Denkt man an Deutschlands Top-Schwimmer, kommt niemand an Weltmeister Florian Wellbrock vorbei. Auch Lukas Märtens hat sich mit Olympiagold in Paris einen Namen gemacht. Und Melvin Imoudu? Der Europameister aus Potsdam schwimmt unter dem öffentlichen Radar.
Von heute an wartet auf Melvin Imoudu der erste Saisonhöhepunkt: die deutsche Meisterschaft. Für den nationalen Titelkampf, traditionell in Berlin in der Schwimmhalle an der Landsberger Allee ausgetragen, formuliert er ein klares Ziel: „Ich will mir den Titel über 100 Meter zurückholen.“ Es wäre sein fünfter auf dieser Strecke. Im vergangenen Jahr hatte ihn der Frankfurter Lucas Matzerath auf seiner Paradestrecke knapp geschlagen. „Ob es gleich für eine neue Bestzeit reicht, werde ich sehen“, sagt der 1,98 Meter große Modellathlet, der 2023 zum ersten Mal die „Schallmauer“ von einer Minute durchbrochen hatte. „Ich bin jedoch überzeugt, noch schneller schwimmen zu können.“ Seine aktuelle persönliche Höchstmarke von 58,84 Sekunden stammt aus 2024, als er in Belgrad Europameister wurde. Wenige Wochen später bei den Olympischen Spielen in Paris verfehlte er als Vierter Bronze nur um 0,06 Sekunden. „Am Anfang war ich etwas traurig, dass es nicht zur Medaille gereicht hat“, formulierte er ein paar Wochen später in einem Interview, „aber rückblickend bin ich stolz auf meine Leistung.“ Im August wird der 27-Jährige vom Potsdamer SV erneut in die französische Hauptstadt reisen, zur EM. „Ich will dort meinen Titel verteidigen. Vom Leistungsniveau her habe ich das drauf.“ Allerdings ist es keine Rückkehr in das olympische Becken, das während der Spiele nur temporär existierte. Die mögliche Konkurrenz beim kontinentalen Championat mit Paris-Olympiasieger Nicolò Martinenghi aus Italien und dem Briten Adam Peaty, der in Rio und Tokio Gold gewonnen hatte, schreckt Melvin Imoudu nicht. „Ich mache mir generell wenig Gedanken, wie die anderen drauf sein werden. Ich konzentriere mich im Wettkampf immer auf mich.“
Schwimmen gelernt hat Melvin Imoudu, dessen Vater aus Nigeria stammt, in seiner Heimatstadt Schwedt. Wie alle Kinder begann der Siebenjährige auf der Bruststrecke und blieb in seiner späteren sportlichen Karriere diesem ältesten Schwimmstil treu. Obwohl Brustschwimmer wegen ihres gebremsten Fortkommens manch humorige Frotzelei der Kollegen ertragen müssen. Eine geht so: Während der „Krauler“ bereits seine Nägel feilt, der Rückenspezialist das Wasser aus der Nase pustet und das Delphin-Ass seinen Bizeps streichelt, geht der Brustschwimmer erst seine letzte Bahn an. Melvin Imoudu nimmt solche Sprüche gelassen hin. Der Obergefreite der Sportfördergruppe der Bundeswehr erzählt, dass er zu Beginn der Saison, wenn vor allem die Ausdauer trainiert wird, viel Kraul schwimmt und sich in dieser Lage auch recht gut fortbewegen kann. „Echt lustig wird es jedoch“, ergänzt er mit einem verschmitzten Lächeln, „wenn sich die Krauler im Brustschwimmen versuchen.“
Die großen Füße wirken wie Flossen
Wobei das leistungsmäßige Brustschwimmen wenig mit dem für jedermann zu tun hat. Der Unterschied ist schon an Imoudus Körper gut sichtbar. Da der Vortrieb in der Brustlage zu 70 Prozent aus dem Beinschlag kommt, verfügt er über eine ausgeprägte Brust- und Rumpfmuskulatur. Die großen Füße (Schuhe 48) haben eine zusätzliche Wirkung, wie Flossen.
Aus den letzten Übungseinheiten, wozu auch ein zweiwöchiges Trainingslager in Ägypten gehörte, hat Melvin Imoudu viel Zuversicht für die anstehende Saison mitgenommen. „Mein Anspruch ist schon, meine Zeiten kontinuierlich zu verbessern“, sagt er im exklusiven Gespräch mit FORUM. Um die 20 Stunden pro Woche bringt er dafür im Wasser zu. „Zu Saisonbeginn lege ich etwa 50 Kilometer zurück. In der Phase der Wettkämpfe wird es dann etwas weniger, aber 30 Kilometer pro Woche kommen immer noch zusammen.“ Dazu Krafttraining, Radfahren, Übungen für die Körperstabilität. Alles, um auf der 100-Meter-Strecke Zehntelsekunden für eine bessere Zeit zu finden. Daran tüftelt Melvin Imoudu gemeinsam mit seinem langjährigen Trainer Jörg Hoffmann. Der stammt ebenfalls aus Schwedt und war 1991 auf den langen Freistilstrecken zweifacher Weltmeister. Neben der eigenen Analyse erhalten sie dabei regelmäßig Unterstützung vom Leistungsdiagnostiker Stefan Fuhrmann. Da geht es um technische Details, die man verbessern kann. „Die meiste Zeit kann ich an der Wende und der folgenden Tauchphase rausholen“, sagt Melvin Imoudu, der inzwischen auch ein Studium zum Physiotherapeuten aufgenommen hat. „Da konnte ich mich bereits verbessern.“ Großes Augenmerk gilt aber auch dem „Rückweg“, den zweiten 50 Metern. „Früher fehlten mir da öfter die Körner, weil ich das Rennen zu schnell angegangen bin. Da ich mir eine bessere Ausdauer antrainiert habe, bin ich jetzt in der Lage, Wettkämpfe auch in der letzten Rennphase zu gewinnen“.
Diese Konsequenz und Zielstrebigkeit hat ihn nicht immer ausgezeichnet. „Ich habe viele Dinge sehr locker gesehen. Wenn ich keinen Bock hatte, habe ich weniger gemacht oder was weggelassen“, gestand Imoudu vor einiger Zeit mal in einem Interview. Sein Trainer bezeichnete ihn damals als „Luftikus“. Stringent verfolgt er jetzt seine Ziele. Das oberste ist, bei den nächsten Olympischen Spielen 2028 gut zu performen. Weil in Los Angeles erstmals die 50 Meter Brust im Wettkampfprogramm sind, bietet sich ihm sogar die Chance auf eine zweite Medaille. „Ich war ja eigentlich ein 50-Meter-Schwimmer und habe hart und lange daran gearbeitet, die 100 Meter zu schaffen. Das will ich nicht einfach aufgeben. Deshalb konzentriere ich mich jetzt voll auf die 100 Meter.“ Für die Entscheidung, ob er bei Olympia auf einer oder auf beiden Strecken um Medaillen schwimmen will, nimmt sich Melvin Imoudu Zeit. Das Abschneiden bei der EM in diesem und bei der WM im nächsten Jahr wird dabei eine wichtige Rolle spielen.