Bei Union Berlin steht Marie-Louise Eta als erste Trainerin der Bundesliga-Geschichte im Mittelpunkt. Über Geschäftsführer Horst Heldt wird dennoch diskutiert – viele Argumente kann er nicht für sich vorweisen.
Nur ein paar Tage dauerte es, als Horst Heldt in der Causa Marie-Louise Eta von seinem Chef eingenordet wurde. „Es wäre nicht sinnvoll, irgendetwas auszuschließen“, sagte zunächst der Sport-Geschäftsführer von Union Berlin auf die Frage, ob die erste Trainerin in der Geschichte der Fußball-Bundesliga womöglich über die Saison hinaus die männliche Profimannschaft coachen könnte: „Wir haben einen sehr klaren Plan, aber wenn wir uns irgendwann Gedanken machen müssen, ob es vielleicht noch länger weitergeht, wäre das natürlich gut. Wir werden das in Ruhe besprechen, wenn es etwas zu besprechen gibt.“
Diskussionen um Eta kommen ungelegen
Auf die gleiche Frage gab Union-Präsident Dirk Zingler dann wenig später eine andere Antwort, die wenig Raum für Spekulationen ließ. „Marie-Louise Eta wird für fünf Spiele hier verantwortlich sein und danach wird sie die Frauen übernehmen“, stellte Zingler klar. Der Club-Boss verhehlte nicht, dass ihm die Diskussionen über ein längeres Engagement von Eta bei den Profis, die auch durch Heldts ausweichende Aussagen an Fahrt aufgenommen hatten, gehörig gegen den Strich gehen. „Diese Diskussion führe ich gar nicht“, sagte Zingler in einem „Basta“-Ton. Die 34-jährige Eta schon vor der historischen Premiere „mit dieser Diskussion zu begleiten, da tun wir ihr und auch dem Frauenfußball insgesamt einen Bärendienst“.
Nach dem ersten Spiel einer Frau an der Bundesliga-Seitenlinie ist die Diskussion nahezu verschwunden. Das 1:2 von Union gegen den VfL Wolfsburg war eine große Ernüchterung für alle Seiten. „Historischer Tag, bitteres Ende“, schrieb die „Berliner Morgenpost“ über das Debüt: „Auch Marie-Louise Eta kann bei Union Berlin keine Wunderdinge vollbringen.“ Die völlig überraschende Entscheidung, fünf Spieltage vor Saisonende den zumindest bei den Fans sehr beliebten Trainer Steffen Baumgart gegen die im Männer-Profifußball nur wenig erfahrene Eta auszutauschen, verantwortet offiziell Heldt. Unabhängig davon, wie groß die Zustimmung in den Club-Gremien rund um Präsident Zingler für diesen Wechsel war. Heldt weiß: Geht der Plan nicht auf, ist nicht nur Etas Reputation leicht beschädigt und eine Chance auf eine größere Geschlechterparität im Profifußball womöglich vertan. Es würde auch den Druck auf ihn selbst erhöhen, zumal die Entwicklung unter dem Sport-Geschäftsführer zunehmend kritisch beäugt wird.
Trainer-Auswahl
Mit seiner ersten Trainer-Entscheidung lag Heldt klar daneben. Der Däne Bo Svensson wurde zwar verpflichtet, als der Geschäftsführer noch nicht sein Amt offiziell angetreten hatte. Doch der Transfer sei „in enger Abstimmung“ mit Heldt getätigt worden, wie Zingler betonte. Svensson funktionierte in Köpenick aber nicht: Nach nur einem halben Jahr kam es rund um die Weihnachtszeit zur Trennung. Man sei zu der Überzeugung gelangt, „dass für eine Trendumkehr eine deutliche Veränderung notwendig ist“, sagte Heldt damals. Auch drei Svensson-Assistenten mussten gehen. Bei der Neubesetzung setzte der Geschäftsführer auf Folklore: Der bei den Fans aufgrund seiner Vergangenheit als Union-Spieler sehr beliebte Baumgart sollte für den Umschwung sorgen – spielerisch und atmosphärisch. Doch schon damals gab es leise Zweifel, denn Baumgarts gerade erst zu Ende gegangene Zeit beim Hamburger SV war nicht von Erfolg geprägt. Unter Baumgart gelang aber der Klassenerhalt, in dieser Saison sollte eine spielerische Weiterentwicklung zu erkennen sein. Das war nicht der Fall, aber immerhin stimmten in der Hinrunde die Ergebnisse. Das genügte Heldt, um im Januar den Vertrag mit dem Trainer zu verlängern – nach einem enttäuschenden Unentschieden zu Hause gegen den damaligen Tabellenletzten FSV Mainz 05. Ein Fehler, wie die Entlassung nur drei Monate später bewies. Nach nur zwei Siegen aus den letzten 13 Spielen habe man „nicht die Überzeugung, dass uns eine Trendumkehr in der bisherigen Konstellation noch gelingt“, sagte Heldt als Begründung für die Baumgart-Entlassung. Sie ist nahezu wortgleich mit der im Fall Svensson. Er habe den Verdacht, „dass Horst Heldt Steffen Baumgart geopfert hat, um selbst überhaupt noch eine Zukunft in Köpenick zu haben“, sagte Fußball-Moderator Thomas Wagner bei der Sendung „Glanzparade“ des TV-Senders Sky: „Wenn du dir die Transferbilanz von Horst Heldt anguckst, da wird es natürlich auch schwierig.“
Transfer-Bilanz
Beim Blick auf die vermeintlichen Leistungsträger der Eisernen fällt auf: Die meisten waren schon da, bevor Heldt am 1. Juli 2024 seinen Job in Berlin-Köpenick antrat. Christopher Trimmel, Rani Khedira, Frederick Rönnow, Diogo Leite, Danilho Doekhi – sie alle wurden nicht von Heldt geholt. Einzig Leopold Querfeld, der in der Abwehr als zentraler Innenverteidiger vorangeht und seinen Marktwert deutlich gesteigert hat, gilt als Top-Transfer des Managers. U21-Nationalstürmer Ilyas Ansah ist nach seinem Raketenstart leistungstechnisch abgefallen, inzwischen wirken die knapp vier Millionen Euro Ablöse für den Offensivspieler überhaupt nicht mehr wie ein Schnäppchen. Bei Ansah ist aber zumindest in Ansätzen zu sehen, dass er sich noch zu einem überdurchschnittlich guten Bundesligaspieler entwickeln könnte, und auch bei Stoßstürmer Andrej Ilic bewies Heldt ein gutes Näschen. Doch viele andere seiner Transfers sind der Kategorie „Flop“ zuzuordnen: Die nicht gerade günstigen Derrick Köhn (für vier Millionen von Werder Bremen) und Jeong Woo-yeong (vier Millionen/VfB Stuttgart) sind nur Mitläufer, Angreifer Marin Ljubicic gar ein Totalausfall, und Oliver Burke ist nur noch ein Schatten seiner Anfangszeit bei Union. Stanley Nsoki ist meist nur Ersatzverteidiger, Medienberichten zufolge will Union dennoch die Kaufoption im Leihvertrag mit der TSG Hoffenheim ziehen.
Kader-Entwicklung
Jahrelang war Unions Personalpolitik glasklar: Geholt wurden Spieler, die entweder großes Entwicklungspotenzial besaßen (Taiwo Awoniyi, Sheraldo Becker, Grischa Prömel), oder aufgrund besonderer Umstände günstig zu bekommen waren (Max Kruse). In jedem Fall war der Club darauf bedacht, möglichst wenig Geld auszugeben und viel mit Verkäufen einzunehmen. Davon ist aktuell nur wenig zu sehen. Nur die Top-Verkäufe im Sommer von Benedict Hollerbach (zehn Millionen zum FSV Mainz 05) und Robin Gosens (sieben Millionen/AC Florenz) retten Union in dieser Saison eine ausgeglichene Bilanz. Laut den Daten von „transfermarkt.de“ hat der Kader der Union-Mannschaft seit Heldts Amtsübernahme rund 50 Millionen Euro an Wert verloren. Im Kaderwert-Ligavergleich belegt Union den drittletzten Platz – dafür steht der Club in der Tabelle sogar noch relativ gut dar. Doch auf Sicht ist das ein Spiel mit dem Feuer, zumal nicht viele Profis im Sommer hohe Ablösesummen generieren könnten. Dass Union nach der Saison in Doekhi und Leite zwei absolute Topspieler sehr wahrscheinlich ablösefrei ziehen lassen muss, ist Heldt sicherlich nicht allein anzurechnen. Doch es zeigt auch: In der Kader-Entwicklung passt nicht viel zusammen. Ob Heldt die Möglichkeit bekommt, die Fehler zu korrigieren, ist nicht mehr sicher. Für den Geschäftsführer ist ein Erfolg der ersten Trainerin in der Bundesliga auch für die eigene Position elementar.