeindruckenden Aufnahmen und tollen Geschichten von Influencern und Reisebloggern regelrecht überflutet. „Auch wenn ich weiß, dass das nicht die Welt ist, in der ich mich bewege, lassen mich die Bilder nicht völlig kalt“, sagt Kerstin Heuwinkel.
Außerdem macht sie eine zweite Entwicklung im Tourismus aus: Dadurch, dass alleinerziehende Elternteile und klassische Eltern-Kind-Familien mehr arbeiten (müssen), bleibt im Alltag entsprechend weniger Zeit für die Partner und Kinder. Ausgehend von dieser Lage wünschen sich viele Elternteile, im Urlaub endlich mehr Zeit mit der Familie zu verbringen, sowohl mit der Partnerin beziehungsweise dem Partner als auch mit den Kindern. „Das Idealbild vom Urlaub ist, dass er dafür da sein soll, endlich das machen zu können, was im Alltag nicht geht“, sagt Kerstin Heuwinkel. Wer in seinem Familienurlaub die Erwartungen von Partnerin oder Partner, den eigenen Kindern und die an sich selbst erfüllen will, kann leicht in Konfliktsituationen geraten. „Mit dem Familienurlaub sind hohe Erwartungen verbunden. Wir wissen, überall im Tourismus, wo hohe Erwartungen sind, kann es schnell zu Enttäuschungen kommen“, sagt Kerstin Heuwinkel.
Die gemeinsame Zeit ist das, was wirklich zählt
Und wie lassen sich die Urlaubsbedürfnisse von Erwachsenen und Kindern am besten miteinander vereinbaren? Darauf hat die Tourismus-Soziologin von der htw saar in Saarbrücken eine simple Antwort: „Wir wissen aus Studien, dass Kinder wie auch Eltern sagen, dass ihnen das Wichtigste ist, Zeit miteinander zu verbringen.“ Aber: Das bedeutet nicht, dass Eltern ihren Kindern ein Urlaubsprogramm mit Ausflügen und Besichtigungen bieten müssen. Auch das Einfache kann für alle sinnstiftend und erfüllend sein. Familienzeit im Urlaub kann zum Beispiel so aussehen, dass man gemeinsam spielt, den Einkauf gemeinsam erledigt und alle zusammen ein Gericht kochen. Auch können sich Eltern Zeit nehmen, um sich von ihrem Kind erklären zu lassen, wie Tiktok funktioniert. Sie können ins Gespräch kommen.
Wichtig ist auch, sich vor Beginn des Familienurlaubs darüber auszutauschen, welche Erwartungen es gibt. Was möchten die Kinder? Was will die Partnerin beziehungsweise der Partner? Und was möchte man selbst? „Dabei ist es auch wichtig, möglichst frühzeitig das zu sagen, was man selbst möchte, und nicht von irgendwelchen Annahmen auszugehen.“ Eltern können sich nämlich täuschen, wenn sie der Annahme sind, dass ihr 15-jähriger Sohn im Urlaub nur Party machen will. Um das zu vermeiden, sollten Eltern ihr Kind fragen, was es gern im Urlaub unternehmen will.
Welcher Urlaub für eine Familie besonders geeignet ist oder infrage kommt, hängt von verschiedenen Faktoren ab. Nicht zuletzt vom Einkommen der Eltern. „Man sollte als Elternteil vorsichtig sein, sich nicht so sehr unter Druck setzen zu lassen. Wenn ich mit unseren Kindern vor dem Urlaub gesprochen habe, dann erzählten sie mir zum Beispiel davon, dass jemand auf die Malediven geflogen ist“, erzählt Kerstin Heuwinkel. Das eigentlich Wertvolle jedoch sei, woran sich Familien nach dem gemeinsamen Urlaub erinnern. So hat sie selbst erlebt, dass eine Kanutour trotz Regen von allen im Nachhinein als schön und unvergesslich erinnert wurde, auch wenn währenddessen nur geschimpft wurde. „Ich würde allen Familien empfehlen, wirklich auf die eigenen Wünsche zu hören und sich darüber klar zu werden, was zu ihnen passt.“ Familien können sich darauf zurückbesinnen, dass die Beziehung zu den Kindern eine Stärke ist und die Familie an sich wertvoll ist. Wenn sie das erkannt haben, müssen sie auch nicht unbedingt eine Fernreise nach Dubai oder Thailand machen.
Übrigens ist eine weitere Beobachtung der Tourismus-Soziologin, dass auch Kinder im Jugendalter und junge Erwachsene immer noch gern mit ihren Eltern verreisen, vorausgesetzt, dass man ihnen genug Freiräume lässt. „Der Campingplatz ist sehr gut für Familien geeignet. Familien haben einen festen Ort, und zugleich können sich Kinder und Jugendliche frei bewegen“, sagt Kerstin Heuwinkel. Und: Junge Menschen mögen Campingurlaube, weil sie da Freundschaften schließen können. Daneben können ein breites Sportangebot und eine Jugendecke für jüngere Menschen attraktiv sein. Natürlich spielen auch die Größe und Ausstattung der Unterkunft eine nicht unwesentliche Rolle. Ein auch – vor allem für Eltern kleinerer Kinder – wichtiges Thema: der Schlaf. „Ich selbst habe immer gut geschlafen, wenn die Kinder gut geschlafen haben. Wenn es unangenehm laut ist und wenn ich die Schlafzimmer nicht verdunkeln kann, dann wird es schwierig, zur Ruhe zu kommen.“ Darum sollten sich Familien in der Unterkunft wohlfühlen. Kerstin Heuwinkel findet auch den Aspekt der Unabhängigkeit wichtig, zum Beispiel dass Familien die Möglichkeit haben, etwas zu kochen. Und wer mit kleinen Kindern verreist, sollte darauf achten, dass das Bad für Kinder geeignet ist und eine Waschmaschine genutzt werden kann. Ein anderes Thema, das vor allem Familien mit Kleinkindern umtreibt, ist die mögliche Unfallgefahr in der Ferienunterkunft. So könne es sein, dass in einer Ferienwohnung der Übergang zwischen zwei Zimmern nicht barrierefrei sei. „Ich will guten Gewissens sagen können, dass ich meine Kinder auch mal sich selbst überlassen kann und dass ihnen dann nichts passiert“, sagt die Co-Autorin des Buchs „Familienreisen“. Für jüngere und ältere Kinder sei es wichtig, fernab des durchgetakteten Alltags in der Heimat auch eine selbstbestimmte Urlaubszeit zu erleben.
Kinder in die Planung mit einbeziehen
Umgekehrt sollten sich auch die Eltern im Urlaub Freiräume zugestehen. Vornehmlich Mütter, die in der Regel im Alltag die größten Belastungen tragen, stehen im Urlaub unter dem Druck, alles perfekt machen zu müssen. „Sie stehen sehr unter Druck, dass alles perfekt sein muss, und fühlen sich verpflichtet, sich die ganze Zeit um alles und jeden kümmern zu müssen. Das führt dann leider dazu, dass eventuell die Mütter am Ende sagen, dass der Urlaub für sie keine Erholung war.“ Entlastung sollte aus der Sicht von Kerstin Heuwinkel nicht erst mit dem ersten Urlaubstag beginnen, sondern früher ansetzen. Heißt: Es geht darum, die Partnerin schon bei der Urlaubsvorbereitung, also dem Kofferpacken und Wäschewaschen, zu unterstützen. Auch in der Unterkunft, etwa in einer Ferienwohnung, könne die Partnerin entlastet werden. „Viele Familien nutzen gern Ferienwohnungen, weil sie da eine gewisse Freiheit haben. Wenn aber diese Unterkunft bedeutet, dass ich jeden Tag wieder einkaufen und kochen muss und eventuell schauen muss, dass die Wohnung sauber bleibt, dann ist das nicht wirklich Entspannung“, sagt Kerstin Heuwinkel. Je nach finanzieller Situation könnten Familien abwägen, ob es nicht entlastend ist, hin und wieder im Restaurant zu essen und sich Lebensmittel liefern zu lassen.
Und was sind die Voraussetzungen, um einen entspannten Familienurlaub zu verbringen? Kinder sollten frühzeitig einbezogen werden und schon bei der Urlaubsplanung gefragt werden, wohin sie reisen wollen. „Ich würde allen empfehlen, über den Urlaub zu sprechen, über die Vorstellungen und Erwartungen. Auch sollten sich Familien überlegen, was sie sich leisten können und welche Möglichkeiten es gibt“, sagt Kerstin Heuwinkel. Wenn dann eine Entscheidung getroffen wurde, wohin es geht, steht einem entspannten Urlaub nichts mehr im Weg.