Den Maßstab für feinsten Wüsten-Blues haben in diesem Jahr bereits Imarhan mit ihrem Meisterwerk „Essam“ gesetzt. Imarhan zählen zur jüngeren Generation von Tuareg-Künstlern, die hier vorgestellten Tinariwen hingegen gründeten sich bereits vor bald 45 Jahren.
Mehr als zehn großartige Alben kamen dabei in diesen Jahrzehnten nicht rum, einige Genre-Meilensteine allerdings schon.
Das aktuelle Album „Hoggar“ führt die Band nach Ausflügen in modernere Produktionskünste mit unter anderem Daniel Lanois (U2, Bob Dylan, Willie Nelson) wieder „back to the roots“.
Üppige Percussions, diverse Saiten und Stimmen-vielfalt haben den Sound immer geprägt, doch nun geriet das Repertoire unter der Ägide von Produzent Patrick Votan wieder roher, unmittelbarer, ja irgendwie auch dringlicher.
Das krisengeschüttelte Mali ist Tinariwens ursprüngliche Heimat, längst aber leben sie in Algerien. In dieser Wahl- oder besser Notheimat treffen sie sich regelmäßig mit befreundeten Musikern – unter anderem denen von Imarhan und Terakraft. Das ungezwungene Jammen, das ständige Durchwechseln der musikalischen Akteure, das fließende Songmaterial – all das zählt zum Standard solch hypnotisierender Wüsten-Klänge. Studio-Alben sind sozusagen Momentaufnahmen. Was natürlich Live-Auftritten generell einen singulären Charme verleiht.
Und Tinariwen sind im April und Mai auf großer Europa-Tour. Indes führt sie leider nur ein Gig in unser Land: Am 30. April wird die Band Huxley’s Neue Welt in Berlin in einen siedendheißen Saal verwandeln. Auf eine US-Tour wurde sogar wohlweislich komplett verzichtet – aufgrund der aktuellen politischen Situation.
Textlich geißeln Tinariwen alles, was an Missständen diese Welt – und ihre Region im Speziellen – quält. Tuareg-Klänge beherbergen traditionell Widerstandskraft und Rebellion, auch „Hoggar“ macht da keine Ausnahme. Die Kraft aufrichtiger, wertschätzender Liebe ist der Treibstoff für treibende, pulsierende, zirkelnde, mithin jubilierende, polyrhythmische, mitunter auch melodieselige, stets auch mit unfassbarer Stimmenpracht prahlende, immer sehnsüchtige Weisen.