Beim NBA Draft geht es für die Teams der Basketball-Eliteliga wieder um die besten Talente. Das System ist im nordamerikanischen Profisport eine Tradition und bietet viel Raum für Drama.
Der 27. Juni 2014 wurde für Laremy Tunsil ein unvergesslicher Tag – aber anders, als er und die ganze American-Football-Welt es gedacht hatten. Der Offensive Tackle galt als ein potenzieller Top-Pick beim Draft der NFL, bei dem es für den Spieler nicht nur ums Prestige und das neue Team geht, sondern auch um das Einstiegsgehalt in der nordamerikanischen Profiliga. „Ich hatte Tunsil an erster Stelle getippt“, sagte der Draft-Experte Mel Kiper Jr. vom US-Sender ESPN rückblickend, „und nicht viele Leute hatten ihn außerhalb der besten drei Positionen.“ Auch Tunsil selbst ging fest davon aus, als einer der ersten Spieler von einer Franchise ausgesucht zu werden. Doch dann geschah etwas, das als einer der skurrilsten Momente in die Geschichte der NFL-Drafts einging: Tunsils Social-Media-Account wurde gehackt und mit einem Video bespielt, das wenige Minuten vor dem Event in Philadelphia alles änderte. Dort war zu sehen, wie ein Mann eine schwarze Gasmaske trug und dabei eine Bong rauchte. Tunsils Handy stand nicht mehr still, er selbst bekam im sogenannten „Green Room“, dem Wartebereich für die Top-Talente der ersten Runde, „ein bisschen Panik“, wie er später verriet: „Und ich dachte: ‚Lass meine Mutter und meine Tante das nicht sehen‘.“
Ein Video als Karriere-Killer
Doch das Video sahen auch andere Menschen – inklusive der Team-Bosse in der NFL. Und so nahm das Drama seinen Lauf: Die ersten fünf Franchises wählten ein Talent aus, ohne dass der Name Laremy Tunsil fiel. Das beunruhigte ihn noch nicht so sehr, schließlich hatte er zuvor von den Baltimore Ravens erfahren, dass sie ihn an Position sechs ziehen würden, sofern er dann noch verfügbar sei. Doch Baltimore suchte sich einen anderen Offensive Tackle aus: Ronnie Stanley. „Das Video spielte definitiv eine Rolle in der Diskussion“, sagte ein ehemaliger Verantwortlicher der Ravens später anonym bei ESPN: „In einem so langwierigen und komplexen Prozess wie diesem, mit so vielen Ebenen, hatten wir nur wenige Minuten Zeit, um als Organisation eine Entscheidung zu treffen.“ Und die Entscheidung fiel gegen Tunsil. Das hochbegabte Talent bekam schließlich erst an Position 13 seine neue sportliche Heimat bei den Miami Dolphins. Auch die Verantwortlichen dort hatten das geleakte Video gesehen, aber keine Zweifel an der charakterlichen Eignung des Jungprofis gehabt. „Wir waren vorbereitet und hatten wirklich gute Informationen über ihn, und wir konnten diese Gelegenheit nutzen“, sagte der frühere Topfunktionär der Dolphins, Mike Tannenbaum: „Wir haben festgestellt, dass er ein wirklich guter Mensch ist. Er hat einen Fehler gemacht.“
Vergleicht man die Rookie-Verträge von Tunsil und Stanley, dann kostete den Erstgenannten das ganze Drama und der Absturz auf Platz 13 rund acht Millionen US-Dollar. Und Vertrauen. Er gab den Fehler zu, betonte aber auch, alle Drogentests bestanden zu haben. Und er kündigte an: „Ich werde allen zeigen, was für ein Mensch ich bin.“ Und dass es von den anderen Teams unklug war, ihn wegen eines geleakten Videos nicht zu berücksichtigen. „Meine ersten drei Jahre waren schwer für mein Herz. Verdammt, ich kann nicht glauben, dass ich das durchgemacht habe“, sagte Tunsil einmal rückblickend: „Früher haben sich meine Teamkollegen über mich lustig gemacht, und das hat mich gestört, obwohl ich gelacht habe. Ich hatte immer mit Fans auf den Tribünen mit Gasmasken zu tun.“ Die Sache werde er nie wieder loswerden. „Wenn mein Sohn etwas älter wird, muss ich ihm erzählen, was passiert ist. Aber es hat mich nicht verlangsamt.“ Ganz im Gegenteil: Es spornte ihn derart an, dass er eine Riesenkarriere in der NFL hinlegte. Im März unterschrieb Tunsil bei den Washington Commanders einen neuen Zweijahresvertrag im Wert von 60,2 Millionen US-Dollar, was ihn zum bestbezahlten Offensive Lineman in der NFL-Geschichte macht.
Ein Film, der der Realität nahekommt
Die spektakuläre Geschichte von Laremy Tunsil zeigt: Bei einem Draft kann immer alles passieren. Auch deswegen sind die Nordamerikaner immer so gespannt auf die jährliche Talenteziehung in der NFL, der Basketballliga NBA oder der Eishockeyliga NHL. In der NFL begann der Draft 2026 in der Nacht zu Freitag mit der ersten Runde, an diesem Wochenende stehen in Pittsburgh die Runden zwei und drei an. Als Top-Picks werden Quarterback Fernando Mendoza sowie die Verteidiger Arvell Reese und David Bailey gehandelt. Aus deutscher Sicht sind die Augen auf Tight End Marlin Klein gerichtet, der sich Hoffnungen auf die zweite Runde macht. Das Recht auf den ersten Pick haben in diesem Jahr die Las Vegas Raiders, die in der abgelaufenen Saison das schlechteste Team waren. Die Franchise kann das Erstwahlrecht aber auch gegen ein besonders werthaltiges Angebot abgeben – und das sogar bis kurz vor der eigentlichen Ziehung.
Es ist genau diese Dynamik und Unvorhersehbarkeit, die sogar Hollywood anzieht. Der Film „Draft Day – Tag der Entscheidung“ aus dem Jahr 2014 mit Kevin Costner zeigt in beeindruckender Weise, wie ein General Manager am Tag des NFL-Drafts schwierige Entscheidungen über Spielerverpflichtungen treffen muss. Costner soll als Vorbereitung auf diese Rolle wochenlang mit wirklichen General Managern in der NFL gesprochen haben. „Ich fand Kevin Costner bewundernswert zurückhaltend und realistisch in seiner Verkörperung eines NFL-General-Managers“, sagte der frühere Vizepräsident der Green Bay Packers, Andrew Brandt. Der Film sei seiner Ansicht nach „an manchen Stellen verführerisch nah an der Realität“. Auch wenn der Film deutlich mehr „Wow-Momente“ aufweist als die Wirklichkeit. Denn bis zum Tag des Drafts selbst ist die Talentauswahl vor allem eins: viel Arbeit.
Der Draft ist im nordamerikanischen Profisport neben dem Salary Cap, also der Gehaltsobergrenze, ein zentrales Element für mehr Chancengleichheit. In jeder Runde wählt jedes Team genau einen Spieler. Die Reihenfolge richtet sich prinzipiell nach dem Vorjahresabschlussrang, wobei das schlechteste Team den ersten Pick bekommt. Dass Draft-Picks wie Spieler selbst gehandelt werden können, macht die Sache zusätzlich interessant. Besonders spektakulär war der Fall Ricky Williams, für den die New Orleans Saints 1999 insgesamt acht Picks abgaben, nur um den Running Back an Stelle 5 auswählen zu können. Wird ein Spieler von einem Team gedraftet, gehören seine Rechte diesem Team – er kann also nur für diesen Club in der Liga spielen, bis er irgendwann als Free Agent frei wird. In der NBA und NFL müssen die Talente vorher im College gespielt haben, in der NHL kommen auch in Europa aktive Spieler infrage.
Nowitzki legte körperlich zu
Aber warum ist der Draft für die Teams so wichtig? Im nordamerikanischen Profisport ist es nahezu der einzige Weg, Topspieler zu bekommen. Der richtige Pick zur richtigen Zeit kann zudem eine ganze Erfolgsära prägen, so wie einst die von Basketball-Idol LeBron James bei den Cleveland Cavaliers und Eishockey-Superstar Connor McDavid bei den Edmonton Oilers. An McDavids Seite läuft Kufen-Crack Leon Draisaitl auf, er wurde beim NHL-Draft im Juni 2014 von Edmonton an dritter Position gewählt – so früh wie kein anderer deutscher Eishockeyspieler zuvor. „Ich bin etwas sprachlos“, sagte der gebürtige Kölner damals: „Das ist einfach unglaublich.“ Dasselbe Trikot wie die Oilers-Legenden Wayne Gretzky und Mark Messier tragen zu dürfen, sei „unfassbar“. Inzwischen ist Draisaitl mit über 430 Toren in rund 850 NHL-Spielen selbst eine Legende in Edmonton, auch wenn ihm der erhoffte Stanley-Cup-Sieg noch in der Vita fehlt.
Einige Jahre später folgte ihm Tim Stützle, der beim Draft 2020 von den Ottawa Senators ebenfalls an Position drei gezogen wurde. Dass eine hohe Einstufung nicht immer auch Erfolg verspricht, zeigt das Beispiel Tom Kühnhackl. Der Landshuter erhielt 2010 erst an Position 110 von den Pittsburgh Penguins grünes Licht für eine NHL-Karriere – und die kann sich sehen lassen. Mit Pittsburgh gewann Kühnhackl zweimal den Meistertitel, auf den Stützle und vor allem Superstar Draisaitl nach wie vor warten. Man muss in diesem System auch einfach Glück haben. So wie Dirk Nowitzki. Der Basketballprofi wurde 1998 beim NBA-Draft eigentlich von den Milwaukee Bucks an neunter Stelle ausgewählt. Doch die Franchise transferierte den damals 20 Jahre alten Würzburger sofort weiter zu den Dallas Mavericks – ein Glücksfall für beide, Dallas und Nowitzki. Für die Texaner spielte der Deutsche während seiner ganzen 21-jährigen Karriere und führte sie 2011 zum NBA-Titel.
„Ich hatte keine Ahnung, was mich erwartet. Ich war einfach glücklich, überhaupt gedraftet zu werden“, sagte Nowitzki einmal rückblickend. Dass er in seinem Jahrgang etwas unterbewertet war, sei ihm erst im Nachhinein bewusst geworden. „Ich war ein dünner Junge aus Deutschland. Niemand wusste wirklich, was er bekommt“, sagte der frühere Nationalspieler und deutsche Fahnenträger bei Olympia: „Viele Teams haben mich unterschätzt – das hat mich motiviert.“ Nowitzki legte körperlich zu, arbeitete hart an sich, hörte dem Trainer und erfahrenen Teamkollegen gut zu – und er erinnerte sich an seine Vorgänger aus Deutschland. „Vor mir gab es Detlef Schrempf und Toni Kukoc, die mir gezeigt haben, wie es gehen kann“, sagte Nowitzki: „Wenn ich anderen geholfen habe, ihren Weg zu finden, freut mich das.“
Wenn der NBA-Draft vom 8. bis zum 10. Mai in Chicago abgehalten wird, dürfte sich Christian Anderson Jr. auch an Nowitzkis Werdegang erinnern. Der deutsche Guard tritt bei der Talenteziehung an und darf sich aufgrund starker Leistungen im College-Basketball gute Hoffnungen machen. Der 20-Jährige wird schon als potenzieller Nachfolger von Dennis Schröder in der deutschen Nationalmannschaft gehandelt. Doch zur Sicherheit sollte er noch einmal seine Social-Media-Kanäle checken.