Die Berliner Jazz-Pianistin Anna Margolina hat Gedichte einer Frau vertont, die den gleichen Namen trägt wie sie, aber ihre Poesie vor 100 Jahren in New York geschrieben hat.
Da war diese Angst, irgendwann die Sehnsucht nicht mehr zu spüren. Und da war diese Liebe zu einem Mann, dem sie davon erzählen konnte. Ihrem Liebling wollte sie „so viel geben“. „Love? Death? Do I even know?“, fragte die Frau. Liebe? Tod? Weiß sie es überhaupt? Was sie wusste: „Eine Sehnsucht beugt mich, sie erschüttert mich wie ein Sturm. Komm und verbrenne mich.“
Anna Margolin hat diese Worte zu Papier gebracht – vor etwa 100 Jahren in New York. Anna Margolina singt sie nun in Berlin. Der „Song Of A Girl“ ist Teil ihres gleichnamigen Albums, das im Juni veröffentlicht wird. Ein Album, das das vorerst letzte Kapitel einer Geschichte ist, die so verrückt klingt, dass man glauben könnte, sie sei erfunden.
Seit elf Jahren ein eigenes Ensemble
Anna Margolin hieß nicht Anna Margolin. Rosa Lebensboim hatte diesen Namen als Pseudonym gewählt, als sie Anfang der 1920er-Jahre in New York begann, Gedichte zu veröffentlichen. Warum sie als Frau das „a“ am Ende des Namens – anders als in ihrer Muttersprache üblich – weggelassen hat, ist ein Rätsel. Sie hatte damit aber einen Namen gewählt, unter dem 1983 im weißrussischen Minsk dann tatsächlich eine Frau geboren wurde. Als sie acht Jahre alt war, erzählt Anna Margolina, „ist meine Mutter mit mir nach Berlin abgehauen“.
Als Tochter einer Pianistin erhält sie mit 16 Jahren ihren ersten Gesangsunterricht, gründet 2015 ihr Ensemble, mit dem sie seitdem in ausverkauften Konzerten auftritt. Als Gastsolistin war sie ein Jahr lang mit dem „Andrej Hermlin Swing Dance Orchestra“ auf Tournee und sang Hits aus den 1930er Jahren im Konzerthaus Dortmund, der Philharmonie Berlin, der Laeiszhalle Hamburg, dem Nikolaisaal Potsdam und dem Konzerthaus am Gendarmenmarkt. „In Anbetracht des Sounds der Band hätte man sich glatt in eine vergangene Ära des Jazz träumen können: in eine New Yorker Clublounge, während die Leute tanzen und Cocktails trinken. Man wartete regelrecht darauf, dass sich Frank Sinatra mit einem Glas Whiskey in der Hand unters Publikum mischt und sich die Sängerin aufs Klavier legt“, hieß es in einem Beitrag des Jazz Radio Berlin.
Der amerikanische Jazz fasziniert Anna Margolina. Klezmer gegenüber, sagt sie, habe sie aber trotz ihres „jüdischen Hintergrunds immer Vorbehalte gehabt“. Dann hat sie Chava Alberstein singen hören. „Mir hat sehr gefallen, was sie macht“, sagt Anna Margolina und erklärt, warum sie sich in die Arbeit der israelischen Sängerin und Komponistin vertieft hat. In einem Booklet einer Alberstein-CD stieß sie auf ihren eigenen Namen – nur fehlte dae „a“ am Ende.
Sie wollte wissen, wer diese Anna Margolin war, von der Chava Alberstein ein Gedicht vertont hat. Es gibt wenige, sich teilweise widersprechende Informationen zu dieser Frau, die 1887 im damals zum Russischen Kaiserreich gehörenden Weißrussland geboren wurde. Sarah Silberstein Swartz beschreibt sie in ihrer Biografie im Jewish Women’s Archive als „eine der bedeutendsten jiddischen Dichterinnen des frühen 20. Jahrhunderts in Amerika“. 1906 schickte ihr Vater sie in die USA, wo sie ihre schriftstellerische Laufbahn begann. „Margolins neue Kontakte, gepaart mit ihrem scharfen Verstand und ihrem originellen schriftstellerischen Talent, öffneten ihr viele Türen, und schon bald arbeitete sie als Journalistin für die jiddische Presse“, schreibt Sarah Silberstein Swartz.
Noch als Rosa Lebensboim reiste die spätere Anna Margolin nach London, Paris und Warschau, wo sie den hebräischen Schriftsteller Moshe Stavski kennenlernte und heiratete. „Gemeinsam zogen sie nach Palästina, wo ihr einziges Kind, Naaman, geboren wurde. Unglücklich in ihrer Ehe und erdrückt vom Mangel an intellektueller Anregung im kleinen Tel Aviv, kehrte sie nach Warschau zurück und ließ ihren Mann und ihren kleinen Sohn zurück. Im Frühjahr 1913 zog sie nach New York und ließ sich dort dauerhaft nieder“, zeichnet die Biografin den Lebensweg Rosa Lebensboims nach. Wieder in New York trat sie 1914 der Redaktion der neu gegründeten Tageszeitung „Der Tog“ bei, lernte dort ihren zweiten Ehemann, Hirsh Leib Gordon, kennen. Als Gordon im Ersten Weltkrieg zum Militärdienst eingezogen wurde, entfremdeten sie sich, und Rosa Lebensboims ging eine Beziehung mit dem jiddischen Schriftsteller Reuben Iceland ein. „Iceland ermutigte sie maßgeblich zum Schreiben von Gedichten“, schreibt Sarah Silberstein Swartz.
Elemente aus Folk, Soul und Elektronik
Dann wurde aus Rosa Lebensboim zumindest literarisch Anna Margolin. „Als sie Anfang der 1920er-Jahre begann, Gedichte zu veröffentlichen, wählte sie das Pseudonym Anna Margolin und veröffentlichte fortan all ihre Gedichte unter diesem Namen“, erzählt ihre Biografin. Und weiter: „Ihre letzten Gedichte erschienen 1932. Obwohl sie weiterhin schrieb, erlaubte sie keine Veröffentlichung ihrer Werke mehr. Mit 50 Jahren litt sie unter schweren Depressionen und chronischen kleineren Beschwerden. In ihren letzten Lebensjahren zog sich Margolin zurück. Ihr Grabspruch, den sie Jahre vor ihrem Tod selbst verfasste, ist eine Klage über ein vergeudetes Leben. Anna Margolin starb am 29. Juni 1952 in New York.
74 Jahre später singt nun Anna Margolina einige Gedichte der Lyrikerin – in einer Mischung aus Jiddisch und Englisch. Jazz verbindet sich dabei mit Elementen aus Folk, Soul und Elektronik – gespielt von einem versierten, internationalen Ensemble. Es sei eine Reflexion von Anna Margolins „literarischer Auseinandersetzung mit Tradition, Geschlecht, Geschichte, Religion und dem allgemeinen menschlichen Verlangen nach Liebe und Zugehörigkeit“, beschreibt auf XJAZZ! Music, das Label, bei dem das Album erscheint, das Werk. Wie auch in ihrem Debütalbum „One Endless Night“ 2023 geht es Anna Margolina dabei „um die Suche nach Identität und der Verschmelzung von Kulturen“. Die Songs schreibt sie zusammen mit dem in der Jazz-Szene bekannten Bassisten Paul Kleber. Piano spielt Arseny Rykov und Schlagzeug Martin Krümmling.
Mit dem ersten Album hat sie die Geschichte ihrer Auswanderung aus Minsk nach Berlin erzählt. Neben den weißrussischen und jüdischen Wurzeln seien „Menschen, die wandern, schon ein Thema, das uns verbindet“, sagt Anna Margolina mit Blick auf die Texte von Anna Margolin. Diese Texte und ihre eigenen mischen sich auf dem neuen Album. „Ich habe nicht nur ihre Gedichte vertont, sondern auch eigene Texte, meine eigenen Gedanken zur Welt – es sind oft dieselben Dinge, nur mit anderen Worten“, erklärt Anna Margolina. „Ich bin mit diesem Album also nicht mit beiden Füßen in der Vergangenheit, sondern mit einem Fuß dort und mit einem Fuß da.“
„No one was there when I lay in your arms/Talking to your shadow, fading/All in the unknown again/I’m searching for sense“, singt Anna Margolina ihre eigenen Worte. „Niemand war da, als ich in deinen Armen lag. Ich sprach mit deinem Schatten, der verblasste. Alles wieder im Ungewissen. Ich suche nach Sinn.“ Es klingt ein wenig wie die Geschichte von der Angst, irgendwann die Sehnsucht nicht mehr zu spüren. Und von der Liebe zu einem Mann, dem sie davon erzählen kann.